Europa und die EU. Überblick der Entwicklung nach dem 2. Weltkrieg


Vorlesungsmitschrift, 2013

88 Seiten

Ella Lamper (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Erlebnisgesellschaft
2.1 Zu Gerhard Schulzes Erlebnisgesellschaft
2.2 Von der Außenorientierung zur Innenorientierung der Handlungswahl
2.3 Die Individualisierung als Voraussetzung für neue Formen der Gemeinsamkeit
2.4 Der Wandel von Gesellschaftsstrukturen
2.5 Überwindung der Erlebnisgesellschaft

3. Die Risikogesellschaft
3.1 Zu Ulrich Becks Risikogesellschaft
3.2 Die Auflösung traditioneller Gesellschaftsstrukturen
3.3 Die Folgen der Individualisierung
3.4 Das Entstehen neuer Handlungsmuster
3.5 Überwindung der Risikogesellschaft

4. Vergleich

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Soziologische Gegenwartsdiagnosen beschäftigen sich mit der Gesellschaft, als Ganze (Schimank 2007: 17). Sie lenken den Blick auf kritische Entwicklungen der Gesellschaft und können vor möglichen negativen Folgen dieser warnen oder Lösungswege aufzeigen (vgl. Schimank 2007: 13). Damit können Gegenwartsdiagnosen Einfluss auf die gesellschaftliche Dynamik ausüben und Akteure unter Handlungsdruck setzen (vgl. Schimank 2007: 15, 17-18).

Die vorliegende Arbeit vergleicht zwei soziologische Gegenwartsdiagnosen. Gerhard Schulzes „Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart“, die 1992 veröffentlicht wurde wird Ulrich Becks „Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne“, die 1986 publiziert wurde, gegenüber gestellt. Den Untersuchungsgegenstand beider Untersuchungen stellt die Gesellschaft der 80er Jahre der Bundesrepublik Deutschland dar.

Beide Autoren nehmen bei der Untersuchung der Gesellschaft eine eigene Betrachtungsweise an und fokussieren unterschiedliche gesellschaftliche Entwicklungen. Dennoch weisen die Analysen viele Parallelen, aber auch Unterschiede auf, welche ich im Nachfolgenden darstelle.

Zunächst stelle ich Gerhard Schulzes Erlebnisgesellschaft vor, indem ich die Herausbildung einer innenorientierten Lebensauffassung und die daraus resultierende Erlebnisrationalität, die allen Gesellschaftmitgliedern gemeint ist, betrachte. Dabei gehe ich auf die, in der Erlebnisgesellschaft bestehenden, Unsicherheiten und Risiken ein. Diese können als Voraussetzung für neue gesellschaftliche Zusammenschlüsse angesehen werden.

Im Folgenden gebe ich die, in der Untersuchung der Risikogesellschaft enthaltenen, zentralen Aussagen Ulrich Becks wieder. Dabei nenne ich charakteristische Merkmale der Risikogesellschaft und beziehe mich nicht vor allem auf die Auflösung traditioneller Gesellschafsstrukturen, die dazu führt dass Individuen mit neuen Gefahren und Unsicherheiten konfrontiert werden, die eine Herausbildung neuer Handlungsweisen erfordern.

Danach vergleiche ich die Gegenwartsdiagnosen miteinander und zeige Differenzen, sowie Parallelen auf. Abschließend werden die Ergebnisse diese Hausarbeit dargestellt.

2. Die Erlebnisgesellschaft

2.1 Zu Gerhard Schulzes Erlebnisgesellschaft

Bei dem 1992 erschienen Werk „ Die Erlebnisgesellschaft“, handelt es sich um eine von Gerhard Schulze verfasste Untersuchung der ihm gegenwärtige und sich verändernden Gesellschaft, für die eine „Erlebnisorientierung“ kennzeichnend ist (vgl. Schulze 1992: 13-15), mit dem Ziel „[n]eue soziale Strukturen zu beschreiben und von den kulturtypischen existentiellen Problemen her zu verstehen (…)“ (Schulze 1992: 15).

