Der sozialpsychologische Ansatz. Der Einfluss von Parteiidentifikation auf das Wahlverhalten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

14 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der sozialpsychologische Ansatz
2.1 „The Voter Decides“
2.2 „The American Voter“

3. Parteiidentifikation

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Völlig egal ob nach Bundestagswahlen oder nach Kommunalwahlen, immer steht die Frage zur Debatte, wie genau das letztendliche Wahlergebnis zustande gekommen ist und warum Wähler sich bei ihrer Stimmvergabe für eine bestimmte Partei oder den Kandidaten einer Partei entschieden haben.

Was treibt Wähler an? Wer wählt wen und warum?

Schon viele Sozialwissenschaftler haben versucht diesen Fragen auf den Grund zu gehen und sinnvolle Erklärungen für Wahlverhalten zu finden.

Zu den bekanntesten zählen der mikrosoziologische Ansatz nach Paul Felix Lazarsfeld, der makrosoziologische Ansatz nach Seymour Martin Lipset und Stein Rokkan, der ökonomische Ansatz nach Anthony Downs und der sozialpsychologische Ansatz nach Angus Campbell. Sie alle liefern vor allem politischen Akteuren, wie Parteien, wichtige Informationen über Wähler und ihr Verhalten, damit sie so unter Umständen besser auf Bürger eingehen können und Wähler in Wahlkämpfen besser erreichen.

Im sozialpsychologischen Ansatz nach Campbell wird die Parteiidentifikation, eine langfristige und stabile Bindung an eine Partei, als wichtigste Komponente zur Erklärung von Wahlverhalten angesehen.

Jedoch lassen sich in zahlreichen Ländern Entwicklungen beobachten, die dieser Annahme widersprechen. Es scheint, als befänden sich Wähler im Wandel.

Daher stellt sich nun die Frage: „Verliert das vielfach bewährte Konzept der Parteiidentifikation zu Erklärung von Wahlverhalten an Bedeutung?“

Um dies zu untersuchen, wird zunächst der theoretische Rahmen des Ann-Arbor-Modells vorgestellt, bevor näher auf das Konzept der Parteiidentifikation selbst eingegangen werden soll. Anschließend wird untersucht wie und ob sich die Rolle des Faktors Parteiidentifikation bei Wahlen verändert hat und welche Gründe dafür vorliegen könnten.

2. Der sozialpsychologische Ansatz

Die Forscher Converse, Miller, Stokes und Campbell entwickelten an der Michigan Univerity in Ann-Arbor den sozialpsychologischen Ansatz, der neben der bisherigen Vorgehensweise das Verhalten von Wählern anhand von soziodemographischen Merkmalen zu erklären, eine neue Argumentationsstrategie darstellen sollte, um Wahlverhalten zu begründen (vgl. Schoen/Weins 2005: 188-189).

Im Mittelpunkt des Ann-Arbor- Modells steht somit nicht das Erklären von Wahlverhalten durch demographische Eigenschaften von Wählern oder durch Gruppeneffekte, beziehungsweise durch Gruppenidentifikationen. Viel mehr geht es um die individuelle Motivation des Wählers und wie seine Wahrnehmungen des politischen Raums und Einstellungen zu Parteien, seine Entscheidungen beeinflussen (vgl. Campbell et al. 1954: 79-80).

2.1 „The Voter Decides“

Mit der empirischen Analyse der amerikanischen Präsidentschaftswahl im Jahr 1952, versuchten die Forscher um Angus Campbell das Wahlverhalten von einzelnen Personen und deren Wahlmotivation zu erklären (vgl. Schoen/Weins 2005: 189).

In „The Voter Decides“ gehen die Forscher nun von sechs Motivationsfaktoren aus, die maßgeblichen Einfluss auf die Entscheidung zur Beteiligung an einer Wahl und der Wahl eines bestimmten Kandidaten haben.

