Blindheit und Sehbehinderung im kindlichen Alter. Wie können blinde und sehbehinderte Kinder mit Hilfe von frühförderlichen Maßnahmen in ihrer Entwicklung unterstützt werden?


Hausarbeit, 2015

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Allgemeine Grundlagen zu Blindheit und Sehbehinderung
2.1 Aufbau und Funktion des Auges
2.2 Schädigungen des Auges
2.3 Definitionen und Klassifikation nach ICD-10
2.4 Ursachen
2.5 Diagnose und Früherkennung
2.6 Hilfsmittel bei Blindheit und Sehbehinderung

3. Blindheit und Sehbehinderung aus pädagogischer Sicht
3.1 Der Pädagogische Umgang mit blinden und sehbehinderten Menschen
3.2 Einführung in die Blinden- und Sehbehindertenpädagogik
3.3 Erziehung, Bildung und Rehabilitation von sehbehinderten und blinden Menschen

4. Frühförderung
4.1 Allgemeine Frühförderung
4.2 Frühförderung sinnesbeeinträchtigter Kinder und Jugendlicher
4.3 Anwendung und Ziele der pädagogischen Frühförderung
4.4 Inhalt der Frühförderung
4.4.1 Die Frühförderung der Wahrnehmung:
4.4.2 Die Förderung der Mobilität, Motorik und der Selbstständigkeit

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Durch die Fähigkeit des Sehens gelangen wir an Informationen über unsere unmittelbare Umgebung. Wir lernen Gegebenheiten und Standorte außerhalb unserer Reichweite kennen. Das Sehen dient der dreidimensionalen Orientierung, welches dem Mensch ermöglicht sich räumlich zurechtzufinden. Visuelle Reize stimulieren den Mensch sich fortzubewegen und sich mit seiner Umwelt aktiv zu beschäftigen. Die Exploration ist eine grundsätzliche Bedingung für die motorische Entwicklung, die Begriffsbildung und die Entfaltung der Persönlichkeit eines Kindes. Sehschädigungen wirken sich oftmals auf die Persönlichkeitsstruktur eines Menschen aus und gehen mit einem verminderten Selbstwertgefühl einher. Um Isolation als Folge und eine Verzögerungen der Entwicklung zu vermeiden, ist es wichtig, betroffene Kinder frühzeitig zu fördern und anzuleiten. Blinde und sehbehinderte Kinder benötigen deshalb spezielle Fördermaßnahmen, die sich aber als langwierige und schwierige Prozesse darstellen. Jedoch hat sich die Gestaltung dieser Maßnahmen durch die Blinden- und Sehbehindertenpädagogik im Laufe der vergangenen Jahre stark entwickelt und deutlich verbessert.

In Deutschland leben laut des DBSV1 im Jahr 2002 insgesamt 1,2 Millionen blinde und sehbehinderte Menschen. Dazu zählen ungefähr 3.500 blinde Kinder und Jugendliche im Alter von null bis fünfzehn Jahren. Die Anzahl der sehbehinderten Kinder und Jugendlichen ist jedoch unklar, da die Erkrankung nicht meldepflichtig ist und eine Erhebung sich schwer gestaltet. 1980 gab es geschätzt 15.000 sehbehinderte Schüler und Schülerinnen. 2006 nur noch 6.907 offiziell registrierte Schüler und Schülerinnen.

Das Thema dieser Hausarbeit ist „Blindheit und Sehbehinderung im kindlichen Alter“. Mit der Frage: „Wie können blinde und sehbehinderte Kinder mit Hilfe von frühförderlichen Maßnahmen in ihrer Entwicklung unterstützt werden?“ soll vor allem der Bereich der Frühförderung von Kindern im Alter von null bis sechs Jahren aufgezeigt werden. Zunächst jedoch werden die allgemeinen Grundlagen zum Thema Blindheit und Sehbehinderung dargestellt. Angefangen wird mit medizinischen Grundlagen und der Beschreibung der Hilfsmittel die blinden und sehbehinderten Kindern zur Verfügung stehen. Anschließend wird auf den pädagogischen Umgang eingegangen und die Blinden- und Sehbehindertenpädagogik näher erläutert. Das Augenmerk dieser Hausarbeit liegt auf dem Thema der allgemeinen und speziellen Frühförderung von blinden und sehbehinderten Kindern, die im vierten Kapitel beschrieben wird. Zum Schluss folgen ein Fazit und die Beantwortung der Fragestellung.

