Betrachtet man das deutsche Bildungssystem und dessen Veränderungen in den letzten Jahren, markiert der mediale Aufschrei Anfang der 2010er Jahre, der der Veröffentlichung der Ergebnisse der PISA-Erhebung (Programme for international Student Assessment) aus dem Jahr 2001 folgte, durchaus einen bedeutenden Wendepunkt in der modernen Bildungsgeschichte. Das schlechte Abschneiden deutscher Schüler und Schülerinnen im internationalen Vergleich mit denen der damals teilnehmenden OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development) Mitgliedsstaaten hatte weitreichende Folgen für das hiesige Bildungssystem.
Im Auftrag der OECD hat PISA es sich zur Aufgabe gemacht, weltweit Bildungssysteme miteinander zu vergleichen und die Ergebnisse dieser Untersuchungen in einem Länderranking festzuhalten. Insbesondere diese Art der Präsentation der Ergebnisse löste im Jahr 2001 den „PISA-Schock“ (Huisken 2005) in Deutschland aus. Die deutsche Selbswahrnehmung, die durch den wirtschaftlichen Erfolg und das bis dahin international angesehene Bildungs- und Berufsbildungssystem, geprägt war, bekam aufgrund vermeintlich wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse einen erheblichen Dämpfer. Deutschland lag bei der Untersuchung deutlich unter dem OECD-Durchschnitt, was laut der Bildungspolitik selbstverständlich nicht mit dem nationalen Anspruch vereinbar sein könnte.
Aus diesem Resultat wurden (der OECD-Logik folgend) umgehend negative Prognosen für die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit Deutschlands abgeleitet. Werde das deutsche Bildungssystem nicht umgehend reformiert, stünde man in nächster Zukunft wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand.
In einem nicht zu vergleichenden Aktionismus und einem enormen Tempo wurden deshalb in den zentralen Institutionen des Bildungswesens – in erster Linie der Kultusministerkonferenz – neue Regelungen und Reformen verabschiedet, die Deutschland wieder auf die ökonomische Siegerstrasse führen sollten. Dabei kam es zu einem massiven Bruch mit dem bis dahin vorherrschenden deutschen Bildungsverständnis: Es wurden Bildungsstandards eingeführt, deren ständige Überprüfung verordnet wurde, da man dem Beispiel von Ländern, die Bestplatzierungen bei PISA eingenommen hatten, folgen wollte. Auf diese Weise verabschiedete man sich von der bis dahin anerkannten Input-Orientierung zugunsten einer Output-Orientierung und folgte damit sowohl dem transnationalen Trend als auch der modernen Vorstellung alles quantifizierbar machen zu können.
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Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 PISA & Co.
2.1 Das Programm
2.1.1 PISA im Vergleich zu anderen internationalen Schulleistungsvergleichen
2.1.2 PISA versus TIMSS
2.2 Die PISA Debatte
2.3 Konsequenzen aus PISA
2.3.1 Die Reformdebatte
2.3.2 Die Einführung von Bildungsstandards
2.3.3 Bildungsstandards und Output-Orientierung
2.3.4 Teaching to the Test
2.3.5 Die Entstehung eines Schulmarktes
2.4 Die Entstehung einer Testindustrie
2.4.1 Öffentliche Ausgaben
2.4.2 PISA als kulturindustrielles Phänomen
2.5 PISA als einflussreiches Unternehmen
3 Kritik und Medien
3.1 Methodische Kritik
3.2 Der Einfluss der Medien
4 PISA und Bologna als legitime Programme in einer neuen Weltkultur
4.1 Der Bologna-Prozess
4.1.1 Die Umstrukturierung des Hochschulstudiums nach marktwirtschaftlichen Prinzipien
4.1.2 Die unvermeidliche Anpassung an Makrobedingungen
4.1.3 Die Implementierung des Bologna-Prozesses in Deutschland
4.2 Der Legitimationsschwund nationaler Traditionen
4.2.1 Die Entwicklung einer modernen Weltkultur
4.2.2 PISA und Bologna als Instrumente transnationaler Regime
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Masterthesis untersucht die tiefgreifenden Auswirkungen und Implikationen der PISA-Erhebungen sowie des Bologna-Prozesses auf das deutsche Bildungs- und Hochschulwesen, wobei der Fokus auf den Prozessen der Standardisierung, Quantifizierung und Ökonomisierung liegt, um zu klären, warum diese internationalen Programme einen so massiven Einfluss auf nationale Strukturen ausüben konnten und welche Rolle dabei politische Legitimation sowie die Entwicklung einer modernen Weltkultur spielen.
