Die ambivalente Darstellung des urbanen Raumes in der Lyrik des Expressionismus


Bachelorarbeit, 2016

31 Seiten, Note: 1,1


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Soziohistorische Rahmenbedingungen

3. Expressionismus – ein Überblick
3.1. Die „expressionistische Generation“
3.2. Lyrik des Expressionismus

4. Die Großstädte und das Geistesleben
4.1. Rationalisierung
4.2. Individualismus und Freiheit
4.3. Entfremdung und Dissoziation

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

„Singe mein trunkenstes Loblied auf euch, ihr großen, ihr rauschenden Städte, Trägt euer schmerzhaft verworren, unruhig Mal doch mein eigen Gesicht. Zerrüttet wie ihr, rüttelnd an rasselnder Kette.“ (Johannes R. Becher – De profundis III)

1. Einleitung

Ende des 19. Jahrhunderts befindet sich Deutschland in einer Phase, in der sich aus industrieller Produktion ein Industriesystem entwickelt. Der Umbruch der agrarisch geprägten Wirtschaftsform zu einer fortgeschrittenen kapitalistischen Wirtschaftsform vollzieht sich in nur ca. drei Jahrzenten und umfasst eine verspätete aber rapide Industrialisierung in Deutschland. Viele expressionistische Lyriker, die größtenteils um 1890 geboren sind, wachsen in dieser Zeit des Umbruchs in den sich rapide entwickelnden Großstädten auf und reflektieren in ihrer Großstadtlyrik, die durch stark ambivalente Darstellungen charakterisiert ist, zivilisationskritisch die Erfahrungen der modernen Großstadt. Die in dieser Zeit durch technischen Fortschritt und Industrialisierung initiierten allgemeinen Modernisierungsprozesse nehmen nachhaltigen sozial- und wahrnehmungsspezifischen Einfluss auf das urbane Leben, dessen Auswirkungen der deutsche Soziophilosoph Georg Simmel 1903 in seinem Essay Die Großstädte und das Geistesleben beschreibt und ein ambivalentes Spannungsverhältnis zwischen Großstadt und Städter resümiert. Im Fokus der vorliegenden Arbeit steht die These, dass die Expressionisten in dem von Simmel beschriebenen Spannungsverhältnis zur neuen Urbanität stehen, welches sich in ambivalenten Großstadtdarstellungen äußert. Die Untersuchung dieser Arbeit basiert auf einem sozialgeschichtlichen Ansatz, betrachtet Literatur also als Produkt und Ausdruck sozialer, ökonomischer und politischer Faktoren und versucht Rückschlüsse aus einem wechselseitigen Verhältnis zwischen expressionistischer Literatur und ihrem sozialgeschichtlichem Kontext zu ziehen. Alle zeitgeschichtlichen Zusammenhänge zwischen Politik, Ökonomie, Psychologie etc. in ein System zu bringen vermag keine Theorie. Vielmehr sollen gemeinsame Grunderfahrungen der Großstadt und deren ambivalente Verarbeitungen in der expressionistischen Lyrik im Vordergrund stehen. Dabei sind ästhetische Freiheiten und Differenzen zu berücksichtigen, um Realität und künstlerisches Symbol nicht fälschlicherweise gleichzusetzen. Da eine Untersuchung aller expressionistischer Kunstformen den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, wird auf Erläuterungen bzgl. der Gattungen der expressionistischen Malerei, Bildhauerei, Architektur und des expressionistischen Films verzichtet. Vielmehr bietet sich ein Fokus auf die expressionistische Lyrik an, da sich in ihr die Großstadt als zentrales Motiv verarbeitet findet.

