PEGIDA (Patriotische Europäer Gegen die Islamisierung Des Abendlandes), dieser Begriff dominierte im Dezember 2014 und Januar 2015 die Titelzeilen nahezu aller Medien. Eine politische Bewegung, die durch ihre Montagsspaziergänge in der Dresdner Innenstadt bekannt wurde. Kurz danach folgten in mehreren deutschen Städten Ableger der Bewegung und demonstrierten ebenfalls. Unklar war anfangs jedoch, wofür oder gegen was genau bei diesen Spaziergängen demonstriert wurde. Der Name der Bewegung deutet vorerst auf eine ablehnende Haltung gegenüber dem Islam hin, was eventuell der explodierenden Berichterstattung über die Glaubenskriege, Terroranschläge und Mord- und Raubzüge des Islamischen Staates und der Boko Haram zurechenbar wäre. Allerdings geht es bei Pegida eher um nationale Angelegenheiten, anfangs tatsächlich um die Asylpolitik, da durch die aufkommenden Flüchtlingsströme viele Menschen mit muslimischem oder anderem Glauben in Deutschland Asyl suchen.
Obwohl sich die Organisatoren von Pegida des Öfteren von Rechtsradikalen und der NPD (Nationalsozialistische Partei Deutschland) distanzieren wollten, wurden sie immer wieder von diesen instrumentalisiert beziehungsweise in ihren Absichten mit deren rechten politischen Ansichten verglichen. Die Organisatoren wurden genauer beobachtet und in die Öffentlichkeit gezogen. Dadurch wurden natürlich all ihre Aussagen besonders genau abgewogen und vergangene Fehltritte regelrecht skandalisiert. Aber hat sie denn nicht genau das Verhalten der Medien und Medienschaffenden in ihren Ansichten zur sogenannten „Lügenpresse“ bestätigt? Hat ihnen dieses Maß an Öffentlichkeit und Publizität noch mehr Zulauf verschafft oder fingen die Anhänger an, sich nach Veröffentlichungen zu den Ungereimtheiten innerhalb des Organisatorenteams, zu distanzieren, aus Angst, sie könnten doch bei einer Bewegung mitgelaufen sein, die sich mehr als vermutet am äußeren rechten politischen Sektor befindet? Diese Wirkungen der Medien auf die Gesellschaft sind freilich nicht leicht zu bemessen, allerdings stellt sich noch eine andere Frage: Zielen Journalisten mit ihrer Berichterstattung nicht genau auf solche Wirkungen? Welche Gedanken machen sich Journalisten vor der Veröffentlichung eines Beitrags zu einem prekären Thema? Dies führt zu der Forschungsfrage, mit der sich diese Arbeit fortan beschäftigen wird:
Welche ethischen Grundannahmen und Motive verfolgen Journalisten in ihrer Berichterstattung über Pegida?
Inhaltsverzeichnis
1. RELEVANZ DES THEMAS
2. THEORETISCHER HINTERGRUND
2.1 Näherungen an den Forschungsstand
2.1.1 Individuelle Betrachtung
2.1.2 Ethische und philosophische Prinzipien
2.1.3 Rollenverständnis von Journalisten
2.2 Rationalität und Ethik der Journalisten nach Weber
2.2.1 Ethik
2.2.1.1 Verantwortungsethik
2.2.1.2 Gesinnungsethik
2.2.2 Rationalität
2.2.2.1 Zweckrationalität
2.2.2.2 Wertrationalität
2.3 Theorie der instrumentellen Aktualisierung
2.3.1 Bewusstes Hochspielen
2.3.2 Bewusstes Herunterspielen
2.4 Kategorien
3. METHODE
3.1. Qualitative Leitfadeninterviews
3.2. Konstruktion des Leitfadens
3.3. Stichprobe und Rekrutierung
3.4. Ablauf des Interviews, Interviewerprotokoll und Transkription
4. ERGEBNISSE
4.1 Rollenselbstverständnis
4.2 Ethik
4.3 Rationalität
4.4 Instrumentelle Aktualisierung
4.4.1 Bewusstes Hochspielen
4.4.2 Bewusstes Herunterspielen
5. ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Rollenverständnis und die ethischen Motive von Lokaljournalisten in Dresden bei der Berichterstattung über die Pegida-Bewegung. Dabei wird analysiert, ob die Journalisten bei ihrer Arbeit eine bewusste Steuerung (instrumentelle Aktualisierung) vornehmen oder ob sie sich als neutrale Informationsvermittler verstehen.
- Analyse des Rollenverständnisses von Journalisten nach Max Weber
- Untersuchung von Verantwortungsethik versus Gesinnungsethik im Journalismus
- Anwendung des Modells der instrumentellen Aktualisierung (Hoch- und Herunterspielen)
- Empirische Untersuchung durch qualitative Leitfadeninterviews mit Lokaljournalisten
Auszug aus dem Buch
2.2 Rationalität und Ethik der Journalisten nach Weber
Obwohl Max Weber, wegen seines eigenen Scheiterns als Politiker in der Demokratischen Partei, zuerst ablehnte den Vortrag „Politik als Beruf“ zu halten, willigte er später doch aus politisch motivierten Gründen wieder ein. So sollte der linkssoziale bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner an seiner Stelle den Vortrag halten. Doch da Weber ihn für einen „Gesinnungspolitiker ohne Augenmaß für die Folgen seiner Handlungen“ hielt, übernahm er die Rede, um den „würdelosen Pazifisten“ nicht zu Wort kommen zu lassen (Mommsen, Schluchter, 1992, S. 119/120). Auf genau diese Kritik an Eisner und dessen revolutionäre Gesinnungspolitik ging Max Weber in dem Vortrag am 28. Januar 1919 dann auch ein (Mommsen, Schluchter, 1992, S. 125). Er unterteilte die Berufe des Politikers und des Journalisten in zwei verschiedene Handlungsmaximen. Dabei unterschied er diese einerseits in Bezug auf Rationalität und andererseits auf Ethik.
