Unter welchen Umständen kann ein Krieg, auch angesichts der Verpflichtung zum Frieden, als gerecht oder gerechtfertigt angesehen werden und trotzdem im Dienste des Friedens stehen? Hatten über die Jahrtausende hin die Rechts- und Theologiegelehrten sich Gedanken gemacht und versucht, Formen hierfür zu finden, erscheint es aus heutiger Perspektive und angesichts der weltpolitisch globalisierten Lage unabdingbar, nach einem Instrument zu suchen, dass es erlaubt, einen Frieden gegebenenfalls auch zu erzwingen, wenn alle anderen Mittel scheitern. So ist Anfang der 2000er Jahre die Schutzverantwortung, Responsibility to Protect oder auch R2P genannt, entwickelt worden. Kann sie ein mögliches Instrument zur Wahrung des Weltfriedens sein oder welche Instrumente müssen ergriffen werden?
Ich werde in dieser Hausarbeit, geleitet durch die Prinzipien der Theorie des Gerechten Krieges, einen Versuch unternehmen, die Schutzverantwortung auf ihre theoretischen Voraussetzungen, eine friedlichere Welt zu schaffen sowie auf ihre praktische Umsetzbarkeit, diese zu verwirklichen, untersuchen, um abschließend zu einer Beantwortung der Frage, ob die R2P ein gerechtfertigtes Mittel im Kampf um eine friedlichere Welt sein kann, zu kommen. Bewusst habe ich mich für die Ausdruck „Kampf“ in der Fragestellung entschieden, da sie, in ihrer häufigsten Ausprägung, einen Einsatz von militärischen Mitteln impliziert, was zunächst paradox erscheint, wenn man friedensethisch über eine Welt ohne Kriege spricht. Der Autor H.G. Wells spricht von dem Phänomen „ein Krieg für den Frieden“ , Woodrow Wilson gab das Versprechen „Ich verspreche Ihnen, dieser Krieg wird der letzte sein – der Krieg, der alle Kriege beenden soll.“ Bislang hat es einen solchen Krieg noch nicht gegeben; auf den Krieg, auf den sich Wells und Wilson beziehen, folgten noch viele weitere, angefangen beim 2. Weltkrieg bis hin zum Zerfall Syriens und Iraks, die es als Nationen nur noch auf der Landkarte gibt.
Ich werde mit einer knappen Einleitung zur Theorie des Gerechten Krieges beginnen um anhand dieser die Schutzverantwortung zu erläutern sowie Möglichkeiten und Grenzen dieses Konzeptes aufzuzeigen. In einem abschließenden Fazit werde ich am Beispiel Libyens den Kommentar Jürgen Trittins aufgreifen „Der Einsatz in Libyen hat die R2P kaputt gemacht“ , um der Frage nachzugehen, warum sie in Syrien nie implementiert wurde.
Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG
II. BEGRIFFSKLÄRUNG UND METHODISCHE HERANGEHENSWEISE
III. HERLEITUNG UND AKTUALITÄT DES BEGRIFFES VOM „GERECHTEN KRIEG“
I. HISTORISCHE HERLEITUNG DES BEGRIFFS
II. AKTUALITÄT DES KONZEPTS
III. ZWISCHENFAZIT
IV. DIE ROLLE DER UNO
V. DIE R2P-DOKTRIN – EINE RENAISSANCE DES KONZEPTS DES „GERECHTEN KRIEGES“?
I. KRITIK
II. EXKURS: LIBYEN UND DIE RESOLUTION 1973
III. ZWISCHENFAZIT UND RÜCKFÜHRUNG ZUM GERECHTEN KRIEG
VI. FAZIT UND AUSBLICK – DIE R2P ALS GERECHTFERTIGTES MITTEL FÜR DEN WELTFRIEDEN UND DIE INTERNATIONALE SICHERHEIT?
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die „Responsibility to Protect“ (R2P) vor dem Hintergrund der Theorie des gerechten Krieges, um zu analysieren, ob sie als gerechtfertigtes Instrument der internationalen Interventionspolitik dienen kann, um eine friedlichere Welt zu schaffen.
- Theoretische Grundlagen und historische Herleitung des Konzepts „Gerechter Krieg“
- Die Rolle der Vereinten Nationen im internationalen Interventionssystem
- Strukturelle Analyse der R2P-Doktrin (Säulenmodell: Prävention, Reaktion, Wiederaufbau)
- Kritische Fallstudie: Die Intervention in Libyen und die Resolution 1973
- Herausforderungen der Implementierung am Beispiel des Syrien-Konflikts
Auszug aus dem Buch
II. Begriffsklärung und methodische Herangehensweise
Um ein eindeutiges Verständnis bei der Verwendung der Begrifflichkeiten in dieser Hausarbeit sicherzustellen, drängt sich zunächst die Frage auf, wie bei der Theorie des Gerechten Krieges „gerecht“ und „gerechtfertigt“ im Bedeutungszusammenhang stehen. Was genau ist der Unterschied zwischen einem Gerechten Krieg und einem gerechtfertigten Krieg? Muss nicht jeder Krieg gerechtfertigt sein, damit er vom Volk legitimiert wird? Im Umkehrschluss: Kann ein Krieg, in dem unschuldige Menschen sterben, überhaupt gerecht sein? Es findet sich erstaunlicherweise in der Literatur zum Gerechten Krieg, soweit sie vorliegt, keine explizite Unterscheidung zwischen diesen Begriffen, die ja essenziell erscheint, wenn man im Hinblick auf das Thema dieser Arbeit auf globaler Ebene von einer Schutzverantwortung mit den Mitteln dieser Kriegführung spricht.
