Jüdische Zuwanderung aus Osteuropa in die Bundesrepublik: Die Berichterstattung der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung 1997 und 1998


Hausarbeit, 2000

31 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung

II. Die Allgemeine Jüdische Wochenzeitung (AJW)

III. Die Emigration der Ostjuden
1. Flüchtlinge mit Kontingentstatus
2. Mitgliederexplosion in Jüdischen Gemeinden in Deutschland
3. Kurze Geschichte jüdischer Emigration aus Osteuropa

IV. Die Berichterstattung über die Emigration der Ostjuden nach Deutschland
1. Formale Analyse
1.1. Quantität und Ressortverteilung
1.1.1. Thematischer Schwerpunkt im Ressort „Gemeinden“
1.1.2. Ausnahmen: Berlin und München
1.2. Darstellungsformen
1.3. Bildelemente
1.4. Layout
2. Inhaltliche Analyse
2.1. Autoren
2.2. Schlagzeilen
2.3. Artikel
2.3.1. Mantel
2.3.2. Ressort „Gemeinden“

V. Fazit

VI. Quellen- und Literaturverzeichnis

VII. Verzeichnis der untersuchten Artikel

- Diese A rbeit basiert auf den Referaten vom 22. Juni 1998 (Die jüdischen Gemeinden in Deutschland 1945-1998 als Einwanderungsgemeinden: Einwanderungswellen und Einwanderungsförderung; innerhalb des Hauptseminars „Jüdische Migranten damals und heute: Osteuropäische Juden in Deutschland 1880-1998“) sowie vom 5. Januar 2000 (Die jüdische Einwanderung in die Bundesrepublik; innerhalb des Hauptseminars „Juden in Deutschland 1945 bis 1995“), gehalten am Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg –

-

»die ostjuden heute sind eine saat, die erst aufgehen muss!«

Juri Ginsburg, russisch-jüdischer Journalist[1]

I. Einleitung

Die Jüdischen Gemeinden in Deutschland erleben eine neue Blüte - insbesondere, was die Mitgliedszahlen anbelangt. Seit 1990 sind rund 55.000 Juden[2] aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion in die Bundesrepublik emigriert. Wenn man Prognosen glaubt, wird die Einwanderungswelle in den nächsten Jahren zwar etwas abebben, doch hat sich mit der Zuwanderung der Ostjuden das Gesicht der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland fast vollständig gewandelt. Die Feststellung des russisch-jüdischen Journalisten Juri Ginsburg - geäußert im April 1998 in einem Interview mit der Tageszeitung Die Welt - verdeutlicht sowohl Relevanz als auch Problematik der Migrationsbewegung.

Viele Experten sind sich darüber einig, dass in den jüdischen Emigranten Potential für das Judentum in Deutschland und für die Gemeinden steckt; die Einwanderungswelle ist eine Chance, die jüdische Religion mehr als 50 Jahre nach der Schoa auf deutschem Boden wieder tiefer zu verankern. Doch genauso einig ist man sich darüber, dass es bis dahin noch ein weiter Weg ist und die Probleme - seien sie religiöser, sprachlicher oder sozialer Natur – in den rund 80 Jüdischen Gemeinden derzeit noch überwiegen.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie die einzige überregionale jüdische Zeitung in Deutschland, die Allgemeine Jüdische Wochenzeitung[3], mit diesem Thema umgeht. Laut Aussage der Redaktion wird es in fast jedem zweiten Artikel gestreift, „weil das der Alltag ist. In vielen Gemeinde gibt es gleiche oder ähnliche Probleme, schon allein aufgrund der Tatsache, dass es sich bei 90 Prozent der Mitglieder der deutschen Jüdischen Gemeinde um Einwanderer handelt!“[4]

Doch wie sieht demnach die konkrete Berichterstattung des Blattes über die Emigration der Juden aus der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten[5] aus? Was wird geschrieben und entspricht dies der Relevanz des Themas? Lässt sich in der Art der Berichterstattung eine Intention erkennen? Ist die AJW tatsächlich nicht nur Beobachter und Begleiter der Integration, sondern auch selbst ein Instrument der selbigen? – so wie es Ignatz Bubis als Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland 1996 anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Organs formulierte:

