Das Krankheits- und Todesmotiv in Thomas Manns "Zauberberg"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
23 Seiten, Note: 1
Anonym

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hans Castorp

3. Krankheit und Todesthematik

4. Krankheit und Todesthematik bei Clawdia Chauchat

5. Der Schneetraum

6. Fazit

1. Einleitung

In den Jahren von 1913 bis 1924 verfasst der Nobelpreisträger Thomas Mann einen seiner erfolgreichsten Romane: „Der Zauberberg“ - einen Bildungsroman, wie es kaum einen zweiten gibt. Die Fülle der Leitmotive im Roman lässt eine Vielzahl unterschiedlicher Interpretationsmöglichkeiten zu, die wiederum selbst stetig Anlass zu neuen Diskussionen geben.

„Die Vielfalt der Interpretationsansätze zum Zauberberg hat ihren Grund in der Komplexität des Werks, und diese wieder hat ihre Ursache in der langen Entstehungszeit, in welcher der Autor tiefe Krisen durchlebte und zu einer neuen weltanschaulichen Orientierung gelangte.“1 Bei den wichtigsten Leitmotiven des Romans handelt es sich um Gegensatzpaare wie zum Beispiel Wissenschaft und Natur, Traum und Realität, Krankheit und Gesundheit sowie Liebe und Tod. Selbst die Leitmotive, ob es sich beim Zauberberg tatsächlich um einen Bildungsroman der Zeit handelt stehen in der Diskussion. Für einige Kritiker steht in Frage, ob es sich tatsächlich um einen Bildungsroman handelt, denn die Hauptfigur Hans Castorp durchläuft zwar eine stetig steigende Entwicklung hin zu einem gebildeteren Menschen, kann aber eine neu gewonnene Humanität im Verlauf seiner Entwicklung nicht praktisch umsetzen. Somit fehlen den Kritikern hier die ausschlaggebenden Momente des Bildungsromans. Andere Autoren wiederum sehen den ausschlaggebenden Moment der Erneuerung und Umsetzung der Motive als gegeben an. Die Vielfalt der Leitmotive in Thomas Manns „Zauberberg“ macht es daher sehr schwierig, sich auf nur einen Themenaspekt zu konzentrieren, ohne sich von der Dynamik und Attraktivität der anderen Aspekte von seiner Argumentationsbasis abbringen zu lassen.

Thema meiner Arbeit ist es, die Leitmotive Tod und Todessehnsucht, sowie die Lust am Leiden der Hauptfigur Hans Castorp aufzuzeigen und zu begründen. Mit meiner Begründung für Hans Castorps seelischen Zustand betrachte ich nach Durcharbeiten einschlägiger Sekundärliteratur einen bisher kaum berücksichtigten Gesichtspunkt. Auch, wenn meine These auf eher unsicheren Beinen steht, halte ich sie für eine gewinnbringende neue Interpretationsmöglichkeit. Ein weiteres Ziel meiner Arbeit ist es aufzuzeigen, dass Hans Castorp für sich im Laufe der Geschehnisse einen positiven Ausweg aus seinem seelischen Dilemma findet und das Leben über den Tod siegt.

Nachdem Hans Castorp, für ihn selbst kaum bemerkbar, bereits in angeschlagenem gesundheitlichem Zustand bei seinem Vetter Joachim Ziemßen im Sanatorium Berghof ankommt, geht seine gesundheitliche und mentale Entwicklung stetig weiter bergab. In der Abgeschiedenheit des Ortes, hoch oben auf einem Berg, umgeben von Menschen teilweise seltsamer Gestalt, abgeschieden von dem gesellschaftlichen Regelwerk im Flachland, verliert Hans Castorp immer mehr den Bezug zu Zeit und Realität. Folge daraus ist eine Konfrontation und Auseinandersetzung mit seiner tiefen Verbundenheit zu Krankheit, Leiden und Tod. Neben der Auseinandersetzung mit Hans Castorp ist es für die Begründung meiner These unumgänglich, die Rolle der Figur Clawdia Chauchat zu analysieren. Sie vereinigt gleichermaßen Krankheit und Tod sowie Leben und Liebe in einer Person und hat somit eine tragende Funktion im Roman.