2. Allgemeine Grundlagen zu Blindheit und Sehbehinderung

2.1 Aufbau und Funktion des Auges

Das Auge ist ein komplexes Sinnesorgan, welches zur Wahrnehmung von Lichtreizen dient. Es besteht aus der Hornhaut, der Lederhaut, der Bindehaut, der Regenbogenhaut und der Augenlinse, die den sichtbaren Teil des Auges darstellen. Der Glaskörper, die Netzhaut und die Makula liegen im inneren der Schädelhöhle. Die Verbindung zwischen dem Auge und dem Gehirn wird als Sehbahn oder auch Sehnerv bezeichnet (vgl. Maritzen/ Kamps 2013, S.6f.). Das scharfe Sehen und die Sehstärke, auch Visus genannt, hängen von der optimalen Brechkraft des optischen Apparates ab. Dieser, bestehend aus Hornhaut und Linse, projiziert das Licht direkt auf die Netzhaut. Die gebündelten elektromagnetischen Wellen des Lichts treffen auf die sensorischen bzw. rezeptorischen Strukturen des Auges. Die unterschiedlichen Wellenlängen (ca. 350-750 nm) werden über bio-fotochemische in bio-elektrische Impulse durch die auf der Netzhaut liegenden Sinneszellen umgewandelt (vgl. ebd. 2013, S. 6). Im Sehzentrum, ebenfalls auf der Netzhaut liegend, werden diese Impulse zu visuellen Informationen verarbeitet, welche über den Sehnerv ins Gehirn weitergeleitet werden. Die visuelle Wahrnehmung entsteht nun im visuellen System, welches aus der Netzhaut, dem Sehnerv, Teilen des Thalamus und des Hirnstamms und der Sehrinde (visueller Cortex) besteht.

Die räumliche Wahrnehmung entsteht aufgrund unterschiedlicher Informationen der einzelnen Augen. Rauminformationen werden durch die verschiedenen Bilder konzipiert, extrahiert, und mit Hilfe von Erinnerungen und Erfahrungen interpretiert (vgl. Zihl/ Mendius/ Schuett/ Priglinger 2012, S. 9).

2.2 Schädigungen des Auges

Der Begriff Schädigung wird nach der World Health Organisation, kurz WHO, als „ Mängel oder Abnormitäten der anatomischen, psychischen oder physiologischen Funktionen und Strukturen des Körpers“ (Müller o.J., o.S.) bezeichnet. Neben dieser Definition versucht die WHO weitere Begriffe zu erklären, die immer mit der Definition des Oberbegriffs Behinderung einhergehen. Unter einer Beeinträchtigung werden „ Funktionsbeeinträchtigungen oder -mängel aufgrund von Schädigungen, die typische Alltagssituationen behindern oder unmöglich machen“ (ebd. o.J., o.S.) verstanden. Behinderungen werden als „Nachteile einer Person aus einer Schädigung oder Beeinträchtigung“ (ebd. o.J., o.S.) bezeichnet. Die Begriffe Blindheit und Sehbehinderungen werden in Deutschland zu dem Oberbegriff der Sehschädigungen gezählt. Diese werden nach ihrer Lage unterschieden und können das Auge selbst, verschiedene Areale des Gehirns oder die dazugehörigen Bahnen bzw. Nerven betreffen. Diese Einschränkungen können sich auf unterschiedliche Sehfunktionen beziehen. Die wichtigsten davon sind die Sehschärfe im Nah- und Fernbereich (Nah- und Fernvisus), die Farbwahrnehmung, das Gesichtsfeld und das dreidimensionale Sehen. Sehschädigungen gehen immer mit einem beeinträchtigen Sehvermögen einher, welches auf eine verminderte Sehschärfe und/oder auf ein eingeschränktes Gesichtsfeld zurückzuführen ist. Außerdem können zusätzliche Probleme, wie z.B. erhöhte Blendempfindlichkeit oder Anomalien bei der Farbwahrnehmung auftreten. Die Beeinträchtigung des Sehvermögens kann zum einen das Sehzentrum selbst und zum anderen periphere Felder oder nur bestimmte Teile der peripheren Felder des Gesichtsfeldes betreffen (vgl. Iriogbe o.J., o.S.).