Das Hauptaugenmerk der Untersuchung liegt dabei auf den Variablen der persönlichen Identifikation mit einer politischen Partei, Einstellungen zu Sachfragen der nationalen Regierungspolitik und der persönliche Anziehung zu einem Präsidentschaftskandidaten, welche den Wähler nicht nur anregen überhaupt zu wählen, sondern auch die Richtung seiner Entscheidung lenken. Die Konformität mit Gruppennormen, das Gefühl der persönlichen Einflussnahme und das Wahlpflichtgefühl werden nur beiläufig mit in die Untersuchung einbezogen, da vor allem die anderen drei zu erst beschriebenen Variablen den größten Beitrag zu der Erklärung von Wahlverhalten liefern könnten (vgl. Schoen/Weins 2005: 189-190).

Dies geschehe aber nicht durch die alleinige Wirkung einer Variablen, sondern die Forscher vermuten, dass das Verhalten der Bürger durch die Gesamtauswirkung aller Faktoren beeinflusst wird. Grundsätzlich gehen Sie davon aus, dass Wähler bei einer großen Zahl positiver Kräfte die in der Wahlsituation auf Sie wirken eher reagieren, als wenn die Kräfte in Konflikt miteinander stehen und die Wahlwahrscheinlichkeit dadurch reduzieren (vgl. Campbell et al. 1954: 86-87).

Mit der Parteiidentifikation wird das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Partei beschrieben, wobei eine Partei in diesem Fall als eine Art soziale Großgruppe angesehen wird und die Identifikation mit dieser nicht mit einer Mitgliedschaft gleichzusetzen ist. Die Einstellungen zu Sachfragen, oder auch Issue-Orientierungen, legen den Augenmerk des Wählers auf inhaltliche Aspekte der jeweiligen Parteien, aber auch der Kandidaten im Bezug auf kontemporäre politische Sachfragen. Hierbei spielt es idealerweise keine Rolle welche Partei, oder welcher Kandidat welchen Standpunkt vertreten, sondern es geht einzig um die Inhalte (vgl. Schoen/Weins 2005: 190-191).

Bei der Kandidatenorientierung geht es um die persönliche Anziehung der Wähler zu den Kandidaten oder wichtigsten Persönlichkeiten. Hier stehen persönliche Merkmale der Kandidaten wie Ihre Attraktivität im Fokus und es geht weniger um politische Aspekte, wie zum Beispiel ihre Regierungserfahrung (vgl. Campbell et al. 1954: 136-137).

Durch das Zusammenspiel dieser drei Faktoren ist es nun möglich das Wahlverhalten von Bürgern zu erklären, da Sie auch empirisch eng miteinander verknüpft sind und aufeinander wirken. So entscheiden sich zum Beispiel Wähler, die sich mit einer bestimmten Partei identifizieren, auch öfter für deren Kandidaten und nehmen öfter eine mit der Partei sympathisierende Einstellung im Bezug auf Sachfragen ein (vgl. Campbell et al. 1954: 145-146).

Dem Faktor Parteiidentifikation wird hierbei allerdings eine herausragende Stellung zugewiesen, da diese am stärksten ausgeprägt sei und sich besonders durch zeitliche Stabilität auszeichne (vgl. Schoen/Weins 2005: 192).

Insgesamt gehen die Forscher davon aus, dass Wähler. die unter dem Einfluss aller drei Faktoren stehen, sich eher und öfter an Wahlen beteiligen. Die fehlende Präsenz von Faktoren hingegen reduziert die Wahrscheinlichkeit einer Wahlbeteiligung und macht politisches Engagement unwahrscheinlicher. Des weiteren führen nicht übereinstimmende Motivationsfaktoren zu mehr Unsicherheit im Bezug auf die Kandidatenwahl, Schwankungen im Wahlverhalten oder aber Stimmensplitting (vgl. Campbell et al. 1954: 182-183).