2. Hans Castorp

Der seelische Zustand Hans Castorps, seine Depression, seine Sympathie für Krankheit und Leiden, sowie seine Todessehnsucht sind Regungen, die dem Autor Thomas Mann alles andere als fremd waren. Am 8.11.1913 schreibt Thomas Mann an seinen Bruder Heinrich Mann:

Aber das Innere: die immer drohende Erschöpfung, Skrupel, Müdigkeit, Zweifel, eine Wundheit und Schwäche, daß mich jeder Angriff bis auf den Grund erschüttert; dazu die Unfähigkeit, mich geistig und politisch eigentlich zu orientieren, wie Du es gekonnt hast; eine wachsende Sympathie mit dem Tode, mir tief eingeboren: mein ganzes Interesse galt immer dem Verfall [...]2

Bevor ich im weiteren Verlauf meiner Arbeit die tragenden Motive Tod, Krankheit und Lust am Leiden herausarbeite, möchte ich auf meine in der Einleitung erwähnte These einer Begründung für Hans Castorps seelischen Zustand und seine Affinität zum Tod zurückkommen. Wie erwähnt, steht mein Interpretationsansatz auf eher wackeligen Beinen, da eine gründliche Überprüfung meiner These eine eingehendere und tiefere Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse Sigmund Freuds erfordern würde, die den Rahmen einer Seminararbeit bei Weitem übersteigen würde. Des Weiteren ist für mich aus Thomas Manns Aufzeichnungen nicht mit absoluter Sicherheit nachvollziehbar, wie eingehend sich der Autor mit den Schriften Sigmund Freuds tatsächlich beschäftigt hat und welchen Einfluss diese auf seinen Roman genommen haben. Am 28.2.1951 schreibt Thomas Mann an Joyce Morgan:

[…] Es ist eine Tatsache, daß ich noch zur Zeit des Zauberbergs geschweige als ich den Tod in Venedig schrieb, mit den Schriften Freuds direkt nicht in Berührung gekommen war. […] Ich will auch nicht beschwören, daß ich nicht schon vor dem Tod in Venedig eine oder die andere psychoanalytische Schrift, die von Freud abstammte und die mir von den Autoren zugeschickt worden war, gelesen hatte.3

Davon ausgehend, dass sich Thomas Mann vor oder während seiner Arbeit am „Zauberberg“ mit Freuds Psychoanalyse beschäftigt hat, liegt meine These für Hans Castorps seelischen Zustand darin, dass er im Alter von fünf Jahren seine Mutter, kurze Zeit später auch seinen Vater und im Alter von 8 Jahren seinen Großvater, bei dem er nach dem Tod der Eltern lebte, verloren hat. Dies sind innerhalb von drei Jahren drei Todesfälle, die unmöglich ohne seelische Spuren, Verletzungen und lebenslange Folgen an einem Kind vorbeigehen können. So wie die Psychoanalyse Freuds davon ausgeht, dass sich der menschliche Sexualtrieb bereits mit dem Säuglingsalter zu entwickeln beginnt, so geht sie auch davon aus, das Lebensereignisse und Traumata aus der Kindheit sich auf die Entwicklung der menschlichen Psyche auswirken. In seiner Schrift Trauer und Melancholie argumentiert Freud, dass Kinder noch nicht in der Lage seien, Trauer zu empfinden oder zu verarbeiten.4 Deswegen lässt sich annehmen, dass Kinder, die den Tod eines Elternteils erleben müssen, die Spuren, die dadurch hinterlassen werden, unbewusst in ihrer Psyche in das Erwachsenenleben mitnehmen. Durch den Wegfall eines oder beider Elternteile in der frühen Kindheit ist es dem betroffenen Kind kaum möglich, ein gefestigtes Urvertrauen, Bindungsfähigkeit und wahre Liebe zu entwickeln. Dass dies bei Hans Castorp der Fall ist, lässt sich beispielhaft mit einer Stelle im Roman belegen, als er den Vortrag von Dr. Krokowski über die Macht der Liebe im Sanatorium besucht [...] Wie fing man es an, einen Gegenstand von so spröder und verschwiegener Beschaffenheit am hellen Vormittag vor Damen und Herren zu erörtern? […] Nie in seinem Leben hatte Hans Castorp diese Worte so oft hintereinander aussprechen hören, wie hier und heute, ja, wenn er nachdachte, so schien ihm, daß er selbst es noch niemals ausgesprochen oder aus fremden Munde vernommen habe. […] diese schlüpfrigen anderthalb Silben mit dem Zungen-, dem Lippenlaut und dem dünnen Vokal in der Mitte wurden ihm auf die Dauer recht widerwärtig, eine Vorstellung verband sich für ihn damit wie von gewässerter Milch, -etwas Weißbläulichem, Labberigem […].5