Schulze erhebt nicht den Anspruch eine absolute Bestimmung der Gesellschaftsform durchzuführen, die Charakterisierung „Erlebnisgesellschaft“, so betont er, sei das Ergebnis einer vergleichenden Betrachtung unterschiedlicher Formen von Gesellschaften (vgl. Schulze 1992: 15). Mit „Erlebnisgesellschaft“ ist „(…) eine Gesellschaft [gemeint], die im (historischen und interkulturellen Vergleich) relativ stark durch innenorientierte Lebensauffassungen geprägt ist“ (Schulze 1992: 54).

Eine Studie, die in Form einer Befragung, im Jahr 1985 in der Stadt Nürnberg und ihren Umkreis, an 1.014 Personen durchgeführt wurde, bildet den empirischen Bestandteil von Schulzes Untersuchung, mithilfe dessen er zu einer Theorie gelangt (vgl. Schulze 1992: 90, 25). Sie dient der Erfassung von sozialen Beziehungen, Lebensbedingungen sowie des Lebensstils (vgl. Schulze 1992: 90). Mit der Betrachtung einzelner Individuen kann die Makroebene als, die von Schulze gewählte, Analyseebene identifiziert werden.

Den Anstoß für Schulzes Untersuchung gab die, von ihm wahrgenommene Veränderung der Gesellschaft, die sich seit der Nachkriegszeit vollzieht (vgl. Schulze 1992: 13). Während zuvor die Absicht des Überlebens bzw. der Existenzsicherung das Handeln von Individuen und die Wahl zwischen Handlungsalternativen bestimmte, wird nun eine zunehmend größer werdende Anzahl von Handlungsmöglichkeiten bereitgestellt, bei der die Handlungswahl vom individuellen Erlebniswert bestimmt wird (vgl. Schulze 1992: 13, 55). Das Leben gleicht einem „Erlebnisprojekt“, bei dem das Individuum in einem anderen Verhältnis zu materiellen und immateriellen Gütern steht (vgl. Schulze 1992: 13, 33, 54).

Die Wahl einer Handlungsalternative, welche mit dem Ziel etwas zu erleben getroffen wird, sind stets Risiken, wie z.B. die Gefahr enttäuscht zu werden, verbunden (vgl. Schulze 1992: 14). Die steigende Anzahl von Handlungsalternativen verstärkt dazu das Enttäuschungsrisiko, das mit einer Unsicherheit, die in Bezug auf die eigenen Wünsche besteht, einhergeht und führt zu einer Orientierungslosigkeit, die allen Mitgliedern der Gesellschaft gemein ist (vgl. Schulze 1992: 14, 34). Infolge dessen wird von den Individuen eine Bereitschaft entwickelt gemeinschaftliche Richtlinien zu befolgen (vgl. Schulze 1992: 35), es entsteht eine „(…) Handlungsdynamik, organisiert im Rahmen eines rasant wachsenden Erlebnismarktes, der kollektive Erlebnismuster beeinflusst und soziale Milieus als Erlebnisgemeinschaften prägt“ (Schulze 1992: 33).

2.2 Von der Außenorientierung zur Innenorientierung der Handlungswahl

Der bereits in Kapitel 2.1 erwähnte gewandelte Verhältnis in den Individuen zu Gütern materieller und immaterieller Art stehen, bei dem nun nicht mehr der Gebrauchswert sondern der Erlebniswert des jeweiligen Gutes von Bedeutung ist und diesem einen Selbstzweck verleiht, verweist auf eine veränderte Lebensauffassung, die von Angehörigen der Erlebnisgesellschaft geteilt wird und als Resultat eines gesellschaftlichen Wandels angesehen werden kann (vgl. Schulze 1992: 13, Volkmann 2007b: 76).