Die aktuellste Einführung in die Literatur des Expressionismus stellt Frank Krauses Literarischer Expressionismus (2015) dar. Die Einführung orientiert sich grundlegend an den auch heute noch aktuellen Standartwerken von Vietta und Kemper Expressionismus (1975) und Silvio Viettas Lyrikanthologie Lyrik des Expressionismus (1975) und erweitert diese um Erkenntnisse in den Forschungsgebieten der spatial und material turns. Auch in den Genderstudies finden sich neuere Erkenntnisse über Performanz in Expressionistischer Literatur, die sich zumeist auf performative Ansätze beziehen, hier sei vor allem Frank Krauses (2010) Expressionism and Gender erwähnt. Die neuere Forschung arbeitet dabei mit tendenziell übereinstimmenden Epochenbegriffen, die je nach Problemstellung leicht differenzieren (vgl. Krause 2015: 65). Die expressionistische Großstadtlyrik wird zumeist im Rahmen des sozialen Wandels zur Jahrhundertwende behandelt. Hier sind vor allem die Arbeiten von Urbanität und Moderne von Sabine Becker (1993) und Die Industrialisierung in der deutschen Literatur der Jahrhundertwende von Christa Siefert zu nennen.

2. Soziohistorische Rahmenbedingungen

Der Beginn einer rapiden Entwicklung der deutschen Großstädte – um 1910 wohnt bereits jeder fünfte Deutsche in einer Großsta dt, unter ihnen auch ein großer Teil der Expressionisten – kann nach Jürgen Reulecke mit Beginn des 19. Jahrhunderts festgelegt und wie er in seinem Werk Geschichte der Urbanisierung in Deutschland erklärt, in drei Teilabläufe gegliedert werden.

Nach Reulecke beginnt um 1800 in Deutschland ein Städtewachstum, das er als „reine Änderung der Quantität im vorgegebenen qualitativen Rahmen“ (1985: 10) definiert und festhält, dass in diesem Zeitraum bis ca. 1855 die rechtlichen und sozioökonomischen Grundlagen für die Entwicklung der modernen Großstadt geschaffen werden.1 Darauf folge ungefähr bis zur Gründung des wilhelminischen Kaiserreichs eine Verstädterung, eine im Wesen „starke räumliche Verdichtung der Bevölkerung“ (ebd.: 11). Die damit umfasste Migration eines Teils der Landbevölkerung in die Stadt beruhe auf dem größeren Angebot des städtischen Arbeitsmarktes. Zirka ab Gründung des wilhelminischen Kaiserreichs führen die quantitativen Veränderungen der Verstädterung, in Kombination mit allgemeinen Modernisierungsprozessen und der zweiten Industrialisierung2, die in Deutschland verspätet, dafür aber mit drastischen Auswirkungen einsetzt, zur Herausbildung der Urbanität, einer „neuartigen städtischen Lebensform“ (ebd.). Quantitative Massenschichtung der Bevölkerung und allgemeine Modernisierung resultieren damit in einem qualitativen Wandel des städtischen Lebens. Die allgemeine Urbanisierung und Industrialisierung setzen sich bis zum ersten Weltkrieg fort und Deutschland erreicht in einem Zeitraum von vier Jahrzehnten den Status eines modernen Industriestaats (vgl. ebd.: 9ff.).

Bemerkenswert ist der Anstieg des in Großstädten lebenden Anteils der Bevölkerung. In der Zeitspanne ab der Reichsgründung bis 1910 steigt dieser von 4,8% auf 21,3% und jeder fünfte Einwohner des deutschen Reiches ist demnach um 1910 ein Großstädter. Im Zentrum dieser rasanten Entwicklung steht die neue Reichshauptstadt Berlin. Leben um 1850 noch 412.000 Menschen in der Großstadt, liegt die Einwohnerzahl 1871 bei 826.000 und steigt bis 1910 sogar auf 2.071.000. Menschen. Vergleichsweise leben in Hamburg, der zweitgrößten Stadt des Reiches, um 1910 mit 931.000 Einwohnern nicht einmal halb so viele Menschen wie in Berlin (vgl. ebd.: 202).

Politisch war der Beginn des 20. Jahrhunderts in Europa von der 1. und 2. Marokkokrise geprägt, die das junge deutsche Kaiserreich in eine isolierte, außenpolitische Situation brachte und gleichzeitig die Ausprägung eines starken Nationalismus förderte. Die starken machpolitischen Spannungen führten zu einem militärischen Wettrüsten, auch auf Grund expansiver Kolonialpolitik, die eine gesteigerte Flottenporduktion zur Folge hatte, das letztendlich im 1. Weltkrieg (1914-1918) endete.

