Frauen und der Linksterrorismus. Wie aus der Journalistin Ulrike Meinhof eine Terroristin wurde


Fachbuch, 2016
255 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Frauen und Terrorismus am Beispiel der RAF und der Bewegung 2. Juni 7
Vorwort 8
Stellung der Frauen in den 60er und 70er Jahren 10
Frauen in der RAF 13
Gründe für den Terrorismus 18
Lebenslauf einer typischen Terroristin der RAF und der Bewegung 2. Juni 23
Darstellung der Terroristinnen in den Medien 25
Schluss 27
Literaturverzeichnis 28

Frauen in der „Roten Armee Fraktion“. Weibliche Wege in den Linksterrorismus am Beispiel von Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin 29
Einleitung 30
Außerparlamentarische Oppositionsbewegungen in der BRD 41
Frauen in der BRD 49
Geschichte der „Roten Armee Fraktion“ 55
Erklärungsversuche für Wege in den Linksterrorismus 66
Weibliche Wege in den Linksterrorismus 85
Fazit 140
Literaturverzeichnis 144

Ulrike Meinhof. Der Weg einer Journalistin in den Terrorismus 153
Einleitung 154
Familiärer Hintergrund 155
Studienzeit in Marburg 157
Studienzeit in Münster oder „Kampf dem Atomtod“ 159
Kommunistin - Eintritt in die KPD 163
Beginn einer journalistischen Karriere 165
Chefredakteurin 167
Notstandsgesetze 168
Rotbuch II und DFU 172
„Hitler in Euch“ 173
Hochzeit 175
1. Mai-Kundgebung 1962 und die neue Linke 176
Probleme mit dem Arbeitgeber 177
Geburt und Hirntumor 178
Die deutsche Vergangenheitsbewältigung 179
Hörfunk - Ein neues Medium 181
Der Schah und Benno Ohnesorg 183
Rudi Dutschke 185
Gewalt in der Diskussion 187
Ein Kaufhausbrand und seine Folgen 189
Gefangenenbefreiung oder der Anfang vom Ende 192
Rote Armee Fraktion 194
Fazit 196
Literaturverzeichnis 198

„Sie hätten nicht die Macht, wenn sie nicht die Mittel hätten, die Schweine.“ Eine diachronische Analyse der Sprache von Ulrike Meinhof unter dem Aspekt ihrer Radikalisierung 201
Einleitung 202
Theorie und Methode 205
Zeithistorischer Kontext 215
Analyse der zentralen Texte 219
Auswertung 241
Fazit und Ausblick 243
Literaturverzeichnis 246
Anhang 251

Frauen und Terrorismus am Beispiel der RAF und der Bewegung 2. Juni

Yvonne Diewald, 2012

Vorwort

Die Regierung zu dieser Zeit unterdrückte die parlamentarische Opposition, verabschiedet Notstandsgesetze und die Angst vor einem erneuten NS-ähnlichen Staat griff vor allem in den Kreisen der Studenten um sich. Die Konflikte zwischen der „Nazi-Generation“ und der Jugend waren schier unüberbrückbar. Während die Generation des 2.Weltkrieges nach Ruhe und Ordnung strebte und das Erlebte zu vergessen versuchte, kämpfte die Jugend mit aller Kraft gegen die Unterdrückung des Erlebten. Sie strebte nach politischer und gesellschaftlicher Veränderung. Hauptsächlich Studenten gingen auf die Straßen, um gegen die Ungerechtigkeit in ihrem Land, aber auch die in der ganzen Welt zu demonstrieren. Doch wurden diese Demonstrationen immer öfter mit Polizeigewalt niedergeschlagen. Die Angst vor einem Polizeistaat wurde größer!

Am 2. Juni 1967 wird der Student Benno Ohnesorg bei einer Demonstration von einem Polizisten erschossen. Ob absichtlich oder aus Notwehr bleibt jedoch weitgehend ungeklärt. Dies war der Beginn der außerparlamentarischen Opposition, welche die Unterlegenheit der parlamentarischen Opposition kritisierte, die zustande gekommen war, da die zwei größten Parteien eine Koalition gegründet hatten.

Aus dieser außerparlamentarischen Opposition gründeten sich nach kurzer Zeit die radikaleren linksterroristischen Gruppen, unter welchen die Bedeutendsten die RAF und die Bewegung 2. Juni waren. Ihre Überzeugung, „dass der Kapitalismus ein Werkzeug zur Ausbeutung und Unterdrückung der Schwachen und damit ein Grundübel der Menschheit sei“[1], war so stark, dass sie hauptsächlich in der RAF viele Jahre überdauerte. Insgesamt kämpfte die Rote-Armee-Fraktion 28 Jahre lang, in drei Generationen, gegen die Regierung. Dabei schlossen sich nicht nur Männer, sondern auch erstaunlich viele Frauen dieser Gruppen an. Dieses Phänomen war der Bundesrepublik Deutschland zu dieser Zeit völlig neu. In Palästina gab es schon ähnliche Gruppen, wie die terroristische Vereinigung um Abu Hani, welche auch später Kontakte zur RAF hatte. Die Entführung des Flugzeuges „Landshut“ am 13. Oktober 1977[2] war ein Resultat aus diesen Kontakten. Dabei waren unter den vier palästinensischen Entführern zwei Frauen, die ebenso, wie ihre männlichen Genossen bewaffnet waren und ihre Waffen bei der Befreiungsaktion durch die GSG 9 einsetzten. In Irland kämpften Frauen an der Seite der Männer in der Irisch-Republikanischen Armee und mordeten ebenso brutal und effektiv wie diese.[3]

Diese Seminararbeit beschäftigt sich dabei allein mit den Frauen der RAF und der Bewegung 2. Juni, da sie eine Besonderheit zu ihrer Zeit waren. Die Frage dabei ist: Warum engagierten sich plötzlich so überdurchschnittlich viele Frauen in terroristischen Vereinigungen, welche Vorteile aber auch Nachteile zogen sie daraus?

[...]

