In dieser Seminararbeit werde ich mich mit dem Phänomen Fehler beschäftigen, das unumgänglich mit (Sprachen-)Lernen und Erwerb von Wissen im Allgemeinen verbunden ist. Eine historische Perspektive von Spracherwerbsansätzen im ersten Punkt soll Aufschluss darüber geben, welche Einstellung zum Fehler die Sprachlehrforschung im Laufe der Zeit charakterisiert hat und wie sich diese gewandelt hat. Anschließend wird eine nähere Bestimmung des Begriffs dargestellt, um die nächste Frage sinnvoll beantworten zu können, nämlich welche Funktion Fehler im Spracherwerbsprozess (im unterrichtlichen und natürlichen Kontext) erfüllen und welche Bedeutung die Lernerhypothesen für den gesamten Lernprozess haben. Punkt 4 soll zwei daraufbasierende Spracherwerbsmodelle erläutern, die Parallelen aufweisen, aber verschiedene Akzente setzen. Veranschaulicht wird das kognitivdiskursive Modell im nächsten Punkt anhand von Transkripten aus dem DaF-Unterricht um zu erfahren welchen Beitrag empirische Untersuchungen für diese Thematik leisen. 1 Der Fehler im Lichte unterschiedlicher Fremdsprachenerwerbshypothesen Man unterscheidet grob zwischen zwei Typen von Forschungsansätzen bezüglich Spracherwerb: eine Gruppe bilden sogenannte nativistische Hypothesen, die von eingeborenen Spracherwerbsfähigkeiten und Universalität aller Spracherwerbsprozesse (im Sinne von einer universellen Grammatik) ausgehen, - also von einem theoretischen Konstrukt – und auf dieser Basis Aussagen zum Korrekturverhalten tätigen. Es wird zwischen Erwerb und Lernen unterschieden. Fehlerkorrektur beim Spracherwerb hat keinen fördernden Einfluss, weil Erwerb in einer „natürlichen“ Sequenz zustande kommt und verläuft dementsprechend unbewusst. Im Gegensatz dazu, gewinnen die empirischen Ansätze Erkenntnisse über Spracherwerbsprozesse durch Datenerhebung, betonen die Bedeutung der Kognition beim Spracherwerb, bzw. die bewusste Auseinandersetzung mit der zweitsprachlichen Struktur. Sie verstehen den Spracherwerbsprozess als Prozess der Hypothesenbildung und – überprüfung und behaupten, dass diese Annahmen durchlässigen (permeabilen) Charakter haben.
Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung
1 Der Fehler im Lichte unterschiedlicher Fremdsprachenerwerbshypothesen
2 Fehler als Normabweichung und Lernpotenzial
3 Grundlegende Arbeiten zum Thema Lernerhypothesen
3.1 Vergleich grundlegender Überlegungen zum Thema Lernerhypothesen
4 Modelle des Hypothesenbildens und –testens
4.1 A model of foreign language learning
4.2 Kognitiv- diskursives Modell des L2-Hypothesenbildens und – testens
5 Analyse von Transkripten aus dem DaF-Unterricht
6 Zusammenfassung
6.1 Didaktische Konsequenzen für den Fremdsprachenunterricht
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht das Phänomen „Fehler“ im Fremdsprachenunterricht aus der Perspektive der Sprachlehrforschung und betrachtet diesen nicht mehr als Störfaktor, sondern als notwendigen Bestandteil des Lernprozesses. Das Ziel ist es, den Fehler als lernerseitiges Hypothesentesten zu verstehen und zu analysieren, wie Korrekturhandlungen den Spracherwerb fördern oder behindern können.
- Historische Wandlung der Fehlerbeurteilung in der Sprachlehrforschung
- Analyse theoretischer Spracherwerbsmodelle und ihrer Sicht auf Lernerhypothesen
- Die Rolle von Interaktion und Bedeutungsaushandlung im Fremdsprachenerwerb
- Empirische Untersuchung von Korrekturverfahren anhand von Unterrichtstranskripten
- Didaktische Ableitungen für einen lernförderlichen Umgang mit Fehlern
Auszug aus dem Buch
4.2 Kognitiv- diskursives Modell des L2-Hypothesenbildens und – testens
Das Modell setzt voraus, das dem Lerner verständlicher Input zugänglich ist. Die Aktivität des Lerners besteht dann darin, ihn fokussiert- selektiv wahrzunehmen, d.h. die Bereiche, die zu Lernen sind, besonders aufmerksam zu beobachten. Bei der Selektion und Fokussierung spielen Faktoren affektiver, kognitiver und subjektiver Natur eine Rolle, die sowohl Fähigkeiten des Lerners, als auch Lernsituation betreffen.
Für den Fremdsprachenunterricht ergibt sich aus den Ansichten der kognitiven Theorie die Erkenntnis, dass nicht nur die internen situationellen Gegebenheiten (wie soziales Umfeld, Lernort, Befindlichkeit des Lerners) das Lernen beeinflussen, sondern eben auch die Voraussetzungen des menschlichen Kognitionssystems eine wichtige Rolle beim Fremdsprachenerwerb spielen.