Auf dem Gebiet der Naturwissenschaften gab es durch vielseitige Entdeckungen wie der Atomtheorie durch Max Bohr, Albert Einsteins Relativitätstheorie oder Max Plancks Quantenmechanik ein sich wandelndes Wirklichkeitsverständnis, das zur Hinterfragung der wahrgenommen Realität führte. Auf das Wirklichkeitsverständnis der Expressionisten wird im Laufe der Arbeit noch genauer eingegangen.

Die Entwicklung Deutschlands von der Reichsgründung bis zum ersten Weltkrieg kann also im Grunde durch eine späte zweiten Industrialisierung, allgemeine Modernisierung und Urbanisierung im Rahmen der Umstrukturierung Deutschlands von einer agrarisch geprägten Feudalnation zu einer industriel geprägten Industrienation und charakterisiert werden. Viele der expressionistischen Akteure wachsen in dieser Zeit des Umbruchs in den deutschen Großstädten auf, viele von ihnen in Berlin, das als politisches und kulturelles Zentrum des Kaiserreichs auch im Zentrum des expressionistischen Schaffens steht. Aus diesem Grund und wegen ihrer rasanten Entwicklung bietet sich die Reichshauptstadt als hervorstechendes Exempel zur Darlegung der allgemeinen und besonders technischen Modernisierungsprozesse im Rahmen der Industrialisierung und Urbanisierung an, die weitreichende Auswirkungen auf sozial- und wahrnehmungsspezifische Aspekte des urbanen Lebens haben.

Demographische Veränderungen, fortschreitende Industrialisierung und allgemeine Modernisierung hatten das Stadtbild Berlins tiefgreifend verändert. Vielzählige Mietskasernen für Zuwanderer, Mechanisierung, Stadttechnik, Hygienemaßnahmen, neue Straßen, Bürgersteige und der Ausbau der Kanalisation trugen zur Veränderung der Stadtlandschaft bei. Besondere Bedeutung kommt der Elektrifizierung des Verkehrs und der Geschäfte bei der Entwicklung eines neuen Stadtbewusstseins zu. Warenhäuser und Fabriken fungierten durch Produktion und Konsum nicht nur als Motoren des Stadtbetriebes, sondern veränderten durch beleuchtete Schaufenster, Reklame-Plakate und Beleuchtungskunst auch nachhaltig das Stadtbild, infolgedessen Berlin auch als „Stadt des Lichts“ oder „Elektropolis“ tituliert wurde (vgl. Becker 1993: 35ff.). Kurt Pinthus, einer der Vorreiter des literarischen Expressionismus, hält die rasanten Entwicklungen der vorhergehenden Jahrzehnte und ihre Folgen in „Die Überfülle des Erlebens (1925) fest :

„Man male sich zum Vergleich nur aus, wie ein Zeitgenosse Goethes oder ein Mensch des Biedermeier seinen Tag in Stille verbrachte, und durch welche Menschen von Lärm, Erregungen, Anregungen heute jeder Durchschnittsmensch täglich sich durchzukämpfen , mit der Hin- und Rückfahrt zur Arbeitsstätte, mit dem gefährlichen Tumult der von Verkehrsmitteln wimmelnden Straßen, mit Telephon, Lichtreklame, tausendfachen Geräuschen und Aufmerksamkeitsablenkungen. […] Wie ungeheuer hat sich der Bewußtseinskreis jedes einzelnen erweitert durch die Erschließung der Erdoberfläche und die neuen Mitteilungsmöglichkeiten: Schnellpresse, Kino, Radio, Grammophon, Funktelegraphie.“ (Vietta 1976: 9)