2.3 Definitionen und Klassifikation nach ICD-10

Unter Blindheit wird eine Sehleistung mit Brille oder Kontaktlinsen von lediglich 2% verstanden. Der Sehrest beträgt ≤ 2% im Vergleich zu dem eines normal sehenden Menschen. Als sehbehindert werden Menschen bezeichnet, die nicht mehr als 30% ihrer Sehkraft besitzen. Im Unterschied dazu haben hochgradig sehbehinderte Menschen nur noch 5% ihres Sehrestes (vgl. Bethke o.J., o.S.). Wenn ein Mensch weniger als 2% sehen kann wird von einer Amaurose oder der Vollblindheit gesprochen. Die Amaurose kennzeichnet sich durch das Fehlen der Lichtwahrnehmung und den Verlust optischer Reizverarbeitung.

Blindheit und Sehbeeinträchtigungen werden im ICD-10-GM2 mit dem Code H54 in acht Stufen eingeteilt. Diese Stufen werden zwischen binokular (beidäugig) und monokular (einäugig) unterteilt. Neben den im ICD-10 beschriebenen Schädigungen werden noch zwischen zerebralen Sehschädigungen, angeborener und erworbener Blindheit und Sehbehinderungen und singulären und komplexen Sehschädigungen unterschieden, die stabile oder progrediente Verlaufsformen aufweisen können (vgl. Walthes 2003, S. 70ff.).

2.4 Ursachen

Die Ursachen für eine Sehschädigung sind vielfältig und können von jeder Störung der Struktur des visuellen Systems ausgelöst werden. Häufig liegen jedoch mehrere Erkrankungen des Auges vor, die gemeinsam oder auch für sich allein zu einer Sehbehinderung oder auch zum Verlust des Sehvermögens führen können. Genaue und aktuelle Zahlen können leider nicht dargestellt werden, da es in Deutschland keine Meldepflicht für blinde und sehbehinderte Menschen gibt. Die folgenden statistischen Darlegungen basieren auf den WHO-Europazahlen und wurden Anhand dieser errechnet.

Zur häufigsten Ursache erworbener Blindheit in Deutschland 2002 zählt zu 50% die altersbedingte Makuladegeneration3. Der grüne Star, auch Glaukom genannt (18%) und die diabetische Retinopathie4 (17%) sind ebenfalls als Ursachen bekannt. Daneben werden der graue Star (Katarakt) mit 5%, die Hornhauttrübungen mit 3%, Erblindung in der Kindheit mit 2,4% und sonstige Ursachen mit 4,6% aufgeführt (vgl. Maritzen/ Kamps 2012, S. 30). Verletzungen, Tumore und Infektionen am Auge und die Folgen eines Schlaganfalls können ebenfalls zu einer Erblindung führen. Die angeborene Blindheit kann auf ein fehlendes Element des Sehapparates oder eine fehlende Verbindung zwischen Auge und Gehirn zurückgeführt werden. Die Schielerkrankung (Strabismus), der juvenile grüne Star oder genetisch bedingte Erkrankungen wie die juvenile Makulardegeneration oder die hereditäre Optikusatrophie5 zählen zu den Krankheiten, die eine frühkindlich entwicklungsbedingte Blindheit auslösen können (vgl. ebd. S. 32).