Das einzige, was er mit Liebe als Erwachsener in Zusammenhang bringt, und was eventuell ein unbewusstes Überbleibsel aus seinem Säuglingsalter ist, ist die Verbindung von Liebe mit Muttermilch. Freud ging davon aus, dass Störungen in den Phasen der frühkindlichen Entwicklung zu teilweise gravierenden neurotischen Störungen führen können. So kann man zum Beispiel das Rauchen von Hans Castorp als Imitatio für das Saugen und das sich Geborgenfühlen an der Brust der Mutter interpretieren. „[...] ich meine: hat man eine gute Zigarre, dann ist man eigentlich geborgen, es kann einem buchstäblich nichts geschehen [...]“6 Auf dem Berghof entwickelt sich Hans Castorps Rauchverhalten allerdings dahingehend, dass ihm seine Zigarren gar nicht mehr schmecken, was als beginnende Auseinandersetzung mit dem Verlust der Mutter und seinen Todeserfahrungen aus seiner Kindheit verstanden werden kann. „`Aber wie ist mir denn nur, - sie schmeckt nicht!` sagte er und betrachtete seine Zigarre.“7 Im weiteren Gespräch mit seinem Vetter Joachim bringt er seine aufkommende Abneigung für seine geliebte Zigarre auch erstmals mit seinem körperlich veränderten Zustand in Verbindung „Meiner festen Überzeugung nach hängt es mit dieser verdammten Gesichtshitze zusammen, an der ich nun schon wieder seit dem Aufstehen laboriere. Weiß der Teufel, mir ist immer, als wäre ich schamrot im Gesicht...“8 Hier erscheint auch zum wiederholten Male die Erwähnung der Farbe Rot im Wort „schamrot“, die im Roman in häufiger Wiederholung und zu unterschiedlichen Gelegenheiten vorkommt. Rot steht symbolisch unter anderem für den Tod, der somit nachweislich nicht nur durch die Zigarre und den Bezug zur Mutterbrust dargestellt wird. Der Bezug zur Farbe Rot als Symbol für den Tod kann hergeleitet werden durch die Verbindung Rot als Farbe des Teufels. Auch das häufige Vorkommen von Blut und roten oder blutunterlaufenen Augen als Zeichen für Krankheit und Tod steht in Verbindung mit der Farbe Rot. Ein weiterer Beleg für Hans Castorps Todestrieb, der auch in Verbindung mit seiner verstorbenen Mutter gebracht werden kann, ist die Tatsache, dass er seine Zigarren, um sie vor den schädlichen Einflüssen der Dampfheizung zu schützen, im Keller aufbewahrte und daher jeden Morgen in den Keller hinabsteigt, um sich seinen Tagesvorrat zu holen.9 Dieses Hinabsteigen kann man in Verbindung setzen zum Hinabsteigen in das Reich der Toten, womit er sich Tag für Tag in Form seiner Zigarren die fehlende mütterliche Geborgenheit ersetzt.

