Privatrechtlicher Paternalismus. Anstoß oder Bevormundung?


Seminararbeit, 2016

33 Seiten, Note: 12,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Paternalismus und Privatautonomie
2.1 Privatautonomie
2.1.1 Definition
2.1.2 Vertragsfreiheit
2.1.3 Begrenzung der Privatautonomie
2.2 Paternalismus
2.2.1 Definition
2.2.2 Beispiel Schutzhelmgebot
2.2.3 Rechtfertigungsbedürftigkeit paternalistischer Maßnahmen
2.2.4 Weicher und harter Paternalismus
2.2.5 Libertärer Paternalismus

3 Paternalismus und Grundgesetz
3.1 Schutz vor Paternalismus
3.1.1 Schutzbereich
3.1.2 Rechtfertigung
3.2 Schutz durch Paternalismus
3.3 Schutz vor und Schutz durch Paternalismus im Vertragsrecht
3.3.1 Schutzpflichten im Vertragsverhältnis
3.3.2 Voraussetzungen für eine freiwillige Entscheidung
3.3.3 Einschätzungsspielraum des Gesetzgebers
3.3.4 Ideal der selbstbestimmten und freien Entscheidung

4 Wandel im Privatrecht seit dem Inkrafttreten des BGB
4.1 BGB vom 1.1.1900
4.1.1 Gedankenwelt
4.1.2 Schutzmaßnahmen
4.1.3 Entwicklung zum „liberal-sozialen Privatrecht“
4.1.4 Typisierung
4.2 Entwicklung des Sozialstaats

5 Untersuchung anhand konkreter Beispiele
5.1 Mindestlohn
5.1.1 Überblick
5.1.2 Paternalistischer Charakter
5.1.3 Rechtfertigung
5.2 Mietpreisbremse
5.2.1 Überblick
5.2.2 Gedanke des weichen Paternalismus
5.2.3 Rechtfertigung
5.3 Fernabsatzverträge § 312c BGB
5.3.1 Überblick
5.3.2 Paternalistischer Charakter
5.3.3 Rechtfertigung

6 Fazit

Literaturverzeichnis

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Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

„Wir tun damit unseren Philosophen kein Unrecht (…), wenn wir sie zwingen, sich um die Anderen zu kümmern und sie zu betreuen.“1 Bereits in diesem Zitat aus seiner Staatstheorie Politeia wird Platons Vorstellung von einem Ständestaat deutlich. Die Philosophen haben seiner Meinung nach zu herrschen und müssen auch gegen ihre Neigung dazu genötigt werden. Er begründet dies damit, dass diese am besten ausgebildet sind.2 Es sei daher iSd Gemeinwohls notwendig, dass sich die Philosophen mit der Leitung des Staates befassten und dass sie Anderen durch Erziehung ihre Weisheit weitergeben.3

Eine derartige Vorstellung von der Herrschaft Fürsorge treffender Eliten stößt bei Immanuel Kant auf entschiedene Ablehnung. Für ihn stellt dies den größtmöglichen Despotismus dar, wie er mit folgenden Worten zum Ausdruck bringt. „Eine Regierung, die auf dem Prinzip des Wohlwollens gegen das Volk als eines Vaters gegen seine Kinder errichtet wäre, das ist eine väterliche Regierung (…), wo also die Untertanen als unmündige Kinder, die nicht unterscheiden können, was ihnen wahrhaftig nützlich oder schädlich ist, sich bloß passiv zu verhalten genötigt sind, um wie sie glücklich sein sollen, bloß von dem Urteile des Staatsoberhaupts, und, dass dieser es auch wolle, bloß von seiner Gütigkeit zu erwarten“4. Der vernünftige und selbstbestimmte Mensch könne ohne staatliche Bevormundung sein Leben frei gestalten. Schranken ergeben sich für Kant in der gleichen Freiheit der Anderen.5