2.5 Diagnose und Früherkennung

Beeinträchtigungen und Behinderungen, die die Sinneswahrnehmung betreffen werden oftmals bei Routineuntersuchungen in der frühen Kindheit festgestellt. Bei der Früherkennung von Sehbeeinträchtigungen werden verschiedene Aspekte betrachtet. Neben der medizinischen und organischen Untersuchung werden Auffälligkeiten im Sehverhalten, in der Entwicklung und im Sozialverhalten berücksichtigt. Neben der frühzeitigen medizinischen Diagnostik, ist die Früherkennung auch von der Beobachtung der Bezugspersonen abhängig. Nach Waldtraut Rath können betroffene Kinder folgende Anzeichen aufweisen:

1. „Äußerungen des Kindes über Sehbeschwerden,
2. allgemeine körperliche Hinweise wie Albinismus (weiße Haarfarbe),
3. Organauffäligkeiten wie Rötungen, Absonderungen, Augenzittern,
4. Blickauffälligkeiten wie scheinbares Vorbeisehen an einem fixierten Objekt, keinen Blickkontakt aufnehmen können, Zusammenkneifen der Augen, ‘verschlafener Blick‘,
5. erfolgloses Sehverhalten mit Auswirkungen wie Anstoßen, Stolpern, Danebengreifen,
6. abweichendes Sehverhalten, zum Beispiel ‘mit der Nase sehen‘, schiefe Kopfhaltung beim Sehen,
7. erhöhte Blendungsempfindlichkeit,
8. Anzeichen von Angst vor oder während Leistungsanforderungen, die die Lösung von Sehaufgaben voraussetzen“ (Rath 1987, S. 94 f.).

Zu beachten ist jedoch, dass erst im höheren Kindesalter von einer Behinderung gesprochen werden kann, da das Kind eventuell eine verzögerte Entwicklung aufweist.

Die medizinische Diagnose „Blindheit“ oder „Sehbehinderung“ wird zunächst durch den Kinder- bzw. Augenarzt festgestellt. Danach erfolgt eine sonderpädagogisch-psychische Diagnose. Beide Disziplinen haben gemeinsam, dass sie den frühen Zeitpunkt und eine genaue Definition der Erkrankung von Vorteil schätzen. Die genaue Diagnose dient als Grundlage der Entscheidungen für spezielle Maßnahmen, wie die Förderung der Betroffenen (vgl. Walthes 2003, S. 60). Voraussetzung für eine rechtzeitige Frühbehandlung und Frühförderung ist somit ein gut funktionierendes System der Früherkennung und der Diagnose von Sinnesschädigungen.

2.6 Hilfsmittel bei Blindheit und Sehbehinderung

Sehbehinderte und blinde Menschen sind in ihrem Alltag auf Hilfsmittel angewiesen. Allgemeine Hilfsmittel für sehbehinderte Menschen sind beispielsweise die Vergrößerung der Schrift durch Annäherung und die Großdruckschrift. Die passenden Lichtverhältnisse spielen zudem eine große Rolle. Neue Medien wie das Fernsehen dienen als Informationsaufnahme, da immer mehr Filme und Dokumentationen speziell für Blinde entwickelt werden. Das Erlernen von lebenspraktischen Fähigkeiten in der Schule zählt ebenfalls zu den allgemeinen Hilfsmitteln. Speziell ausgebildete Rehabilitationslehrer/-innen bringen den Kindern alltägliche Umgangsweisen bei, wie beispielsweise ein Brot zu schmieren. Optische Hilfsmittel wie Lupen, Brillen mit speziellen Linsen und Fernrohrsysteme werden bei sehbehinderten Menschen, mit einem Sehrest von mindestens 0,2%, eingesetzt. Sie dienen der Vergrößerung und sind speziell für die Nähe oder die Ferne ausgelegt (vgl. Maritzen/ Kamps 2012 S. 108f.). Elektronische vergrößernde Hilfsmittel haben den gleichen Zweck, sind jedoch auf dem neusten technischen Stand. Elektronische Lupen und Bildschirmlesegerät haben integrierte Kameras, die beim Lesen und Schreiben unterstützen sollen.

