In der phantastischen Literatur geht es primär um den Konflikt zweier Weltordnungen, einer empirischen und einer übersinnlich-spirituellen, und somit um das Spannungsverhältnis von Realität und Imagination. Besonders die mehrdeutigen Geschichten, deren Aufklärung – zumindest über lange Strecken – in der Schwebe gelassen wird, sind für den Leser ausgesprochen fesselnd und können als die vollkommensten ihres Genres bezeichnet werden.
Die Machart sowie die Interpretationsmöglichkeiten entsprechender Literatur werden in der vorliegenden Arbeit anhand von vier englischsprachigen Erzählungen des 19. Jahrhunderts untersucht, die – jede für sich ein Meisterwerk mit zeitloser Wirkung – das Spiel mit der Ambiguität und der Phantasie des Lesers evozieren. Sie versetzen ihn – oft konfrontiert mit den Widersprüchen und Schattenanteilen der jeweiligen Hauptfigur – in die Lage, eigene Vorstellungen angesichts der erschreckenden und unerklärlichen Ereignisse zu entwickeln.
Das wohl umfassendste Bild für eine vom Grauen beherrschte Seele, die nicht nur dem äußeren Schrecken, sondern auch ihren verdrängten und destruktiven Impulsen ausgeliefert ist, zeichnet Edgar Allan Poe in seiner Kurzgeschichte "The Fall of the House of Usher".
In der Erzählung "The Yellow Wallpaper" von Charlotte Perkins Gilman erleben wir, wie eine gespenstische Geschichte zwar abschließend eine rationale Erklärung findet, aber zugleich das Unheimliche in der Realität manifestiert.
Hingegen muss in "The Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde" von Robert Louis Stevenson unser detektivischer Verstand vor dem Übernatürlichen kapitulieren und die offenbar werdende Tatsache der menschlichen Dualität anerkennen.
In der unauflösbaren Mehrdeutigkeit seiner Novelle "The Turn of the Screw" schließlich gestaltet Henry James eine unauflösbar mehrdeutige Geschichte und lässt den Leser die brüchige Konstruiertheit dessen, was die Wahrnehmung und Deutung unserer Realität betrifft, nachempfinden.
Dem Leser bieten diese mehrdeutigen Erzählungen zahlreiche Möglichkeiten; ob es beim die Phantasie anregenden Spiel mit der Angst bleibt und der Genuss am angenehmen Grusel aus sicherer Distanz heraus stattfindet, oder ob die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit dem Grenzüberschreitendem zu einem neuen Bewusstsein über die Relativität und Willkürlichkeit unserer als „Realität“ definierten Welt führt – die Antwort auf literarischen Schrecken ist so vielfältig wie die phantastische Literatur selbst.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Charakteristische Merkmale schreckenerregender Literatur
3. Der Unterschied von Terror und Horror und die Wirkung des Sublimen
4. Mehrdeutigkeit und Unbestimmbarkeit
4.1. Unglaubwürdige Erzähler
4.2. Affinität und Spiegelungen
4.3. Die psychologische Seite des Schreckens
5. Die Rezeption des Schreckenerregenden
6. Der Schrecken der Seele: The Fall of the House of Usher
6.1. Poes schreckenerregende Erzählungen
6.2. Das Spiegellabyrinth des House of Usher
6.3. Rationalität versus Imagination
6.4. Madeline Usher – die schöne, tote Frau
6.5. Die Darstellung des lebenden Todes
6.6. Die Einheit in der Mehrdeutigkeit
7. Der Schrecken des Wahnsinns: The Yellow Wallpaper
8. Der Schrecken des Fremden im Selbst: The Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde
8.1. Der Ausschluss von Frauen und von Sexualität
8.2. Verbergen und Verschweigen
8.3. Doppelungen und Doppelgänger
8.4. Die duale Natur des Dr Jekyll
8.5. My Hyde - die Verkörperung des Bösen
9. Der Schrecken der Ungewissheit: The Turn of the Screw
9.1. Die viktorianische Gouvernante
9.2. Die Governess - Heldin oder Wahnsinnige?
9.3. Kinder und Geister als Agenten des Bösen
9.4. Die “Meisterfalle” für Interpreten
9.4.1. Das Problem der Glaubwürdigkeit
9.4.2. Doppelungen und Spiegelungen
9.4.3. “The story won’t tell”
10. Schlussbemerkungen
11. Fremdsprachliche Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht die Strategien der "Imaginerung des Schreckenerregenden" in englischen und amerikanischen Erzählungen des 19. Jahrhunderts. Der Fokus liegt darauf, wie Autoren wie Poe, Gilman, Stevenson und James durch Mehrdeutigkeit, psychologische Verunsicherung und Spiegelungen Ängste evozieren und den Leser aktiv in den Entschlüsselungsprozess einbinden.
- Die ästhetische Wirkung des Sublimen und der Unterschied zwischen Terror und Horror.
- Psychologische Dimensionen und der Einsatz unglaubwürdiger Erzähler.
- Die Funktion von Spiegelbildern, Doppelgängern und architektonischen Settings.
- Die Rolle des Lesers bei der Deutung phantastischer Elemente.
- Historisch-soziale Bedingungen im viktorianischen Zeitalter und deren Einfluss auf die Darstellung des Bösen.
