Bertolt Brecht, der zumeist als politischer Autor bezeichnet wird, setzt sich in seinen lyrischen Werken vor allem mit der körperlichen Liebe auseinander. Viele seiner oft anstößigen und in derber Bürgersprache formulierten „Liebesgedichte“ erscheinen als reine Anleitung zur Praxis des Geschlechtsverkehrs. Emotionen, Liebe, Anbetung oder das Umwerben einer Frau finden in Brechts Gedichten kaum einen Platz. Es wird ihm vorgeworfen, viele seiner Gedichte seien frauenfeindlich und würden die Unterdrückung der Frau durch einen Mann, gerade im sexuellen Bereich unnötiger Weise thematisieren.
In Brechts Gedichten über die Liebe spiegelt sich unter anderem seine Einstellung zu dem um sich greifenden Kapitalismus seiner Schaffensjahre wieder. Das Leben dreht sich zum größten Teil um Geschäfte. Die Menschen werden seines Erachtens nach durch ihre sozialen Beziehungen und ihre gesellschaftliche Stellung geprägt. Im Jahr 1930 schreibt Brecht im Guten Menschen von Sezuan über die „Ware Liebe“ und nicht über die „wahre Liebe“. Liebe, also ein Stück Gut, für das es einen imaginären oder auch realistischen Preis gibt. Käufliche Liebe, die zur Befriedigung der sexuellen Bedürfnisse, vor allem des Mannes erworben werden kann. Emotionen finden in der damaligen Gesellschaft in Brechts Gesellschaftsbild keinen Platz.
In dieser Arbeit soll aufgezeigt werden, dass es sich in Brechts Gedicht Terzinen über die Liebe nicht um ein wahres Liebesgedicht handelt, in dem wahre Gefühle und Liebe eine Rolle spielen. Eher wird die Liebe als kurze und auch unnötige Illusion dargestellt, die sich unaufhaltsam im Nichts auflöst und zu derzeitigen Gesellschaftsverhältnissen weder Platz findet, noch von überlebensnotwendiger oder gesellschaftsrelevanter Bedeutung ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entstehungsgeschichte
3. Formale Analyse Terzinen über die Liebe
4. Interpretation
5. Kritik
5.1. Die „Ware“ Liebe bei Bertolt Brecht
6.Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Gedicht „Terzinen über die Liebe“ von Bertolt Brecht mit dem Ziel, die vermeintliche Liebeslyrik kritisch zu hinterfragen und die zugrundeliegende, eher desillusionierte Haltung des Autors zur Liebe im Kontext seines gesellschaftlichen Weltbildes aufzuzeigen.
- Analyse der Entstehungsgeschichte im Kontext der Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“
- Formale Untersuchung von Reimschema, Strophenbau und Sprachwahl
- Kritische Auseinandersetzung mit der Definition von „Liebesgedichten“ bei Brecht
- Vergleich der Thematik von Vergänglichkeit und käuflicher Liebe
Auszug aus dem Buch
3. Formale Analyse Terzinen über die Liebe
Im Unterschied zu der Ausgabe des Gedichts in Hundert Gedichte werden hier im Gedicht durch die Strophenmarkierungen die Terzinen deutlich sichtbar. Die Terzine ist eine dreizeilige aus dem italienischen stammende Strophenform mit durchgehender Reimverkettung aba, bcb, cdc usw. Diese Strophenform taucht erstmals um 1313 in Italien auf. Dante entwickelt dieses Reimschema für sein Epos La divina Commedia, die zwischen 1814-1821 im deutschen unter dem Titel Die göttliche Komödie erscheint. B. Brecht bedient sich nicht nur Dantes Reimschema, welches vor allem bei den Dichtern der Romantik sehr beliebt war, sondern B. Brecht lehnt sich auch thematisch an Dantes Die göttliche Komödie an, genauer auf den 5. Gesang des Inferno.
Die Terzine grenzt dreizeilige Strophen voneinander ab und löst diese Abgrenzung damit auf, dass sich der mittlere Vers einer Strophe mit den umarmenden Reimen der nächsten Strophe reimt. Schon zu Beginn des Gedichts bricht B. Brecht mit diesem Brauch, denn das Ende von Vers 5 „Eile“ reimt sich nicht mit dem Versende von Vers 9 „befliegen“. Eher bilden Vers 7 und 8 einen Paarreim, was bei Terzinen generell kein Brauch ist. Dieser Bruch ist das erste Anzeichen um zu erahnen, dass die weitere Form des Gedichts, vor allem die letzten Strophen, was schon durch die Anordnung der Verse deutlich wird, einen inhaltlichen wie äußerlichen Zerfall aufweisen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet Brechts zwiespältiges Verhältnis zur Liebe und stellt die These auf, dass es sich bei seinen Liebesgedichten nicht um traditionelle Gefühlslyrik, sondern um eine Reflexion über Vergänglichkeit und gesellschaftliche Zustände handelt.
