Salutogenese nach Bengel, Strittmatter und Willmanns "Was erhält Menschen gesund? Antonovskys Modell der Salutogenese"


Zusammenfassung, 2008

11 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Das Konzept der Salutogenese
1.1 Die salutogenetische Fragestellung
1.2 Das Kohärenzgefühl
1.3 Stressoren und Spannungszustand
1.4 Generalisierte Widerstandsressourcen

2. Kohärenzgefühl im Vergleich mit verwandten Konzepten
2.1 Gesundheitliche Kontrollüberzeugungen
2.2 Dispositioneller Optimismus

3. Stellenwert und Nutzung des Konzepts
3.1 Salutogenese in der Gesundheitsförderung und Prävention

1. Das Konzept der Salutogenese

1.1 Die salutogenetische Fragestellung

Das Konzept der Salutogenese nach dem Medizinsoziologen Aaron Antonovsky (1923-1994) kritisiert die rein pathogenetisch- kurative Betrachtungsweise, die Frage nach den Ursachen von Krankheiten und Risikofaktoren. Demgegenüber stellt Antonovsky in seinem Konzept der Salutogenese die Frage nach den Bedingungen von Gesundheit und nach den Faktoren, die Gesundheit schützen, in den Vordergrund. Die Frage, warum Menschen gesund bleiben, die Wirkfaktoren für die Erhaltung von Gesundheit, gewinnt hier an zentraler Bedeutung.[1] Warum bleiben eigentlich Menschen gesund trotz vieler gesundheitsgefährdender Einflüsse, wie schaffen sie es, sich wieder zu erholen von Erkrankungen und warum werden Menschen, die extremen Belastungen unterworfen sind, gar nicht krank?

Hinzuzufügen ist, dass das Konzept der Salutogenese nicht als Gegenteil der Pathogenese, also die Beschäftigung mit der Entstehung und Behandlung von Krankheiten, zu verstehen ist, sondern es gilt nach Antonovsky, alle Menschen als mehr oder weniger gesund und mehr oder weniger krank zu betrachten. Diesbezüglich steht die zentrale Frage im Vordergrund, wie ein Mensch mehr gesund und weniger krank wird. Diese Denkweise Antonovskys lässt sich besonders gut metaphorisch darstellen. Während die pathogenetische Blickweise Menschen aus einem reißenden Fluss retten will, ohne darüber nachzudenken, wie diese Menschen in den Fluss hineingeraten sind und warum sie nicht besser schwimmen können, hebt die salutogenetische Sichtweise die Frage hervor, wie man in diesem Fluss als Strom des Lebens ein guter Schwimmer wird.[2]

Als Grundprinzip menschlicher Existenz ist nicht Gleichgewicht und Gesundheit zu verstehen, sondern Krankheit und Leiden. Somit ist Gesundheit ein labiles, dynamisch regulierendes und aktives Geschehen. Der Verlust von Gesundheit ist demzufolge ein natürlicher Prozess, Gesundheit muss immer wieder aufgebaut werden. Demzufolge ist der salutogenetische Ansatz, nach Antonovsky, als ein Kampf in Richtung Gesundheit zu verstehen, der sowohl permanent als auch nie ganz erfolgreich ist.[3]

Das biomedizinische Modell betrachtet Krankheit als Abweichung von der Norm Gesundheit. Diese Definition liegt besonders in Antonovskys Kritik, denn sie kann nicht als einziger Maßstab für die Definition von Krankheit herangezogen werden. Üblicherweise wird angenommen, dass eine Dichotomie von Krankheit und Gesundheit vorliegt. Darunter ist zu verstehen, dass nur ein Zustand, entweder Krankheit oder Gesundheit, vorliegen kann. Werden Menschen als gesund eingestuft, werden sie medizinisch nicht weiter versorgt. Diesem Verständnis liegt weiterhin zu Grunde, dass besonders krankmachende Bedingungen vorherrschen, wie Bakterien, Viren und Risikofaktoren, die es zu bekämpfen gilt. Antonovskys Interesse hingegen richtet sich nicht auf solch spezifische Symptome, sondern auf die Gegebenheit, dass ein Organismus nicht mehr in der Lage ist, seine eigene Ordnung aufrechterhalten zu können (Zusammenbruch des Organismus, Breakdown). Auch die Stärkung von Ressourcen um die Widerstandsfähigkeit des Organismus gegen schwächende Einflüsse zu fördern, ist Ziel des salutogenetischen Ansatzes. Die ganze Person mit ihrer individuellen Lebensgeschichte, sowie die Beachtung des gesamten Systems als Lebensraum der Person, stehen hier in zentralem Blickfeld.[4]