Beim nächsten Beleg für meine These, dass Hans Castorp im Roman die psychischen Folgen des frühen Verlustes seiner Mutter kompensiert, beziehe ich mich wieder auf Freuds Psychoanalyse. Freud unterteilt die frühkindliche sexuelle Entwicklung in unterschiedliche Phasen. Der Tod von Hans Castorps Mutter und auch des Vaters fällt in seiner Entwicklung in die phallische Phase, die im Alter von vier bis sieben Jahren stattfindet. In dieser Zeit entdecken Kinder ihre Sexualorgane und die unterschiedliche Geschlechtlichkeit zwischen Männern und Frauen. Der Junge entwickelt in dieser Phase den unbewussten Triebwunsch, sich mit der Mutter sexuell zu vereinigen. Außerdem entsteht eine Verliebtheit in die Mutter. Daher wird der Vater als Rivale im Kampf um die Zuneigung der Mutter gesehen. Hieraus entsteht die Thematik des Ödipuskomplexes, der in Freuds Psychoanalyse die zentrale Rolle spielt. Ist es auf Grund des Fehlens eines Elternteils, beider Eltern oder anderer familiärer Störungen für das Kind nicht möglich, die Triebe der phallischen Phase angemessen zu erleben und den Ödipuskomplex aufzulösen, so können sich hieraus erhebliche neurotische Störungen entwickeln.10

Solch eine neurotische Störung hat sich bei Hans Castorp in vielerlei Hinsicht entwickelt, auch wenn er selbst sich dieser Störunge in seinem Leben im Flachland als funktionierendes Individuum der Gesellschaft nicht bewusst ist. Vielmehr wird er erst in der zeitlichen und räumlichen Abgeschiedenheit des Berghofs damit konfrontiert. Nach den Schilderungen im Roman können wir davon ausgehen, dass es im Leben Hans Castorps vor seiner Abreise ins Sanatorium keine nennenswerten Herzensangelegenheiten gegeben hat, was für einen jungen Mann in seinem Alter eher ungewöhnlich wäre. Die erste nennenswerte Erwähnung erotischer Gefühle Hans Castorps erfährt der Leser durch den Traum vom Schulhof, wo sich Hans Castorp von seinem Mitschüler P. Hippe, zu dem er sich hingezogen fühlt, einen Bleistift leiht.11 Nicht zu Unrecht wird dieser Traum von Hippe auf dem Schulhof als Disposition für homoerotische Neigungen interpretiert. Meiner Meinung nach spiegelt sich hier die Homoerotik des Autors Thomas Mann wider und nicht die von Hans Castorp.

[...]


1 Der deutsche Bildungsroman S. 211

2 Thomas Mann. Selbstkommentare: Der Zauberberg, S 8

3 Thomas Mann. Selbstkommentare: Der Zauberberg, S 164, 165

4 http://gutenberg.spiegel.de/buch/kleine-schriften-ii-7122/4

5 Mann, Thomas: Der Zauberberg. In der Fassung der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe, S. 192/193

6 Mann, Thomas: Der Zauberberg. In der Fassung der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe, S. 77

7 Mann, Thomas: Der Zauberberg. In der Fassung der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe, S. 82

8 Mann, Thomas: Der Zauberberg. In der Fassung der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe, S. 82

9 Mann, Thomas: Der Zauberberg. In der Fassung der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe, S. 52

10 http://www.bruehlmeier.info/freud.htm

11 Mann, Thomas: Der Zauberberg. In der Fassung der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe, S. 183 ff.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Das Krankheits- und Todesmotiv in Thomas Manns "Zauberberg"
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1
Jahr
2014
Seiten
23
Katalognummer
V323970
ISBN (eBook)
9783668231139
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
krankheits-, todesmotiv, thomas, manns, zauberberg
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Das Krankheits- und Todesmotiv in Thomas Manns "Zauberberg", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323970

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