Mircea Eliade gehört als „einer der einflussreichsten Religionshistoriker und -philosophen des 20. Jahrhunderts“ (Reschika) zweifellos in die Reihe der größten Rumänen. Jedoch machen die Untersuchungen zu den Religionen und ihrer Geschichte nur einen Teil seines Gesamtwerkes aus. Eliade selbst hat einmal eingefordert, dass man die Gesamtheit seiner Schriften berücksichtigen müsse, wenn man ihn beurteilen wolle. Diesem Anspruch kann die vorliegende Arbeit zwar nicht gerecht werden, gleichwohl will sie aber als ein Beitrag zu einem umfassenderen Eliade-Verständnis gelten.
Nicht die Breite seiner Schriften kann Berücksichtigung finden. Statt dessen soll mittels dreier ausgewählter phantastischer Werke Eliades der Versuch gemacht werden, die Tiefe seines literarischen Vermächtnisses ein wenig auszuloten. Als zentrales Instrument dient Eliade das Spiel mit den verschiedenen Dimensionen der Zeit. Inwiefern das Motiv der
Zeit Bedeutung erlangt bei den Begegnungen seiner Protagonisten mit dem Mysteriösen, soll deshalb für die Novellen "La țigănci" (Bei den Zigeunerinnen), "Un om mare" (Der Makanthropus) und "Fata căpitanului" (Das Mädchen des Hauptmannes) untersucht werden.
Dabei ist auch danach zu fragen, in welcher Beziehung Eliades religionswissenschaftliche Erkenntnisse und Fragen zu seinen literarischen Werken stehen. Băicuș hat 2009 eine Untersuchung über Eliade vorgelegt, die in ihrem Titel "Mircea Eliade - Literat și Mitodologdas" vereint, was im Folgenden immer wieder aufscheinen wird: Der Literat Eliade ist ohne den Mythologen Eliade nicht zu verstehen – und umgekehrt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Un om mare (Der Makanthropus)
2.1 Biographischer Kontext
2.2 Inhaltsangabe
2.3 Analyse: Vorzeit in der Gegenwart
3. Fata căpitanului (Das Mädchen des Hauptmannes)
3.1 Biographischer Kontext
3.2 Inhaltsangabe
3.3 Analyse: Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart
4. La Țigănci (Bei den Zigeunerinnen)
4.1 Biographischer Kontext
4.2 Inhaltsangabe
4.3 Analyse: „Wir haben Zeit“
5. Schlussbetrachtungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand dreier phantastischer Erzählungen von Mircea Eliade, inwiefern das Motiv der Zeit als zentrales Instrument dient, um die Begegnung der Protagonisten mit dem Mysteriösen darzustellen und welche Verbindung dabei zwischen Eliades religionswissenschaftlichen Erkenntnissen und seinem literarischen Werk besteht.
- Analyse des Zeit-Motivs in der phantastischen Literatur von Mircea Eliade.
- Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen Alltagswelt (Profanes) und mysteriöser Wirklichkeit (Heiliges).
- Biographische Einordnung der Novellen "Un om mare", "Fata căpitanului" und "La Țigănci".
- Interdependenz zwischen Eliades Tätigkeit als Mythenforscher und als Literat.
- Betrachtung der Remythisierung der Welt als Gegenentwurf zur modernen Ökonomisierung der Zeit.
Auszug aus dem Buch
2.3 Analyse: Vorzeit in der Gegenwart
Die Geschichte des Riesen Cucoaneș ist die Geschichte eines Menschen, der zunehmend aus der menschlichen Gesellschaft herausgeht, der ihr sprichwörtlich entwächst. Geiger meint, dass „[…] die Entfremdung des Makanthropen von den ,Mikanthropen', den kleinen Menschen des Alltags, sein Eingehen in den Makrokosmos der Natur […] ex negativo die Entfremdung des ,normalen' Menschen von der Natur [...]“ zeige. Das Eingehen des Protagonisten in den (Makro-)Kosmos wird deshalb von manchen Autoren auch als „Kosmisierung“ bezeichnet.
Die Novelle Un om mare wird auf realistische Weise erzählt. Sowohl die Eigenschaften der Personen, ihre Mittel (Taxi), ihr Handeln (Arzt rufen), als auch die Orte, an denen die Handlung spielt, sind realistisch. Geografisch lässt sich Cucoaneș's Spur verfolgen von Bukarest zum Berg „Păduchiosul” (Bucegi-Gebirge), in die Gegend zwischen Moroieni und Dobrești, nach Bărăgan und schließlich nach Konstanza ans Schwarze Meer. Mittels eines schnörkellosen, unaufgeregten Schreibstils und mittels der Konstruktion einer ganz normalen, höchst realen Welt setzt Eliade einen Kontrapunkt zum unnormalen und irrealen Geschehen, was stattfindet. Geiger sieht diesen literarischen Realismus als Zugeständnis Eliades an die desakralisierte Welt der Leser an – durch die realistisch gehaltene Erzählung zwinge er den Leser, sich dem Mythischen zu stellen.
