Die Arbeit untersucht, inwieweit Raabes "Pfisters Mühle" der Epoche der Postmoderne zuzuordnen ist – und hinterfragt dabei zugleich den diffusen Begriff 'Postmoderne'. Anstatt auf die Zugehörigkeit zu einer "postmodernen Epoche" wird die Untersuchung auf ein "postmodernes Kunstwollen" spezifiziert. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht dabei das Merkmal der Intertextualität.
Zunächst werden der Epochenbegriff und der Terminus 'Intertextualität' definiert, bevor der Text einer Analyse unterzogen wird, die sich exemplarisch auf das Motiv der verlassenen Mühle konzentriert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Postmoderne – Epoche oder Geisteshaltung?
3. Intertextualität
4. Wilhelm Raabes Pfisters Mühle
4.1. Intertextualität – Von der Mühle zur neuen Welt
4.2. Intertextualität – Von der Mühle zum Liebesbrief
4.3. Intertextualität – Von der Mühle zur Mühle
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Wilhelm Raabes Roman Pfisters Mühle im Hinblick auf dessen intertextuelle Verweisstruktur, um zu analysieren, inwiefern das Werk als Roman der Postmoderne eingeordnet werden kann oder ob Raabes Montage von Zitaten und Anspielungen als eigenständiges künstlerisches "Kunstwollen" zu verstehen ist.
- Analyse der theoretischen Grundlagen des Postmoderne-Begriffs
- Definition und Anwendung des Konzepts der Intertextualität
- Untersuchung von Montagetechniken und Verweissystemen bei Wilhelm Raabe
- Deutung symbolischer Leitmotivausprägungen (Umwelt, Technik, Tradition)
- Differenzierung zwischen intentionaler Autorenschaft und literarischer Rezeption
Auszug aus dem Buch
4. Wilhelm Raabes Pfisters Mühle
„Bis dahin, wo es in Pfister’s Mühle übel zu riechen beginnt, war alles gut“36, so das Antwortschreiben auf Wilhelm Raabes Anfrage, seinen Roman Pfisters Mühle in der Deutschen Rundschau zu veröffentlichen. Bereits die zweite Absage, die der von Geldsorgen geplagte Raabe für sein Manuskript erhalten hatte. 37 Die Odyssee des Romans endete schließlich Weihnachten 1884, als er, acht Monate nach Fertigstellung, für den Druck im Grenzboten bereit lag.38
Zählt Wilhelm Raabe heute zu den kanonisierten Schriftstellern deutscher Literatur, fand er beim zeitgenössischen Publikum wenig Anerkennung und drohte gegen Ende des 19. Jahrhunderts fast komplett in Vergessenheit zu geraten39: „Sagt einmal wißt Ihr gar kein Mittel, um die Leute zu bewegen, meine Bücher zu kaufen?“40, klagt Raabe in Briefwechseln. Gefangen im Zwang des Kapitalismus, die breite Masse mit „Verkaufsartikeln“41 zu bedienen, erschließen sich nur den wenigsten Lesern seine virtuos verstrickten Verweissystem – und damit der verschlüsselte Inhalt. Missverstanden und in das Klischee des humoristischen Schriftstellers gedrängt, kam keinem Leser die Idee, „zwischen den Zeilen zu lesen.“42
Zugestanden, Raabe hat seinen Lesern nicht einfach gemacht. War sein Frühwerk, bereits hier mit unzähligen Zitaten und Verweisen durchzogen, noch sein größter wirtschaftlicher Erfolg, bezeichnete Raabe die Romane seiner Anfangsjahre in späterer Retrospektive nur als „Jugendquark.“43 Beides lässt sich wohl mit der noch „naiven Selbstverständlichkeit“44 seiner Querverweise erklären, die sich in späteren Jahren zu einem komplexeren Netz spannten. Nicht mehr nur Kommentar zum Erzählen, sondern Kommentar zum Erzählen. Zitate als Montage zur Reflexion übers Zitieren: „Jeder [malt] in seiner Weise an den Bildern dieser Welt weiter“45, fasst Protagonist Ebert Pfister das Prinzip zusammen. Bis schließlich die Zitierpraxis endgültig ad absurdum geführt wird und komplette Langzitate den Text durchziehen, Anspielungen aus dem Zusammenhang gerissen und entfremdet, oder komplette Leitmotive und Strukturen der Handlung nur durch Verweise transportiert werden.46
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Rezeptionsgeschichte Raabes dar und führt in die Fragestellung ein, ob Pfisters Mühle als postmoderner Roman klassifiziert werden kann.
