Die Bibelübersetzung Martin Luthers und ihre Bedeutung für die Vereinheitlichung der deutschen Schriftsprache


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
15 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Überblick

2. Sprachliche Ausgangsbedingungen Luthers Wirken

3. Luthers Sprache
3.1. sprachliche Einflüsse
3.2. Lexik
3.3. Syntax
3.4. Die Verbreitung Luthers Sprache

4. Luthers Bedeutung für die Vereinheitlichung der deutschen Schriftsprache

5. Literaturverzeichnis

1. Überblick

Der Name Martin Luther hat sich unserem Gedächtnis über Jahrhunderte hinweg eingeprägt.

Die durch ihn formulierte Kritik an der Kirche und die damit eingeleitete Reformation gehören bis heute zu den bedeutenden Ereignissen deutscher Geschichte. Durch Luthers Übersetzung wurde die Bibel erstmalig allen Bevölkerungsschichten zugänglich, sodass auch die von ihm verwandte Sprache großräumig Verbreitung fand.

Die Bedeutung Luthers für die Entwicklung der Schreiblandschaften zur Neuhochdeutschen Schriftsprache unterliegt differenten Forschungsmeinungen. Während Konrad Burdach Luther als ‚Nachzügler’[1] der sprachlichen Entwicklung bewertet, ernennt Friedrich Kluge ihn zum ‚Schöpfer’[2] der einheitlichen Schriftsprache. Diese konträren Einschätzungen lassen die Vielfältigkeit dieser Thematik erkennen.

In dieser Hausarbeit soll der Beitrag Martin Luthers für die Vereinheitlichung der deutschen Schriftsprache näher betrachtet werden. Um seinen Einfluss adäquat beurteilen zu können, wird im folgenden Teil dieser Arbeit zunächst die Situation der deutschen Sprache vor Luthers Wirken dargelegt. Des Weiteren werden die auf Luther wirkenden sprachlichen Einflüsse aufgezeigt, welche für die Bedeutung seines Schaffens aufschlussreich erscheinen. Um Luthers Sprache im Kontext der sprachlichen Entwicklung bewerten zu können, wird eine Untersuchung seines Wortschatzes sowie der Syntax seiner Schriften folgen.

2. Sprachliche Ausgangsbedingungen Luthers Wirken

Im Spätmittelalter entwickelte sich eine Ablösung des bis dahin in der Urkunden- und Amtssprache vorherrschenden Lateins, dieser Tendenz folgte auch die Dichtung. Der durch den erhöhten Handel- und Kanzleiverkehr motivierte Prozess breitete sich im Süden beginnend, weiter nach Norden aus. Dabei bewirken die Fachsprachen eine Herausbildung überregionaler Schreiblandschaften, welche nördlich bzw. südlich der Benrather Linie liegen. Nördlich der Linie entstand die niederdeutsche (nd.) Geschäftssprache der Hanse, welche in der Schriftlichkeit bereits im 15. Jh. dem Frühneuhochdeutschen wich. Im hochdeutschen Süden konkurrierten die Schriftsprachen des Ostmitteldeutschen (omd.), des Oberdeutschen (obd.), sowie des Alemannischen (alem.).

Um die Entstehung einer landschaftsübergreifenden, einheitlichen Schriftsprache zu ergründen, ist eine Differenzierung zwischen Mundart und Schreibdialekt notwendig. Frühere Forschungsmeinungen gingen von einem überlandschaftlichen Ausgleichsprozess auf Mundartebene aus, welcher auf der Schriftebene verwirklicht wurde. Danach bildete insbesondere der durch die Siedlerströme beeinflusste ostmitteldeutsche Dialekt eine Basis für die spätere neuhochdeutsche Schriftsprache.