Frauen in der „Roten Armee Fraktion“. Weibliche Wege in den Linksterrorismus am Beispiel von Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin

Constanze Mey, 2006

Einleitung

„Keiner von uns ist als Terrorist geboren worden.“[4]
(Klaus Jünschke, ehemaliger Terrorist der „Roten Armee Fraktion“)

Wer sich mit dem Terrorismus der „Roten Armee Fraktion“ (RAF) beschäftigt, an die von der RAF verübten Anschläge denkt, ist, angesichts der Grausamkeit dieser Aktionen, häufig nicht mehr in der Lage oder gewillt, sich mit den Bedingungen des Linksterrorismus auseinanderzusetzen. Man will nicht mehr nach dem „Warum“ fragen, sondern die Menschen, die solche Verbrechen begangen haben, in ein „Gut-Böse-Schema“ einordnen und verurteilen. Doch die Terroristen stammen aus unserer Gesellschaft, sind in ihr sozialisiert worden und Teil dieser. Es stellt sich die Frage nach einem angemessenen Umgang mit Terrorismus in unserer Gesellschaft. Terrorismusbekämpfung durch die Exekutive ist sicherlich eine notwendige Antwort auf Terrorismus, aber für sich allein nicht ausreichend. Ergiebiger, mit Blick auf die Zukunft, scheint mir ein präventiver Ansatz zu sein, dessen Grundlage, Antwortversuche auf die Frage, warum Menschen aus unserer Gesellschaft zu Terroristen werden, bilden müssen. Nur wer die Bedingungen kennt, unter denen Terrorismus entsteht, kann jenseits von polarisierenden Klassifikationen auf diese Probleme eingehen. Hier könnte Geschichtswissenschaft wichtige Aufklärungsarbeit leisten.

Erschwert wird ein sachlicher Zugang durch die Zugehörigkeit der Geschichte der RAF zur Zeitgeschichte. Zeitgeschichte ist, wie Sabrow/Jesse/Große Kracht feststellen, häufig Streitgeschichte, d.h. Gegenstand nicht nur wissenschaftsinterner, sondern auch in der Öffentlichkeit geführter Debatten mit hohem Erregungspotential. Im Verlauf der vergangenen 30 Jahre wurde das Thema „RAF“ von Wissenschaft, Politik, Publizistik, Kunst und Gesellschaft nie völlig aus den Augen verloren. Immer wieder wurde dieses Thema mit hoher Erregtheit und häufig mangelnder Souveränität behandelt, was zu einem erheblichen Teil in dem genuin politischen Charakter des Phänomens „Terrorismus“ begründet lag. Wissenschaftler, die sich diesem Thema zuwandten, bemerkten, dass es sich dabei um keinen „normalen“ Forschungsgegenstand handelte, da ihre Untersuchungen in einem Feld politischer Polarisierung stattfanden, in dem es schwierig war, differenzierten Standpunkten und Denkweisen Geltung zu verschaffen. Die Position des Verstehens kann in einer derartigen Situation aus der Sicht vieler nur den Sinn einer Entlastung der Terroristen haben und rückt diejenigen, die versuchen zu verstehen, in Sympathisantennähe. Verständnis muss keine Rechtfertigung oder Verharmlosung der Taten implizieren. Dass, wer auf Erkenntnis nicht von vornherein verzichten will, die Perspektive von Terroristen rekonstruieren muss und dies nur durch Einfühlung und Identifikation erreichen wird, wird zwar von Eckert erwähnt, aber sonst regelmäßig übersehen.[5] Es ist also, wie auch Wittke bemängelt, eine schon viel zu lange in erheblichen Teilen der wissenschaftlichen Literatur aus Gründen einer „pflichtbewußten Pauschalverdammnis des Terrorismus“[6] versäumte Notwendigkeit, die Terroristen nicht zu dämonisieren, sondern sich in sie „hineinzuversetzen“. Diese mangelnde Souveränität beklagt auch Kraushaar, wenn er sich mit den Reaktionen auf die 2003 bekannt gewordenen Pläne zur Kunstausstellung „Zur Vorstellung des Terrors. Die RAF“[7] beschäftigt. Kraushaar urteilt über die heutige Situation meines Erachtens zu Recht: „Eine überaus neurotische Grundreaktion bleibt offenbar bestimmend.“[8] Davon bleibt man beim Abfassen einer Arbeit über die RAF nicht unbeeindruckt, so dass Selbstreflexion helfen kann, inmitten einer stark emotionalisierten, polarisierten Auseinandersetzung, sich der eigenen Position, aber auch Standortgebundenheit bewusst zu werden und nach dem Verstehen wieder eine kritische Distanz zum Forschungsobjekt herzustellen.

In meiner Arbeit werde ich mich anhand ausgewählter Beispiele mit den weiblichen Wegen in den Linksterrorismus der RAF beschäftigen. Die Beteiligung von Frauen am RAF-Terrorismus hat von Anfang an besonderes Interesse in Publizistik und wissenschaftlicher Forschung hervorgerufen, und dies wohl nicht zuletzt aus dem Grund, dass Frauen als Terroristinnen anscheinend aus dem tradierten Frauenbild herausfielen. Sie konterkarierten in verschiedener Hinsicht die gesellschaftlichen Erwartungen, u.a., weil ihre Beteiligung am Linksterrorismus mit zwischen 33%[9], 50%[10] und 60%[11] veranschlagt wird, der Anteil weiblicher Täter an der allgemeinen Kriminalität in der BRD in den Jahren 1967 bis 1977 im Unterschied dazu aber nur 11,3% bis 14,9% betrug[12]. Die RAF ohne Frauen ist nicht nur für Koenen unvorstellbar.[13] Sie prägen das öffentliche Bild von der RAF. Ihre „glatten Mädchengesichter“[14] auf den Fahndungsplakaten irritierten viele. Die Suche nach Antworten auf die Frage, warum Frauen Terroristinnen werden, trieb teilweise abstruse und diffamierende Blüten. Die publizistischen, aber auch vermeintlich wissenschaftlichen Reaktionen fallen häufig dementsprechend aus. „Der Spiegel“ titelte z.B. 1977 „Frauen im Untergrund: Etwas Irrationales“[15] und der Soziologieprofessor Erwin Scheuch wies nicht als einziger darauf hin, dass „den Führerinnen der Baader-Meinhofs [...] lesbische Neigungen nachgesagt“[16] wurden. Da in dieser Arbeit kein Raum für eine umfassende Untersuchung aller weiblichen Wege in den Linksterrorismus der RAF oder auch nur die der Ersten Generation[17] ist, werde ich mich auf die Wege Ulrike Meinhofs und Gudrun Ensslins beschränken. Ich habe mich aus verschiedenen Gründen für diese beiden Frauen entschieden. Beide gehörten zur Gründergeneration, so dass sie trotz ihres Altersunterschiedes ähnliche gesellschaftspolitische Sozialisationserfahrungen machen konnten. Sie waren führende Gruppenmitglieder und sind auch heute noch die bekanntesten Frauen der RAF. Sie werden häufig miteinander verglichen und mindestens einen Berührungspunkt bildet dabei das Problem, zu verstehen: Wie konnten diese beiden aus gutbürgerlichen Verhältnissen stammenden, intelligenten, gebildeten und sozial engagierten Frauen, die etablierte Journalistin Meinhof und die Pfarrerstochter und Studentin Ensslin Terroristinnen werden? Außerdem wurde die Gruppe unter der von verschiedener Seite verwandten Bezeichnung „Baader-Meinhof-Gruppe“[18] bekannt, wobei Peters und Aust anmerken, dass, hätte der Name die tatsächlichen Führungsverhältnisse reflektieren sollen, die Gruppe „Baader-Ensslin-Gruppe“ hätte genannt werden müssen.[19] Für eine Untersuchung Meinhofs spricht auch die gute Quellenlage, da sie in ihrer über zehnjährigen Tätigkeit als politische Journalistin weit über 100 Texte verfasst hat, die zur Analyse herangezogen werden können. Außerdem wurde über Meinhof im Vergleich zu allen anderen RAF-Terroristinnen am meisten Literatur publiziert. Auf Seiten der RAF-Frauen folgt ihr hinsichtlich der vorteilhaften Literatursituation Ensslin – zwar mit einigem Abstand, aber immer noch umfassender erforscht, als die Biografien der anderen RAF-Frauen.