2.2 „The American Voter“

„The American Voter“ stellt das Nachfolgewerk des von Forschern um Angus Campbell erstellten Erklärungsmodells „The Voter Decides“ dar. Im Fokus des Modells steht die Analyse der amerikanischen Präsidentschaftswahlen in den Jahren 1952 und 1956, wobei hier die am Vorgängerwerk ausgeübte Kritik aufgegriffen wurde und das Modell aus „The Voter Decides“ grundlegend modifiziert wurde.

So führten die Forscher hier den sogenannten „funnel of causality“ ein, um Wahlentscheidungen erklären zu können. Demnach trifft ein Wähler seine Entscheidung bei Wahlen anhand seiner politischen Einstellung. Diese steht unter dem Einfluss relevanter Faktoren aus der Vergangenheit, die von dem Wähler als politisch relevant eingeschätzt werden, wie zum Beispiel den Sozialisationsbedingungen oder der Erwerbsbiographie. Somit haben diese Faktoren zwar keinen direkten Einfluss auf das Wahlverhalten, können aber über die politischen Einstellungen wirken.

Somit wird im Modell „The American Voter“ vor allem die intervenierende Bedeutung der Variable politische Einstellung betont (vgl. Schoen/Weins 2005: 194-195).

Zusätzlich wurde dem Faktor der Parteiidentifikation eine neue Bedeutung zugesprochen. Die Parteiidentifikation ist nun eine langfristige und stabile Bindung an eine politische Partei und wird daher den Faktoren Issue-Orientierung und Kandidatenorientierung, welche durch kurzfristige Ereignisse beeinflusst werden können in, „The American Voter“ sowohl zeitlich als auch kausal vorangestellt. Folglich liegt im Gegensatz zu „The Voter Decides“ keine Symmetrie zwischen den Variablen vor, sondern eine Asymmetrie die zugunsten der Parteiidentifikation geht (vgl. Schoen/Weins 2005: 195-196).

Eine weitere Änderung besteht darin, dass nun nicht mehr nur von drei Motivationsvariablen ausgegangen wird, sondern neben dem langfristigen Faktor Parteiidentifikation und den eher kurzfristig variablen Orientierungen Issue- und Kandidatenorientierung, nun auch parteibezogene Einstellungen mit in die Wahlentscheidung einfließen. Es spielen nun auch Merkmale wie die politische Erfahrung von Kandidaten, oder auch die Einstellung zu der Regierungsfähigkeit von Parteien eine Rolle bei der Entscheidungsfindung.

Abschließend ist das Modell in der Lage stabiles aber auch wechselndes Wahlverhalten von Bürgern, gerade durch die unterschiedliche Gewichtung der einzelnen Komponenten, zu erklären. So sorgt die Identifikation mit einer Partei für eine Stabilisierung des individuellen Wahlverhaltens des Bürgers und der politischen Kräfteverteilung. Die kurzfristig variablen Orientierungen sind dagegen in der Lage eine Veränderung im Wahlverhalten der Bürger zu erklären, so dass diese Veränderung nicht als willkürlich erscheint sondern als bewusste Entscheidung (vgl. Schoen/Weins 2005: 197f).

3. Parteiidentifikation

Im Folgenden Abschnitt soll nun näher auf das Konzept der Parteiidentifikation eingegangen werden, bevor es zu einer Analyse der Veränderung des Einflusses von Parteiidentifikation auf Wahlentscheidungen kommt.

Das Konzept der Parteiidentifikation wie es heute bekannt ist, ist in großen Teilen auf den Erklärungsansatz „The American Voter“ zurückzuführen, indem die Unterstützung einer bestimmten Partei als „standing decision“ beschrieben wird. Oft haben ein Kandidatenwechsel oder weitreichende Veränderungen der politischen Sachfragen keinerlei Einfluss auf die Parteianhängerschaf,t was ein Hinweis auf Parteibindungen ist, die auch über lange Zeiträume hinweg konsistent bleiben und somit einen wichtigen Beitrag zu der grundsätzlichen Stabilität des Parteiensystems eines Landes liefern (vgl. Campbell et al.1960: 120-121).