Die im Sprachangebot enthaltenen zielsprachlichen Daten werden dann mit dem vorhandenem hypothesenhaften und explizitem Wissen abgeglichen. Diese Verarbeitungsprozesse stellen also aktive (mentale) Auseinandersetzung mit fremdsprachlichen Strukturen. Dem bewussten Wahrnehmen der Diskrepanzen („noticing“) wird eine gewisse lernfördernde Rolle zugeteilt. Bei festgestellter Abweichung zwischen der eigenen und durch den Input wahrgenommenen L2-Sprachproduktion eröffnen sich zwei Möglichkeiten für den Lerner: Konsultieren von Muttersprachlern, Lehrern, Wörterbüchern, usw. („appeal to authority“) wodurch die Interaktionsebene des Lernprozesses eröffnet wird -entweder im Unterricht oder außerhalb- und Hypothesenbildung über die Regelmäßigkeiten der L2 als kognitives Produkt der Wahrnehmungs- und Verarbeitungsprozesse.
Produktives Testen dagegen verläuft interaktiv durch Produktion von hypothesenbasierten Äußerungen oder metasprachlichen Fragen. Die Hypothese wird also verbalisiert und ihre Richtigkeit und Präzisierung durch Rückmeldungen des Gesprächspartners oder Lehrers modelliert und gegebenenfalls in die Wissensbestände integriert, bzw. revidiert.
Zusammenfassung der Kapitel
0 Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema Fehler als integraler Bestandteil des Spracherwerbs ein und skizziert den Aufbau der Seminararbeit.
1 Der Fehler im Lichte unterschiedlicher Fremdsprachenerwerbshypothesen: Dieses Kapitel stellt kontrastive, nativistische und empirische Forschungsansätze sowie deren spezifisches Korrekturverhalten gegenüber.
2 Fehler als Normabweichung und Lernpotenzial: Hier wird der Wandel vom Fehler als reinem Störfaktor hin zum Fehler als Indikator für den Lernstand und als kreativer Prozess beleuchtet.
3 Grundlegende Arbeiten zum Thema Lernerhypothesen: Dieses Kapitel diskutiert Corders bahnbrechende Ansätze zur Fehleranalyse und die Unterscheidung zwischen systematischen und unsystematischen Fehlern.
3.1 Vergleich grundlegender Überlegungen zum Thema Lernerhypothesen: Ein Vergleich der Perspektiven von Corder sowie Knapp und Knapp-Potthoff zur Optimierung des Lernprozesses durch Lernerorientierung.
4 Modelle des Hypothesenbildens und –testens: Einführung in die Modellbildung zur Erklärung des Fremdsprachenerwerbsprozesses.
4.1 A model of foreign language learning: Dieses Unterkapitel stellt das Modell von Faerch et al. vor, das den Input-gesteuerten Erwerbsprozess und die Rolle des Feedbacks analysiert.
4.2 Kognitiv- diskursives Modell des L2-Hypothesenbildens und – testens: Vorstellung eines ganzheitlichen Modells, das kognitive Prozesse und Interaktion im Fremdsprachenerwerb verbindet.
5 Analyse von Transkripten aus dem DaF-Unterricht: Untersuchung empirischer Beispiele, um die Rolle von Interaktion und "Uptake" für den kurzzeitigen Erwerb im Unterricht zu belegen.
6 Zusammenfassung: Ein Resümee zur Relevanz der Fehlerkorrektur und der Bedeutung der Lernerhypothesen für den Lernfortschritt.
6.1 Didaktische Konsequenzen für den Fremdsprachenunterricht: Abschließende Empfehlungen für eine effektive, lernförderliche Gestaltung von Korrekturen im Fremdsprachenunterricht.
Schlüsselwörter
Fehlerkorrektur, Fremdsprachenerwerb, Lernerhypothesen, Interlanguage-Hypothese, Noticing-Hypothese, Hypothesentesten, Input-Hypothese, Sprachlehrforschung, Kognition, Interaktion, Bedeutungsaushandlung, Lernersprache, Uptake, Fossilisierung, Didaktik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen Fehler im Fremdsprachenerwerb und untersucht, wie diese als notwendige Indikatoren für den Lernprozess und das lernerseitige Testen von Hypothesen verstanden werden können.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Fokus stehen die theoretischen Grundlagen der Fehlerforschung, verschiedene Modelle des Spracherwerbs sowie die Rolle von Interaktion und Feedback im Unterricht.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, das Verständnis für Fehler von einer rein negativen Betrachtung hin zu einem konstruktiven, kognitiven Lernprozess zu wandeln und didaktische Konsequenzen für den DaF-Unterricht abzuleiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse sowie einer diskursanalytischen Untersuchung von Transkripten aus dem DaF-Unterricht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert verschiedene Erwerbshypothesen (z.B. Kontrastiv-, Identitäts- und Interlanguage-Hypothese), erläutert kognitive Modelle des Hypothesentestens und präsentiert empirische Transkriptanalysen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind unter anderem Fehlerkorrektur, Lernerhypothesen, Interlanguage, Hypothesentesten, Kognition und Interaktion.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen systematischen und unsystematischen Fehlern?
Systematische Fehler ("errors") markieren Entwicklungsstadien und zeigen den Lernfortschritt, während unsystematische Fehler ("mistakes") wie Flüchtigkeitsfehler keine Aussage über den aktuellen Kenntnisstand erlauben.
Was bedeutet der Begriff "Uptake" in dieser Arbeit?
Uptake beschreibt die Reaktion des Lerners auf eine Korrekturhandlung, insbesondere den Nachweis, dass eine korrigierte sprachliche Lösung kurzzeitig verstanden und in einem veränderten Kontext korrekt angewendet werden kann.
- Citation du texte
- Vesna Petruseva (Auteur), 2004, Fehler als lernerseitiges Hypothesentesten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32402