2. Die Postmoderne – Epoche oder Geisteshaltung?: Dieses Kapitel diskutiert den Begriff der Postmoderne, grenzt ihn von einer bloßen Epoche ab und schlägt eine Betrachtung als "Kunstwollen" oder Geisteshaltung vor.
3. Intertextualität: Hier wird der theoretische Rahmen der Intertextualität definiert, wobei der Fokus auf dem Zusammenspiel von Prätexten und Folgetexten sowie der Rolle der Interpretationsfreiheit liegt.
4. Wilhelm Raabes Pfisters Mühle: Dieses Hauptkapitel analysiert die Publikationsgeschichte und die literarische Bedeutung von Raabes Werk im Kontext seines Zeitverständnisses.
4.1. Intertextualität – Von der Mühle zur neuen Welt: Die Untersuchung des Leitmotivs der Mühle und wie intertextuelle Bezüge den gesellschaftlichen Wandel und den Konflikt zwischen Tradition und Industrialisierung spiegeln.
4.2. Intertextualität – Von der Mühle zum Liebesbrief: Ein Kapitel über verborgene Botschaften und persönliche Korrespondenzen, die Raabe mittels intertextueller Chiffren in den Roman integriert hat.
4.3. Intertextualität – Von der Mühle zur Mühle: Die Reflexion darüber, wie der gesamte Roman als ein in sich geschlossenes intertextuelles Verweissystem verstanden werden kann.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass Raabe ein "künstlerisches Gesamtwerk" schuf, das durch seine Montage-Technik Vorläufer moderner postmodernen Ansätze ist.
Schlüsselwörter
Intertextualität, Wilhelm Raabe, Pfisters Mühle, Postmoderne, Montagetechnik, Literaturwissenschaft, Zitatpraxis, Kunstwollen, Verweissystem, Interpretationsfreiheit, Epochenbegriff, Romananalyse, industrielle Revolution, literarische Montage, Rezeptionsgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit dem Werk Pfisters Mühle von Wilhelm Raabe und untersucht, inwiefern die darin verwendete spezifische Montagetechnik und Intertextualität eine Einordnung des Romans als postmoderne Literatur rechtfertigen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind der Postmoderne-Diskurs, die Theorie der Intertextualität, die Rolle des Autors im Verhältnis zum Leser sowie die literarische Verarbeitung gesellschaftlicher Transformationsprozesse des 19. Jahrhunderts.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu klären, ob Raabes Romane zwanghaft unter das Label "Postmoderne" subsumiert werden sollten oder ob sie eine eigenständige, hochentwickelte künstlerische Strategie repräsentieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die begriffliche Definitionen mit einer textnahen Untersuchung von Zitaten, Verweisen und Montagetechniken verknüpft.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Erörterung der Postmoderne und Intertextualität sowie in drei spezifische Analyseschritte, die sich auf das Motiv der Mühle, die Bedeutung von Briefen und das in sich geschlossene Verweissystem des Romans beziehen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Intertextualität, Montagetechnik, Pfisters Mühle und Postmoderne charakterisiert.
Wie deutet der Autor die Funktion von Zitaten in Raabes Werk?
Die Zitate fungieren nicht als bloßer Selbstzweck der Belesenheit, sondern als systematische Montagetechnik, die dem Text eine zweite, tiefere Bedeutungsebene verleiht.
Welche Rolle spielen die biblischen Verweise in Pfisters Mühle?
Biblische Verweise wie der "Sündenfall" oder "Sardes" dienen dazu, den Verkauf der Mühle in einen größeren, teils moralischen oder apokalyptischen Kontext zu stellen und den Wandel der Zeit symbolisch zu überhöhen.
- Quote paper
- Niklas Kunstleben (Author), 2015, Intertextualität in "Pfisters Mühle" von Wilhelm Raabe. Ein Roman der Postmoderne?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323655