Damit wendet er sich entschieden gegen die zu seiner Zeit vorherrschenden Vorstellungen des aufgeklärten Absolutismus. Die Fürsten fühlten sich für alle Belange ihrer Untertanen persönlich verantwortlich und nahmen daher für sich in Anspruch, für deren Wohl sorgen zu dürfen.6 In der Literatur zu Kants Zeit war noch unstreitig, dass ‚die Glückseligkeit sowohl des ganzen Staats, als seiner Teile‘ Staatszweck sei. Dem Staat komme daher die Aufgabe zu, diese zu fördern.7 Die Grundlage dieses Verständnisses ist in der naturrechtlichen Staatslehre Christian Wolffs zu finden.8 In dessen Staatstheorie folgt aus der Natur des Menschen die Pflicht zu dessen Vollkommenheit. Um diese erreichen zu können, bedarf der Mensch jedoch Unterstützung und daraus folgt, dass sich die Menschen zu einem Staat verbinden.9 Diesem kommt die Aufgabe zu, das Gesetz der Natur zu beobachten und dieses in bürgerliche Gesetze umzusetzen. Dabei verfügt der Staat über weitreichende Regelungs- und Zwangsbefugnisse, um die Glückseligkeit des Individuums zu fördern beziehungsweise um es daran zu hindern, sich selbst unglücklich zu machen. Die wesentliche Gleichsetzung von Recht und Moral in der Lehre Wolffs mündet in eine ‚Verstaatlichung der Sittlichkeit‘ und lässt daher keinen Raum für freie sittliche Lebensgestaltung.10

Besonders deutlich wird die Denkweise, gegen die sich Kant richtet, bei von Justi, dem bedeutendsten Vertreter des Kameralismus, der praktischen Staatslehre des aufgeklärten Absolutismus. Für diesen ist ‚das allgemein Beste, die Wohlfahrt aller‘ der Zweck eines Staates. Hieraus leitet er die Pflicht der Untertanen ab, diesem Staatszweck zu genügen. Daher müssen Verstöße gegen diese Pflicht wie Arbeitsscheu oder Müßiggang durch den Staat bekämpft werden.11

Solch ein Staatsverständnis gipfelt letztlich in einer Erziehungsdiktatur. Die Individuen werden zu einem Verhalten gezwungen, das ihnen von den Eliten aufoktroyiert wird. Als aktuelles Beispiel ist der Staat Singapur zu nennen, in dem ungewollte Tätigkeiten wie Kaugummikauen mit sehr hohen Strafen sanktioniert werden.12

Zwar baut das 1794 in Kraft getretene Allgemeine Landrecht für die Preußischen Staaten im Grundsatz noch auf den Wohlfahrtsstaat auf, doch enthält diese Kodifikation bereits Ansätze, diesen rechtsstaatlich zu begrenzen.13 Bereits zwei Jahre zuvor hatte Wilhelm von Humboldt in seiner Schrift „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ mit dem Wohlfahrtsprinzip gebrochen.14 Da die Zweckbestimmung des vernünftigen Menschen die freie Entfaltung sei, bedürfe dieser der individuellen Freiheit. Folglich komme dem Staat lediglich die Aufgabe zu, die Sicherheit für die Menschen zu gewährleisten.15 In den Worten „der Staat enthalte sich aller Sorgfalt für den positiven Wohlstand der Bürger und gehe keinen Schritt weiter, als zu ihrer Sicherstellung gegen sich selbst und gegen auswärtige Feinde notwendig ist; zu keinem anderen Endzwecke beschränke er ihre Freiheit“16, bringt Humboldt die Vorstellungen des selbstbewussten und von der Aufklärung geprägten, aufstrebenden Bürgertums von einem schlanken, nicht alles regulierenden Staat zum Ausdruck.17

Die wichtigste Quelle des deutschen Privatrechts, das Bürgerliche Gesetzbuch, ist in seiner Entstehung stark von diesen liberalen Vorstellungen geprägt. Es steht gerade für eine Überwindung des Absolutismus mit seinem Staatsziel von der „guten Policey“, in dem unter dem Deckmantel der Wohlfahrtsförderung eine obrigkeitliche Lenkung der sozialen Vorgänge vollzogen wurde.18 Dem BGB vom 01.01.1900 liegt das Ideal von freien und gleichen Bürgern zugrunde, die ihre wechselseitigen Interessenslagen zu einem Ausgleich bringen können.19

Betrachtet man jedoch die heute geltende Privatrechtsordnung, so zeigt sich etwa durch zwingende Verbraucherschutzvorschriften oder die gerichtliche Inhaltskontrolle von freiwilligen vertraglichen Abreden, dass moderne Vorstellungen des Privatrechts offenbar davon ausgehen, dass der Staat den Einzelnen zum Schutz vor sich selbst bevormunden darf.20 Die Arbeit will untersuchen, ob derartige rechtliche Vorgaben sinnvoll oder kontraproduktiv sind. Wird den Individuen zu einer autonom-authentischen Rechtsausübung verholfen oder stellen diese eine autoritäre, nicht rechtfertigbare Bevormundung dar?