Gerade den vielen Zuwanderern, denen das Leben in Deutschland noch fremd ist, wollen wir mit dieser Zeitung helfen, sich in das gesellschaftliche Leben in diesem Land und in unseren Gemeinden integrieren.[6]

Im Folgenden wird versucht, diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Untersucht wurde dazu die Berichterstattung der AJW in den Jahren 1997 und 1998, und zwar sowohl auf formaler als auch auf inhaltlicher Ebene. Beide Jahre gehören mit rund 8.000 jüdischen Emigranten aus der GUS zu den Jahren, in denen Zuwanderungs-Quote besonders hoch lag.

Ergänzt und vertieft werden die Angaben unter anderem durch das Buch „Russische Juden in Deutschland“ von Julius H. Schoeps, Willi Jasper und Bernhard Vogt, das den Forschungsstand von 1995/96 darstellt. Ab Kapitel III. wird in inhaltlichen Fragen der Aktualität halber jedoch überwiegend auf die AJW-Berichterstattung zurückgegriffen.

II. Die Allgemeine Jüdische Wochenzeitung (AJW)

Sie wurde als kleines regionales Gemeindeblatt gegründet, entwickelte sich aber schnell zum politischen Sprachrohr der Juden in Deutschland: Die Allgemeine Jüdische Wochenzeitung. Ihre junge Geschichte spiegelt gleichzeitig die Geschichte der jüdischen Gemeinschaft in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Holocaust wider. Trotz zahlreicher Schwierigkeiten etablierte sie sich einem Land, das neu aufgebaut werden musste; in seiner Rolle als „Wächter der Demokratie“[7] eroberte sich das Blatt schnell einen festen Platz in der deutschen Medienlandschaft - und auch darüber hinaus. Heute ist die AJW die einzige jüdische Zeitung, die bundesweit erscheint.

Im November 1946 hatte Karl Marx[8] in Düsseldorf das Jüdisches Gemeindeblatt für die Nord-Rheinprovinz & Westfalen ins Leben gerufen. Nach und nach entwickelte dieses sich - mit verschiedenen Titeln[9] - zu einer überregionalen jüdischen Zeitung. Bis zum Jahrgang 20 (1965/66) erschien das Organ wöchentlich unter dem Namen Allgemeine Wochenzeitung der Juden in Deutschland; nach dem Tod des Gründers Karl Marx 1966 hieß es bis zur fünften Ausgabe des Jahrgangs 28 Allgemeine unabhängige jüdische Wochenzeitung.[10] Die Allgemeine, so wie Karl Marx sie verstand, war mehr als ein journalistisches Produkt; sie war immer ein Stück jüdischen Neuaufbaus in Deutschland; nicht bloß Wegbegleiter, sondern aktiver Teilnehmer an dieser schwierigen Aufgabe[11]. Das änderte sich auch im Jahre 1973 nicht, als der Zentralrat der Juden in Deutschland zum Herausgeber der Zeitung wurde: die Allgemeine erhielt ihren heutigen Titel und „entwickelte sich unter Beibehaltung ihrer bisherigen Aufgaben immer stärker zu einem Sprachrohr der jüdischen Gemeinden in Deutschland“[12] ; diese Tatsache kommt auch in der vorliegenden Untersuchung zum Ausdruck.

Trotz der finanziellen Trägerschaft des Zentralrats der Juden in Deutschland ist das Blatt keineswegs eine Art „Zentralorgan“, wie die Redaktion der AJW in der Ausgabe zum 50-jährigen Jubiläum[13] hervorhebt: „Kaum eine vergleichbare Zeitung genießt ein derartiges Maß an redaktioneller Freiheit wie die unsere.“[14] Fakt ist allerdings auch, dass sich die Tendenz zu dieser redaktionellen Freiheit erst Mitte der neunziger Jahre herauskristallisierte, nach dem Tod des Zentralrats-Vorsitzenden Heinz Gallinski. Denn nach der Übernahme der Herausgeberschafft durch den Zentralrat hatte sich zunächst wenig Spielraum für Kritik beispielsweise an der offiziellen Gemeindeführung geboten; vielmehr standen Stellungnahmen zu allgemeinen gesellschaftlichen Themen im Vordergrund. Erst als sich die Redaktion wieder vor allem zu innerjüdischer Thematik hinwendete, wurde das Blatt auch zunehmend kritischer und problembewusster, wie Michael Brenner 1995 feststellte: „Die Allgemeine Jüdische Wochenzeitung ist sowohl „jüdischer“ wie auch kritischer geworden.“[15]