Es sind eben jene Auswirkungen der, den neuen Technologien zugeschriebenen, alltäglichen Belastung für den Städter, die nach Pinthus in einem erweiterten Bewusstseinskreis resultieren. Die Urbanisierung bringt neben visuellen Veränderungen auch eine neue Zeiterfahrung mit sich. Durch die Elektrifizierung können Straßen abends beleuchtet werden, der Tag gewinnt an gefühlter Länge, moderne Transportmittel beschleunigen den Ablauf des städtischen Lebens und man beginnt vom „Berliner Tempo“ zu sprechen (vgl. Becker 1993: 38). Die erhöhten Geschwindigkeiten, die durch neue Transportmöglichkeiten erreicht werden, steigern auch die Anzahl der Bilder, die vom Auge verarbeitet werden müssen. Sabina Becker bezeichnet diese durch schnellen Bildwechsel induzierte Flüchtigkeit als wichtigstes Kennzeichen der Moderne (vgl. ebd.: 40).

3. Expressionismus – ein Überblick

Um den lyrischen Expressionismus zu definieren, wird im Folgenden zuerst das zeitgenössische Begriffsverständnis betrachtet. Unter Verwendung des bio-bibliographischen Werkes Die Autoren und Bücher des literarischen Expressionismus von Paul Raabe (1985) werden Gemeinsamkeiten der expressionistischen Akteure und ihr Verhältnis zum urbanen Raum als Lebens- und Schaffensort aufgezeigt, um daraus eine Definition des lyrischen Expressionismus abzuleiten.

In Deutschland tritt die Bezeichnung Expressionismus erstmals im Kontext der Malerei auf und wird, 1911 in der 22. Ausstellung der Berliner Sezession, auf junge französische Maler bezogen. Ein im Vergleich zur Gegenwart weitaus breiteres – oder ambivalenteres – Begriffsverständnis lässt sich schon allein dadurch vermuten, dass in der Ausstellung auch Bilder einiger Fauvisten und Kubisten zu finden sind (vgl. Anz/Stark 1982: 14). Kunstkritiker und Theoretiker übernehmen den Begriff darauffolgend, als Pendant zum bereits etablierten Begriff Impressionismus[3], zur Etikettierung von als „anti-impressionistisch“ wahrgenommenen Werken (vgl. Vietta/Kemper 1975: 13). Noch im gleichen Jahr überträgt Kurt Hiller, einer der Wortführer und Gründungsmitglied des expressionistischen „Neuen Club“, einer Vereinigung junger Künstler und Studenten, den Begriff auf die Literatur. Hiller veranstaltete unter anderem mit prominenten Künstlern wie Georg Heym oder Else Lasker-Schüler das „Neopathetische Cabaret , deren Literaten er in seinem als Beilage der Heidelberger Zeitung veröffentlichten Artikel „Die Jüngst-Berliner“ (1911) als Expressionisten bezeichnet: „Wir sind Expressionisten. Es kommt uns wieder auf den Gehalt, das Wollen, das Ethos an.“ (Hiller 1982: 34f.)

Zeitgenössisch wird der Begriff jedoch nur langsam und nicht einheitlich aufgenommen. Arnold Armin hält dazu fest: „Eine expressionistische Gruppe im Sinne der Futuristen und Dadaisten gab es nie. Den größten Zusammenhalt besaß die Gruppe von Schriftstellern, die für Herwarth Waldens Zeitschrift „Der Sturm“ schrieb.“ (1966: 15) Einige Autoren distanzierten sich von der Bezeichnung Expressionismus und viele heute als Expressionisten bezeichnete Künstler starben, bevor sich der Begriff in den folgenden Jahren etablieren konnte (vgl. ebd.: 13f.). Schon das zeitgenössische Verständnis ist also keineswegs eindeutig und auch heute noch arbeitet die Forschung mit nach Problemstellungen diversifizierten Epochenbegriffen (vgl. Krause 2015: 65). Die Hauptphase des Expressionismus, das expressionistische Jahrzehnt, ist allgemein jedoch wenig umstritten und wird von 1910 bis 1920 – das Ende des Expressionismus wird von einigen Expressionisten mit Einsetzen der bürgerlichen Anerkennung und Massentauglichkeit angesetzt (vgl. Anz/Stark 1982: 98ff.) –, teilweise bis 1925 datiert (vgl. Vietta/Kemper 1975: 14). An dieser Stelle sei ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der Expressionismus eine Strömung seiner Zeit ist. Parallel dazu existierten weiterhin andere Strömungen, etwa der Ausläufer des Naturalismus, Ästhetizismus, Klassizismus oder antimoderne Heimatkunst, von deren Autoren einige, etwa Franz Kafka, vereinzelnd auch zum Expressionismus gezählt werden (vgl. Anz/Stark 1982: XVI)4.

