Ziel dieser Arbeit ist eine Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Verständnissen von Behinderung des professionsbezogenen Diskurses in der Behindertenpädagogik, um genau zu dieser reflektierten Haltung zu Gelangen. Gemäß dem historischen Diskurswechsel wird zunächst das individualtheoretische (medizinische) Modell skizziert und anschließend das soziale Modell. Im letzten Schritt sollen die ICIDH und Die ICF skizziert werden, wodurch beide Modelle integriert wurden und Kontextfaktoren in das Konstrukt Behinderung einbezo-gen wurden. Bei letzterem soll deutlich werden, was der Anteil der ErzieherIn an einer Be-hinderung ist. Wobei auch andere gesellschaftliche Strukturen an der Produktion von Behin-derung beteiligt sind. Zudem soll die Forderung der Inklusion nach ‚Dekategorisierung‘ kritisch hinterfragt werden.
Bildung bedeutet sich ein Bild von Etwas und Jemanden zu machen. Der allgemeine Bil-dungsbegriff der Erziehungswissenschaft scheint hier in der Sonderpädagogik zu scheitern. Mit der Orientierung ans einer Stilisierung der Vernünftigkeit und Höherbildung im Sinne von Ich-denke und dem Kanonisierung des Wissens, wird eine Norm gesetzt mit einer inhärenten Erwartung, der Menschen mit geistiger Behinderung nicht gerecht werden können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Verständnisse von Behinderung
2.1 Die individualtheoretische (medizinische) Sichtweise
2.2 Behinderung als soziale Zuschreibung
2.3 Behinderung als mehrdimensionales und relationales Konstrukt – ICIDH und ICF
2.3.1 ICIDH - International Classification of Impairments, Disabilities and Handicaps
2.3.2 ICF - International Classification of Functioning, Disability and Health
2.4 Inklusion und Dekategorisierung
3. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit den unterschiedlichen Verständnissen von Behinderung im professionsbezogenen Diskurs der Behindertenpädagogik auseinander, um eine reflektierte pädagogische Haltung zu entwickeln und die Forderung nach Inklusion zu hinterfragen.
- Historischer Diskurswechsel: Vom individualtheoretischen zum sozialen Modell.
- Kritische Analyse von ICIDH und ICF als mehrdimensionale Konstrukte.
- Reflexion der Rolle gesellschaftlicher Strukturen bei der Produktion von Behinderung.
- Diskussion des Inklusionsbegriffs und der Forderung nach Dekategorisierung.
- Bedeutung von Anerkennung, Ethik und Menschlichkeit in der pädagogischen Interaktion.
Auszug aus dem Buch
2.1 Die individualtheoretische (medizinische) Sichtweise
Behinderung aus individualtheoretischer Sichtweise beschreibt Beeinträchtigungen aus medizinischer Perspektive und ist eine personen- oder merkmalsbezogene Kategorie. Medizinisch wird dieses Modell genannt, da sowohl die Normabweichungen auf den Körper bezogen sind, als auch die ‚Heilungsversuche‘. Die medizinischen Lösungsansätze werden in zahlreichen Therapien wie Logopädie, Ergotherapie, Physiotherapie etc. sichtbar. Durch das Bestreben nach Heilung wird bereits das negative und defizitäre Bild auf Menschen mit Behinderung deutlich (vgl. Lindmeier/Lindmeier 2012, S. 29)
Zirfas skizziert ein Folgemodell in fünf Schritten logischer beziehungsweise quasilogischer Argumente der individualtheoretischen Sichtweise.
„Hier wird die Behinderung des Menschen als Krankheit, Folgeleiden, Devianz, Dysfunktionalität, Defekt usw. definiert, um dann in einem zweiten Schritt den Menschen mit seiner Behinderung zu identifizieren: aus dem Menschen wird ein Behinderter, er ist ein Behinderter – im Unterschied zu: er hat oder er lebt mit Behinderung. Die Identifikation des Menschen mit seinen Beeinträchtigungen wird dann in einem dritten Schritt auf inhaltliche Sollensforderungen des Menschen bezogen, d.h. dem anthropologischen Gedankengang in der Theorie der Behinderten liegt eine Teleologie zugrunde: Der als behindert geltende Mensch hat sich am Maßstab des Nicht-Behinderten, des statistisch normalen oder idealistisch Guten des Menschen zu messen. Ein vierter – pädagogischer Schritt – führt dann dazu, dass man Erziehung mit eingeschränkten Lernmöglichkeiten begreift … denn der Behinderte ist ‚gestört‘, er braucht individuelle Lernmethoden und Lernorte. Das führt zu einer Theorie der Wohltätigkeit, die Erziehung und Bildung als Hilfe für die ‚schwächsten Glieder‘ der Gesellschaft versteht; der Erzieher – so scheint es – ist Retter der Menschheit des Behinderten…“ (Zirfas 2004, S. 205, Hervorhebungen im Original).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet das Recht auf inklusive Bildung im Kontext der Menschenrechte und thematisiert das Spannungsfeld zwischen pädagogischem Handeln und gesellschaftlichem Auftrag.
