Der Medienkonsum der Deutschen nimmt zu: sie vor dem Fernseher zugebrachte Zeit ist seit 1964 von täglich 40 Minuten auf 168 Minuten im Jahre 2015 gestiegen. Die Art und Weise des TV-Konsums hat sich ebenfalls verändert. Wurde in der Frühzeit des Fernsehens noch gemeinsam geschaut, so nahm dies ab, je mehr Fernsehgeräte verkauft wurden. Heute werden Massenmedien, insbesondere das Fernsehen, individuell vor dem heimischen TV Gerät konsumiert.
Trotz alldem kann man in den letzten Jahren einen neuen Trend beobachten: eine Gegenbewegung zu dem privaten und individuellen TV Konsum. Tausende von Menschen stehen dicht aneinander gedrängt zusammen. Es ist eine fröhliche und gut gelaunte Gruppe, die auf einem öffentlichen Platz steht, oftmals in schwarz-rot-gelben Trikots, mit ihren Fanschals und witzigen Verkleidungen oder Hüten. Sie schwenken Fahnen, singen und klatschen laut. Alle schauen nach vorne auf eine große Leinwand: Fußball kommt heute, Weltmeisterschaft 2014. Die ZuschauerInnen stehen auf einer Straße, der Straße des 17. Juni, mitten in Berlin.
Wie diese Szene beschreibt, sind die ZuschauerInnen bei einem internationalen Massenereignis, wie der Fußball- Weltmeisterschaft 2014 dabei: „Live und dabei“, aber nicht direkt im Stadion. Sie können vermutlich dem Spiel besser folgen, Highlights mehrfach sehen, anders als die ZuschauerInnen vor Ort und doch sind sie nur mediale Rezipienten. Das heißt, der Einzelne feiert die elektronische TV-Übertragung eines sportlichen Großereignisses, sieht dieses Spiel aber nicht live vor Ort.
Public Viewing ist ein kontroverses Thema. Zum Beispiel die Frage nach den Motiven der Menschen sich im Kollektiv ein Ereignis anzusehen. Public Viewing ist ein soziales Phänomen, welches die Paradoxien unserer heutigen Gesellschaft widerspiegelt. Das Interesse der Autorin ist durch die Seminardiskussion in Kombination mit der Omnipräsenz des Begriffes Public Viewing in den Medien geweckt worden. Mit Public Viewing als Forschungsgegenstand ergibt sich für diese Arbeit ein vielschichtiges und komplexes Themenfeld. Das Hauptinteresse der vorliegenden Seminararbeit liegt aber in der Frage, ob das Publikum eine Masse oder Gemeinschaft bildet.
Es lassen sich folgende forschungsleitende Fragestellungen formulieren: Welche Faktoren führen zur Entwicklung des Public Viewing? Welche Motive haben die ZuschauerInnen? Handelt es sich beim Publikum um eine Masse oder Gemeinschaft?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Vorgehensweise
2. Theoretischer Hintergrund
2.1 Definition von Masse nach Le Bon und Canetti
2.2 Definition von Gemeinschaft nach Tönnies und Weber
2.3. Vergleich beider Ansätze
3. Public Viewing
3.1 Public Viewing Publikum
4. Anwendung
4.1 Public Viewing als Masse oder Gemeinschaft?
5. Emotionen und Gefahren
6. Zusammenfassung
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das soziale Phänomen des Public Viewing und analysiert die zentrale Forschungsfrage, ob es sich bei dem dort versammelten Publikum um eine „Masse“ oder eine „Gemeinschaft“ handelt. Dabei werden massenpsychologische und soziologische Theorien auf das Beispiel Fußball übertragen, um die Beweggründe und das Verhalten der Teilnehmenden besser zu verstehen.
- Massenpsychologische Grundlagen nach Le Bon und Canetti
- Soziologische Definitionen von Gemeinschaft nach Tönnies und Weber
- Analyse der Beweggründe für kollektives Zuschauen bei Sportereignissen
- Vergleich und Einordnung des Public Viewing Publikums in theoretische Konzepte
- Untersuchung von Emotionen, Gruppendynamik und Gefahrenpotenzialen
Auszug aus dem Buch
2.1 Definition von Masse nach Le Bon und Canetti
Eine erste Definition des Begriffs „Masse“ legt Gustave Le Bon (1841- 1931) in seinem Buch „Psychologie des foules“ (dt.: „Psychologie der Massen) von 1895 dar. Er geht davon aus, dass Masse unter bestimmten Bedingungen entstehen kann und das Verhalten der Individuen innerhalb einer Masse wesentlich verändert wird. So schreibt Le Bon (1968: 10):
„Unter bestimmten Umständen […] besitzt eine Versammlung von Menschen neue, von den Eigenschaften der einzelnen, die diese Gesellschaft bilden, ganz verschiedene Eigentümlichkeiten. […] Es bildet sich eine Gemeinschaftsseele […] Die Gesamtheit ist nun das geworden, was ich […] als psychologische Masse bezeichnen werde. Sie bildet ein einziges Wesen und unterliegt dem Gesetz der seelischen Einheit der Massen“.