Um blinde Menschen beim Lesen und Schreiben zu unterstützen wurde im 19. Jahrhundert die Blindenschrift von Louis Braille entwickelt. Dieser erblindete in der Kindheit aufgrund einer selbst verursachten Augenverletzung. In Anlehnung an ein schriftliches System zur Kommunikation für militärische Zwecke entwickelte Braille 1825 das Punktesystem. Die Basis für die Blindenschrift bilden sechs Punkte, auch Braillezelle genannt, die ein Format von drei Punkten in der Höhe und zwei Punkten in der Breite hat (vgl. ebd. S. 174). Es gibt 26 Zellen und ein Leerzeichen. Großbuchstaben werden mit einem zusätzlichen Punkt gekennzeichnet. Zahlen werden mit dem sogenannten Zahlenzeichen markiert und bilden sich aus den ersten zehn Zeichen des Braille-Alphabets. Da das Schreiben mit dem Braille-Alphabet sehr lange dauert, wurde 1923 die Blindenkurzschrift an der Marburger Blindenstudienanstalt entwickelt. Die Buchstaben stehen für verschiedene Silbenkürzel, Laute und Wörter. Um die Blindenkurzschrift lesen zu können, müssen vorerst bestimmte Regeln eingehalten werden (vgl. Müller o.J., o.S.). Gelesen wird die Blindenschrift durch Abtasten der Punkte von links nach rechts mit den Fingerkuppen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1.06

Um die Brailleschrift schreiben zu können gibt es verschiedene Hilfsmittel. Zum einen eine Schablone der Zelle und einen Prägestift und zum anderen eine speziell entwickelte Schreibmaschine. Das Erlernen der Schwarzschrift, auch Normalschrift genannt ist eher selten, da die Kontrolle des Geschriebenen fehlt (vgl. Maritzen/ Kamps 2012, S. 176ff.). Die Blindenschrift ist jedoch kein Kontaktmittel mit dem blinde Menschen kommunizieren können. Sie dient lediglich der Informationsbeschaffung und der Aneignung von Wissen. Zudem betont die Blindenschrift die Andersartigkeit der betroffenen Menschen, was sich negativ auf das Selbstwertgefühl auswirken könnte (vgl. Jeschke 1993, S. 149).

Blinde und sehbehinderte Menschen sind in ihrer Orientierung und Mobilität deutlich eingeschränkt. Hilfsmittel wie der Blindenstock oder ein Blindenhund ermöglicht ihnen, sich auch außerhalb der gewohnten Umgebung aufzuhalten. In der Schule und in anderen Institutionen werden daher frühzeitig Orientierungs- und Mobilitätstrainings angeboten. Diese dienen in erster Linie der Erkundung und Erschließung der Wohn- bzw. Schulräume, in denen die Kinder sich häufig aufhalten. Bewegungsabläufe und die Mobilität der Schüler sollen gesichert und Stock- und Körperschutztechniken erlernt werden.

3. Blindheit und Sehbehinderung aus pädagogischer Sicht

Im vorherigen Abschnitt wurde Blindheit und Sehbehinderung aus medizinischer Sicht geschildert. Jedoch spielt nicht nur die Medizin bei der Behandlung eine große Rolle, sondern auch die Pädagogik. Da viele Betroffene meist irreversible Schäden aufweisen, benötigen sie spezielle Fördermaßnahmen, um im Alltag zurechtzukommen. Die Blinden – und Sehbehindertenpädagogik spezialisiert sich auf den Umgang und die Förderung blinder und sehbehinderter Kinder. Um jedoch den Ansatz des Teilgebietes der Sonderpädagogik beschreiben zu können, werden zunächst die Grundprinzipien pädagogischen Handelns in Bezug auf sehgeschädigte Menschen vorgestellt.

3.1 Der Pädagogische Umgang mit blinden und sehbehinderten Menschen

Pädagogisches Handeln unterliegt speziellen Grundprinzipien, deren primäres Ziel es ist eine „ gleichberechtigte und chanchengleiche Partizipation“ (Walthes 2003, S. 93) zu erlangen. Dabei ist es wichtig, die von einer Behinderung betroffenen Kinder und deren Eltern für die Zusammenarbeit mit den pädagogischen Fachkräften zu befähigen und sie mit einzubeziehen. Das pädagogische Konzept, welches neben dem Ziel der Partizipation auch noch die speziellen Umstände der Betroffenen berücksichtigt, muss folgende Voraussetzungen haben: zum einen die Akzeptanz und Anerkennung der differenten Existenz- und Lebensformen, die Achtung der Fähigkeiten jedes Kindes und ein relationales Behinderungsverständnis. Zum anderen dienen die Prozesse der Selbstorganisation, die nicht direkt beeinflusst werden können und das sonder- oder behindertenpädagogische System, das als absichtsvolles Handeln anzusehen ist, ohne annehmen und planen zu können, als Grundlage pädagogischen Handelns (vgl. ebd. S. 94). In der Pädagogik ist es wichtig die Sinnhaftigkeit in jeder Handlung zu erkennen und diese nicht negativ zu bewerten. Die Handlungen des blinden oder sehbehinderten Kindes müssen zuerst von Fachkräften verstanden werden, damit eine adäquate Unterstützung gelingen kann. Das Ziel der Pädagogik ist es die Akzeptanz der Gesellschaft zu erlangen und somit die Betroffenen in ihren Könnenschaften zu stärken und zu fördern.