- Analyse der bildungspolitischen Folgen der PISA-Studien in Deutschland.
- Untersuchung der Entstehung von Bildungsstandards und einer Testindustrie.
- Kritische Beleuchtung der Auswirkungen des Bologna-Prozesses auf Hochschulstrukturen.
- Diskussion der Machtverschiebung von nationalen Autoritäten hin zu globalen Expertennetzwerken.
- Reflektion über die Ökonomisierung von Bildung im Kontext des Humankapital-Paradigmas.
Auszug aus dem Buch
2.1.2 PISA versus TIMSS
Die Ergebnisse der dritten internationalen Mathematik- und Naturwissenschaftsstudie (TIMSS) von 1995 produzierten in Deutschland einen ersten medialen Aufschrei. Es wurde untersucht inwieweit deutsche Schüler in mathematikhaltigen Situationen kompetent sind. Dabei wurde diese funktionale Alltags-Mathematik-Kompetenz im Gegensatz zu PISA nicht zum einzigen Ziel des Mathematikunterrichts erhoben, sondern es wurde eben diese konkrete Dimension untersucht. Bei den PISA-Untersuchungen ist das Ziel ein deutlich anderes und bildet ein Novum unter den internationalen Schulleistungsvergleichsstudien. Unter Hinzuziehung von Experten und mathematikdidaktischer Expertise entstanden beispielsweise der Begriff und die Definition einer „mathematical literacy“, den die OECD folgendermaßen definiert:
„Mathematical literacy is an individual’s capacity to identify and understand the role that mathematics plays in the world, to make well-founded judgments and to use an engage with mathematics in ways that meet the needs of that individual’s life as a constructive, concerned and reflective citizen.“ (OECD 2003, S. 24)
Mathematische Grundbildung („mathematical literacy“) wird, wie auch die naturwissenschaftliche Grundbildung („scientific literacy“) oder die Lesekompetenz („reading literacy“) (ebd. S. 10), dabei zum alleinigen Ziel des jeweiligen Unterrichts erhoben. Dieser funktionale Anspruch an die mathematische Bildung hat sich mit den PISA-Studien zunehmend etabliert und wird nun auch normativ als Bildungsziel umgedeutet. (vgl. Jahnke 2007a, S. 16)
Zwar wurden die Ergebnisse von TIMSS in Deutschland besorgt registriert, aber TIMSS zog nicht im Ansatz derartige Reformmaßnahmen nach sich wie es PISA mit der Erhebung aus dem Jahr 2000 vermochte. Vielmehr bot die Zeit zwischen 1995 und 2000 für die Bildungsexperten und die Kultusministerien sich auf kommende internationale Vergleichsstudien mit entsprechenden bereits vorher zumindest grob ausgearbeiteten Maßnahmenkatalogen vorzubereiten. (vgl. Sill 2007, S. 394)
Es ist zu erwähnen, dass die PISA-Studien gegenüber vorigen internationalen Vergleichsstudien ein neues Testformat eingeführt haben: In früheren internationalen Vergleichstest wurden die Lehrpläne der Teilnehmerländer studiert und der größte gemeinsame Teiler für die Erstellung von Testitems genutzt. Die Testitems waren demnach unbedingter Bestandteil der jeweiligen Lehrplaninhalte und erhielten dadurch auch ihre Legitimation. PISA hingegen definierte selbst beispielsweise im Falle der Mathematik die „mathematical literacy“ und Konstruktionsprinzipien der Testitems sind weitestgehend unbekannt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den Wendepunkt der deutschen Bildungsgeschichte durch den „PISA-Schock“ 2001 und führt in die zentralen Themen der Ökonomisierung und Standardisierung ein.