3.1. Die „expressionistische Generation“

Trotz Stilpluralismus und thematischer Heterogenität, stellt Paul Raabe in seinem bibliographischen Handbuch Die Autoren und Bücher des literarischen Expressionismus biographische Gemeinsamkeiten fest, unter deren Akzentuierung von einer „expressionistischen Generation“ (1985: 7) gesprochen werden kann:

„Die zwischen 1885 und 1896, also einem Zeitraum von 12 Jahren geborenen Autoren, die zwischen 1910 und 1921 Fünfundzwanzigjährigen, machen zwei Drittel aller am Expressionismus beteiligten Schriftsteller aus. […] Mehr als 80% aller späteren Autoren waren Akademiker. […] Fast alle kamen aus gutbürgerlichen Milieu, hatten höhere Schulen, meist Gymnasien besucht und waren oft Söhne von Akademikern. […] Jeder zehnte spätere Autor des Expressionismus war in der Hauptstadt des Reiches und Preußens geboren. Viele kamen in jungen Jahren nach Berlin oder studierten dort an der Universität.“ (Ebd.: 7f.)

Paul Raabe ergänzt, dass viele Expressionisten ihre Jugend in den strengen Schulen der Jahrhundertwende verbracht hatten und deren erstarrte Formen den „Oppositionsgeist“ mitgeprägt hätten, der sich gegen die Autorität der Gründergeneration richtete und mit dem ein Verlangen nach „Freiheit und neuer Gemeinschaft“ einherging (vgl.1985: 8). Dem Bürgertum waren die Expressionisten jedoch näher als sie selbst glaubten. Viele von ihnen gingen nach oder während der Zeit des Expressionismus einem bürgerlichen Beruf nach. Sie waren z.B. Ärzte, Juristen, Anwälte, Studienräte, Dozenten und Professoren (vgl. ebd.: 12). Die Rolle der weiblichen Akteure im Expressionismus ist recht überschaubar. Von den 347 Autoren, die Paul Raabe in seinem Werk aufzählt, sind gerade einmal 19 Frauen. Bedeutend ist die Rolle des urbanen Raumes und in diesem Zusammenhang die Rolle Berlins als Geburts- und Lebensort vieler Expressionisten. Sind sie nicht in der Reichshauptstadt geboren, kommen sie aus den Großstädten Hamburg, Hannover, Dresden, Prag oder Wien und arbeiten größtenteils in ihnen (vgl. ebd: 537ff.). Die Städte bieten mit vielfältigen Publikations- und Kommunikationsmöglichkeiten Grundlage für das Schaffen der Expressionisten. Ihre bevorzugten Publikationsorgane fanden die literarischen Expressionisten in Zeitschriften, wie dem von Herwarth Walden herausgegebenen „Der Sturm“, Jahrbüchern wie Kurt Hillers (Hg.) „Das Ziel“ und Franz Pfemferts (Hg.) „Die Aktion“, Anthologien – hier ist die von Kurt Pinthus herausgegebene Menschheitsdämmerung zu nennen – und nicht zuletzt Lesungen wie die des bereits genannten „Neopathetischen Cabaret“. Schaffens- und Kommunikationsorte waren vor allem Cafés, Kneipen, Clubs und Cabarets (vgl. Thater/ Vietta 2001: 19f.). Alfred Richard Meyer, Schriftsteller und Herausgeber frühexpressionistischer Gedichte, resümiert: „Man kann sich heute beim besten Willen nicht mehr vorstellen, mit welcher Erregung wir abends im Café des Westens […] das Erscheinen des ‚Sturm‘ oder der ‚Aktion‘ erwarteten.“ (1965: 55) Dem kommunikativen Aspekt dieser Kulturräume kommt insofern besondere Bedeutung zu, dass das expressionistische Schaffen von einer wechselseitigen Beeinflussung der expressionistischen Kunstrichtungen untereinander geprägt war, in dessen Bezug auch vom Gesamtkunstwerk Expressionismus gesprochen wird (vgl. Anz 2010: 52ff.). Auf die lyrische Verarbeitung dieser Orte wird im Verlaufe dieser Arbeit noch detaillierter eingegangen, aus der Begeisterung für den städtischen Kulturraum, den städtischen Publikations- und Kommunikationsmöglichkeiten lassen sich vorerst aber schon erste Gründe für ein positives Verhältnis der Expressionisten zur Großstadt ableiten. Hermand Jost lässt sogar vermuten, dass „der Expressionismus von Anfang an eine modernistisch-avantgardistische Großstadtkunst [war], die ohne das Ambiente der Künstlercafés, Bohemezirkel, kleinen Galerien und Miniverlage gar nicht denkbar ist.“ (1988: 66)

