Einleitung
Wenn wir heute in den frankophonen Staaten Afrikas die französische Sprache als Amtssprache vorfinden, so mag dies auf den ersten Blick verwunderlich wirken. Unweigerlich stellt sich daher bei näherer Beschäftigung mit dieser Thematik die Frage: Wie kam es wohl dazu, dass sich auf dem für seine sprachliche Vielfalt bekannten Schwarzen Kontinent gerade eine europäische Sprache in solchem Maße implementieren konnte? Die Antwort dafür ist in der Geschichte zu suchen.
Der erste Teil der vorliegenden Arbeit soll daher einen Überblick über den Verlauf der französischen Kolonisierung für den Bereich des subsaharischen Afrika verschaffen. In diesem Rahmen sind folgende Fragen von Bedeutung: Wann und auf welche Weise erfolgten erste Kontakte Frankreichs mit dem afrikanischen Kontinent? Welche Motive trieben die Franzosen an, erste Niederlassungen in Afrika zu gründen? Wie gestaltete sich der weitere Verlauf der Kolonisierung vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Entlassung der heutigen schwarzafrikanischen Staaten in die Unabhängigkeit? In diesem Zusammenhang wird auch die koloniale Expansion Belgiens behandelt, da auch dieses frankophone Land maßgeblichen Anteil an der Verbreitung der französischen Sprache auf dem afrikanischen Kontinent hatte.
Ergänzend hierzu wird dann im zweiten Teil der Arbeit die Funktionsweise des französischen Kolonialsystems näher beleuchtet. Hierbei werden zunächst die Motivationsimpulse Frankreichs für die Errichtung seiner Kolonialreiche und die Maxime der Nutzung der Kolonien behandelt. Zum Abschluss dieses Teils der Arbeit erfolgt, neben einer kurzen Beschreibung der kolonialen Ideologie Frankreichs, auch ein Überblick über die Funktionsweise des kolonialen Verwaltungsapparates und das Rechtssystem. Dies erscheint mir insofern von besonderer Wichtigkeit, da viele der von den Franzosen und Belgiern geschaffenen Strukturen nach der Dekolonisierung weitestgehend von den jungen afrikanischen Staaten übernommen wurden und daher das Weiterleben der französischen Sprache in bestimmten Bereichen garantierten.
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Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Geschichte der französischen Kolonisierung in Schwarzafrika
I.1 Erste Kontakte mit dem afrikanischen Kontinent
I.2 Erste Handelsposten Frankreichs an der afrikanischen Westküste im 17. Jahrhundert während des ersten empire colonial
I.3. Das zweite empire colonial (1885-1939)
I.3.1 Entwicklung unter der Restauration
I.3.2 Entwicklung unter dem Second Empire
I.3.3 Entwicklung unter der III. Republik
I.3.4 Der Auftritt Belgiens auf dem internationalen Parkett der Kolonialmächte und die Berliner Afrikakonferenz (1884-1885)
I.3.5 Weiterer Fortgang der französischen Kolonisierung bis 1939
I.4 Der Zweite Weltkrieg (1939-1945)
I.5 Die Ära der Dekolonisierung
I.6 Postkolonialer Mondialismus
II. Das französische koloniale System
II.1 Motivationsimpulse für die Errichtung der Kolonialreiche und die Maxime der Nutzung der Kolonien
II.2 Koloniale Ideologie und direkte Verwaltung
II.2.1 Zentralregierung der Kolonien
II.2.2 Lokale Praxis der Administration in den Kolonien
II.2.3 Rechtliche und soziale Unterschiede in den Kolonien
III. Die Implementierung der französischen Sprache in Schwarzafrika
III.1 Der Einfluss der Militärs bei der Verbreitung der französischen Sprache In Schwarzafrika
III.2 Die Anfänge der französischen Schulpolitik in Schwarzafrika
III.2.1 Das Engagement der Missionen
III.2.2 Jean Dard und die école mutuelle de Saint-Louis
III.2.3 Vor-und Nachteile der méthode mutuelle
III.2.4 Die Infragestellung der méthode mutuelle und deren Scheitern
III.3 Der Siegeszug der méthode directe und der Aufbau eines staatlichen Schulsystems in den Kolonien
III.3.1 Unterschiede zwischen dem belgischen und dem französischen Kolonialschulsystem
III.3.2 Entwicklung des kolonialen Unterrichtswesens nach 1945
III.4 Die Entwicklung des Unterrichtswesens nach der Dekolonisierung
IV. Heutiger Stellenwert der französischen Sprache im subsaharischen Afrika
IV.1 Stellenwert und rechtlicher Status des Französischen
IV.2 Sprecherzahlen
IV.3 Kontaktsituationen des Französischen mit afrikanischen Sprachen
IV.3.1 Sprachkontaktphänomene
IV.3.2 Varietäten des afrikanischen Kontinuums
IV.4 Charakteristika des Französischen im subsaharischen Afrika
IV.4.1 Phonetik
IV.4.2 Morphologie
IV.4.3 Syntax
IV.4.4 Lexik
IV.4.5 Die „manière africaine de saisir et concevoir les choses“
IV.4.6 Illustration der linguistischen Besonderheiten anhand eines Romanauszugs
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die historische Implementierung und den heutigen Stellenwert der französischen Sprache im subsaharischen Afrika, wobei sie insbesondere die kolonialen Strukturen und deren Nachwirkungen auf die Sprachverwendung beleuchtet.