Zunächst soll dazu der Begriff des Paternalismus vor dem Hintergrund der Privatautonomie und den Vorgaben des Grundgesetzes erläutert werden. Zudem soll der Wandel, welcher sich im Privatrecht seit Inkrafttreten des BGB vollzogen hat, im Kontext des sich ausbreitenden Sozialstaates dargestellt werden. Schließlich werden mit dem Mindestlohn, der Mietpreisbremse sowie dem verbraucherschützenden § 312c BGB typische „paternalistische“ Regelungen untersucht.

2 Paternalismus und Privatautonomie

2.1 Privatautonomie

2.1.1 Definition

Der Grundsatz der Privatautonomie verankert das antipaternalistische Denken Kants und das damit verbundene Ideal des freien und selbstbestimmten Menschen im Privatrecht.21 Larenz/Wolf sprechen vom ethischen Personalismus, dessen Wurzeln kantianische Philosophie und christliche Religion sind und der als Menschenbild dem BGB zugrunde liegt.22 Privatautonomie bedeutet, „das Prinzip der Selbstgestaltung der Rechtsverhältnisse durch den Einzelnen nach seinem Willen.“ Sie ist „ein Teil des allgemeinen Prinzips der Selbstbestimmung des Menschen.“23 Folglich steht die unserer Privatrechtsordnung zugrunde liegende Privatautonomie Fremdbestimmung in Form von staatlicher Bevormundung entgegen.24

2.1.2 Vertragsfreiheit

Die Hauptform zur Gestaltung von privatautonomen Rechtsverhältnissen ist die Vertragsfreiheit. Dem Vertrag liegt die Idee zugrunde, dass das durch ihn Vereinbarte gilt, da es von den Vertragsschließenden in Selbstbestimmung vereinbart worden ist. Daher hat die Rechtsordnung grundsätzlich Verträge zum Nachteil eines der Vertragsschließenden gelten zu lassen, da dieser ja selbst die nachteilige Regelung gesetzt hat.25

2.1.3 Begrenzung der Privatautonomie

Der Privatautonomie sind jedoch auch Grenzen gesetzt. Die wichtigste Grenze der Privatautonomie bildet zunächst die Privatautonomie anderer Individuen. Für die Herbeiführung einer Rechtsfolge ist daher ein Konsens notwendig.26 Verträge zulasten Dritter sind folglich verboten.27 Ebenso sind der vom ethischen Personalismus geprägten Privatautonomie Beschränkungen immanent. Diese werden dogmatisch über Generalklauseln wie § 138 BGB erreicht, wobei der Umfang der dadurch verwirklichten Beschränkungen im Laufe der Zeit schwankend ist.28

Es ist daher zu untersuchen, ob die Privatautonomie durch paternalistische Maßnahmen rechtmäßig eingeschränkt werden kann.

2.2 Paternalismus

2.2.1 Definition

Paternalismus wird in der philosophischen Diskussion als „die Beschränkung der (Handlungs-)Freiheit oder Selbstbestimmung durch einen Dritten, die ohne Zustimmung des Betroffenen und mit dem Ziel erfolgt, das Wohl des Betroffenen zu steigern oder ihn vor Schaden (also einer Verringerung seines Wohls) zu bewahren“29, definiert. Da es keine Verträge zulasten Dritter gibt30, tritt als freiheitsbeschränkender Dritter regelmäßig der Staat auf. Er fungiert einerseits als Gesetzgeber und handelt andererseits durch Behörden und Gerichte.

