Ziel meiner Arbeit ist es aufzuzeigen, wann und wie Masochismus als Lustbefriedigung durch Gewalt oder Schmerz in der deutschen Literatur eine erste Darstellung findet und wie sich das literarische Thema im Verlauf der Zeit bis heute entwickelt hat.
Als Untersuchungsmaterial habe ich Wilhelm Heinses „Ardinghello und die glückseligen Inseln“ (1787), Leopold Sacher-Masochs „Venus im Pelz“ (1870) und Elfriede Jelineks „Lust“ (1989) zugrunde gelegt, da diese Werke in ihrer Zeit die prägnantesten und offensichtlichsten Beispiele masochistischer Literatur darstellen. Zwischen den Werken liegen jeweils ca. 100 Jahre, während denen sich die Gesellschaft sowie die Literatur stark verändert und weiterentwickelt haben.
Meine Arbeit soll zeigen, dass sich die Beschreibung von Sexualität, Lust, Erotik und Masochismus sowie Sadismus im Laufe der Jahrhunderte von einer kunstvollen Ästhetik der Beschreibung zu einer Literatur des krass Obszönen entwickelt hat, die vor 300 Jahren nicht vorstellbar gewesen wäre. Elfriede Jelineks Arbeiten wären natürlich zu Wilhelm Heinses Zeit undenkbar gewesen. Gleichwohl haben alle drei Werke in ihrer Zeit für Polarisierung und teilweise auch Empörung gesorgt. Die Grenze des Sagbaren wurde dabei Schritt für Schritt weiter hinausgeschoben.
Ich werde Textauszüge als Beispiele bringen, die zeigen, wie sich die Ausdrucksformen und die Intensität der erotischen Darstellung im Laufe der Zeit verändert haben, und werde versuchen, Gründe hierfür zu finden. Dabei wird sich zeigen, dass das Erotische in den Epochen von Heinse und Sacher-Masoch noch stark mit der Natur und ästhetischen Vorstellungen verknüpft war. Dieser Sinn für die Natur und das Schöne ist bei Elfriede Jelinek verschwunden und wird von einer rohen, kalten und gewaltsamen Obszönität abgelöst, in der Liebe und romantische Gefühle keine Rolle mehr spielen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsbestimmung von Sadismus und Masochismus
2.1 Sadismus
2.2 Masochismus
3. Der Sadomasochismus in der Literatur
4. Wilhelm Heinse „Ardinghello und die glückseligen Inseln“
4.1 Kunst, Genuss und das höchste Ziel in Heinses „Ardinghello“
4.2 Die Kunstbetrachtungen und das Masochismusmotiv im „Ardinghello“
4.3 Fazit zu Heinses Ardinghello
5. Leopold von Sacher-Masoch „Venus im Pelz“
5.1 Sacher-Masochs Frauenfigur
5.2 Masochismus und Fetisch in Venus im Pelz
5.3 Fazit Venus im Pelz
6. Elfriede Jelinek „Lust“
6.1 Die Oberflächliche von „Lust“
6.2 Das Masochismus-Motiv und das Obszöne in „Lust“
6.3 Fazit zu Elfriede Jelineks „Lust“
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die literarische Darstellung von Masochismus als Mittel der Lustbefriedigung durch Schmerz und Gewalt in der deutschen Literaturgeschichte und analysiert, wie sich diese Ausdrucksformen von der ästhetisierten Beschreibung des 18. Jahrhunderts bis hin zum krass Obszönen der Gegenwart verändert haben.
- Historische Entwicklung der Darstellung von Sexualität und Masochismus.
- Vergleich der Werke von Wilhelm Heinse, Leopold von Sacher-Masoch und Elfriede Jelinek.
- Die Rolle der ästhetischen Sprache im Kontrast zur Darstellung von Gewalt.
- Einfluss gesellschaftlicher Normen und Moralvorstellungen auf die literarische Ausdrucksweise.
- Die Funktion von Fetisch-Objekten und Machtstrukturen in den untersuchten Werken.
Auszug aus dem Buch
Die Kunstbetrachtungen und das Masochismusmotiv im „Ardinghello“
Lebendige Beschreibungen von Gemälden […] sind immer wieder in die Handlung eingestreut, auch wenn sie noch so intim ist: ein Tizian-Bild wird erläutert, wenn Ardinghello in der Kirche San Giovanni e Paolo in Venedig ungeduldig auf ein heimliches Stelldichein mit Cäcilia wartet; die Madonna mit dem Kind von Raffael, wenn er im Begriff steht, sich nackt auf die schlafende Lucinde zu stürzen; und die Beschreibung der Gemälde der Sixtina ist eingerahmt von den heißen Liebesnächten mit Fiordimona, wobei Dante, Petrarca und Boccaccio das Thema der anschließenden Gespräche über freie Liebe ausmachen. Kunst wird das Vehikel zum Liebesgenuß, und Erotik durchweht die sinnlich-lebendigen Gemäldebeschreibungen.