1994 stand die AJW aufgrund finanzieller Probleme vor dem Aus; nur eine Änderung des Erscheinungsrhythmus konnte dies verhindern. Seitdem erscheint die „Wochenzeitung“ statt wöchentlich nur noch vierzehntäglich, jeweils donnerstags. Die Auflage liegt bei 10.000 Exemplaren pro Ausgabe, 5.750 davon werden in Abonnements ausgeliefert[16]. Derzeit besteht die Redaktion der AJW (mit Sitz im Leo-Baeck-Haus in Berlin) aus vier Mitgliedern, allesamt jüdischen Glaubens[17]: Judith Hart (Chefredakteuerin), Heidelind Sobotka, Hans-Ulrich Dillmann und Michael Wuliger; als Korrespondent in Israel arbeitet Wladimir Struminski. In der AJW meldeten sich von Anfang an zahlreiche prominente (darunter auch nichtjüdische) Autoren zu Wort: Waren es früher Intellektuelle wie Heinz Galinski, Ernst G. Lowenthal, Hendrik van Dam oder Ignatz Bubis, so sind es heute Persönlichkeiten wie Michel Friedman, Ralph Giordano oder Julius H. Schoeps, die das Blatt mit Gastkommentaren unterstützen, mitunter auch attraktiv machen.[18]

Aufgeteilt ist die aktuelle AJW in zwei Bücher: Im ersten Buch, im Mantel, greift die Zeitung allgemeine Themen aus dem Zeitgeschehen, die das Judentum betreffen, auf: die Situation in Israel, die Diskussion um die Einheitsgemeinde, die Aufarbeitung der Schoa, jüdische Kultur, Juden in der Welt, das Konversionsgesetz in Israel[19] etc. Das zweite Buch wird dominiert von der Rubrik „Gemeinden“: im Umfang zwischen drei und fünf Seiten sind dort Artikel über einzelne jüdische Gemeinden (Leben, Veranstaltungen, Feste, Feierlichkeiten, Jubiläen, Projekte usw.) sowie Berichte über Gruppen und Personen zu lesen. Darüber hinaus ist in jeder Ausgabe je eine Extra-Seite für die Gemeinden in Berlin und München reserviert. Ebenfalls im hinteren Teil der AJW findet man regelmäßig zwei Seiten zum Thema „Religion“, u.a. mit Hinweisen zu Gottesdiensten sowie Erklärungen von jüdischen Begriffen, Bräuchen oder Zeremonien - sicherlich auch als Service für die vielen zugewanderten Juden gedacht, die die Ausübung ihrer Religion erst neu erlernen müssen. Den Abschluß der Allgemeinen bildet eine bunte Seite mit dem Titel „Dies und Das“[20].

In der Ausgabe zum 50-jährigen Jubiläums des Blattes skizzierte Michel Friedman als Vorsitzender der Medienkommission des Zentralrats stellvertretend für Herausgeber und Redaktion die Grundauffassungen über die aktuelle Funktion der größten jüdischen Zeitung in Deutschland:

Die „Allgemeine Jüdische Wochenzeitung“ ist Brückenbauerin, Informantin und Kommentatorin jüdischen Lebens in der Bundesrepublik Deutschland. Gleichzeitig verfolgt die Zeitung den Alltag in Deutschland, die politischen und kulturellen Ereignisse - auch und gerade aus jüdischer Sicht und Betroffenheit. Sie ist journalistischer Anwalt, dort wo Konflikte offensichtlich sind, informiert aus dem Gemeindeleben, aber auch über persönliche Erlebnisse von Mitgliedern der jüdischen Gemeinden in Deutschland. Sie schaut aber auch über den eigenen Tellerrand - beobachtet die Entwicklungen in anderen jüdischen Gemeinden der Welt und dokumentiert die zentrale Bedeutung des Staates Israel. (...)[21]