In der Erlebnisgesellschaft herrscht eine innenorientierte Lebensauffassung vor, die sich gegenüber einer, zuvor geteilten, außenorientierten Lebensauffassung durchsetzt (vgl. Schulze 1992: 35). Während sich Individuen, die eine außenorientierte Lebensauffassung vertreten, bei der Handlungswahl, mit dem Ziel der Existenzsicherung, an der gegebenen Situation und der vor ihr vorgegebenen Möglichkeiten orientieren, kann eine innenorientierte Lebensauffassung als selbstbezogenes Denken und Handeln von Individuen, mit dem Ziel des Erlebnisgewinnes, verstanden werden, bei der die Situation vom Individuum selbst gewählt werden kann (vgl. Schulze 1992: 35, Volkmann 2007b: 78-79). Eine Innenorientierung, bei der sich „(…) ein Mensch vornimmt, Prozesse auszulösen, die sich ich ihm selbst vollziehen“ (Schulze 1992: 38), um ein Leben zu führen, das subjektiv als „schön“ empfunden wird, verleiht Güter einen individuellen Wert, der vom jeweiligen Akteur definiert wird und kann als „Suche nach Glück“ angesehen werden (vgl. Schulze 1992: 22, 36-37, 14). Ein Geschehen wird erst durch eine subjektive, psychische Verarbeitung und einen Situationsbezug zu einem Erlebnis (vgl. Schulze 1992: 44-45). Daraus geht eine Unsicherheit in Bezug auf die Handlungswahl hervor, weil es im Vorfeld nicht möglich ist zu bestimmen welches Geschehen als Erlebnis empfunden wird, da dies erst durch eine innere Verarbeitung zu diesem wird. Es besteht die Gefahr einer Nicht-Erfüllung von Erwartungen, die als Enttäuschung wahrgenommen werden (vgl. Schulze 1992: 14). Um eine Enttäuschung zu vermeiden versucht das Individuum die inneren Vorgänge, deren Resultat eine erwünschte subjektive Erlebniswahrnehmung ist, herbeizuführen indem es Einfluss auf die Situation nimmt, was nach Schulze als Erlebnisrationalität definiert wird und öffnet sich angesichts der bestehenden Unsicherheiten, die die Handlungswahl betrifft, „kollektiven Schematisierungen“ und übernimmt „intersubjektive Muster“ (vgl. Schulze 1992: 40, 53). Das Ziel ist nicht mehr der Erwerb eines Gutes sondern dessen Wirkung. Nach Schulze, können Innenorientierung und Erlebnisorientierung gleichgesetzt werden, da bei einer Innenorientierung das Erlebnis einen Handlungsantrieb darstellt (ebd.).

Die Entwicklung hin zur Erlebnisgesellschaft setzt eine alle Lebensbereiche umfassende Technisierung voraus, die unter anderem zu einer Verkürzung von Arbeitszeiten und damit zu einer Erhöhung der Freizeit führt (vgl. Volkmann 2007b: 77). Hinzu kommt eine Steigerung des Einkommens und einen Mobilitätszuwachs (ebd.). Insgesamt führt dies zu einem Abbau von Handlungsbeschränkungen, die zuvor durch einen Ressourcenmangel bedingt waren. Auf Basis eines wachsenden Marktes gewinnt das Wählen, in Bezug auf Situation und Handlung, an Bedeutung und führt zu einem sozialen Wandel (vgl. Schulze 1992: 51, 67-69, 48). Diese Entwicklung ermöglicht eine schichtunabhängige Vorherrschaft der Erlebnisorientierung, die zuvor nur höhere sozioökonomische Schichten einschloss, sowie deren alle Lebensbereiche einschließende Ausdehnung (vgl. Schulze 1992: 59). Dem Erlebnis wird eine sinngebende Funktion verliehen, es dient als Bewertungsmaßstab (vgl. Schulze 1992: 59). Das Individuum muss sich nicht mehr mit einer gegebenen Situation befassen, es muss wählen ob es sich dieser stellt oder entzieht (vgl. Schulze 1997: 87).

2.3 Die Individualisierung als Voraussetzung für neue Formen der Gemeinsamkeit

Bei seiner Untersuchung der Gegenwartsgesellschaft bezieht Schulze die Individualisierungsthese ein. Der Prozess der Individualisierung lässt sich durch eine zunehmende Unsichtbarkeit und Auflösung sozialer Bindungen, wie z.B. Schicht- und Klassenzugehörigkeit, die Vermehrung von Möglichkeiten zur individuellen Gestaltung von Lebensläufen und die damit einhergehende Pluralisierung von Lebensformen, sowie eine Verschlechterung, der subjektiv wahrgenommenen emotionalen Situation, die mit Gefühlen von Verlassenheit und einer allgemeinen Orientierungslosigkeit verbunden wird, beschreiben (vgl. Schulze 1992: 75-78). Schulze versteht Individualisierung jedoch nicht als ein Auflösen von Gemeinsamkeiten, sondern als Voraussetzung für die Entstehung neuer Formen von Gemeinsamkeiten (vgl. Honneth 1992: 523-524, Schulze 1992: 75-77).

