Public Viewing als Massenphänomen. Gemeinschaft oder Masse?


Seminararbeit, 2015

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Vorgehensweise

2. Theoretischer Hintergrund
2.1 Definition von Masse nach Le Bon und Canetti
2.2 Definition von Gemeinschaft nach Tönnies und Weber
2.3. Vergleich beider Ansätze

3. Public Viewing
3.1 Public Viewing Publikum

4. Anwendung
4.1 Public Viewing als Masse oder Gemeinschaft?

5. Emotionen und Gefahren

6. Zusammenfassung

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

Public Viewing als Massenphänomen. Gemeinschaft oder Masse?

1. Einleitung

Das 20. Jahrhundert ist geprägt von Medien und die fortschreitende Digitalisierung, die sich als Medium der Unterhaltung, Information und Bildung entwickelt haben. Die von den Deutschen durchschnittlich verbrachte Zeit vor dem Fernseher ist laut einer Langzeitstudie der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten seit 1964 von täglich 40 Minuten auf 168 Minuten im Jahre 2015 gestiegen (Statistika 2015). Im gleichen Zuge sind auch die Verkaufszahlen für Fernsehgeräte enorm angestiegen. Während 1964 nur 55% der Haushalte ein TV Gerät besaßen, waren es 2015 schon 98% (ebd.).

Die Art und Weise des TV Konsums hat sich ebenfalls verändert. In den zwanziger Jahren wurde das Fernsehen primär im Kollektiv oder in Kinosälen genossen und als Mittel der Informationsgewinnung und Unterhaltung genutzt. Nach dem zweiten Weltkrieg verbesserte sich die wirtschaftliche Situation in Deutschland und anderen westlichen Ländern. Mit dem einhergehenden Wohlstand fand auch das TV-Gerät seine Popularität. Dadurch, dass ein Fernsehapparat für beinahe jeden erschwinglich war, wurde es vermehrt zu einem Konsumgut, welches in annähernd jedem Haushalt aufzufinden war. Ende der fünfziger Jahre gingen die ersten Rundfunkanstalten auf Sendung, wodurch der Kauf von Fernsehgeräten vorangetrieben wurde (Riddel 2010: 537 ff.). Das kollektive Fernsehen, wie zu den Anfängen des Fernsehzeitalters, wurde mit dem Verkauf und der Verbreitung von TV-Geräten eingedämmt. Überwiegend werden Massenmedien, insbesondere das Fernsehen, individuell vor dem heimischen TV Gerät konsumiert. Trotz alldem kann man in den letzten Jahren einen neuen Trend beobachten: eine Gegenbewegung zu dem privaten und individuellen TV Konsum. Tausende von Menschen stehen dicht aneinander gedrängt zusammen. Es ist ein bunter Haufen gemischt aus Kindern und ihren Eltern, älteren Generationen sowie jungen Menschen. Es ist eine fröhliche und gut gelaunte Gruppe, die auf einem öffentlichen Platz steht, oftmals in schwarz-rot-gelben Trikots, mit ihren Fanschals und witzigen Verkleidungen oder Hüten. Sie schwenken Fahnen, singen und klatschen laut. Alle schauen nach vorne auf eine große Leinwand: Fußball kommt heute, Weltmeisterschaft 2014. Die deutsche Nationalelf spielt flink den Ball nach vorne, die Stimmung ist fantastisch: Tor!! Alle fangen an zu jubeln und sich fremde Menschen fallen sich in die Arme. Nach Augenblicken der übermäßigen Freude sind wieder alle Augen auf die Leinwand gerichtet. Die ZuschauerInnen stehen auf einer Straße, der Straße des 17. Juni, mitten in Berlin. Diese ist abgesperrt und zur offiziellen Fanmeile erklärt. Das Publikum sieht auf eine Leinwand: Public Viewing und dies bei der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien.

„We can be there without being there“. (Croteau und Hoynes 2003: 304).