Antonovsky setzt dieser Dichotomie die Vorstellung eines Gesundheits- Krankheits- Kontinuums entgegen. Hier gibt es zwei Pole; Gesundheit und körperliches Wohlbefinden, Krankheit und körperliches Missempfinden. Jedoch sind diese beiden Pole, also völlige Gesundheit beziehungsweise völlige Krankheit für lebende Organismen nicht zu erreichen. So hat jeder Mensch, der sich selbst als absolut gesund empfindet, auch kranke Anteile, und jeder kranke Mensch auch gesunde Anteile, denn so lange er noch lebt, sind gesunde Anteile vorhanden. Die Zentrale Frage richtet sich nun nicht mehr danach, ob man gesund oder krank ist, sondern die Entfernung von den Endpunkten Gesundheit und Krankheit ist ausschlaggebendes Maß.[5]

Eine salutogenetisch orientierte Forschungsfrage könnte lauten, welche Personen vom Typ A keine koronaren Herzerkrankungen bekommen. Deutlich wird hier, dass die Erkrankung eher unspezifisch betrachtet wird. Dies geschieht unter der Frage, warum Menschen gesund bleiben, welche Fähigkeiten und Eigenschaften sie auszeichnen. Hierzu bedarf es weit mehr Informationen zu erfassen als nur die krankheitsbezogenen.

Die pathogenetisch orientierte Forschung hingegen, konzentriert sich auf einen Vergleich von Patienten mit Kontrollgruppen. Diese Kontrollgruppen werden als gesund bezeichnet, da sie eine bestimmte Erkrankung nicht haben, obwohl sie jedoch an anderen unbekannten Erkrankungen leiden könnten.[6]

1.2 Das Kohärenzgefühl

Das Kohärenzgefühl, auch Sence of coherence oder kurz SOC, gilt als das Kernstück des salutogenetischen Modells. Hierunter ist die Grundhaltung zu verstehen, wie gut Menschen in der Lage sind, vorhandene Ressourcen zum Erhalt ihres Wohlbefindens und ihrer Gesundheit zu nutzen. Kohärenz ist als Zusammenhang und Stimmigkeit zu verstehen. Je höher die Ausprägung des Kohärenzgefühls bei einer Person ist, desto gesünder sollte sie sein/ desto schneller sollte sie gesund werden und bleiben. Drei Komponenten bestimmen laut Antonovsky diese Grundhaltung, die Welt als sinnvoll und zusammenhängend zu erleben,[7] welche in dem folgenden Zitat deutlich werden: „Das Kohärenzgefühl ist eine globale Orientierung, die das Ausmaß ausdrückt, in dem jemand ein durchdringendes, überdauerndes Gefühl des Vertrauens hat, dass erstens die Anforderungen aus der inneren oder äußeren Erfahrungswelt strukturiert, vorhersagbar und erklärbar sind und dass zweitens die Ressourcen verfügbar sind, die nötig sind, um den Anforderungen gerecht zu werden. Und drittens, dass diese Anforderungen Herausforderungen sind, die Investition und Engagement verdienen.“[8]

Liegt ein stark ausgeprägtes Kohärenzgefühl vor, so ist der Mensch in der Lage, flexibel auf Anforderungen reagieren zu können in dem er die jeweiligen, angemessenen Ressourcen aktiviert. Ist das Kohärenzgefühl gering, werden die Anforderungen eher starr bewältigt, da der Mensch weniger Ressourcen hat/ wahrnimmt. Des Weiteren steuert das Kohärenzgefühl den Einsatz verschiedener Verarbeitungsmuster (Copingstrategien) in Abhängigkeit von den Anforderungen. Das Maß der Ausbildung des Kohärenzgefühls ist abhängig von gesellschaftlichen Gegebenheiten, der Verfügbarkeit generalisierter Widerstandsressourcen. Liegen generalisierte Widerstandsressourcen vor, die wiederholt konsistente Erfahrungen ermöglichen und die Einflussmöglichkeiten eine Balance von Über- und Unterforderung enthalten, so entsteht mit der Zeit ein eher starkes Kohärenzgefühl. Ein schwaches Kohärenzgefühl wird definiert von unvorhersehbaren, unkontrollierbaren und unsicheren Erfahrungen. Diese Erfahrungen führen jedoch nicht automatisch zu einem niedrigen SOC. Dies geschieht nur, wenn das Verhältnis sowohl von Konsistenz und Überraschung als auch von lohnenden und frustrierenden Ereignissen nicht ausgewogen ist.[9]