Mit dem Motiv des Riesen greift Eliade auf ein Motiv zurück, was sich in vielen alten Kulturen der Welt findet: die Vorstellung, dass die Welt und die Menschheit aus einem übergroßen Urmenschen hervorging, beziehungsweise dass die Welt früher von Riesen bewohnt war. Mit Un om mare kehrt Eliade diese Vorstellung um. Mit seinem sich beschleunigenden Wachstum nähert sich Cucoaneș nicht nur einem mythischen Urzustand an, sondern tritt auch je weiter die Geschichte geht desto mehr aus der Dimension der Zeit überhaupt heraus. Die letzten Beschreibungen seiner Aufenthaltsorte sind im Gegensatz zu den anfänglichen realistischen Beschreibungen von Ort und Zeit deshalb eher legendenhaft erzählt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert die Bedeutung Mircea Eliades als Religionshistoriker und Literat und führt in die Fragestellung ein, wie das Motiv der Zeit in drei ausgewählten phantastischen Erzählungen das Mysteriöse erfahrbar macht.
2. Un om mare (Der Makanthropus): Dieses Kapitel beleuchtet den biographischen Kontext und die inhaltliche Handlung der Erzählung, in der ein Mann durch eine Krankheit physisch unaufhaltsam wächst und sich dadurch aus der menschlichen Gesellschaft in einen mythischen Zustand begibt.
3. Fata căpitanului (Das Mädchen des Hauptmannes): Hier wird die Geschichte des Jugendlichen Brânduș analysiert, der durch das Erraten eines Familiengeheimnisses in eine phantastische Zeitdynamik gerät, wobei die Zeit als Achse des Geschehens dient.
4. La Țigănci (Bei den Zigeunerinnen): Das Kapitel untersucht die Begegnung des Klavierlehrers Gavrilescu mit einer mysteriösen Welt, die als ein Ausbruch aus der profanen Zeit und als eine Remythisierung durch das Erleben des „Jetzt“ interpretiert wird.
5. Schlussbetrachtungen: Das Fazit fasst zusammen, dass Eliades Geschichten als Aufforderung zur Auseinandersetzung mit dem Nebulösen dienen und die Zeit darin als Bühne für das Mysteriöse fungiert, um dem entmythologisierten Zustand der Moderne entgegenzuwirken.
Schlüsselwörter
Mircea Eliade, Zeitmotiv, Phantastik, Religionswissenschaft, Mythologie, Remythisierung, Un om mare, Fata căpitanului, La Țigănci, Profanes, Heiliges, Moderne, Entfremdung, Metaphysik, Literaturanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das literarische Schaffen von Mircea Eliade im Kontext seiner religionswissenschaftlichen Expertise, insbesondere unter dem Fokus des Zeit-Motivs.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis zwischen dem Profanen und dem Heiligen, die Rolle der Zeit in phantastischen Erzählungen und die Kritik an der modernen, entmythologisierten Welt.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Tiefe von Eliades literarischem Vermächtnis auszuloten und zu zeigen, wie seine theoretischen Konzepte zur Zeit in seinen Erzählungen zur Darstellung des Mysteriösen führen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die biographische Kontexte mit interpretativen Analysen der Erzählungen und der Einbeziehung religionswissenschaftlicher Fachliteratur verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die drei Novellen "Un om mare", "Fata căpitanului" und "La Țigănci" jeweils hinsichtlich ihres biographischen Hintergrunds, ihres Inhalts und ihrer narrativen Struktur analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich vor allem durch die Begriffe Mircea Eliade, Zeitmotiv, Phantastik, Remythisierung und die Analyse des Verhältnisses von Heiligem und Profanem charakterisieren.
Inwiefern spielt der "Biographische Kontext" für die Novellen eine Rolle?
Die Autorin zeigt auf, dass Eliades Erlebnisse im Exil, seine wissenschaftliche Arbeit und seine persönlichen Lebensumstände maßgeblich in die Genese und Thematik seiner phantastischen Prosa eingeflossen sind.
Warum wird Gavrilescu in "La Țigănci" als eine andere Kategorie von Protagonist bezeichnet?
Im Gegensatz zu den außergewöhnlichen Figuren der anderen beiden Erzählungen wird Gavrilescu als ein "normaler" Mensch beschrieben, der durch Zufall in eine außergewöhnliche, mysteriöse Situation gerät.
Was meint der Begriff "Kosmisierung" im Kontext von "Un om mare"?
Der Begriff beschreibt das Eingehen des Protagonisten Cucoaneș in den Makrokosmos der Natur und seine damit verbundene zunehmende Entfremdung von der Welt der "kleinen Menschen" des Alltags.
- Arbeit zitieren
- B.A. Janka Vogel (Autor:in), 2013, Mensch und Mysteriöses. Das Motiv der Zeit in ausgewählten phantastischen Erzählungen Mircea Eliades, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323333