Wer sich mit der RAF beschäftigt, stößt unweigerlich auf ein weiteres Problem: die Mythisierung der RAF, insbesondere der Gründergeneration, und zwar hier v.a. Baader, Meinhof und Ensslin. Diese Mythen, erzeugt durch die RAF selbst, ihre Sympathisanten, Medien, Politik und Öffentlichkeit zu untersuchen, dürfte ein lohnendes Forschungsvorhaben darstellen. Schon Aust hat darauf hingewiesen, dass die RAF oftmals als Projektionsfläche für Wünsche und Hoffnungen, Ängste und Hassgefühle diente. Für mich folgt aus der Mythisierung vor allem eine Konsequenz: erhöhte Vorsicht im Umgang mit den Bildern anderer, von Meinhof und Ensslin und der RAF im Allgemeinen. Auch Krebs weist auf den Umstand hin, dass er bei der Beschäftigung mit Meinhof das Gefühl hatte, es eher mit einer durch die Erinnerung überhöhten und von den Medien kreierten Figur als mit einem realen Menschen zu tun zu haben. [20]

Nicht zuletzt, um diesem „Mythos RAF“ meine eigene Erfahrung entgegensetzen zu können, aber auch um besser zu „verstehen“, um nicht nur von Unbeteiligten über die RAF zu lesen, sondern von einer Beteiligten direkt etwas über ihren persönlichen Weg zu erfahren, habe ich mich bemüht, ein Zeitzeugengespräch mit der ehemaligen RAF-Terroristin Astrid Proll zu arrangieren, was mir jedoch leider nicht gelungen ist. A. Proll gab an, nicht jeden Interviewwunsch erfüllen zu können und meinte: „Zeitzeugen sind Menschen und keine Maschinen, sie sind nicht immer willig und abrufbar, wenn sie zur journalistischen und historischen Darstellung gebeten werden.“[21] Außerdem empfahl sie mir, meinen Titel zu überdenken: „Wege in den Linksterrorismus klingt emotionslos, ist aber aktuell hochgefährlich.“[22] Die Erfahrung der Schwierigkeit, die Gesprächsbereitschaft ehemaliger RAF-Terroristen zu wecken, ist offensichtlich nichts Singuläres. Wunschik und Straßner berichten Ähnliches, was bedauerlich ist, da der über terroristische Organisationen forschende Wissenschaftler in besonderem Maße auf Zeitzeugenaussagen angewiesen ist, versuchen diese Organisationen doch besonders konsequent ihr Innenleben gegenüber der Umwelt abzuschirmen. Straßner weist auf das Misstrauen Inhaftierter, aber auch ehemaliger RAF-Terroristen gegenüber dem Wissenschaftsbetrieb hin. Analysen aus diesem Bereich würden des Öfteren als ideologisch gefärbte Propaganda mit dem Ziel, die RAF auf dem „Kehrichthaufen der Geschichte“ (Trotzki) abzuladen, abgekanzelt.[23] Die Befürchtung, der Linksterrorismus könne auf diesem „Kehrichthaufen“ abgeladen werden, das Ringen um die Bedeutung der eigenen „Mission“ – trotz A. Prolls persönlicher Abkehr von der RAF – scheint mir auch in Prolls Worten durchzuscheinen. Backes/Jesse weisen darauf hin, dass in der gegenwärtigen Situation der Linksterrorismus an Boden verliert, der Rechtsterrorismus möglicherweise an dessen Stelle rückt. Die Zahl der Gewalttaten mit linksextremistischem Hintergrund ist seit 1993 rückläufig.[24] Zudem ist spätestens seit dem 11.09.2001 die Gefahr, die von religiös-fundamentalistischem Terrorismus ausgeht, in den Vordergrund der öffentlichen Wahrnehmung gerückt. A. Prolls Hinweis auf die aktuelle Brisanz des Linksterrorismus erscheint mir vor diesem Hintergrund als nicht ganz zutreffend.