3.2. Lyrik des Expressionismus

Kann die Epoche des Expressionismus nach Walter Fähnders zusammenfassend „am ehesten noch als generationstypische Bewusstseinslage einer oppositionellen, bürgerlichen Intelligenz“ (2010: 134) oder, wie Vietta und Kemper festhalten, „als ein komplexes Spannungsfeld von tiefgreifender, vielfach bedingter Strukturkrise des modernen Subjekts und Erneuerungsvorstellungen, von Ichdissoziation und Aufbruchsstimmung“ (1975: 19) bezeichnet werden, beschreibt Silvio Vietta auch den lyrischen Expressionismus in seiner Anthologie Lyrik des Expressionismus als heterogenes „Spannungsfeld kulturkritischer Tendenzen sowie einer verknüpften Krise des modernen Subjekts einerseits, messianischen Erneuerungs- und Aufbruchsversuchen andererseits.“ (1976: 2f.) Für die vorliegende Arbeit ist besonders die Ichdissoziation als eine grundlegende Tendenz im literarischen Expressionismus, unter der “psychologische, ökonomische, politische und erkenntnistheoretische Momente im Hinblick auf ihre Wirkung auf das Subjekt subsumiert werden” (ebd.: 3) von besonderer Bedeutung. Unter ihr verstehen Vietta und Kemper den gemeinsamen Schnittpunkt aller sich dissoziierend auf das Subjekt auswirkenden Umstände der modernen Realität. Zu diesen psychologischen und ökologischen Umständen zählen sie unter anderem eine Entfremdung durch arbeitsteilige Produktionsprozesse, ein hierarchisch geprägtes Machtprinzip in der wilhelminischen Gesellschaft, sozialpsychologische Phänomene wie antibürgerliches Verhalten und nicht zuletzt die sozial- und wahrnehmungsspezifischen Auswirkungen der großstädtischen Lebenswelt auf ihre Bewohner (vgl. ebd.: 21f.). Im weiteren Verlauf der Arbeit soll anhand von Georg Simmels Großstadtanalyse Die Großstädte und das Geistesleben, in der er argumentativ auf jene psychologischen und ökonomischen Auswirkungen der Großstadt auf das Subjekt zurückgreift, aufgezeigt werden, dass es unter anderem diese Umstände sind, die in den ästhetischen Sinnbildern der Großstadtlyrik verarbeitet werden.