Wie diese einleitende Szene beschreibt, sind die ZuschauerInnen bei einem internationalen Massenereignis, wie der Fußball- Weltmeisterschaft 2014 dabei: „Live und dabei“, aber nicht direkt im Stadion. Sie können vermutlich dem Spiel besser folgen, Highlights mehrfach sehen, anders als die ZuschauerInnen vor Ort und doch sind sie nur mediale Rezipienten. Das heißt, der Einzelne feiert die elektronische TV-Übertragung eines sportlichen Großereignisses, sieht dieses Spiel aber nicht live vor Ort. Neben solchen sportlichen Ereignissen werden auch musikalische oder gesellschaftliche Events, wie beispielsweise die Hochzeit des britischen Adelpaares William und Kate, übertragen.

Public Viewing ist ein kontroverses Thema. Zum Beispiel die Frage nach den Motiven der Menschen sich im Kollektiv ein Ereignis anzusehen. Public Viewing ist ein soziales Phänomen, welches die Paradoxien unserer heutigen Gesellschaft widerspiegelt. Das Interesse der Autorin ist durch die Seminardiskussion in Kombination mit der Omnipräsenz des Begriffes Public Viewing in den Medien geweckt worden. Mit Public Viewing als Forschungsgegenstand ergibt sich für diese Arbeit ein vielschichtiges und komplexes Themenfeld. Das Hauptinteresse der vorliegenden Seminararbeit liegt aber in der Frage, ob das Publikum eine Masse oder Gemeinschaft bildet.

Es lassen sich folgende forschungsleitende Fragestellungen formulieren:

1. Welche Faktoren führen zur Entwicklung des Public Viewing?
2. Welche Motive haben die ZuschauerInnen?
3. Handelt es sich beim Publikum um eine Masse oder Gemeinschaft?

1.1 Vorgehensweise

Um diese Fragestellungen beantworten zu können, wird die Arbeit in insgesamt fünf Teilgebiete untergliedert. Der erste Abschnitt dient der thematischen Einführung, Erklärung und Beschreibung der Thematik (1). Danach wird der theoretische Hintergrund der Begriffe „Masse“ nach Gustav Le Bon und Elias Canetti (2.1) und „Gemeinschaft“ nach Ferdinand Tönnies und Max Weber (2.2) erörtert. In einem Vergleich werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden Ansätze kurz dargestellt (2.3). Daran anschließend wird das Thema Public Viewing eingegrenzt und in dessen Entstehung eruiert (3). Desweitern wird das Publikum des Public Viewing dargestellt (3.1) und die Motive und Beweggründe für das Besuchen einer Massenveranstaltung erörtert (3.2). Anhand des gewählten Beispiels des Fußballs, als Ereignis für ein Public Viewing Event, sollen die theoretischen Ansätze angewendet werden. Dazu wird zunächst überprüft, ob Public Viewing die Kriterien einer Masse erfüllt (4.1), oder ob der Begriff der Gemeinschaft stattdessen zutrifft (4.2). Daraufhin folgt eine abschließende Diskussion (5), eine Zusammenfassung der wichtigsten Inhalte (6) und das Fazit (7).

2. Theoretischer Hintergrund

Um das Massenphänomen Public Viewing näher erläutern zu können, müssen massenpsychologische Aspekte, sowie die Begriffe „Masse“ und „Gemeinschaft“ präzisiert werden. Was genau ist unter den Begriffen „Masse“ und „Gemeinschaft“ zu verstehen?

Ferner bleibt festzuhalten, dass sich bei Public Viewing Veranstaltungen eine große Anzahl von Menschen zusammenfinden, die im Kollektiv eine Leinwand betrachten. Aber wann genau wird das Publikum zur Masse und ab welchem Zeitpunkt bildet es eine Gemeinschaft? Um diese Frage beantworten zu können, folgen zunächst die Begriffserläuterungen.