[…]Heinse beschreibt den Liebesgenuß wie ein farbiges Bild und das Kunstwerk wie einen sinnlich-erotischen Akt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die schwierige Datenlage zum Thema Masochismus und führt in die Fragestellung ein, wie sich die literarische Darstellung von Schmerz und Lust über Jahrhunderte entwickelt hat.
2. Begriffsbestimmung von Sadismus und Masochismus: Dieses Kapitel definiert die Begriffe Sadismus und Masochismus basierend auf Richard von Krafft-Ebings Arbeiten und erläutert deren Ursprünge und Einordnung als sexuelle Paraphilie.
3. Der Sadomasochismus in der Literatur: Hier wird der historische Wandel des Schreibens über sadomasochistische Themen analysiert, von der ästhetischen Chiffrierung bei Sacher-Masoch bis hin zur expliziten Darstellung in der modernen Literatur.
4. Wilhelm Heinse „Ardinghello und die glückseligen Inseln“: Das Kapitel analysiert Heinses Roman als Pionierwerk für erotische Darstellungen und untersucht das Streben nach Genuss im Einklang mit der Natur.
5. Leopold von Sacher-Masoch „Venus im Pelz“: Diese Untersuchung widmet sich der Novelle als Paradebeispiel für Masochismus und analysiert die Rolle des Sklavenvertrags sowie die Bedeutung von Fetisch-Objekten wie dem Pelz.
6. Elfriede Jelinek „Lust“: Das Kapitel beleuchtet Jelineks „Anti-Porno“ als ein Werk, das ästhetische Darstellung zugunsten einer rohen, gewaltvollen und obszönen Sprache aufgibt, um patriarchale Machtverhältnisse zu kritisieren.
7. Fazit: Das Fazit fasst die Wandlung des Themas „Lust am Leiden“ über drei Jahrhunderte zusammen und reflektiert über die Rolle der Literatur im Kontext gesellschaftlicher Kommunikation und Medienpräsenz.
Schlüsselwörter
Masochismus, Sadismus, Erotik, Literaturgeschichte, Wilhelm Heinse, Sacher-Masoch, Elfriede Jelinek, Machtverhältnisse, Körperlichkeit, Fetisch, Sexualität, Patriarchat, Ästhetik, Obszönität, Lust am Leiden.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die literarische Entwicklung des Masochismus-Motivs und dessen Verbindung zur Darstellung von Lust, Schmerz und Gewalt in der deutschen Literaturgeschichte.
Welche Autoren und Werke stehen im Mittelpunkt der Untersuchung?
Es werden Wilhelm Heinses „Ardinghello und die glückseligen Inseln“, Leopold von Sacher-Masochs „Venus im Pelz“ sowie Elfriede Jelineks „Lust“ als repräsentative Beispiele herangezogen.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Masochismus als Mittel zur Lustbefriedigung durch Schmerz in der deutschen Literatur dargestellt wird und wie sich die literarische Gestaltung dieses Themas im Laufe von ca. 300 Jahren verändert hat.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine qualitative Medienanalyse und literaturwissenschaftliche Untersuchung, bei der die Texte unter Berücksichtigung kulturgeschichtlicher und psychologischer Aspekte verglichen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der drei ausgewählten Werke, wobei jeweils die spezifische Darstellung von Erotik, Machtstrukturen und der Masochismus-Thematik unter Einbeziehung des zeitgenössischen Kontextes untersucht wird.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Masochismus, Sadismus, Ästhetisierung, Machtdynamik, Fetischisierung und die historische Entwicklung literarischer Ausdrucksformen der Sexualität.
Warum spielt der Begriff des „Sklavenvertrags“ in der Analyse von Sacher-Masoch eine so zentrale Rolle?
Der Vertrag formalisiert das sadomasochistische Rollenspiel zwischen den Protagonisten und dient als schriftliches Dokument der Machtumkehrung und der freiwilligen Unterwerfung.
Inwiefern unterscheidet sich die Darstellung in Elfriede Jelineks „Lust“ von den früheren Autoren?
Im Gegensatz zur ästhetisierten oder metaphorischen Darstellung bei Heinse und Sacher-Masoch zeichnet sich Jelineks Werk durch eine rohe, vulgäre und destruktive Sprache aus, die den Akt als rein patriarchales Machtinstrument entlarvt.
Welche Rolle spielt die „Natur“ im Zusammenhang mit dem Erotischen bei Wilhelm Heinse?
Für Heinse ist der Genuss ein Erkenntnisakt, der den Menschen wieder in einen Einklang mit dem übergreifenden Zusammenhang der Natur bringt; Erotik ist bei ihm untrennbar mit diesem Naturverständnis verbunden.
- Citation du texte
- Anonym (Auteur), 2015, Lust am Leiden. Eine Untersuchung des Masochismus in Heinses „Ardinghello und die glückseligen Inseln“, Sacher-Masochs „Venus im Pelz“ und Elfriede Jelineks „Lust“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323975