Bedingungen des friedlichen Zusammenlebens zwischen den Menschen. Eine Werkinterpretation von Kants erstem Definitivartikel vom philosophischen Entwurf „Zum ewigen Frieden“


Hausarbeit, 2014
11 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Eröffnung der Definitivartikel zum „Ewigen Frieden“
1.1 Vom Naturzustand zur „Zivilisation“
1.2 Der zivilisierte Mensch als Friedensstifter

2. Erster Definitifartikel zum Ewigen Frieden
2.1 Prinzipien einer Republik.
2.2 Der Volkswille
2.3 Die Staatsform

Schluss

Bibliographie

Einleitung

Im Oktober 1795 veröffentlicht Kant „Zum Ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf“1 in Form eines typischen Friedensvertrags mit „Präliminarartikeln“ (sechs), „Definitivartikeln“ (drei), Zusatzartikeln (zwei) und einem Anhang. Sein Ziel ist es zu zeigen, dass philosophischen Überlegungen, der Politik auch einen konkreten Weg aufzeigen, wie Frieden erreicht und dauerhaft erhalten werden kann. Eine der Grundbedingung für einen globalen ewigen Weltfrieden ist, dass die Staaten selbst im Inneren bereits von rechtstaatlichen Bedingungen beherrscht werden. So erklärt Kant im ersten Definitivartikel, anknüpfend an den philosophischen Theorien über den Ursprung der politischen Organisation, einen Weg, wie eine Gruppe von Menschen (Volk) auf ihrem Gebiet (Staat) eine aus der Vernunft entsprungene, durch Recht etabliert Reform zum Frieden vollbringen können. Denn langfristiger Frieden ist nur zwischen rechtsstaatlichen repräsentativen Demokratien möglich und die republikanische Bürgerverantwortung ist hierbei wesentliche Voraussetzung, um den innerstaatlichen Frieden zu wahren.

Im Folgendem soll daher, nach der „Eröffnung“ der Definitivartikel, v.a. die Erläuterung2 Kants zum ersten Definitivartikel „Die bürgerliche Verfassung in jedem Staat soll republikanisch sein.“ (BA 20, S. 204) näher betrachtet werden. Darin geht es im Grunde um die Notwendigkeit einer politischen (Friedens)Kultur (1.1) in der jeder Bürger eines Staates durch seine Stimme zum Friedenstifter wird (1.2). Dafür müssen zum Einem die Grundrechte als Prinzipien einer Republik gewahrt sein (2.1), und zum Anderen Volkswille berücksichtigt werden (2.2), was wiederum nur durch die von der Staatsform garantierte Einhaltung der Gewaltenteilung und Repräsentation möglich ist (2.3).

1. Eröffnung der Definitivartikel „Zum ewigen Frieden“

1.1 Vom Naturzustand zur „Zivilisation“

In den Präliminarartikeln des Entwurfs „Zum ewigen Frieden“ skizziert Kant die Hindernisse, die aus dem Weg geräumt werden müssen, um keinen Krieg zu haben. Die darauf folgenden „Definitivartikeln“ beschreiben hingegen was nötig ist, um diesen „Kriegslosen Zustand“ endgültig zu machen und somit „Zum ewigen Frieden“ zu gelangen. Kant geht es dabei um die notwendigen Voraussetzungen zur Sicherung eines allgemeinen „Friedenszustand[s] unter den Menschen“ (B 18, S. 203). Die sind demnach die grundlegenden positiven Rechte, welche nötig sind, um die Bedingungen der Möglichkeit des Friedens für die Menschen zu garantieren und diesen zu sichern. Seine Überlegungen gehen von einem Naturzustand (status naturalis) aus, welcher ganz im Hobbesschen3 Sinn ein „Zustand des Krieges […] Feinseligkeiten, […΁ immerwährenden Bedrohungen“ (BA 18, S. 203) ist.

Die Aufgabe und zugleich haupt Berechtigungsgrundlage des Staates ist somit in erster Linie die Auflösung der natürlichen Feindschaft unter den Menschen: Denn ist ein bürgerlich-gesetzlicher Zustand gegeben, d.h. existieren geordnete zwischenmenschliche Beziehungen, herrscht zunächst die durch eine legitime Gewalt garantierte Sicherheit der Nicht-Feindlichkeit, insofern keiner aus dem rechtlichen erschaffenen Konsens austritt und „mich tätig lädiert“ (B 19, S. 203). Diese Sicherheit wird durch eine legitime Gewalt durchgesetzt: Der Staat garantiert den Bürgern, d.h. gleichwertige und politisch (mit)verantwortliche Menschen eines Territoriums, das friedliche Zusammenleben durch Recht (und gerechte Strafen) und schafft somit die erste Bedingung für den Frieden unter den Menschen.

Der Friedenszustand ist in diesem Verständnis nicht gegeben, sondern muss vom Menschen freiwillig erarbeitet, erschaffen und gesichert werden: „Er muss gestiftet werden“. Frieden ist somit ein aktiver Akt der Erschaffung, welcher nur unter Bedingung eines institutionalisierten „gesetzlichen Zustandes“ (B 18, S. 203) durch eine gemeinsame anerkannte Rechtsordnung (in Form eines Staates) möglich ist. Der Mensch muss „politisch tätig sein“ (Gerhardt 1995: 74 ff.) um den Frieden zu erreichen und zu sichern. Frieden darf dabei jedoch nicht allein ex negativo (als unterlassen von Krieg) definiert werden, sondern muss als ein gemeinsames politisches Ziel aller Menschen verstanden werden.