2.1 Definition von Masse nach Le Bon und Canetti

Eine erste Definition des Begriffs „Masse“ legt Gustave Le Bon (1841- 1931) in seinem Buch „Psychologie des foules“ (dt.: „Psychologie der Massen) von 1895 dar. Er geht davon aus, dass Masse unter bestimmten Bedingungen entstehen kann und das Verhalten der Individuen innerhalb einer Masse wesentlich verändert wird. So schreibt Le Bon (1968: 10):

„Unter bestimmten Umständen […] besitzt eine Versammlung von Menschen neue, von den Eigenschaften der einzelnen, die diese Gesellschaft bilden, ganz verschiedene Eigentümlichkeiten. […] Es bildet sich eine Gemeinschaftsseele […] Die Gesamtheit ist nun das geworden, was ich […] als psychologische Masse bezeichnen werde. Sie bildet ein einziges Wesen und unterliegt dem Gesetz der seelischen Einheit der Massen“.

Diese allgemeine Definition von Masse beinhaltet wesentliche Aspekte einer Masse. Jene benötigt spezifische Voraussetzungen, um entstehen zu können und weist eine Kollektivseele und andere Eigenschaften auf, als die sie bildenden Individuen. Die Gemeinschaftsseele ist also laut Le Bon das, was die Masse von einer Ansammlung von Menschen unterscheidet (ebd.: 14). Weiterhin veranlasst sie, dass sich Individuen innerhalb der Masse anders verhalten, fühlen und denken, als jeder von ihnen isoliert tun würde. Somit kann gesagt werden, dass die Gemeinschaftsseele das bindende Element der Masse ist. Darüber hinaus sagt Le Bon (ebd.: 16), dass in der Gemeinschaftsseele die Persönlichkeit und Verständnisfähigkeit des Einzelnen ineinander übergehen. Um Teil der Masse zu werden, müssen die Individuen ihre bewussten Identitäten ablegen, um gemeinsam einem höher liegenden Ziel der Masse näher zu kommen. Folglich zeichnet sich die Masse durch eine gedanklich-innere und eine nach außen hin sichtbare Homogenität aus, die die Heterogenität der einzelnen Individuen verwischt (Le Bon 1968: 17). Besondere Charaktereigenschaften der Masse werden durch die Ursachen Allmacht, Ansteckung und Suggestion hervorgerufen. Le Bon sagt, dass die Teilhabe an der Masse dem Einzelnen eine unüberwindliche Macht vermittelt, welche ihm gestattet, allen Leidenschaften nachzugehen. Die Ansteckung kann als auslösender Faktor für die Verbindung der Individuen zur Masse gesehen werden, denn dadurch wird dem Individuum ermöglicht, seine Identität abzulegen. Die Suggestion vergleicht Le Bon mit dem Zustand der Hypnose, denn die bewusste Persönlichkeit der Individuen wird untergraben, Wille und Unterscheidungsfähigkeit fehlen (ebd.: 16).

Die Charaktereigenschaften einer Masse sind laut Le Bon folglich: „Triebhaftigkeit, Reizbarkeit, Unfähigkeit zum logischen Denken, Mangel an Urteil und kritischem Geist, Beeinflussbarkeit und Leichtgläubigkeit“ (Le Bon 1968: 19). Somit werden die Handlungen der Masse durch das Unbewusst und Triebhafte angetrieben.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Le Bon zufolge Individuen in der Masse Eigenschaften, wie Disziplin, Affektkontrolle, Verstand und logisches Denken ablegen und ihr Verhalten triebhaft ist. Festzuhalten ist jedoch, dass seine Definition von Masse negativ konnotiert ist.

Canetti sieht das „Umschlagen der Masse“ als ausschlaggebendes Moment für die Konstitution von Masse (Canetti 1980: 10). Er geht davon aus, dass Menschen einer gewissen Berührungsfurcht durch Andere unterliegen und deswegen Hierarchien und Distanzen zu anderen Personen aufbauen. In der Masse legt das Individuum diese Berührungsangst ab und strebt nach „Berührungen“ und „berühren wollen“. Diese beiden Merkmale können als charakteristisch für die Masse gesehen werden (ebd.: 10).