Von anderen Freiheitsbeschränkungen ist eine paternalistische also durch ihr Motiv zu unterscheiden. Es geht um die Förderung des Wohls der Adressaten. Abzugrenzen ist der Paternalismus daher von drittschützenden Interventionen.31 Wiederum von drittschützenden Maßnahmen zu unterscheiden sind Maßnahmen, die auf die Förderung von Allgemeininteressen abstellen. Im konkreten Fall nutzen Allgemeininteressen wohl überwiegend dem Adressaten der Maßnahme, sodass letztlich zu dessen Wohl eingegriffen und somit paternalistisch gehandelt wird. Daher sind an Interventionen, die sich auf Allgemeininteressen stützen, höhere Rechtfertigungshürden zu stellen.32 Ein relevantes Allgemeininteresse stelle etwa „die Funktionsfähigkeit von Märkten und Organisationen“33 dar.

Ferner ist zu bedenken, dass der Mensch ein soziales Wesen ist und daher sein Handeln im seltensten Fall ohne jeden Bezug zu seinen Mitmenschen steht. Ebenso wenig wie jeder Allgemeinwohlbelang ist daher jeder nur mittelbare Drittbezug tauglich, einen Eingriff in ein Handeln zu rechtfertigen, das in erster Linie selbstbezüglich ist.34 Die Schwierigkeiten dieser Thematik vermag das folgende Beispiel aufzuzeigen.

2.2.2 Beispiel Schutzhelmgebot

Auf Art. 2 Abs. 1 GG gestützt wendeten sich die Beschwerdeführer einer Verfassungsbeschwerde35 gegen § 49 Abs. 1 Nr. 20a StVO, der das Nichttragen von Schutzhelmen bei Motorradfahrern als Ordnungswidrigkeit sanktioniert. Es wurde vorgetragen, dass der mündige Bürger nicht vom Staat zum einem Verhalten gezwungen werden darf, welches in dessen „eigenem Interesse vernünftig erscheine.“36 Das BVerfG sieht in dieser Vorschrift dagegen keine unzulässige Bevormundung.37 Solch ein Unfall verursache weitreichende Folgen für die Allgemeinheit, da Kosten für Rettungsdienste, ärztliche Versorgung etc. entstehen.38 Die Auffassung des Bundesverfassungsgerichts wird einerseits abgelehnt. So diene die Norm der StVO lediglich dem Schutz des Menschen vor sich selbst und stelle einen Verstoß gegen Art. 2 Abs. 1 GG dar. Ein Ausgleich für die hohen Folgekosten, die durch das von Art 2 Abs. 1 GG umfasste unvernünftige Verhalten entstehen können, sei privatrechtlich über das Instrument des Mitverschuldens nach § 254 BGB zu suchen.39 Wohlhabende, die niemals auf Sozialhilfe angewiesen sind, müssten daher von der Helmpflicht ausgenommen werden, sodass lediglich diese die „Freiheit zum Wagnis“40 besäßen. Da aber das Sozialstaatsgebot gerade den finanziell Schwachen den Freiheitsgebrauch ermöglichen soll, könne eine durch den Sozialstaat begründete Beschränkung von deren Freiheitsrechten nicht zulässig sein.41 Andererseits ist jedoch auch Zustimmung zu finden. Wenn ein Verhalten ungehindert Kosten verursache, dann könne dieses auch gleich unterbunden werden.42 Vermittelnd und überzeugend wird vertreten, dass eine Rechtfertigung, die sich auf die finanzielle Belastung der sozialen Sicherungssysteme stützt, nur im Ausnahmefall in Betracht kommt. Wenn nämlich vom Bürger verlangt wird, den Sozialstaat möglichst wenig zu beanspruchen, dann ergibt sich quasi durch dessen „Hintertür (…) eine Rechtspflicht zu vernünftigem Verhalten“43.

Es ist festzuhalten, dass, wenn auf Dritt- bzw. Allgemeinwohlinteressen abgestellt wird, dabei nicht zu extensiv vorgegangen werden darf und gerade die Berufung auf die finanzielle Belastung der sozialen Sicherungssysteme höchst umstritten ist.44

2.2.3 Rechtfertigungsbedürftigkeit paternalistischer Maßnahmen

Mit dieser Definition wird deutlich, dass das zur Zeit des aufgeklärten Absolutismus im 17. und 18. Jahrhundert vorherrschende Rechtsverständnis, wonach die Glückseligkeit der Untertanen als Staatszweck und damit als Eingriffsgrundlage diente45, als paternalistisch anzusehen ist. Dies hinter sich lassend wird in der liberalen Tradition der Moderne die individuelle Selbstbestimmung als natürlicher Zustand angesehen. Somit ist eine Abweichung vom Zustand der individuellen Selbstbestimmung auch rechtfertigungsbedürftig.46 Dabei existieren im Wesentlichen zwei Begründungsmodelle. Einerseits erklärt Kant die Selbstbestimmung des Einzelnen als Ausgangspunkt mithilfe von deontologischer Pflichtethik47, andererseits liefert John Mill eine utilitaristische Begründung48.