Diese allgemeine Definition von Masse beinhaltet wesentliche Aspekte einer Masse. Jene benötigt spezifische Voraussetzungen, um entstehen zu können und weist eine Kollektivseele und andere Eigenschaften auf, als die sie bildenden Individuen. Die Gemeinschaftsseele ist also laut Le Bon das, was die Masse von einer Ansammlung von Menschen unterscheidet (ebd.: 14). Weiterhin veranlasst sie, dass sich Individuen innerhalb der Masse anders verhalten, fühlen und denken, als jeder von ihnen isoliert tun würde. Somit kann gesagt werden, dass die Gemeinschaftsseele das bindende Element der Masse ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den Wandel des TV-Konsums und führt in das Thema Public Viewing als soziales Phänomen ein, welches die Forschungsfrage nach der Konstitution als Masse oder Gemeinschaft aufwirft.
2. Theoretischer Hintergrund: Dieses Kapitel erarbeitet die wissenschaftlichen Grundlagen, indem es die Begriffe Masse (Le Bon/Canetti) und Gemeinschaft (Tönnies/Weber) präzisiert und miteinander vergleicht.
3. Public Viewing: Es wird die Entwicklung des Public Viewing als Massenphänomen nachgezeichnet und das Publikum als wesentliche Komponente für die Analyse identifiziert.
4. Anwendung: Anhand des Beispiels Fußball wird untersucht, inwieweit Public Viewing die Kriterien von Masse und Gemeinschaft erfüllt, wobei eine Tendenz zur Masse festgestellt wird.
5. Emotionen und Gefahren: Das Kapitel befasst sich mit der Dynamik kollektiver Emotionen sowie den Risiken, die aus der Enthemmung innerhalb einer Masse resultieren können.
6. Zusammenfassung: Hier werden die Kernergebnisse gebündelt, wobei die Einordnung als Masse bestätigt und die Rolle der Nation als imaginäre Gemeinschaft hervorgehoben wird.
7. Fazit: Das Fazit reflektiert den Erkenntnisgewinn der Arbeit und zeigt auf, dass der Forschungsbereich Public Viewing weiterhin offen für detailliertere Analysen bleibt.
Schlüsselwörter
Public Viewing, Masse, Gemeinschaft, Fußball, Massenpsychologie, Kollektiv, Identität, Soziologie, Gruppendynamik, Medienereignis, Gemeinschaftsseele, Zuschauerverhalten, Weltmeisterschaft, Emotionen, soziale Identität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das soziale Phänomen des Public Viewing und hinterfragt kritisch, ob sich die Menschenmengen bei solchen Events eher als Masse im psychologischen Sinne oder als soziologische Gemeinschaft verhalten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder umfassen die massenpsychologischen Theorien von Le Bon und Canetti, die soziologischen Gemeinschaftskonzepte von Tönnies und Weber sowie die empirische Entwicklung des Public Viewing rund um Fußballgroßereignisse.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Hauptziel ist die theoretische Einordnung des Public Viewing Publikums. Es soll geklärt werden, ob die Zuschauer ein neues Gemeinschaftsgefühl bilden oder ob sie den Kriterien der Massenbildung unterliegen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse und der Anwendung dieser klassischen Theorien auf den aktuellen Gegenstand des modernen Sport-Public-Viewing.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung, eine Eingrenzung des Begriffs Public Viewing, eine Analyse der Zuschauerbeweggründe und die praktische Anwendung der Theorien auf das Beispiel Fußball.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Untersuchung wird durch Begriffe wie Masse, Gemeinschaft, Gruppendynamik, Identitätsbildung, Emotionen und Public Viewing maßgeblich charakterisiert.
Warum spielt die Weltmeisterschaft 2006 eine besondere Rolle?
Die WM 2006 wird als Schlüsselereignis genannt, da sie den Durchbruch des Public Viewing in Deutschland markiert und zu einem grundlegenden Wandel im Fan- und Zuschauerverhalten führte.
Wie lässt sich die Schlussfolgerung bezüglich des Gemeinschaftsbegriffs zusammenfassen?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass das Publikum vor Ort zwar massenpsychologische Kriterien erfüllt, die eigentliche Gemeinschaft jedoch auf nationaler Ebene über die lokale Veranstaltung hinausgeht.
- Citar trabajo
- Pauline Kasimir (Autor), 2015, Public Viewing als Massenphänomen. Gemeinschaft oder Masse?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323974