Im Lexikon DUDEN findet sich allerdings eine interessante Beschreibung für den Begriff „gerecht“. Es heißt, gerecht bedeute, dem geltenden Recht entsprechen bzw. „dem [allgemeinen] Empfinden von Gerechtigkeit/ Wertmaßstäben entsprechend“, wobei sich an dieser Stelle wieder die Frage stellt, was unter dem Begriff Gerechtigkeit verstanden wird. Dieser kann subjektiv sehr verschiedene Ausprägungen annehmen und eine Erklärung für ein Wort, mit den selben Worten, führt an dieser Stelle zu keiner präzisen Definition. Unter der Rubrik „typische Verbindungen – Substantive“ wird u.a. auch der Begriff Krieg genannt. Für „gerechtfertigt“ findet sich lediglich die Erklärung „zu Recht bestehend, richtig“. Als Synonym wird „gerecht“ angegeben.
Zusammenfassung der Kapitel
I. EINLEITUNG: Die Einleitung beleuchtet die globale Lage und führt in die Fragestellung ein, inwieweit die R2P als legitimes Instrument in einer konfliktreichen Weltordnung dienen kann.
II. BEGRIFFSKLÄRUNG UND METHODISCHE HERANGEHENSWEISE: Dieses Kapitel klärt die semantische Unterscheidung zwischen „gerecht“ und „gerechtfertigt“ und definiert den methodischen Rahmen der Analyse.
III. HERLEITUNG UND AKTUALITÄT DES BEGRIFFES VOM „GERECHTEN KRIEG“: Es werden die historischen Wurzeln bei Augustinus aufgearbeitet und die Renaissance dieser Theorie in der heutigen politischen Debatte untersucht.
IV. DIE ROLLE DER UNO: Hier wird die zentrale Rolle der Vereinten Nationen bei der Wahrung des Weltfriedens und die damit verbundenen strukturellen Probleme diskutiert.
V. DIE R2P-DOKTRIN – EINE RENAISSANCE DES KONZEPTS DES „GERECHTEN KRIEGES“?: Das Hauptkapitel analysiert das Konzept der R2P, dessen Säulen sowie die kritischen Aspekte und Fallbeispiele.
VI. FAZIT UND AUSBLICK – DIE R2P ALS GERECHTFERTIGTES MITTEL FÜR DEN WELTFRIEDEN UND DIE INTERNATIONALE SICHERHEIT?: Das Fazit bewertet das Potenzial der R2P kritisch und plädiert für einen stärkeren Fokus auf die Konfliktprävention statt auf militärische Interventionen.
Schlüsselwörter
Responsibility to Protect, R2P, Gerechter Krieg, Friedensethik, Internationale Sicherheit, UN-Charta, Humanitäre Intervention, Libyen-Konflikt, Syrien-Krieg, Souveränität, Konfliktprävention, Weltfrieden, Vereinte Nationen, Intervention, Moralismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, ob die „Responsibility to Protect“ (R2P) aus friedensethischer Sicht ein gerechtfertigtes Instrument der internationalen Politik darstellt, um Weltfrieden und Sicherheit zu gewährleisten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Theorie des gerechten Krieges, die Rolle der UN, humanitäre Interventionen, der Schutz von Zivilbevölkerungen und die Problematik der politischen Instrumentalisierung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: Kann die R2P als gerechtfertigtes Instrument der internationalen Interventionspolitik aus friedensethischer Sicht dienen?
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine systematische Analyse von Konzepten, normativen Rahmenbedingungen und deren praktischer Anwendung in Fallstudien wie Libyen durchgeführt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der historischen Herleitung des Konzepts, der Rolle der UNO, der Struktur der R2P sowie einer kritischen Analyse der Anwendungspraxis anhand von Libyen und Syrien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind R2P, Gerechter Krieg, Schutzverantwortung, humanitäre Intervention und internationale Sicherheit.
Warum wird Libyen als spezifisches Fallbeispiel gewählt?
Libyen dient als Beispiel, da es der erste Fall war, in dem sich die internationale Gemeinschaft bei einer Intervention ausdrücklich auf die R2P berief.
Was kritisiert die Autorin an der aktuellen Implementierung der R2P?
Die Autorin kritisiert den hohen Interpretationsspielraum, der zur Instrumentalisierung durch „Gebernationen“ führen kann, und die Tendenz, die R2P für Regimewechsel statt für den Schutz der Zivilbevölkerung zu missbrauchen.
- Quote paper
- Minou Bergengrün (Author), 2015, Die Responsibility to Protect als gerechtfertigtes Mittel im Kampf um eine friedlichere Welt?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323741