Die Erlebnisrationalität ist allen Mitgliedern der Erlebnisgesellschaft gemein und führt dazu, dass das Ziel ein „schönes“, d.h. ein mit subjektiv als positiv empfundenen Erlebnisse behaftetes Leben zu führen, zu einem Ziel wird, das jedes Gesellschaftsmitglied verfolgt (vgl. Schulze 1992: 35, 39). Weil aus Handeln, das nur auf einen Erlebnisgewinn gerichtet ist zwangsläufig enttäuschte Erwartungen und eine Orientierungslosigkeit, in Bezug auf die Gestalt eigener Wünsche, folgt ist das Individuum gewillt konstante, individuelle bestimmte, Wünsche und Ziele, die als „Gewohnheit“ begriffen werden, zu verfolgen und sich an sozialen Gruppen zu orientieren oder sich diesen anzuschließen (vgl. Honneth 1992: 523-524). Demnach wird durch die Individualisierung auch eine Bildung von Gemeinschaften ermöglicht, die sich auf Basis neuer Gemeinsamkeiten, wie z.B. einer sich gleichenden Erlebnisorientierung, vollzieht und diese als „Erlebnisgemeinschaften“ erscheinen lässt (vgl. Honneth1992: 524-525).

Die Erlebnisnachfrage, d.h. das „(…) marktmäßig organisiert[e] erlebnisrational[e] Handeln, das die Aneignung von Erlebnisangeboten zum Ziel hat“ (Schulze 1992: 42) beeinflusst das Erlebnisangebot bzw. die Erlebnisanbieter. Die Produzenten, meist korporative Akteure, handeln außenorientiert, unter der Prämisse des Absatzes/Gewinns und entwickeln als Reaktion auf die vorherrschende innenorientiere Lebensauffassung unterschiedliche Vorgehensweisen um beim Konsumenten den Eindruck eines innenorientierten Handelns entstehen zu lassen (vgl. Schulze 1992: 418, 422, 438). Demnach kann der Erlebnismarkt als ein asymmetrisches Verhältnis von Konsument und Produzent beschrieben werden, dass als Resultat des Vorherrschens unterschiedlichen Lebensauffassungen angesehen werden kann (vgl. Schulze 1992: 444-445).

2.4 Der Wandel von Gesellschaftsstrukturen

Die Nachkriegsgesellschaft zeichnet sich durch die Aufrechterhaltung, für die Industriegesellschaft typischer, Strukturen aus (vgl. Schulze 1992: 532). Diese stellen die Arbeit in den Lebensmittelpunkt und ermöglichen die Zuordnung zu einen Stand- bzw. Milieu, auf Grundlage der eingenommenen Positionen im Produktionsprozess, die durch Anzeichen wie Weisungsbefugnisse oder den Besitz von Gütern bestimmt wird (vgl. Schulze 1992: 532-5233). Die Gesellschaft wird, in Bezug auf den sozialen und ökonomischen Status hierarchisch aufgebaut und als „Oben“ und „Unten“ definiert (vgl. Schulze 1992: 532). Die Nachkriegsgesellschaft ist von existentiellen Problemen geprägt, dem Handlungsziel des „Überlebens“, das eine außenorientierte Lebensauffassung bedingt und die Erlebnisorientierung als Phänomen privilegierter Oberschichten erscheinen lässt (vgl. Schulze 1992: 532-533).

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Details

Titel
Europa und die EU. Überblick der Entwicklung nach dem 2. Weltkrieg
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Veranstaltung
Europa in der Zwischenkriegszeit
Autor
Jahr
2013
Seiten
88
Katalognummer
V324048
ISBN (eBook)
9783668234437
ISBN (Buch)
9783668234444
Dateigröße
914 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Europa, EU, Entwicklung, Europaeische Union, European Union
Arbeit zitieren
Ella Lamper (Autor), 2013, Europa und die EU. Überblick der Entwicklung nach dem 2. Weltkrieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/324048

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