Die Erforschung des Terrorismus hat demnach mit einer Fülle von Problemen zu tun, die sich zwangsläufig in der Literatur niederschlagen. Kraushaar spricht auch die sogenannten „weißen Flecken in der Geschichte des bundesdeutschen Terrorismus“[25], z.B. im Zusammenhang mit der Gründung der RAF, an und weist damit auf den nach wie vor lückenhaften Forschungsstand hin. Auch Neidhardt erwähnt die Rekonstruktionsprobleme in Bezug auf die innere Entwicklung der Beteiligten in den Monaten vor der Baader-Befreiung.[26] Christoph Stölzl, der ehemalige Direktor des Deutschen Historischen Museums, irrt meines Erachtens, wenn er meint,

„was Geschichtswissenschaft und Publizistik, was Theater, Film, [...] Fernsehspiel klären und erklären können, ist bereits getan [...]. Alles Neubefragen wird nichts daran ändern, dass bei der RAF der Anteil des schieren Verbrechens so überwältigend war, dass alles Hin- und Herwenden der abstrusen ‚politischen’ Legitimierungsversuche im Nichts endet.“[27]

Meiner Ansicht nach ist es vielmehr so, dass sich die Geschichtswissenschaft bisher vor einer Beschäftigung mit dem RAF-Terrorismus gescheut hat und dass auch aus diesem Grund kaum geschichtswissenschaftliche Publikationen zu diesem Thema vorliegen. In geschichtswissenschaftlichen Überblicks-darstellungen[28] werden Linksterrorismus und RAF zwar häufig behandelt, aber die Literaturangaben führen meist aus dem Bereich geschichtswissenschaftlicher Publikationen heraus. Kielmannsegg, der die RAF in „Der lange Weg nach Westen“ zwar berücksichtigt, zieht sich dann auf einen meiner Ansicht nach zu engen Geschichtsbegriff zurück, wenn er schreibt, dass die Beschäftigung mit der Frage, wie es zu dem Umschlagen ursprünglich moralischer Impulse in Unmenschlichkeit kommen konnte, „nicht mehr das Feld des Historikers“[29] sei. Die bisherigen Publikationen stammen aus den verschiedensten Fachrichtungen (v.a. der Politikwissenschaft) und sind häufig eher interdisziplinär ausgerichtet. Eine multiperspektivischen Ansprüchen genügende Geschichte der RAF steht nach Kirsch noch aus.[30] Für den Wissenschaftler ist außerdem problematisch, dass ein Großteil der Publikationen zur RAF eher populärwissenschaftlicher Natur ist und damit häufig nicht wissenschaftlichen Kriterien genügt. Zu den Standard-Gesamtdarstellungen der Geschichte der RAF zählen Austs „Der Baader Meinhof Komplex“ und Peters’ „RAF“. Aust verzichtet jedoch auf Quellen- und Literaturangaben, so dass keine Überprüfung möglich ist. Zu berücksichtigen ist, dass Aust Meinhof persönlich kannte und aktiv an der Studentenbewegung teilnahm. Es gilt beim zeitgeschichtlichen Thema „RAF“ verstärkt, was allgemein für das Rezipieren von Literatur gilt: Man muss Informationen über den Autor haben, wissen, wie sein Bezug zum Thema aussieht, um entsprechend mit den Informationen umzugehen. Für die Beschäftigung mit dem bundesdeutschen Terrorismus unerlässlich scheint mir die vom Bundesministerium des Inneren herausgegebene Buchreihe „Analysen zum Terrorismus“ zu sein. Die Autoren konnten große Teile der in den Archiven des Bundeskriminalamts (BKA) befindlichen Unterlagen zur RAF auswerten und beschäftigten sich, zu meinem Vorteil, v.a. mit der Ersten Generation. Nur wenige ausführliche Arbeiten und Aufsätze sind bislang zum Thema „Frauen und Terrorismus“ erschienen, seit 1978 drei Publikationen und einige Aufsätze von teilweise fragwürdiger Qualität. Zu Meinhofs Leben sind im Wesentlichen drei Publikationen erschienen. Die älteste von Krebs, aber auch die von Prinz geben gut recherchierte Auskünfte über biografische Daten und interessante Einblicke in Zusammenhänge. Ihre Interpretationen bemühen sich um Empathie, sind allerdings mit Vorsicht zu behandeln, da sie teilweise Gefahr laufen, Meinhof zu idealisieren. Im März 2006 ist ein Buch von Meinhofs Tochter Bettina Röhl erschienen, in dem sie die Geschichte ihrer Eltern und der Zeitschrift „konkret“ aufarbeitet. Sie bezieht bislang unveröffentlichtes Quellenmaterial ein, beschäftigt sich kritisch mit ihrer Mutter, aber hinsichtlich ihres Weges in den Linksterrorismus relativ knapp und teilweise in einer Schärfe, die Zweifel aufkommen lässt, ob sie nur einer sachlichen Kritik oder vielmehr dem Konflikt zwischen Tochter und Mutter geschuldet ist. „Ulrike Meinhof war, als [...] sie in den Untergrund ging, und erst recht, nachdem sie selbst zur Terroristin geworden war, nicht mehr dieselbe Person, nicht mehr derselbe Mensch, nicht mehr die Schülerin, Studentin, aber auch nicht mehr die Journalistin und Kolumnistin von einst. Es ist unangebracht, die Terroristin Meinhof permanent mit Zügen ihrer Jugend nachzuvergolden, statt sich mit den Taten und Texten der letzten sechs Jahre ihres Lebens zu befassen.“[31] Meiner Meinung nach ist es kein Akt des „Nachvergoldens“, wenn man Meinhofs Biografie nicht aufspaltet, sondern die einzelnen Stationen ihres Lebens zu ihrem Weg in den Terrorismus in Bezug setzt. Hilfreich für die Beschäftigung mit Meinhof sind auch drei Textsammlungen, die einige ihrer Schriften, v.a. ihre Kolumnen enthalten. Bei der Beschäftigung mit Ensslin sind in erster Linie drei Publikationen zu berücksichtigen: Koenens „Das rote Jahrzehnt“ und „Vesper, Ensslin, Baader“ und der Band von Kapellen, der allerdings nur ihre Tübinger Zeit (1960–1964) beinhaltet. Bei Koenens Werken muss man jedoch berücksichtigen, dass Koenen aktiv an der Studentenbewegung teilnahm und selbst in den 70er Jahren Mitglied im Kommunistischen Bund Westdeutschland war. Außerdem möchte ich auf eine Sammlung mit von ihr während ihrer Haft (1972–1973) verfassten Briefen an ihre Geschwister hinweisen. In den letzten zehn Jahren ist eine Fülle an Erinnerungsliteratur von ehemaligen Linksterroristen und RAF-Mit-gliedern erschienen. Diese geben zwar neue Einblicke in die Geschichte der RAF und ihrer Protagonisten, jedoch muss die Ideologisierung der Beteiligten im Bereich des Linksterrorismus in besonderem Maße berücksichtigt werden.