Die ersten Ausführungen zu einem Verantwortungsbewusstsein finden sich, als Weber den politischen Eliten das Prinzip der Eigenverantwortung für ihr Handeln zuschreibt (Weber, 1919, S. 190). Daraufhin wird der Journalist als Teil einer Pariakaste beschrieben, wobei er in dieser von der Gesellschaft nach den „ethisch tiefstehenden Repräsentanten" des Journalismus sozial eingeschätzt wird (Weber, 1919, S. 191). Dabei vergleicht er Journalisten mit Gelehrten und stellt fest, dass sie in Bezug auf den „Geist“ von guter journalistischer Arbeit und auf das Verantwortungsgefühl den Gelehrten in nichts nachstehen (Weber, 1919, S. 192). Außerdem schreibt er ihnen ein besonderes Maß an Selbstdisziplin zu, da er ausführt mit welcher Diskretion die „tüchtigen Journalisten“ unter den doch zur Versuchung leitenden und wirkungsvollen Bedingungen des journalistischen Berufs arbeiten. Zudem lässt sich feststellen, dass er eine Unterschätzung aus Sicht der Bevölkerung wahrnimmt, die sich wohl auf die Taten der verantwortungslosen Journalisten stützt, welche mit „ihrer oft furchtbaren Wirkung“ im Gedächtnis der Leute bleibt (Weber, 1919, S. 192). Er befindet die Kritik an Journalisten, verantwortungslos und würdelos zu sein, als eine Art Abwehrmechanismus, da die besondere Stellung, die Wirkungsmöglichkeiten und Möglichkeiten der Einflussnahme Furcht bei den Leuten auslöse (Weber, 1919, S. 196).
Zusammenfassung der Kapitel
1. RELEVANZ DES THEMAS: Einleitung in die Pegida-Thematik und Darlegung der forschungsleitenden Frage zur ethischen Haltung von Journalisten.
2. THEORETISCHER HINTERGRUND: Erläuterung der theoretischen Basis, insbesondere Max Webers Konzepte von Ethik und Rationalität sowie Kepplingers Theorie der instrumentellen Aktualisierung.
3. METHODE: Begründung und Beschreibung des qualitativen Leitfadeninterviews sowie des Vorgehens bei der Auswahl der Stichprobe und der Transkription.
4. ERGEBNISSE: Darstellung und Interpretation der Erkenntnisse aus den Interviews in Bezug auf Rollenverständnis, ethische Haltungen und journalistische Handlungsmuster.
5. ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK: Synthese der Forschungsergebnisse und Reflexion über die professionelle Rolle der Journalisten im Kontext der schwierigen Arbeitsbedingungen bei Pegida.
Schlüsselwörter
Pegida, Journalismus, Ethik, Verantwortungsethik, Gesinnungsethik, Max Weber, Instrumentelle Aktualisierung, Leitfadeninterviews, Lokaljournalismus, Medienethik, Rollenverständnis, Öffentlichkeitsarbeit, Berichterstattung, Lügenpresse, Rationalität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der ethischen Haltung und den Handlungsmotiven von Journalisten bei der Berichterstattung über die Pegida-Bewegung in Dresden.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf journalistischer Ethik (Verantwortungs- und Gesinnungsethik), dem professionellen Rollenverständnis und dem Phänomen der instrumentellen Aktualisierung in den Medien.
Was ist das primäre Ziel der Studie?
Das Ziel ist herauszufinden, ob Journalisten bei der Berichterstattung über ein so umstrittenes Thema gezielte Wirkungsabsichten verfolgen oder ob sie nach den klassischen Prinzipien eines neutralen Vermittlers handeln.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es werden qualitative Leitfadeninterviews mit sechs lokalen Journalisten in Dresden durchgeführt und nach journalistischen Kriterien ausgewertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine fundierte theoretische Aufarbeitung und die anschließende empirische Auswertung, in der die Aussagen der Journalisten auf die Theorien von Max Weber und Kepplinger bezogen werden.
Welche Schlüsselbegriffe definieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Pegida, Verantwortungsethik, journalistisches Rollenverständnis, instrumentelle Aktualisierung und Medienethik.
Wie gehen die befragten Journalisten mit dem Vorwurf der „Lügenpresse“ um?
Die Journalisten berichten von einer hohen persönlichen Belastung, betrachten sich jedoch in ihrer Arbeit als „Chronisten“ und versuchen, durch eine sachliche Berichterstattung professionell dagegen zu steuern.
Bestätigt das Ergebnis die Theorie von Max Weber?
Ja, die Ergebnisse bestätigen weitgehend Webers Annahme des wertrationalen Handelns, da sich die befragten Journalisten mehrheitlich als neutralen Instanzen sehen und eine direkte Verantwortung für gesellschaftliche Auswirkungen ihrer Berichterstattung ablehnen.
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- Katharina Geiger (Author), 2015, Ängste ernst nehmen? Die Diskussion über Pegida in Medien und Politik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323323