Genau wie Le Bon betont Canetti (ebd.: 10) die innere und nach außen hin sichtbare Homogenität der Masse. Keine Verschiedenheiten oder unterschiedliche Geschlechter werden wahrgenommen. Man spürt nur, dass sich alles innerhalb eines Körpers abspielt (Nielsen 1995: 33). Anders als Le Bon geht Canetti nicht von der Bildung einer Gemeinschaftsseele aus, sondern eines einheitlichen Gefühlkörpers. Alle individuellen Körper verschmelzen zu einem gemeinsamen Körper. Damit sieht Canetti in der Bildung der Masse einen Prozess, der dem Körpersinn Fühlen einen entscheidenden Anteil zuspricht. Somit lässt sich eine Parallele zu Le Bon feststellen, der ebenfalls von der Homogenität der Masse berichtet. Während Le Bon die Gleichheit der Masse allein in der Bildung der Gemeinschaftsseele sieht, ist das Gefühl von Gleichheit bei Canetti körperlich. Die Individuen in der Masse erfahren sinnliche Gleichheit durch den Gefühlskörper (Canetti 1980: 26).

Canetti (ebd.: 26) nennt vier Eigenschaften der Masse und als besonders wichtiges benennt er jene Gleichheit, da sie von fundamentaler Wichtigkeit für die Konstitution sei. Somit kann das Gefühl der Homogenität als Endprodukt des Massebildungsprozesses angesehen werden. Als weitere Charaktereigenschaften nennt Canetti Wachstum, Dichte und Richtung. Die Masse will stetig wachsen, Jedermann erfassen und mitreißen und erkennt keine Grenzen an (ebd.: 11). Das Merkmal Dichte beschreibt Canetti (ebd.: 26) wie folgt: „Die Masse liebt Dichte. Sie kann nie zu dicht sein.“ Das Kriterium deutet auf die bereits erwähnten Distanzen zwischen Individuen hin, die durch die Masse abgeschafft werden. Als letzter Charaktereigenschaft beschreibt Canetti (ebd.: 26) die Richtung, als eine Bewegung auf etwas hin. Die Richtung ist allen MassemitgliederInnen gemeinsam und stärkt das Gefühl der Gleichheit. Im übertragenen Sinne kann die Richtung so verstanden werden, dass sich die gesamte Masse auf ein gemeinsames Ziel hin ausrichtet.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Vorgang der „Entladung“, der eine Masse erst ausmacht. Die Entladung ist der Augenblick, in dem alle, der Masse Zugehörigen, ihre Verschiedenheiten ablegen und sich als Kollektiv fühlen. Die Entladung der Masse führt zum Gefühl der völligen Homogenität aller MitgliederInnen (ebd.: 13).

Canetti (ebd.: 13) beschreibt die Bemühungen der Individuen in der Masse wie folgt: „Um dieses glücklichen Augenblicks willen, das keiner mehr, keiner besser als der andere ist, werden die Menschen zur Masse“. Die Bildung der Homogenität hat zudem den Vorteil, dass Personen in der Masse ihre persönlichen Grenzen überschreiten können, wodurch die Individuen nicht an ihre Individualität und Identität gebunden sind. Zusammenfassend werden in der Masse die Grenzen zwischen Subjekt und Objekt auf psychischer und physischer Ebene für das Individuum aufgehoben, sodass es zur Aufgabe der eigenen Persönlichkeit kommt. Le Bon (1968: 23) sieht die Aufgabe der Identität des Individuums ebenfalls als konstitutiv für die Massenbildung.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Public Viewing als Massenphänomen. Gemeinschaft oder Masse?
Hochschule
Universität Kassel  (Universität)
Veranstaltung
Soziologie der Massen
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
19
Katalognummer
V323974
ISBN (eBook)
9783668228993
ISBN (Buch)
9783668229006
Dateigröße
407 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
public viewing, fussball, masse, gemeinschaft, soziologie
Arbeit zitieren
Pauline Kasimir (Autor:in), 2015, Public Viewing als Massenphänomen. Gemeinschaft oder Masse?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323974

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