In meiner Arbeit beginne ich mit einem kurzen Überblick über die außerparlamentarischen Oppositionsbewegungen in der BRD von den Anfängen in den 50er Jahren bis hin zur Studentenbewegung Mitte/Ende der 60er Jahre. Ich habe mich aus verschiedenen Gründen dafür entschieden, die Entwicklung seit den 50er Jahren zu skizzieren. Ausschlaggebend war dabei die Überzeugung, dass die Entwicklung der RAF-Terroristen der Ersten Generation nicht isoliert von der Geschichte der oppositionellen Bewegungen mit ihrem Höhepunkt in den Jahren 1967/68 in der BRD verstanden werden kann. Da der Fokus meiner Arbeit auf den weiblichen Wegen in den Linksterrorismus liegt, halte ich es für notwendig, einen kurzen frauengeschichtlichen Exkurs in den Jahren von Meinhofs und Ensslins Primär- und Sekundärsozialisation zu leisten, nicht zuletzt um ihre Entwicklung besser einschätzen zu können. Dann werde ich in einer knappen Darstellung versuchen, die Geschichte der RAF zu skizzieren, deren Kenntnis insofern erforderlich ist, da die Wege Meinhofs und Ensslins letztlich in dieser Gruppe und ihre Aktivitäten mündeten. Anschließend werde ich zu den Faktoren kommen, die die (weiblichen) Wege in den RAF-Terrorismus beeinflusst haben können und ausgewählte Erklärungsansätze vorstellen. Einen Überblick über den gesamten aktuellen Forschungsstand zu den Bedingungen des Linksterrorismus vermag diese Arbeit nicht zu leisten. Eine zentrale Frage, die mich begleiten wird, ist, ob es überhaupt einen spezifisch weiblichen Weg in den RAF-Linksterrorismus gab. Da diese Erklärungsansätze die Grundlage meiner Analysen der Biografien Meinhofs und Ensslins, ihres Weges in den RAF-Terrorismus bilden, habe ich jene ausgewählt, die mir in diesem Zusammenhang als besonders ergiebig erscheinen. Ich konzentriere mich bei meiner Analyse der weiblichen Wege Meinhofs und Ensslins in den Linksterrorismus auf die Zeit bis zur Baader-Befreiung (1970), die als „Geburtsstunde“ der RAF gilt, werde diese Entscheidung aber in den entsprechenden Kapiteln begründen. Methodenpluralismus und interdisziplinäre Zusammenarbeit sind unerlässlich, da die Komplexität des Forschungsgegenstandes zur Folge hat, dass eindimensionale Erklärungsversuche dieser nicht Rechnung tragen und eine Fachdisziplin mit ihren spezifischen Methoden zur Erklärung des Phänomens nicht in der Lage ist. Zur Analyse ihrer Wege werde ich ausgehend von einem weiten Geschichtsbegriff, der die Geschichtswissenschaft als genuin interdisziplinär auffasst, auf die biografische Methode zurückgreifen, die im Bereich der Terrorismusforschung bei vielen Wissenschaftlern Anerkennung genießt. Ein entscheidender Vorzug dieser Methode ist, nach Backes/Jesse, dass sie verschiedene Ansätze integriert, so dass in ihr gesellschaftspolitische, soziologische, psychologische und geschlechtsspezifische Faktoren zusammengeführt werden können. Die biografische Methode birgt laut Wunschik die Möglichkeit, bei kontinuierlicher Betrachtung der lebenslangen Lernprozesse, Erklärungsansätze für die Entwicklung zum Terrorismus zu finden. Außerdem vermag sie, wie Waldmann positiv hervorhebt, das Zusammenspiel von „objektiven“ (z.B. gesellschaftlichen Strömungen, zeitgeschichtlichen Konstellationen) und „subjektiven“ (z.B. Lebensalltag des Einzelnen, persönlichen Erfahrungen) Faktoren zu verdeutlichen. Sie hat sich nach Waldmann besonders bewährt, um „Normalbürgern“ Verständnis für Formen abweichenden Verhaltens nahezubringen. Die biografische, nahe am Lebensalltag bleibende Methode vermag demzufolge besser die sukzessiven Schritte und Schübe, die den Einzelnen in die Gewaltszene führen, verständlich zu machen als sogenannte objektive Methoden, die das Phänomen „Terrorismus“ „von außen“ aufzuschlüsseln versuchten.[32] Abschließend möchte ich meine Ergebnisse in einen Vergleich der Wege der beiden Frauen einfließen lassen.

Diese Arbeit wird sich, trotz der Tatsache, dass in den 60er und 70er Jahren in Europa die Anzahl links-, wie ab Mitte der 70er Jahre auch rechtsterroristischer Organisationen anstieg und wir es folglich nicht mit einem ausschließlich bundesdeutschen Phänomen zu tun haben, auf die bundesdeutschen Wege in den Linksterrorismus konzentrieren.[33] Einen europäischen oder globalen Blick auf Erklärungsversuche für und Wege in den Terrorismus in anderen Ländern vermag diese Arbeit aus konzeptionellen Gründen nicht zu leisten. Dennoch können sicherlich einige der von mir erläuterten Erklärungsansätze auch auf die Wege von Personen nicht bundesdeutscher Herkunft in den Terrorismus angewandt werden.

Die Begriffe „Extremismus“ und „Terrorismus“ sind umstritten, doch eine Diskussion der Begriffe würde im Rahmen dieser Arbeit zu weit führen. Ich möchte lediglich darauf hinweisen, dass es keine einheitlichen Definitionen gibt. Beide Begriffe umfassen ein breites Feld politischer Akteure, die sich durch unterschiedliche ideologische Orientierungen, Organisationsformen und Strategien auszeichnen. Ich orientiere mich in meiner Arbeit an Straßners „Extremismus“-Definition:

„Extremisten sind [...] Personen, welche die Prinzipien der rechtsstaatlichen Demokratie ablehnen und durch ein anderes, an einer entsprechenden Ideologie ausgerichtetes System ersetzen wollen. [...] Das elitärunduldsame Sendungsbewusstsein drängt Extremisten mitunter dazu, sich terroristischer Vorgehensweisen zu bemächtigen, um die angestrebte neue Staats- und Gesellschaftsform auf schnellerem Weg zu erreichen. [...] Der Terrorist entspringt daher immer extremistischen Zusammenhängen, in welche er im Verlauf seiner terroristischen Karriere eingebettet war.“[34]