Auch wenn beide Ansichten verschiedenen begründet werden, stimmen sie doch im Ergebnis überein: Paternalismus ist ethisch rechtfertigungsbedürftig.49

2.2.4 Weicher und harter Paternalismus

Einigkeit besteht auch dahingehend, dass die selbstbestimmte Entscheidung von gewissen Voraussetzungen abhängig ist.50 Darauf aufbauend kann zwischen hartem und weichem Paternalismus unterschieden werden. Dem liegt folgendes zugrunde: Damit eine Entscheidung dem Entscheider zugerechnet werden kann, muss dieser sie freiwillig treffen. Dazu benötigt er hinreichende Informationen sowie ein gewisses Maß an intellektuellen Fähigkeiten.

[...]


1 Platon, S. 320 (519c-520b).

2 Platon, S. 320 (519c-5520b), S. 322 (521a-d).

3 Platon, S. 347 (540a-e).

4 Kant, Über den Gemeinspruch, S. 41.

5 Hillgruber, S. 25.

6 Braun, S. 255.

7 Hillgruber, S. 27.

8 Hillgruber, S. 27.

9 Hillgruber, S. 27-28.

10 Hillgruber, S. 28-31.

11 Hillgruber, S. 32.

12 Wiedemann, in: Der Spiegel.

13 Hillgruber, S. 42.

14 Hillgruber, S. 44-45.

15 Hillgruber, S. 45.

16 von Humboldt, S. 52.

17 Vgl. Braun, S. 255.

18 Schwab/Löhnig, S. 26.

19 Vgl. Bork, S. 20, Rn. 44.

20 Vgl. Braun, S.160-161; Zimmer, S. 4.

21 Schmolke, S.1; vgl. Larenz/Wolf, S. 24, Rn. 17.

22 Larenz/Wolf, S. 21, Rn. 2-4.

23 Flume, S. 1.

24 Larenz/Wolf, S. 24, Rn. 17.

25 Flume, S. 7.

26 Siehe oben 2.1.2.

27 Paulus/Zenker, JuS 2001, 1, 2.

28 Larenz/Wolf, S. 25, Rn. 21.

29 Schmolke, S. 40.

30 Siehe oben 2.1.3.

31 Schmolke, S. 11-12.

32 Möslein, S. 174.

33 Möslein, S. 172.

34 Vgl. Schmolke, S. 33.

35 BVerfGE 59, 275-279.

36 BVerfGE 59, 275, 277.

37 BVerfGE 59, 275, 278.

38 BVerfGE 59, 275, 279.

39 Hillgruber, S. 102.

40 Hillgruber, S. 161.

41 Hillgruber, S. 160-161.

42 Schwabe, JZ 1998, 66, 73; zustimmend auch v. Mangoldt/Klein/Starck Art. 2 Rn. 124. 6

43 Dietlein, S. 229.

44 Vgl. auch Schmolke, S. 68-69.

45 Vgl. oben 1 (Einleitung).

46 Schmolke, S. 14; vgl. Zimmer, S. 95.

47 Schmolke, S. 14-16; vgl. Kant, Metaphysik der Sitten, S. 70-72 (432-435).

48 Schmolke, S. 16-17; vgl. Mill, S.149-154.

49 Schmolke, S. 40.

50 Schmolke, S. 19; vgl. Möslein, S. 169.

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Details

Titel
Privatrechtlicher Paternalismus. Anstoß oder Bevormundung?
Hochschule
Universität Passau
Note
12,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
33
Katalognummer
V323108
ISBN (eBook)
9783668222687
ISBN (Buch)
9783668222694
Dateigröße
779 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
privatrechtlicher, paternalismus, anstoß, bevormundung
Arbeit zitieren
Matthias Forster (Autor), 2016, Privatrechtlicher Paternalismus. Anstoß oder Bevormundung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323108

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