1.2 Der zivilisierte Mensch als Friedensstifter

Die nötigen gesellschaftlichen Veränderungen, die Reformen, welche den Übergang vom Naturzustand zur „Zivilisation“ (status civilis) zu vollziehen, können nach Kant nur von der menschlichen Vernunft ausgehen. Dies rechtfertigt seinen Ansatz eine politische Theorie oder vielleicht auch eine Theorie der Zivilisierung zu entwerfen, welche versucht einen rechtlich gelenkten kollektiven Sozialisationsprozess zur Pazifizierung im Sinne einer „Friedenskultur“ anzuleiten.

Der Zivilisationsprozess der Menschen geht einher mit einer zunehmende Normierung der triebhafter Ausbrüche und Affekte des Naturzustandes und fordert eine immer stärkeren Entwicklung von Menschenverbänden: Der Einzelne hängt immer mehr vom Anderen ab und Interaktionen werden unvermeidbar. Misstrauen oder Feindseligkeiten könnten hier jederzeit zu Aussprüchen von Gewalt (Krieg) führen und die sich bildenden komplexen Systeme empfindlich stören. Sollen diese erhalten werden, müssen die sich in ihm befindenden Individuen Frieden wollen. Kant beginnt seine Ausführung deshalb beim Menschen als Einzelnen, beim Individuum, welcher die Gehalte der Bedingungen für den Frieden (die Rechtsordnung) verinnerlichen (wollen) muss. Nennt man nun diesen erst Schritt aus dem Naturzustand „sich kultivieren und zivilisieren“, so ist der kultivierte Mensch in diesem Sinne, der an sich arbeitende Mensch, welcher in seiner Auseinandersetzung mit der Welt Deutungs- und Orientierungssysteme ausbildet und mit ihnen politische und rechtliche Ordnungen. Erst in einer Kultur der Zivilisation, sofern Kultur hier als Inbegriff der nicht natürlichen sondern vom Menschen geschaffenen und nur durch ihn zu erhaltenden Lebenswelt verwendet wird4, kann demnach Frieden hergestellt werden. Frieden muss, um zu einem Phänomen längerer Dauer zu werden („Ewig“) somit Teil der menschlichen (politischen) Kultur sein. Deshalb verlangt das Großprojekt `ewiger Frieden͚ die Mitarbeit und das Streben eines jeden Einzelnen innerhalb des „gesetzlichen Zustandes“. Nur so kann vom einzelnen Menschen aus der `Zivilisationsprozess des Friedens͚ sich entfalten.

Wichtig ist die Annahme von einander abhängigen Individuen, welche sich freiwillig zu einem, von einer legitimen Gewalt durchgesetzten, öffentlichen Recht bekennen insofern „alle Menschen die aufeinander wechselseitig einfließen können, zu irgendeiner bürgerlichen Verfassung gehören“ müssen (BA 19, S. 203). Die grundlegende Abhängigkeit von einer rechtlichen Verfassung gliedert Kant nun in drei von der Beziehungsebene gedachte Rechtsverhältnisse, die jeweils einem der „Definitivatikel“ entsprechen: (1) Zwischen Individuen innerhalb einer Rechtsordnung (Staatsbürgerrecht), (2) Zwischen verschiedenen Rechtsordnungen (Völkerrecht), (3) Zwischen jedem Individuum und jeder Rechtsordnung (Weltbürgerrecht). Von denen im Folgenden der erste Definitivartikel, also die innerstaatlichen Rechtsverhältnisse, näher erläutert werden soll.

[...]


1 Im Folgendem wird zitiert nach der Werkausgabe von Wilhelm Weischedel - Kant, Immanuel: Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf. In: Werke in zwölf Bänden, Frankfurt am Main 1977. Erstdruck: Königsberg (Friedrich Nicolovius) 1795. Die Angaben beziehen sich auf die neue, vermehrte Auflage von 1796.

2 Da diese Referatsausarbeitung in Form einer Hausarbeit vorrangig eine Werkinterpretation ist, wird bewusst auf realpolitische Bezüge verzichtet und nicht näher auf die Diskussionen in der Sekundärliteratur eingegangen.

3 Naturzustand bezeichnet hier den termicus technicus der politischen Theorie, wie er u.a. von Hobbes aber auch Locke oder Rousseau verstanden wird.

4 Etymologisch sei daran erinnert, dass das lateinische „colere/cultus“ auf (mühsames) bearbeiten und ehren (hier der Rechtsprechung und Gesetzgebung) zurückgeht.

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Details

Titel
Bedingungen des friedlichen Zusammenlebens zwischen den Menschen. Eine Werkinterpretation von Kants erstem Definitivartikel vom philosophischen Entwurf „Zum ewigen Frieden“
Autor
Jahr
2014
Seiten
11
Katalognummer
V323093
ISBN (eBook)
9783668222496
ISBN (Buch)
9783668222502
Dateigröße
956 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bedingungen, zusammenlebens, menschen, eine, werkinterpretation, kants, definitivartikel, entwurf, frieden
Arbeit zitieren
Cina Bousselmi (Autor), 2014, Bedingungen des friedlichen Zusammenlebens zwischen den Menschen. Eine Werkinterpretation von Kants erstem Definitivartikel vom philosophischen Entwurf „Zum ewigen Frieden“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323093

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