Für meine Arbeit betrachte ich Waldmanns „Terrorismus“-Definitionsvorschlag als Basis: „Terrorismus sind planmäßig vorbereitete, schockierende Gewaltanschläge gegen eine politische Ordnung aus dem Untergrund. Sie sollen allgemeine Unsicherheit und Schrecken, daneben aber auch Sympathie und Unterstützungsbereitschaft erzeugen.“[35] Das linksextremistische Menschenbild entspringt laut Straßner einem vereinfachten, romantischen Menschenbild und ursprünglich christlichen, aber in dieser Form pervertierten Gleichheitsmotiven. Für den Linksterroristen selbst bezeichne der Terrorismus den Kampf gegen ein als ungerecht empfundenes System und wurzele damit in ursprünglich christlichen Motiven der Lehre von einem höher legitimierten Recht auf Widerstand gegen Tyrannen. Linksterroristen sähen sich folglich nie als Terroristen, sondern als legitime Widerstands- und Freiheitskämpfer gegen ein abgelehntes System. Sie versuchten, sich stets den Status der Legitimität zuzusprechen und beanspruchten nicht selten die Stellung einer regulären Gegenarmee. Die RAF selbst bezeichnete sich als Guerilla.[36] Linksterroristen ziehen nach Straßner ihre Motivation aus den Strukturfeldern des Antikapitalismus, -imperialismus und –rassismus und zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich zugunsten eines vermeintlich begünstigten Dritten engagieren.[37] Die RAF erstrebte die Herbeiführung eines revolutionären Wandels in den westlichen Industriestaaten. Mit dem Mittel des „bewaffneten Kampfes“, unter Bezugnahme auf den Marxismus-Leninismus, kämpfte sie als Avantgarde für andere, die sich selbst ihrer Unterdrückung noch nicht bewusst seien, um deren „Befreiung“ zu erlangen.

Probleme ergeben sich auch bei der Handhabung des Terrorismusbegriffs, da sich die Frage nach der Deutungshoheit unmittelbar anschließt. Die Entscheidung, eine Gruppe als terroristisch zu bezeichnen, hängt nicht zuletzt von der persönlichen Haltung gegenüber einer Gruppe ab. „Der Terrorist des Einen ist der Freiheitskämpfer des Anderen.“[38] Die RAF-Mitglieder selbst verstanden sich nicht als Terroristen. Während des Stammheimer Prozesses sagte Meinhof:

„Terrorismus ist die Zerstörung von Versorgungseinrichtungen, also Deichen, Wasserwerken, Krankenhäusern, Kraftwerken. Eben alles das, worauf die amerikanischen Bombenangriffe gegen Nordvietnam seit 1965 systematisch abzielten. Der Terrorismus operiert mit der Angst der Massen. Die Stadtguerilla dagegen trägt die Angst in den Apparat. Die Aktionen der Stadtguerilla richten sich nie, richten sich nie gegen das Volk. Es sind immer Aktionen gegen den imperialistischen Apparat. Die Stadtguerilla bekämpft den Terrorismus des Staats.“[39]

[...]

Ulrike Meinhof. Der Weg einer Journalistin
in den Terrorismus

Alexander Krüger, 2014

Einleitung

Wie kann es passieren, dass die Mutter zweier Kinder in einem Land wie der Bundesrepublik Deutschland keine andere Wahl für ihr Leben sieht, als in den terroristischen Untergrund zu gehen, bzw. ihn mit zu gründen? Welche Komponenten müssen zusammengekommen sein, um einen rational denkenden, sich zum Pazifismus bekennenden Menschen die Worte aussprechen zu lassen: „[…] natürlich darf geschossen werden.“[40]

Um die Entstehung und Entwicklung dieser Ambivalenz beurteilen zu können, bedarf es einer ganzheitlichen Betrachtung des Lebens der Ulrike Meinhof. Beginnend mit dem Elternhaus, den frühen schweren Verlusten in ihrer Kindheit, dem Aufwachsen mit einer Pflegemutter, über ihre Studienzeit, das Engagement gegen Wiederbewaffnung und Atomrüstung bis hin zu ihrer Karriere als Chefredakteurin von „konkret“[41].

Einen Anteil trägt auch ihr Privatleben, in erster Linie die Beziehung zu Klaus Maria Röhl, und ganz wesentlich ist die Einordnung des Menschen Ulrike Meinhof in den jeweiligen zeitlichen und politischen Kontext. Ohne die Zusammenhänge mit der deutschen Geschichte darzustellen, wäre es nicht möglich, Ulrike Meinhofs Reaktionen und Entscheidungen zu bewerten.

Im letzten Teil der Hausarbeit werde ich der Frage nachgehen, ob es eine stetige Entwicklung in ihrem Leben gab, die zwangsläufig im Terrorismus endete oder es einen alles bestimmenden Auslöser gab.

[...]

„Sie hätten nicht die Macht, wenn sie nicht die Mittel hätten, die Schweine.“ Eine diachronische Analyse der Sprache von Ulrike Meinhof unter dem Aspekt ihrer Radikalisierung

Daniel Hitzing, 2009

Einleitung

Wenn Ulrike Marie Meinhof von Bullen und Schweinen sprach, war klar, dass nicht von Tieren die Rede war. Doch wie ist es zu deuten, wenn sie im „Spiegel“ vom 15. Juni 1970 zitiert wird mit: „Und wir sagen, natürlich, die Bullen sind Schweine, wir sagen, der Typ in Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinander zu setzen. […] Natürlich kann geschossen werden.“[42] Während im „Konzept Stadtguerilla“ vom April 1971 zu lesen ist: „Wäre unsere Praxis so überstürzt wie einige Formulierungen dort [gemeint ist der zuvor zitierte Spiegelausschnitt], hätten sie uns schon.“[43] und „Wir schießen, wenn auf uns geschossen wird. Den Bullen, der uns laufen läßt, lassen wir auch laufen.“[44]

Handelte es sich dabei um eine Entradikalisierung der Sprache, da Meinhof zuvor gemachte Aussagen relativierte?