2. Entstehungsgeschichte: Dieses Kapitel zeichnet die Entstehung des Gedichts im Kontext der Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ nach und verdeutlicht die Verbindung zwischen der Bordell-Szene und dem lyrischen Text.
3. Formale Analyse Terzinen über die Liebe: Hier wird die formale Struktur des Gedichts, insbesondere die Anlehnung an Dantes Terzinenform und deren bewusster Bruch, als Ausdruck eines inhaltlichen Zerfalls analysiert.
4. Interpretation: Das Kapitel interpretiert den Flug von Kranich und Wolke als Sinnbild für eine kurzlebige, nicht dauerhafte Liebesbeziehung und setzt dies in Bezug zur ursprünglichen Dialogsituation zwischen den Figuren Jenny und Paul.
5. Kritik: Der Autor hinterfragt kritisch, ob das Gedicht aufgrund der fehlenden emotionalen Tiefe überhaupt als Liebesgedicht klassifiziert werden kann und diskutiert Brechts realistisch-nüchterne Sichtweise.
5.1. Die „Ware“ Liebe bei Bertolt Brecht: Dieser Unterpunkt vertieft die Diskussion über Brechts Ruf als „Liebeslyriker“ und stellt fest, dass in seinen frühen Werken die Liebe oft als käufliche Ware und unter kapitalistischem Aspekt dargestellt wird.
6.Fazit: Das Fazit resümiert, dass Brecht mit seinem Gedicht bewusst die Illusion einer ewigen Liebe entlarvt und stattdessen die Flüchtigkeit menschlicher Bindungen in einer rücksichtslosen Gesellschaft darstellt.
Schlüsselwörter
Bertolt Brecht, Terzinen über die Liebe, Liebeslyrik, Vergänglichkeit, Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, Kapitalismus, Kranich, Wolke, Desillusionierung, formale Analyse, Rezeption, Bordell, Prostitution, Literarische Interpretation, Sexgedichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Bertolt Brechts Gedicht „Terzinen über die Liebe“ und hinterfragt, inwiefern Brecht hier ein traditionelles Liebesgedicht verfasst oder vielmehr eine Desillusionierung der Liebe thematisiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die Vergänglichkeit von Liebe, der Einfluss gesellschaftlicher Rahmenbedingungen auf das Individuum sowie die formale Gestaltung lyrischer Texte bei Brecht.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Brecht in seinen Gedichten keine romantische Liebe propagiert, sondern die Liebe als vergängliche, oft käufliche Illusion darstellt, die stark durch sein Gesellschaftsbild geprägt ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Der Autor nutzt eine textimmanente Analyse in Verbindung mit der literaturwissenschaftlichen Forschungsliteratur, um Form, Inhalt und den Entstehungskontext des Werkes zu deuten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historisch-biografische Entstehungsanalyse, eine detaillierte formale Untersuchung des Gedichts sowie eine Interpretation der zentralen Motive und eine kritische Diskussion der Einordnung als Liebesgedicht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Neben dem Autor Bertolt Brecht und dem Werk „Terzinen über die Liebe“ sind Begriffe wie Vergänglichkeit, Desillusionierung und Kapitalismus zentral für die Charakterisierung der Arbeit.
Warum wird im Gedicht explizit mit der Terzinenform gebrochen?
Der Autor argumentiert, dass der formale Bruch im Gedichtverlauf (ab Vers 20) den inhaltlichen Zerfall der dargestellten Illusion widerspiegelt.
Wie deutet der Autor die Rolle des „Kranichs“ und der „Wolke“?
Diese werden als Symbole für eine flüchtige, außerhalb von Raum und Zeit stehende Liebesbeziehung interpretiert, die in der Realität der Bordell-Szene aus Mahagonny keinen dauerhaften Bestand haben kann.
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- Anonym (Autor), 2012, Bertolt Brecht "Terzinen über die Liebe". Eine Interpretation, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323984