Entgegen dieser Einschätzung wird gegenwärtig von einem Ausgleich ausschließlich auf der Schriftebene ausgegangen, wobei sich Volks- und Schreibsprache zunehmend voneinander entfernten.[3] Diese Entwicklung ist auf die von Schildt als diastratisch definierte Ebene zurückzuführen: der Literatursprache bediente sich allein die Oberschicht, dem Volk blieb sie aufgrund mangelnder Lese- und Schreibkompetenzen vorenthalten.[4]

Frühe Ausgleichstendenzen zeigt die donauländische Schreiblandschaft, welche landschaftliche Eigenheiten zunehmend vermied und als ‚gemein deutsch’ bezeichnet wurde. Die unter Kaiser Maximilian angestrebte einheitliche Kanzleisprache wirkte über das gesamte süddeutsche Sprachgebiet und beeinflusste auch das Ostmitteldeutsche. Der ostmitteldeutsche Sprachraum bestand aus den Gebieten Sachsen, Thüringen, Schlesien und Teilen Böhmens.

Die aus diesem Areal hervorgehende ‚wettinische Kanzleischreibe’ (später meißnisch, obersächsisch) war bereits um 1500 ähnlich vereinheitlicht wie das oberdeutsche Gemeindeutsch, da dialektale Merkmale ausgesondert wurden. Das meißnische Hochdeutsch genoss auch im östlichen Norddeutschland Ansehen, sodass es die angrenzenden niederdeutschen Kanzleien bereits im Verlauf des 15. Jh. übernahmen.[5]

Als Übergangsgebiet zwischen dem nieder- und hochdeutschen Sprachraum war der ostmitteldeutsche Siedlerraum stetigen sprachlichen Einflüssen ausgesetzt. Dabei spricht Besch von einer ostmitteldeutschen ‚Öffnung’ gegenüber ostoberdeutscher (oobd.) Sprache, welche aus der sprachlichen Elastizität des Siedlerraumes resultiere.[6] Das Ostoberdeutsche wirkte seit dem Spätmittelalter auf das Ostmitteldeutsche ein, sodass eine Vormachtstellung dieser sich angleichenden Schreiblandschaften begünstigt wurde. Beide Schreiblandschaften verfügten über ein großes Geltungsareal sowie gesellschaftliches Prestige, wodurch dem Oobd.-Omd. eine führende Rolle zukam.[7] Der niederdeutsche Norden sowie der westliche Sprachraum nahmen daher eine eher unterlegene Position in den zunehmenden Ausgleichsprozessen ein.

Durch die Erfindung des Buchdrucks im 15. Jh. nahm die Vielfalt der Textsorten beständig zu, was die funktionale[8] Ausbreitung des Deutschen förderte. Es entwickelten sich landschaftlich beeinflusste Druckersprachen, welche besonders in den hochdeutschen Zentren des Buchdrucks noch im 16. Jh. bestehen und denen anfänglich kein großer Anteil an den Ausgleichsprozessen zukommt.[9] Trotz der starken Zunahme deutscher Textarten sind 1520 noch 90% aller Drucke auf Latein erschienen, erst 1631 überwiegen deutsche Texte.

3. Luthers Sprache

3. 1. sprachliche Einflüsse

Um das sprachliche Schaffen Luthers beurteilen zu können, ist zunächst die Betrachtung seiner muttersprachlichen Herkunft von Bedeutung. Die aus dem thüringischen Möhra stammenden Eltern Luthers, zogen kurz vor dessen Geburt in das damals nd. Eisleben. Ein Jahr später zogen sie in das ebenfalls noch nd. Mansfeld, wo Luther ab dem 5. Lebensjahr die Lateinschule besuchte. Durch den thüringischen Dialekt seiner Eltern und dem niederdeutschen seiner örtlichen Umgebung wurde Luther früh für die innerdeutschen Sprachdifferenzen sensibilisiert, wobei auch die Grenznähe Mansfelds zum Ostmitteldeutschen dazu beigetragen hat. Nach einem einjährigen Schulbesuch im nd. Magdeburg folgt für den 15-jährigen Luther ein dreijähriger Schulbesuch in Eisenach. Dem Abschluss seiner Schulbildung schlossen sich weitere Jahre des Studiums in Erfurt an, sowie der Eintritt in das dortige Kloster der Augustiner-Eremiten. Die Jugendjahre Luthers in thüringischer Umgebung dürften die ostmitteldeutschen Elemente seiner Sprache verstärkt haben. Als Luther 1511 an der Wittenbergischen Universität zu lehren begann, befand er sich abermals in einem nd.-omd. Übergangsgebiet.[10] Der nd. Sprachraum war bereits ostmitteldeutsch beeinflusst, dennoch war das Niederdeutsche aus der gesprochenen Sprache nicht vollständig verdrängt.