Dabei wird die Parteienidentifikation von den Forschern als: „eindimensionales und bipolares Merkmal, das Richtung und Intensität der Parteiidentifikation auf einer einzigen Dimension abbildet und parteipolitische Unabhängigkeit als Neutralität zwischen den Parteien enthält“(Schoen/Weins 2005: 206) definiert.

Um die Variable der Parteiidentifikation messen zu können, sollten sich die Probanden selbst einstufen: „Generally speaking, do you think of yourself as a Republican, a Democrat, an independent, or what?“, (Schoen/Weins 2005: 191). Anschließend wurde dann zwischen „strong“ und „weak“ Republicans und Democrats unterschieden (vgl. Schoen/Weins 2005: 191).

Orientierungen im Bezug auf politische Einstellungen entwickeln sich bereits in frühen Phasen der Sozialisation, oft lange bevor ein Individuum überhaupt das Wahlalter erreicht und werden dabei oft stark durch sein soziales Umfeld und besonders die Familie geprägt. Daher liegen die Wurzeln einer Parteiidentifikation bereits in den frühen Jahren innerhalb der Familie was dazu führt, dass einmal entwickelte Parteibindungen nur schwer verändert werden können. Diese Annahme wurde durch die weitgehende Übereinstimmung der Parteibindung der für die Studie befragten Personen mit der ihrer Eltern bestätigt (vgl. Campbell et al.1960: 146-149).

Allerdings ist die Herkunftsfamilie eines Individuums nicht die einzige Quelle die zu der Entwicklung einer Parteibindung führt. Auch andere Einflüsse wie aktuelle Eindrücke einer Partei,das politischen Tagesgeschehen oder Institutionen, wie die Schule und Medien, können zu der Entwicklung einer Parteiidentifikation führen.

Grundsätzlich unterliegen Parteibindungen gerade am Anfang einem ständigen Prozess der Weiterentwicklung, wobei politische Erfahrungen, die der sich grade erst entstehenden Parteiidentifikation widersprechen, zu einer völligen Abwendung von dieser führen können. Dagegen können politische Erfahrungen, die mit der Parteibindung im Einklang stehen, zu deren Stärkung und einen Zuwachs an Stabilität sorgen. So entwickelt sich nach und nach eine Identifikation mit einer bestimmten Partei, die am Ende relativ gefestigt und stabil ist und nicht mehr ohne weiteres durch momentane Ereignisse oder Eindrücke, sondern nur durch schwerwiegende Ereignisse wie politische Krisen, abgeschwächt werden kann. Folglich lässt sich festhalten, dass die Identifikation mit einer politischen Partei mit dem fortschreitenden Lebensalter zunimmt, die Zuwachsraten allerdings im Verlauf der Zeit immer kleiner werden (vgl. Schoen/Weins 2005: 210-212).

Parteibindungen „färben“ die Einstellungen von Wählern im Bezug auf politische Sachfragen und die allgemeine Wahrnehmung der Identifikationspartei. Dadurch agiert die Parteibindung als eine Art Wahrnehmungsfilter der dazu führt, dass Parteianhänger oft nur das wahrnehmen, was im Einklang mit ihrer favorisierten Partei steht. Je stärker die Bindung an eine Partei ist, desto stärker fällt dabei der Selektionsprozess oder die Wahrnehmungsverzerrung zu Gunsten der eigenen Partei aus (vgl. Campbell et al.1960: 131 -132).

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Der sozialpsychologische Ansatz. Der Einfluss von Parteiidentifikation auf das Wahlverhalten
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Veranstaltung
Einführung in die Politische Soziologie: Wahlsoziologie
Note
2.0
Autor
Jahr
2015
Seiten
14
Katalognummer
V323304
ISBN (eBook)
9783668225428
ISBN (Buch)
9783668225435
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ansatz, einfluss, parteiidentifikation, wahlverhalten
Arbeit zitieren
Franziska Wegener (Autor), 2015, Der sozialpsychologische Ansatz. Der Einfluss von Parteiidentifikation auf das Wahlverhalten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323304

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