Die Aufgabenfelder der Pädagogik sind sehr vielfältig. Zum einen ist diese für die Frühförderung, die schulische Bildung und die berufliche Ausbildung blinder und sehbehinderter Kinder zuständig, zum anderen tritt die Pädagogik für die Rechte sehbehinderter und blinder Menschen ein, unterstützt Menschen im Alter und arbeitet mit den Eltern betroffener Kinder zusammen. Die Integration blinder und sehbehinderter Kinder und Erwachsener in die Gesellschaft und die damit verbundene Eingliederung in Regelschulen wird ebenfalls als zentrale Aufgabe der Pädagogik angesehen. Dieses Arbeitsfeld etablierte sich in den letzten Jahren immer mehr, da beispielsweise viele neue Schulplätze für sehgeschädigte Kinder in nahegelegenen Regelschulen angeboten werden. Der Besuch der betroffenen Kinder in der Regelschule wird von Frühförderzentren, die meist an die Landesblindenschule des jeweiligen Bundeslandes gegliedert ist, durch ausgebildetes Fachpersonal unterstützt. Zudem kommt es, dass die meisten blinden Kinder in einer sehenden Gesellschaft aufwachsen und deren Bildungsangebot nutzen können (vgl. Jeschke 1993, S. 154).

3.2 Einführung in die Blinden- und Sehbehindertenpädagogik

Die Blinden- und Sehbehindertenpädagogik ist ein Teilgebiet der Sonderpädagogik und beschäftigt sich mit Menschen, die aufgrund einer Schädigung des Auges oder des Gehirns entweder blind oder sehbehindert sind. Meist weisen die Betroffenen einen hohen Bedarf an Fördermaßnahmen auf und sind auf Rehabilitationskonzepte angewiesen, die „die Gesamtheit medizinischer, pädagogischer, beruflicher und sozialer Maßnahmen umfassen“ (Rath 1989, S. 17).

Die Blinden- und Sehbehindertenpädagogik etablierte sich im 19. Jahrhundert aufgrund der Gründung der ersten Blindenanstalten in Paris (1784), in Wien (1804) und in Berlin (1806) (vgl. Spiess 2008, o.S.). Das erste Lehrbuch für blinde Schüler wurde von J. W. Klein im Jahr 1819 veröffentlicht und gab den Anstoß zur Entwicklung eines einheitlichen Schriftsystems. Jedoch setzte sich das von Braille 1825 entwickelte Punktschriftsystem erst im Jahr 1888 durch. Ende des 20. Jahrhunderts wurden die Blindenanstalten um sehbehinderte Kinder erweitert. Jedoch hatten die Schüler lediglich die Aufgabe als „Lakaien“ (Rath 1999, S. 72) für die blinden Kinder zu fungieren. Erst als engagierte Lehrer anfingen Sehübungen mit den Schüler durchzuführen, änderte sich die Situation der sehbehinderten Kinder (vgl. ebd. 1999, S. 72f.). In den zwanziger Jahren des 21. Jahrhunderts wurden eigenständige Sehbehindertenschulen gegründet, da die Schüler in normalen Schulen nicht genug gefördert wurden. Das Beherrschen der normalen Schrift galt damals als Kriterium für die Aufnahme an der Sehbehindertenschule. Da die Entwicklung des heutigen Bildungswesens von politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen abhängig ist, hat sich jedoch die kombinierte Schulform etabliert und verbreitet. Die Anzahl der sehbehinderten Schüler in Deutschland wird auf 0,3% der gesamt Schülerzahl geschätzt (vgl. ebd. 1999, S. 70f.).