Der omd.-nd. Grenzlage seiner Herkunft bzw. die seiner späteren Aufenthaltsorte misst Fritz Tschirch eine besondere Bedeutung für Luthers Sprachgefühl und sein späteres Wirken zu: „ Man darf nur einmal das Denkexperiment machen und Luther aus Kiel oder Konstanz kommen lassen, um den sprachhistorischen Glücksfall seiner Mittellage zu ermessen.“[11]

Einfluss auf Luthers Sprachverständnis nahm auch die religiöse Erbauungsliteratur der Mystik. Die Sprache der Mystiker wollte religiöse Erfahrungen bildhafter beschreiben und dem seelischen Innenleben der Menschen Ausdruck verleihen. Dafür schufen sich die Mystiker eine philosophische Sondersprache, welche z. T. durch Predigten besonders in Ostmitteldeutschland Eingang in die Volkssprache fand. Es entstanden u. a. zahlreiche Wortableitungen durch Präfigierung, wobei oftmals der Inhalt negiert wurde. Weiterhin bildeten sie verschiedene Abstrakta und substantivierte Eigenschaftswörter.

Luther fühlte sich dieser anschaulichen Sprache verbunden und notierte nach der Lektüre der ‚Theologica Deutsch’, welche er 1518 herausgab: „ Ich danck Gott, das ich yn deutscher zungen meyen gott alßo höre und finde, als ich und sie mit myr alher nit funden haben“.[12]

Auch Luthers Ziel war es, das Deutsche bildreicher und volksnäher zu gestalten. Trotz dem Luther als Theologe eher der gehobenen Sprache verpflichtet war, maß er der gesprochenen Sprache des kirchlichen Lebens eine hohe Bedeutung zu. Luther predigte in der Tradition der Dominikaner und Franziskaner vor dem Volk in lebendiger und allgemeinverständlicher Sprache: „ Ich wil […] mich gar nichts schemenn deutsch den ungeleretenn layen zupredigen und schreiben“.[13]

Um ab 1521 das Neue Testament aus dem Urtext zu übersetzten, eignete sich Luther in nur elf Wochen das Griechische an. Dagegen basierten vorherige Übersetzungen ins Deutsche stets auf der lateinischen Bibel. Doch als Theologe sah Luther in der Aneignung von Fremdsprachen eine Notwendigkeit: „ Ich halte es gar nichts mit denen, die nur auff eyne sprache sich so gar geben und alle andere verachten“.[14] Da Luther auch dem Hebräischen mächtig war, konnte er auch das Alte Testament eindeutschen. Das Studium antiker Sprachen schärfte dabei sein Sprachgefühl, sodass er auch die Eigenheiten der deutschen Sprache bewusst wahrnahm. Im folgenden Teil dieser Arbeit sollen Luthers Wortschatz sowie die Syntax seiner Schriften als Ausgangspunkt für die Beurteilung seines sprachlichen Einflusses dienen.

[...]