2. Verständnisse von Behinderung: Dieses Kapitel analysiert verschiedene theoretische Ansätze, darunter die medizinische Sichtweise, das soziale Modell sowie die ICF, und deren Auswirkungen auf die pädagogische Praxis.
2.1 Die individualtheoretische (medizinische) Sichtweise: Beschreibt Behinderung als personen- oder merkmalsbezogene Kategorie mit Fokus auf Defiziten, Heilung und strikter Klassifikation.
2.2 Behinderung als soziale Zuschreibung: Kritisiert die Blindheit gegenüber gesellschaftlichen Bedingungen und fokussiert stattdessen auf das ‚Behindertwerden‘ durch soziale Isolation und Exklusion.
2.3 Behinderung als mehrdimensionales und relationales Konstrukt – ICIDH und ICF: Untersucht die Entwicklung von der ICIDH zur ICF, wobei Behinderung als dynamische Interaktion zwischen Gesundheit und Kontextfaktoren begriffen wird.
2.3.1 ICIDH - International Classification of Impairments, Disabilities and Handicaps: Analysiert die erste mehrdimensionale Klassifikation der WHO und deren defizitorientierten Ansatz.
2.3.2 ICF - International Classification of Functioning, Disability and Health: Erläutert das bio-psycho-soziale Modell, das Behinderung als kontextabhängige Situation und Ergebnis von Interaktionen versteht.
2.4 Inklusion und Dekategorisierung: Diskutiert den Paradigmenwechsel hin zur Inklusion und die Herausforderungen einer möglichen Dekategorisierung für das Sonderschulwesen.
3. Schluss: Fasst zusammen, dass Inklusion ein Spannungsfeld bleibt und plädiert dafür, bei aller Anerkennung von Vielfalt, die Notwendigkeit von Diagnosen im Sinne einer Anwaltschaft für Menschen mit Behinderung nicht gänzlich aufzugeben.
Schlüsselwörter
Inklusion, Behinderung, Sonderpädagogik, ICIDH, ICF, Menschenrechte, Dekategorisierung, soziale Zuschreibung, Behindertenpädagogik, Partizipation, soziale Konstruktion, medizinische Sichtweise, pädagogisches Handeln, Stigmatisierung, Anerkennung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht kritisch die verschiedenen theoretischen Sichtweisen auf Behinderung im Bereich der Behindertenpädagogik und analysiert, wie diese Modelle die Umsetzung von Inklusion beeinflussen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf dem historischen Wandel vom medizinischen zum sozialen Modell von Behinderung, der Analyse der ICIDH und ICF sowie der kritischen Diskussion inklusiver Bildung und Dekategorisierung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist eine Auseinandersetzung mit dem professionsbezogenen Diskurs der Behindertenpädagogik, um eine reflektierte pädagogische Haltung gegenüber Menschen mit Behinderung und der Forderung nach Inklusion zu entwickeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Diskursanalyse, bei der Fachliteratur und verschiedene Klassifikationsmodelle (medizinisch, sozial, ICIDH/ICF) analysiert und kritisch in Beziehung gesetzt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der individualtheoretischen Sichtweise, das soziale Modell der Behinderung, die detaillierte Betrachtung der ICIDH und ICF sowie die Diskussion um Inklusion und Dekategorisierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Inklusion, Behinderung, Behindertenpädagogik, ICF, Menschenrechte, Dekategorisierung und Partizipation.
Wie unterscheidet sich das soziale Modell vom medizinischen Modell?
Das medizinische Modell verortet das Problem der Behinderung im Individuum und strebt Heilung an, während das soziale Modell Behinderung als gesellschaftlich verursachtes Phänomen betrachtet, bei dem Barrieren in der Umwelt abgebaut werden müssen.
Warum wird im Fazit für die Beibehaltung von Diagnosen plädiert?
Die Autorin argumentiert, dass die Angst vor Kategorisierung dazu führen könnte, Menschen mit besonderen Bedürfnissen nicht mehr angemessen unterstützen zu können, weshalb Diagnosen weiterhin als notwendiges Instrument für gezielte Hilfe gesehen werden.
Welche Rolle spielt die ICF in diesem Diskurs?
Die ICF integriert sowohl medizinische als auch soziale Aspekte und betrachtet Behinderung als dynamische Interaktion zwischen einem Gesundheitsproblem und Kontextfaktoren, was Inklusion flexibler und kontextabhängiger macht.
Was bedeutet Dekategorisierung im Kontext der Inklusionsdebatte?
Dekategorisierung meint die Aufhebung der Trennung in „behindert“ und „nicht behindert“. Die Arbeit diskutiert dies kritisch, da damit die Gefahr einhergehen könnte, spezifische Bedürfnisse von Kindern zu vernachlässigen.
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- Bachelor of Arts Lisa Maria Neulist (Author), 2016, Diskurse um Verständnisweisen von Behinderung mit dem Fokus auf Inklusion, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323529