Die Bedingungen für blinde und sehbehinderte Menschen haben sich in den knapp 200 Jahren deutlich verbessert. Viele Disziplinen, wie die Psychologie, die Medizin, die Politik und die Soziologie haben neben der Pädagogik vieles im Umgang mit betroffenen Menschen verändern können. Jedoch bedeutet blind oder sehbehindert zu sein immer noch auf viele Annehmlichkeiten zu verzichten, die in alltäglichen Situationen einen höheren Aufwand an Zeit, Kraft und Geduld bedeuten. Darüber hinaus gibt es Bereiche, die der Personenkreis der blinden und hochgradig Sehbehinderten nicht oder nur bedingt leisten kann. Einige Beispiele dafür sind die Vorstellungskraft, die Mobilität und die Selbstständigkeit. Je früher ein Kind von einer Sehschädigung betroffen ist, umso eingeschränkter ist seine Vorstellungskraft, welche danach auch nur noch bedingt erworben werden kann. Blinde und sehbehinderte Menschen beziehen sich deshalb nur auf das Wesentliche und sind auf präzise Angaben und Beschreibungen sehender Menschen angewiesen, um sich ein eigenes Bild machen zu können. Das blinde oder sehbehinderte Kind ist in seiner Mobilität eingeschränkt. Nur mit Hilfe eines speziellen Orientierungs- und Mobilitätstraining kann es sich selbstständig fortbewegen. Auch das selbstständige Handeln muss erlernt werden. Viele Sehgeschädigte stehen in Abhängigkeit zu anderen Menschen und sind nur bedingt in der Lage etwas selbstständig zu erledigen. Deshalb werden in Frühförderzentren und in Schulen Trainings zu lebenspraktischen Fähigkeiten angeboten, die die Kinder oder die Erwachsenen zur Selbstständigkeit verhelfen (vgl. Blinden- und Sehbehindertenverband Nordrhein). An diesen Punkten setzt die Blinden- und Sehbehindertenpädagogik an und versucht mithilfe von speziell ausgebildetem Fachpersonal, wie Sonder-, Heil-, Blinden- und Sehbehindertenpädagogen betroffene Menschen zu unterstützen. Neben Frühförderzentren, Kindergärten und Schulen, gibt es Institutionen zur Rehabilitation, Selbsthilfe, Missionsarbeit und Entwicklungshilfe (vgl. Walthes 2003, S. 105). Unterstützt werden die Institutionen von Blinden- und Sehbehindertenverbänden oder Vereinen, die auch vor allem für die Beratung Betroffener zuständig sind.

[...]


1 Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e.V.

2 Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (10. Revision, German Modification Version 2015)

3 Degenerative Erkrankung der Netzhaut des Auges

4 durch Diabetes mellitus verursachte Schädigung der Blutgefäße der Netzhaut

5 seltene Erbkrankheit, Gewebsschwund des Sehnervs

6 Die Abbildung oben zeigt „Beispiele für Braillezeichen. Zeile 1: Großbuchstaben mit Vorangesetztem Zeichen (einzelner Punkt 6) Zeile 2: Kleinbuchstaben, Zeile 3: Ziffern mit vorangesetzten Zahlzeichen aus den Punkten 3, 4, 5 und 6 “ (Maritzen/ Kamps 2012, S. 174).

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Blindheit und Sehbehinderung im kindlichen Alter. Wie können blinde und sehbehinderte Kinder mit Hilfe von frühförderlichen Maßnahmen in ihrer Entwicklung unterstützt werden?
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Erziehungswissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
21
Katalognummer
V323746
ISBN (eBook)
9783668228627
ISBN (Buch)
9783668228634
Dateigröße
838 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sehbihinderung, Kinder, Frühförderung, motorische Entwicklung, Fördermaßnahmen, Sehbehindertenpädagogik
Arbeit zitieren
Katharina Ketzer (Autor), 2015, Blindheit und Sehbehinderung im kindlichen Alter. Wie können blinde und sehbehinderte Kinder mit Hilfe von frühförderlichen Maßnahmen in ihrer Entwicklung unterstützt werden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323746

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