„Wenn das System tabu ist, ist die Ordnung in Ordnung, weiß der Teufel, wer die Polizei entmenscht hat.“[45], heißt es sarkastisch in „konkret“ Nr.4/1968. Hier bezeichnet sie die bundesdeutsche Ordnungsmacht noch als Polizei, bevor sie diese drei Jahre später selbst entmenschlicht. Handelt es sich dabei um einen Einzelfall oder radikalisierte sich die Sprache von Ulrike Meinhof generell in den Jahren 1968-1971? Handelt es sich doch nicht um eine gemäßigtere Sprache?

Diesen Fragen soll im Folgenden auf den Grund gegangen werden. Als erster Schritt werden dazu der Forschungsstand und die Quellenlage kurz gesichtet, woraufhin der Versuch einer theoretischen Verortung gemacht werden soll. Wenn die Radikalisierung der Sprache untersucht wird, erfordert es einer Beschreibung dessen, was im Rahmen dieser Arbeit unter dem Begriff der Radikalisierung zu verstehen ist. Der letzte Abschnitt des theoretisch-methodischen Teils beschäftigt sich mit den sprachanalytischen Methoden, die im vierten Kapitel ihre Anwendung finden.

Da die zu analysierenden Texte in unterschiedlichen Lebensabschnitten entstanden, ist anschließend ein Blick auf den zeithistorischen Kontext notwendig. Im Fokus steht dabei besonders die Situation während der Entstehung und Veröffentlichung der Texte, da zwischen Kontext und Text ein reziproker Zusammenhang besteht, der nicht unberücksichtigt bleiben sollte.

Der zentrale Teil der Arbeit ist die Textanalyse. Die Auswahl fiel nicht leicht, da Meinhof, aufgrund ihrer journalistischen Tätigkeit und da sie neben Horst Mahler die Haupttheoretikerin der RAF war, sehr viele Texte produzierte. Nicht berücksichtigt werden die Schriften, die sie als Studentin im Zuge der Anti-Atom-Bewegung veröffentlichte. Aus ihrer Zeit bei der linksgerichteten Zeitschrift „konkret“, bei der sie von 1960-1964 Chefredakteurin war und danach weiterhin für die Zeitschrift Kolumnen schrieb, soll ein Text exemplarisch analysiert werden. Hierzu eignet sich meiner Meinung nach besonders gut der Artikel „Wasserwerfer – auch gegen Frauen. Student und Presse Eine Polemik gegen Rudolf Augstein und Konsorten“[46] („Wasserwerfer“), weil er zum einen sehr viele Merkmale beinhaltet, die sich auch in ihren anderen Aufsätzen für „konkret“ zeigen und zum anderen, da er strukturelle und thematische Ähnlichkeiten zu dem Vergleichstext aufweist. Bei diesem handelt es sich um das „Konzept Stadtguerilla“, das als theoretische Grundlage[47] der RAF gelten kann und im April 1971 veröffentlicht wurde.

Zwischen den Texten stehen zentrale Ereignisse, die eine Radikalisierung der Sprache bewirkt haben könnten. „Wasserwerfer“ und das „Konzept Stadtguerilla“ umschließen den Gang in den Untergrund und die Konstituierungsphase der RAF.

Ziel dieser Arbeit ist es primär, zu analysieren, inwiefern sich die Sprache von Ulrike Meinhof im Zeitraum 1968-1971 veränderte. Zwar liest man vielfach, dass sie sich selbst oder dass sich ihre Sprache radikalisiert habe, so beispielsweise bei Peter Mertz: „Ihre Sprache wird polemischer, radikaler, emotioneller“[48], wissenschaftlich fundiert wird die These aber nirgendwo.

Weiterführende Fragestellungen, die aus den gewonnenen Ergebnissen folgen, sollen im Fazit kurz aufgeworfen und angerissen werden.

[...]


[1] Pflieger Klaus (2011) „Die Rote Armee Fraktion“, S. 17.

[2] Vgl. Pflieger (2011), S. 170f.

[3] Vgl. McDonald Eileen(1994): „Erschießt zuerst die Frauen!“, S. 176ff.

[4] v. Braunmühl: Erfahrung von Gewalt. S. 184.

[5] Vgl. Sabrow/Jessen/Große Kracht: Einleitung: Zeitgeschichte als Streitgeschichte. S. 9ff; vgl. Jäger/Böllinger: Studien zur Sozialisation von Terroristen. S. 139ff; vgl. Eckert: Terrorismus als Karriere. S. 113.

[6] Wittke: Terrorismusbekämpfung als rationale politische Entscheidung. S. 10.

[7] Auf dieser Ausstellung sollten Arbeiten von Künstlern gezeigt werden, die sich mit der RAF und ihrer Medialisierung auseinandersetzten. Die teilweise hysterisch-ablehnenden Reaktionen auf die noch sehr vagen Pläne zur Ausstellung zeigten nach Kraushaar deutlich, wie weit die BRD noch davon entfernt ist, die Konfliktszenarien der 1970er Jahre verarbeitet zu haben. Die „Bild“ ereiferte sich darüber, dass Steuergelder in die Finanzierung einer Ausstellung fließen sollten, die den „Gipfel der Geschmacklosigkeit“ darstelle und sprach bald nur noch von einer „Terror-Ausstellung“, so dass Ausstellung und Thema affirmativ miteinander verschmolzen wurden. (siehe Kraushaar: Zwischen Popkultur, Politik und Zeitgeschichte. S. 263f; BILD vom 22. und 23.07.2003, zit. n. Baur: Geschichtsschreibung im Feuilleton. S. 242.)

[8] Kraushaar: Zwischen Popkultur, Politik und Zeitgeschichte. S. 264.

[9] Vgl. Schmidtchen: Terroristische Karrieren. S. 23.

[10] Vgl. Jubelius: Frauen und Terror. S. 247.

[11] Vgl. DER SPIEGEL Nr. 33/1977, S. 22.

[12] Vgl. Parczyk: Frauen im Terrorismus. S. 66.

[13] Vgl. Koenen: Das rote Jahrzehnt. S. 379.

[14] v. Paczensky: Vorwort der Herausgeberin. S. 9.

[15] DER SPIEGEL Nr. 33/1977, S. 22.

[16] MERKUR 8/1975, zit. n. v. Paczensky (Hg.): Frauen und Terror. S. 8.