- Geschichte der französischen und belgischen Kolonisation in Schwarzafrika
- Aufbau und Funktionsweise des kolonialen Bildungs- und Verwaltungssystems
- Einfluss militärischer und missionarischer Akteure auf die Sprachverbreitung
- Linguistische Besonderheiten und Kontaktphänomene des subsaharischen Französisch
Auszug aus dem Buch
III.2.2 Jean Dard und die école mutuelle de Saint-Louis
Wie bereits im ersten Teil dieser Arbeit erwähnt, durfte Frankreich nach den napoleonischen Kriegen im Sommer 1816 seine westafrikanischen Stützpunkte wieder in Besitz nehmen. Im Zuge dessen landete am 9. Oktober 1816 auch der aus der Bourgogne stammende Grundschullehrer Jean Dard auf der dem Senegal vorgelagerten Insel Gorée. Am 7. März 1817 eröffnete Dard in Saint-Louis, der damaligen Hauptstadt des Senegal, in angemieteten Räumen die erste französische Schule auf afrikanischem Boden. Beflügelt von dem Gedanken den afrikanischen Kindern die französische Sprache näher zu bringen, entschied sich Dard für die aus England stammende Methode Bell-Lancaster (benannt nach Andrew Bell (1753-1832) und Joseph Lancaster (1778-1838)), auch genannt méthode mutuelle und damit für die Errichtung einer école wolof-française. Dard war sich von Beginn seiner Tätigkeit an darüber im Klaren, dass die im französischen Mutterland praktizierte méthode directe, mit Hilfe deren man dort hervorragende Lernerfolge bei den Schülern erzielte, den afrikanischen Gegebenheiten nicht angepasst war und daher ungeeignet sein musste. Aufgrund dessen war die Entwicklung einer neuen Unterrichtsmethode angebracht. Dards méthode mutuelle war eine Methode der Zweisprachigkeit, bei der die afrikanischen Kinder zunächst nach der méthode directe in ihrer Muttersprache lesen und schreiben lernten. Erst nach Beherrschung der Muttersprache sollten sie dann durch eine méthode de traduction die französische Sprache erlernen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Fragestellung, warum sich eine europäische Sprache trotz sprachlicher Vielfalt in Afrika implementieren konnte.
I. Geschichte der französischen Kolonisierung in Schwarzafrika: Überblick über die historische Entwicklung der Kolonialpräsenz von den ersten Handelsposten bis zur Dekolonisierung.
II. Das französische koloniale System: Analyse der kolonialen Verwaltungsstrukturen, Ideologien und ökonomischen Maximen.
III. Die Implementierung der französischen Sprache in Schwarzafrika: Untersuchung der Verbreitungsfaktoren durch Militär, Missionen und staatliche Schulpolitik.
IV. Heutiger Stellenwert der französischen Sprache im subsaharischen Afrika: Analyse des aktuellen Status, der Sprecherzahlen sowie der linguistischen Charakteristika und Kontaktphänomene.
Schlüsselwörter
Französische Sprachgeschichte, Schwarzafrika, Kolonialismus, Sprachkontakt, Afrique francophone, méthode mutuelle, méthode directe, Assimilation, Sprachpolitik, Postkolonialismus, Soziolinguistik, Sprachvarietäten, Frankophonie, Sprachunterricht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die historische Etablierung der französischen Sprache in Schwarzafrika unter Berücksichtigung der kolonialen Rahmenbedingungen und deren langfristige Folgen für die sprachliche Situation in den heutigen frankophonen Staaten.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die koloniale Geschichte, das französische Verwaltungssystem, die Entwicklung der Schulpolitik sowie der heutige Stellenwert und die soziolinguistischen Merkmale des Französischen in Afrika.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie und warum sich das Französische als koloniales Erbe trotz der autochthonen sprachlichen Vielfalt als Amtssprache und Lingua franca in subsaharischen Staaten behaupten konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse und der Aufarbeitung historischer Dokumente sowie linguistischer Studien zur frankophonen Situation in Afrika.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Kolonialgeschichte, die Analyse der Bildungs- und Verwaltungspolitik der Kolonialmacht sowie die linguistische Untersuchung der aktuellen Sprachkontaktsituationen und der Charakteristika des subsaharischen Französisch.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe umfassen Kolonialgeschichte, Sprachkontakt, Frankophonie, Assimilationspolitik und verschiedene Unterrichtsmethoden wie die méthode mutuelle und méthode directe.
Welche Rolle spielte Jean Dard für die frühe Schulbildung?
Jean Dard war ein Pionier, der eine bilinguale Unterrichtsmethode (méthode mutuelle) entwickelte, die stärker auf die afrikanischen Gegebenheiten einging, jedoch später zugunsten des assimilatorischen Modells aufgegeben wurde.
Was unterscheidet das französische vom belgischen Schulsystem?
Während die französische Politik extrem assimilatorisch war und die Nutzung afrikanischer Sprachen streng untersagte, war das belgische System eher segregativ geprägt und nutzte in den frühen Phasen verstärkt lokale Sprachen als Unterrichtssprache.
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- Volker Joachim Wallerang (Author), 2004, Aspekte der französischen Sprachgeschichte unter besonderer Berücksichtigung Schwarzafrikas, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32553