Auszug aus dem Buch
Charakteristische Merkmale schreckenerregender Literatur
Nach dem mittelalterlichen Weltbild waren die Grenzen zwischen Himmel, Erde und Unterwelt (bzw. Hölle) durchlässig und das Übernatürliche ein Bestandteil der Realität. Nach der Aufklärung, in der die Realität auf das Irdische begrenzt wird, setzt Ende des 18. Jahrhunderts mit der Romantik eine Gegenbewegung ein, die als Reaktion gegen die rationale Stringenz der Aufklärung betrachtet wird: das verdrängte Übernatürliche kehrt in Gestalt des Schauerromans zurück, und mit ihm eine Betonung der Imagination gegenüber der Vernunft. Besonders die ersten Schauerromane (gothic novels) dokumentieren die nostalgische Rückorientierung bzw. Wiederentdeckung des Mittelalters. So wählte Horace Walpole für seinen Roman The Castle of Otranto (1764) die mittelalterliche Kulisse eines italienischen Schlosses und verlegte die Zeit der Handlung in das 12. Jahrhundert. Dieser erste Schauerroman beinhaltet zahlreiche genreprägende Themen und Konventionen: Die Kulisse für das Gespenstische bilden düstere, mittelalterliche Bauwerke mit unterirdischen Gewölben und Geheimgängen, das Erhabene wird in einer Ehrfurcht gebietenden umgebenden Landschaft offenbar. Auf der Figurenebene sind die verfolgte, empfindsame Heldin und der gewissenlose Bösewicht die häufigsten Erscheinungen.
Ann Radcliffe erweitert mit The Mysteries of Udolpho (1794) das Repertoire, indem sie vor allem die Wirkung des Schreckenerregenden auf die Gefühle ihrer Heldin (und des Lesers) in den Mittelpunkt stellt und sublimen Schauer mit rationaler Erklärbarkeit verbindet, denn am Ende dieser gothic novels können alle mysteriösen Ereignisse auf natürliche Weise erklärt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Spannungsverhältnis von Realität und Imagination in der phantastischen Literatur des 19. Jahrhunderts.
2. Charakteristische Merkmale schreckenerregender Literatur: Untersuchung der historischen Entwicklung vom klassischen Schauerroman zur Geistergeschichte.
3. Der Unterschied von Terror und Horror und die Wirkung des Sublimen: Analyse der emotionalen Abstufungen von Grauen und der ästhetischen Kategorien des Schreckens.
4. Mehrdeutigkeit und Unbestimmbarkeit: Erörterung der narrativen Techniken, die den Status des Erzählten unsicher machen.
5. Die Rezeption des Schreckenerregenden: Untersuchung der Rolle des Lesers und seiner individuellen Auseinandersetzung mit dem phantastischen Text.
6. Der Schrecken der Seele: The Fall of the House of Usher: Analyse von Poes Erzählung als psychologisches und symbolisches Abbild des geistigen Zerfalls.
7. Der Schrecken des Wahnsinns: The Yellow Wallpaper: Untersuchung der Unterdrückung und Selbstkonstruktion der Protagonistin im Kontext viktorianischer Geschlechterrollen.
8. Der Schrecken des Fremden im Selbst: The Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde: Analyse der Doppelgänger-Problematik und der Aufspaltung der menschlichen Natur.
9. Der Schrecken der Ungewissheit: The Turn of the Screw: Auseinandersetzung mit der extremen Unbestimmbarkeit und der Rolle der Gouvernante als zentrale Identifikationsfigur.
10. Schlussbemerkungen: Synthese der Ergebnisse hinsichtlich der narrativen Strategien und der bleibenden Faszination der behandelten Texte.
Schlüsselwörter
Phantastik, Schauerliteratur, gothic novel, Sublim, Terror, Horror, Mehrdeutigkeit, Unbestimmbarkeit, Doppelgänger, Psychologisierung, Wahnsinn, viktorianische Moral, Erzählerperspektive, Imagination, Realitätsstatus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie literarische Texte des 19. Jahrhunderts das "Schreckenerregende" imaginieren, indem sie die Grenze zwischen Realität und Übernatürlichem verwischen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Mittelpunkt stehen die Wirkung von Angst und Schrecken auf den Leser, die Rolle der psychologischen Projektion und die Bedeutung von Mehrdeutigkeit für die Wirkung phantastischer Texte.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Darstellungsstrategien der Autoren aufzuzeigen, mit denen sie beim Leser eine andauernde Unsicherheit und eine intensive emotionale Beteiligung erzeugen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die narratologische Ansätze mit psychoanalytischen Theorien (insbesondere von Freud) und rezeptionsästhetischen Überlegungen verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Grundlegung und die detaillierte Analyse von vier exemplarischen Erzählungen von Poe, Gilman, Stevenson und James.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Begriffe wie Phantastik, Mehrdeutigkeit, Doppelgänger-Motiv, Wahnsinn und die Rezeption durch den Leser sind essenziell für das Verständnis der Untersuchung.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen Terror und Horror?
Der Terror wird als Zustand der Unsicherheit und phantastischen Vorstellungskraft definiert, während der Horror die direkte, oft körperliche Konfrontation mit dem schrecklichen Objekt bezeichnet.
Welche besondere Bedeutung kommt dem "House of Usher" zu?
Es fungiert als zentrales Beispiel für die Spiegelung der inneren Zerrissenheit der Protagonisten in der äußeren Architektur und Umgebung.
Wie interpretiert der Autor "The Yellow Wallpaper" im Kontext der Geschlechterrollen?
Der Text wird als Kritik an der viktorianischen Unterdrückung der Frau analysiert, wobei das Schreiben zur einzigen Möglichkeit der Selbstbehauptung innerhalb des Wahnsinns wird.
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- Doris Maria Scholz (Author), 2000, Die Imaginierung des Schreckenerregenden in englischen und amerikanischen Erzählungen des 19. Jahrhunderts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/324171