[17] Die Geschichte der RAF wird in der Regel in Generationen eingeteilt, um die unterschiedlichen Phasen terroristischer Aktivität zu kennzeichnen. Über diese Einteilung in personal verschieden zusammengesetzte und zeitlich voneinander unabhängige Kommandoebenen besteht unter Wissenschaftlern und strafverfolgenden Behörden kein Konsens, dennoch hat sich der Generationenbegriff mittlerweile durchgesetzt und ist in der wissenschaftlichen Bearbeitung unabdingbar (siehe auch Straßner: Die Dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“. S. 78.).

[18] Es ist viel diskutiert worden, ob es sich bei der „Baader-Meinhof-Gruppe“ um eine „Gruppe“ oder eine „Bande“ handelt. Ich schließe mich Lübbe an, der meint, dass es sinnvoller ist, von einer „Gruppe“ zu sprechen, um sichtbar zu halten, dass es sich nicht um „gewöhnliche“ Kriminelle handelte, sondern dass die RAF-Straftaten der Berücksichtigung ihrer politischen Gesinnung bedürfen. (siehe auch Lübbe: Endstation Terror. S. 19ff.)

[19] Vgl. Peters: RAF. S. 110f; vgl. Aust: Der Baader Meinhof Komplex. S. 121.

[20] Vgl. Aust: Der Baader Meinhof Komplex. S. 584; vgl. Krebs: Ulrike Meinhof. S. 9.

[21] e-mail von Astrid Proll an mich vom 19.02.2006

[22] e-mail von A. Proll an mich vom 19.02.2006

[23] Vgl. Wunschik: Baader-Meinhofs Kinder. S. 137f; Straßner: Die Dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“. S. 19f.

[24] Vgl. Backes/Jesse: Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland. S. 244ff.

[25] Kraushaar: Zwischen Popkultur, Politik und Zeitgeschichte. S. 266ff.

[26] Vgl. Neidhardt: Soziale Bedingungen terroristischen Handelns. S. 341.

[27] DER TAGESSPIEGEL, 02.08.2003, zit. n. Kraushaar: Popkultur, Politik und Zeitgeschichte. S. 267.

[28] Hier seien Standardwerke wie Winklers „Der lange Weg nach Westen“, Brachers et al. „Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ und Kielmannseggs „Nach der Katastrophe“ beispielhaft angeführt.

[29] Kielmannsegg: Der lange Weg nach Westen. S. 342.

[30] Vgl. Kirsch: Debatte: Mythos RAF? S. 260.

[31] B. Röhl: So macht Kommunismus Spass! S. 624.

[32] Vgl. Backes/Jesse: Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland. S. 315ff; vgl. Wunschik: Baader-Meinhofs Kinder. S. 63; vgl. Waldmann: Einleitung. S. 9f.

[33] Vgl. Nitsch: Terrorismus und Internationale Politik am Ende des 20. Jahrhunderts. S. 209.

[34] Straßner: Die Dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“. S. 30.

[35] Waldmann: Terrorismus als weltweites Phänomen: Eine Einführung. S. 11.

[36] Jedoch unterschied sie sich, wie Straßner ausführt, aus verschiedenen Gründen erheblich von einer Guerilla (siehe Straßner: Die Dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“. S. 33ff.).

[37] Vgl. Straßner: Die Dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“. S. 28ff.

[38] Straßner zitiert diesen Satz, der in der Terrorismusforschung weitreichende Diskussionen hervorgerufen hat (siehe Straßner: Die Dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“. S. 41.).

[39] Aust: Der Baader Meinhof Komplex. S. 349f.

[40] Peters, B.: RAF: Terrorismus in Deutschland. Stuttgart 1991, S. 81.

[41] Konkret ist eine 1957 gegründete deutsche Zeitschrift, die, mit einer Unterbrechung von Nov. 1973 - Okt. 1974, bis heute erscheint. Während sie selbst sich als „einzige linke Publikumszeitschrift Deutschlands“ versteht, wird sie vom Verfassungsschutz dem „undogmatischen Linksextremismus“ zugeordnet.

[42] Der Spiegel [Hg.], „Natürlich kann geschossen werden“. Ulrike Meinhof über die Baader-Aktion, in: Der Spiegel 25 (1970), S. 75.

[43] Rote Armee Fraktion, Das Konzept Stadtguerilla, in: ID-Verlag [Hg.], Rote Armee Fraktion. Texte und Matrialien zur Geschichte der RAF, Berlin 1997, S. 27.

[44] Ebd., S. 30.

[45] Meinhof, Ulrike Marie, Wasserwerfer – auch gegen Frauen. Student und Presse. Eine Polemik gegen Rudolf Augstein und Konsorten, in: Dies., Deutschland Deutschland unter anderm. Aufsätze und Polemiken, Berlin 1995, S. 133.

[46] Ebd., S. 130-137.

[47] Eigentlich handelt es sich um den Versuch eines Theorieentwurfes, da die RAF überwiegend von anderen Theoretikern Gedanken übernahm und probierte diese zu einem Ganzen zusammenzufügen. Fetscher u.a. bezeichnen dies als „selektive[n] Umgang mit politischen Theorien“: Fetscher, Iring, u.a., Ideologien und Strategien (Analysen zum Terrorismus, Bd. 1), Opladen 1981, S. 181.

[48] Mertz, Peter, Weder Gnade noch freies Geleit. Ulrike Meinhof – Der Amoklauf einer enttäuschten Idealistin, in: Lutherische Monatshefte 10 (1994), S. 37. Hierbei sei noch angemerkt, dass der Aufsatz von Mertz generell wissenschaftlichen Ansprüchen nicht genügt.

Ende der Leseprobe aus 255 Seiten

Details

Titel
Frauen und der Linksterrorismus. Wie aus der Journalistin Ulrike Meinhof eine Terroristin wurde
Autoren
Jahr
2016
Seiten
255
Katalognummer
V323733
ISBN (eBook)
9783668234895
ISBN (Buch)
9783956879227
Dateigröße
1485 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frauen, linksterrorismus, journalistin, ulrike, meinhof, terroristin
Arbeit zitieren
Constanze Mey (Autor)Daniel Hitzing (Autor)Yvonne Diewald (Autor)Alexander Krüger (Autor), 2016, Frauen und der Linksterrorismus. Wie aus der Journalistin Ulrike Meinhof eine Terroristin wurde, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323733

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