1.3 Stressoren und Spannungszustand

Unter Stressoren sind Reize zu verstehen, die Stress erzeugen. Die Bestimmung eines Reizes als Stressor lässt sich nur an dessen Wirkung erkennen, sie ist nicht vorhersagbar. Antonovsky definiert Stressoren als einen physiologischen Spannungszustand der vorliegt, wenn Individuen nicht wissen, wie sie in einer Situation reagieren sollen. Stressoren sind somit als Anforderungen an den Organismus zu verstehen, die von innen oder außen kommen können und sein Gleichgewicht stören. Die zentrale Aufgabe des Organismus liegt für Antonovsky in der Bewältigung dieser Spannungszustände denn eine gelingende Spannungsbewältigung wirkt sich positiv auf die Gesundheit aus. Misslingt die Spannungsbewältigung, so ist Stress die Konsequenz. Diese Stressreaktion muss jedoch nicht unbedingt negative gesundheitliche Folgen mit sich ziehen, Belastungen können auch neutrale, ja sogar gesundheitsfördernde Wirkungen erzielen. Nur in Korrelation mit vorhandenen Krankheitserregern, Schadstoffen oder körperlichen Schwachstellen kann eine Stressreaktion zur Schwächung der körperlichen Gesundheit führen.

Stressoren gilt es zu unterscheiden in physikalische, psychosoziale und biochemische Stressoren. Physikalische und biochemische Stressoren, wie Hungersnot, Krankheitserreger oder Waffengewalt, sind in der Lage, sich direkt auf den Gesundheitszustand auszuwirken. Um diese Stressoren zu beseitigen, wäre die pathogenetisch Sichtweise angemessen. Die Bedeutung der psychosozialen Stressoren rückt dem hingegen mehr in den Vordergrund und dem einhergehend gewinnt Antonovskys Konstrukt des Kohärenzgefühls an Anwendbarkeit. Dieser so genannte „Sence of coherence“ ermöglicht Personen, Reize als neutral zu bewerten, wohingegen andere, mit einem weniger ausgeprägten SOC diese Reize als spannungserzeugend erfahren würden. Personen mit hohem SOC sind also in der Lage, einen Stressor zum Nicht- Stressor umzudefinieren und sich nicht bedroht zu fühlen. Diesen Schutz vor Stressoren gewährleistet das grundlegende Vertrauen, dass sich die Situation schon bewältigen lässt. Zudem können laut Antonovsky Menschen mit hohem SOC in bedrohlichen Situationen angemessen und zielgerichtet emotional reagieren, wohingegen Menschen mit niedrigem SOC eher mit diffusen, schwer regulierbaren Emotionen reagieren (z.B. „blinde Wut“) und dementsprechend handlungsunfähig werden, denn ihnen fehlt das Vertrauen in die Bewältigung des Problems.[10]

[...]


[1] Vgl. Bengel, J., Strittmatter, R., Willmann, H., i.A. der BZgA (2001): Was erhält Menschen gesund? Antonovskys Modell der Salutogenese- Diskussionsstand und Stellenwert. Bd. 6, erw. Aufl., Köln: Forschung und Praxis der Gesundheitsförderung, S. 9.

[2] Vgl. a.a.O., S. 24f.

[3] Vgl. a.a.O., S. 25f.

[4] Vgl. a.a.O., S. 26f.

[5] Vgl. a.a.O., S. 32.

[6] Vgl. a.a.O., S. 27.

[7] Vgl. a.a.O., S. 28f.

[8] BZgA (2001): S. 30.

[9] Vgl. a.a.O., S. 30f.

[10] Vgl. a.a.O., S. 32f.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Salutogenese nach Bengel, Strittmatter und Willmanns "Was erhält Menschen gesund? Antonovskys Modell der Salutogenese"
Hochschule
Universität Osnabrück  (Humanwissenschaften)
Veranstaltung
Medizinsoziologie
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
11
Katalognummer
V324148
ISBN (eBook)
9783668237148
ISBN (Buch)
9783668237155
Dateigröße
391 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
salutogenese, bengel, strittmatter, willmanns, menschen, antonovskys, modell
Arbeit zitieren
Christina Scharmann (Autor), 2008, Salutogenese nach Bengel, Strittmatter und Willmanns "Was erhält Menschen gesund? Antonovskys Modell der Salutogenese", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/324148

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