[1] Vgl. Burdach, Konrad: Luthers Bedeutung für die Ausbildung der neuhochdeutschen Schriftsprache. In: Luthers Deutsch. Sprachliche Leistung und Wirkung. Hrsg. von Herbert Wolf. Frankfurt a. Main: Peter Lang 1996 (= Dokumentation germanistischer Forschung, Bd. 2), S. 42-44, hier S. 43

[2] Vgl. Kluge, Friedrich: Luthers sprachgeschichtliche Stellung. In: Luthers Deutsch. Sprachliche Leistung und Wirkung. Hrsg. von Herbert Wolf. Frankfurt a. Main: Peter Lang 1996 (= Dokumentation germanistischer Forschung, Bd. 2), S. 47-52, hier S. 48

[3] Vgl. Besch, Werner: Die Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache. Die Rolle Luthers. In: Luthers Deutsch. Sprachliche Leistung und Wirkung. Hrsg. von Herbert Wolf. Frankfurt a. Main: Peter Lang 1996 (= Dokumentation germanistischer Forschung, Bd. 2), S. 91-108, hier S. 102

[4] Vgl. Schildt, Joachim: Martin Luthers deutsches Sprachschaffen. Seine Bedeutung für die Entwicklung der deutschen Sprache. In: Luthers Sprachschaffen. in 3 Bd. – Band 1: Gesellschaftliche Grundlagen, Geschichtliche Wirkungen. Hrsg. von Joachim Schildt. Oberlungwitz: Akademie der Wissenschaften 1984 (= Linguistische Studien, Reihe A, Bd. 1), S. 30-47, hier S. 33f.

[5] Vgl. von Polenz, Peter: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. in 3 Bd.- Band 1. Einführung, Grundbegriffe, 14. bis 16. Jahrhundert. 2., überarb. u. erg. Aufl., Berlin: Walter de Gruyter 2000, S. 165

[6] Vgl. Besch, Die Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache. Die Rolle Luthers, S. 106

[7] Vgl. Polenz, Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart, S. 166

[8] Vgl. Schildt, Martin Luthers deutsches Sprachschaffen. Seine Bedeutung für die Entwicklung der deutschen Sprache, S. 34

[9] Vgl. Moser, Hugo: Deutsche Sprachgeschichte. Mit einer Einführung in die Fragen der Sprachbetrachtung. 6., überarb. Aufl., Tübingen: Max Niemeyer Verlag 1969, S. 141

[10] Vgl. Schildt, Joachim: Die Sprache Luthers – Ihre Bedeutung für die Entwicklung der deutschen Schriftsprache. In: Martin Luther. Leben, Werk, Wirkung. Hrsg. von Günter Vogler. Berlin: Akademie- Verlag 1983, S. 307- 324, S. 311

[11] Vgl. Tschirch, Fritz: Geschichte der deutschen Sprache. in 2 Teilen - 2. Teil: Entwicklung und Wandlungen der deutschen Sprachgestalt vom Hochmittelalter bis zur Gegenwart. Hrsg. von Hugo Moser u. Hartmut Steinecke. 3., erg. u. überarb. Aufl., Berlin: Erich Schmidt Verlag 1969 (= Grundlagen der Germanistik, Bd. 9), S. 108

[12] Vgl. Schildt, Die Sprache Luthers – Ihre Bedeutung für die Entwicklung der deutschen Schriftsprache, S. 312

[13] Vgl. Polenz, Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart, S. 231

[14] Vgl. Schildt, Die Sprache Luthers – Ihre Bedeutung für die Entwicklung der deutschen Schriftsprache, S. 311

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Bibelübersetzung Martin Luthers und ihre Bedeutung für die Vereinheitlichung der deutschen Schriftsprache
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Germanistik)
Veranstaltung
Sprachgeschichte im Überblick
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V323435
ISBN (eBook)
9783668224360
ISBN (Buch)
9783668224377
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bibelübersetzung, martin, luthers, bedeutung, vereinheitlichung, schriftsprache
Arbeit zitieren
Tanja Wille (Autor), 2010, Die Bibelübersetzung Martin Luthers und ihre Bedeutung für die Vereinheitlichung der deutschen Schriftsprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323435

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