2 PISA & Co.: Dieses Kapitel analysiert das PISA-Programm, die entstandene Reformdebatte, die Einführung von Bildungsstandards und die wachsende Testindustrie als Werkzeuge ökonomischer Steuerung.
3 Kritik und Medien: Hier wird die methodische Kritik an PISA aufgearbeitet und dargelegt, wie Medien durch die mediale Aufbereitung des Themas PISA-Debatten ideologisch beeinflusst haben.
4 PISA und Bologna als legitime Programme in einer neuen Weltkultur: Dieses Kapitel betrachtet den Bologna-Prozess und PISA als Teile einer globalen Transformation, die nationale Traditionen durch ein transnationales, auf Humankapital fokussiertes Bildungsparadigma ersetzt.
5 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, wie PISA und Bologna das Bildungswesen einem funktionalistischen Diktat unterwerfen und zu einer globalen Herrschaftsstruktur führen, die lokale Traditionen entmachtet.
Schlüsselwörter
PISA, Bologna-Prozess, Bildungsstandards, Humankapital, Ökonomisierung, Bildungsreform, internationale Vergleichsstudien, Testindustrie, Standardisierung, Schulentwicklung, Leistungsvergleich, Globalisierung, Governance, pädagogische Autonomie, Schulmarkt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die tiefgreifenden Veränderungen im deutschen Bildungs- und Hochschulwesen, die durch internationale Vergleichsstudien wie PISA und Reformprogramme wie den Bologna-Prozess ausgelöst wurden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Ökonomisierung von Bildung, die Umwandlung von Wissen in Humankapital, die Implementierung standardisierter Testverfahren sowie die Machtverschiebung von nationalen Bildungseliten zu transnationalen Akteursnetzwerken.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, warum PISA und Bologna einen so enormen Einfluss auf deutsche Reformen ausüben konnten, obwohl die methodische Basis dieser Studien teilweise kritisiert wird und der direkte Nutzen für die Bildung fragwürdig erscheint.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf der Analyse von bildungspolitischen Dokumenten, Pressemitteilungen, offiziellen Beschlüssen sowie soziologischer Fachliteratur (u.a. Bourdieu, Münch) basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Analyse der PISA-Strukturen, der Kritik an Testverfahren („teaching to the test“), die Entstehung einer Testindustrie sowie die parallele Untersuchung des Bologna-Prozesses und der Herausbildung einer neuen globalen Weltkultur in der Bildung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Bildungsstandards, Humankapital-Paradigma, Ökonomisierung, internationale Vergleichsstudien, Testindustrie und die Ablösung lokaler Autoritäten durch globale Eliten charakterisiert.
Warum wird der Begriff „PISA-Schock“ so zentral behandelt?
Der „PISA-Schock“ dient als Ausgangspunkt für die Analyse der radikalen und schnellen bildungspolitischen Umbrüche, da er als Legitimationsgrundlage für massive Reformen diente, ohne dass die zugrunde liegenden Testergebnisse einer gründlichen wissenschaftlichen Überprüfung unterzogen wurden.
Welche Rolle spielt das New Public Management in dieser Transformation?
Das New Public Management (NPM) fungiert als zentrales Steuerungsmodell, das die bürokratische Verwaltung durch Kennzahlen, Wettbewerb und Qualitätsmanagement ersetzt und somit Lehrer und Professoren einer neuen, stärker kontrollierten Leistungslogik unterwirft.
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- Anonym (Author), 2015, PISA und seine Folgen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/324317