Nach Silvio Viettas Definition ist die kulturkritische Auseinandersetzung des Subjekts mit dem Problemfeld der Moderne also ein zentraler Aspekt des lyrischen Expressionismus. Diese Ansicht lässt sich mit der Argumentation Lothar Müllers verbinden, der in seinem Aufsatz Die Großstadt als Ort der Moderne annimmt, dass es eine „Überblendung von Theorie der Moderne und Bild der Großstadt“ (1988: 14) gebe, da philosophische Topographie, also eine kritische Reflexion über Ort-, Feld oder Raumkategorien, immer auch eine „Reflexion der ästhetischen wie der technisch-zivilisatorischen Moderne“ (ebd.) sei. Vereint man beide Aussagen, ließe sich schlussfolgern, dass eine kulturkritische Auseinandersetzung mit der Großstadt einer Auseinandersetzung mit der Moderne gleichkäme. Nach dieser Argumentation verwundert es kaum, dass dem Sujet Großstadt, als Allegorie des Konfliktes zwischen Subjekt und moderner Lebenswelt, eine zentrale Bedeutung in der expressionistischen Lyrik zukommt.

Wolfgang Rothe stellt in seiner Anthologie Großstadtlyrik fest, dass „nie zuvor und danach […] so viele Strophen das Phänomen ‚moderne Großstadt‘ unmittelbar thematisiert [haben].“ (1973: 13) Laut Walter Fähnders habe es eine relevante Großstadtlyrik vormals zuerst zu Zeiten der Naturalisten gegeben, die in ihren Werken die sozialen Auswirkungen der großstädtischen und industriellen Welt verhandelten (vgl. 2010: 147). Besonders die Lyrik der ersten Hälfte des expressionistischen Jahrzehnts von 1910-1914 kann auch als frühexpressionistische Großstadtdichtung bezeichnet werden (vgl. Roters 1989: 22). Für die Inhalte der Dichtung formuliert Hiller in dem bereits erwähnten Artikel „Die Jüngst-Berliner“: „So ist in der Dichtung unser bewusstes Ziel: die Formung der Erlebnisse des intellektuellen Städters.“ (1982: 35) Der expressionistische Dichter Oskar Loerke spezifiziert in seinem Artikel „Von der modernen Lyrik“:

[...]


1 Zu diesen zählt unter anderem die Stein-Hardenbergsche Landwirtschaftsreform (1807), die eine Abschaffung der Leibeigenschaft in Preußen bewirkte. Da ärmere Bauern die darauffolgenden Entschädigungsleistungen der preußischen Junker nicht zahlen konnten, verloren viele von ihnen ihr Land und wurden zu Tagelöhnern. Diese besitzlose Bevölkerungsschicht bildete einen großen Teil der Migrationsbewegung im Rahmen der Verstädterung.

2 Auf die allgemeinen und besonders technischen Modernisierungsprozesse im Rahmen der Industrialisierung und ihre Auswirkungen wird in Kapitel 3. detaillierter eingegangen. Reulecke zählt an dieser Stelle unter anderem allgemeine Mobilisierung, Bürokratisierung, Alphabetisierung und neuere technische Errungenschaften wie Massenkommunikationsmittel auf (vgl. 1985: 11).

3 Der Impressionismus versucht sich an einer exakten Wiedergabe flüchtiger Sinneswahrnehmungen mit dem Anspruch „objektive Ordnungen der Erfahrung sinnfällig wiederzugeben.“ (Krause 2015: 31)

4 Anz/Stark S. XVI – (Das Vorwort ist mit römischen Zahlzeichen nummeriert)

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Die ambivalente Darstellung des urbanen Raumes in der Lyrik des Expressionismus
Hochschule
Universität Siegen
Note
1,1
Autor
Jahr
2016
Seiten
31
Katalognummer
V323743
ISBN (eBook)
9783668229532
ISBN (Buch)
9783668229549
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Expressionismus, Großstadt, Georg Simmel, Simmel, Die Großstädte und das Geistesleben, Urbanisierung, Urban, Lyrik, Großstadlyrik, Moderne, Großstadtwahrnehmung, Industrialisierung, Bachelorarbeit
Arbeit zitieren
Oke Kröber (Autor), 2016, Die ambivalente Darstellung des urbanen Raumes in der Lyrik des Expressionismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323743

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