III. Die Emigration der Ostjuden

1. Flüchtlinge mit Kontingentstatus

Die Aufnahme der osteuropäischen Juden in Deutschland war im Jahr 1990 zwischen Bundeskanzler Helmut Kohl und dem damaligen Zentralratsvorsitzenden Heinz Galinski vereinbart worden. Auf Beschluß des Bundesrats hin werden Juden aus der damals noch existierenden Sowjetunion, der jetzt GUS genannten Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, seit Anfang 1991 als sogenannte Kontingentflüchtlinge - also auf der Grundlage der Genfer Flüchtlingskonvention - in der Bundesrepublik aufgenommen. Eine Festlegung der Jahreskontingente wurde nicht vorgenommen. In einem vereinfachten Verfahren können die jüdischen Flüchtlinge bei den deutschen Auslandsvertretungen in ihren Heimatstaaten einen Aufnahmeantrag stellen. Der wird an das Bundesverwaltungsamt weitergeleitet, das die Verteilung der Flüchtlinge auf die Länder nach dem Asylverteilungsschlüssel[22] vornimmt. Liegt von den Bundesländern eine Aufnahmezusage vor, kann das Einreisevisum erteilt werden. Die Flüchtlinge mit dem Kontingentstatus erhalten eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis in Deutschland.[23]

2. Mitgliederexplosion in jüdischen Gemeinden in Deutschland

Seit 1990 machten rund 184.000 Pass-Juden in der GUS von dieser in Europa einzigartigen Regelung Gebrauch und stellten einen Aufnahmeantrag. 135.192 Anträge wurden bis zum 1. Dezember 1999 bewilligt, 110.330 Menschen sind davon bereits zugewandert.[24] Belief sich die Zahl der in den jüdischen Gemeinden der Bundesrepublik registrierten Mitglieder Anfang 1989 noch auf 27.552 Personen[25], so ist sie bis Ende 1998 auf insgesamt 74.289 Menschen gestiegen; sie hat sich also innerhalb von neun Jahren mehr als verdoppelt.[26] Für 1999 wurde die Gesamtzahl auf über 80.000 Mitglieder hochgerechnet.[27] Zu beachten ist dabei - wie die britische Journalistin Susan Stern richtig bemerkt -, dass die Gemeinde von 1989 durch Tod und Emigration realiter um beinahe 10.000 Mitglieder geschrumpft ist[28]. Ein Ende der Massenauswanderung aus der ehemaligen Sowjetunion[29] ist allerdings abzusehen, was Experten u.a. auf die leicht verbesserte Wirtschaftslage und die neuen demokratischen Strukturen zurückführen.

Damit ist die Bundesrepublik fünfzig Jahre nach der Schoa zum wichtigsten Aufnahmeland für Juden in Europa geworden. Gründe dafür sind unter anderem auch die zum Teil restriktiven Einwanderungsgesetze in einer Vielzahl europäischer Staaten.[30]

Durch die Einwanderungswelle steht die jüdische Gemeinschaft in Deutschland vor einer großen Herausforderung. Vor allem die Mitgliederzahlen von kleineren Gemeinden sind seit 1989 förmlich explodiert. Beispiele dafür sind die Gemeinden Hof / Bayern (von 12 auf 250), Kassel (von 83 auf 744) und Osnabrück (von 61 auf 1.086)[31]. Gemeinden wie Schwerin oder Bochum/Herne/Recklinghausen haben sogar mehr Mitglieder als 1933.[32] In den neuen Bundesländern, zum Beispiel in Rostock, Magdeburg oder Potsdam, gibt es Gemeinden, die fast ausschließlich aus russischen oder ukrainischen Juden bestehen. In Mecklenburg-Vorpommern (Schwerin, Rostock, Wismar) lebt unter 500 russischen nur ein deutscher Jude.[33] Und Berlin hat die derzeit weltweit am schnellsten und stärksten wachsende jüdische Gemeinde.[34] Dort sowie in Frankfurt, München, Hamburg, Düsseldorf und Köln lebt ein Großteil der Juden in Deutschland[35].

Diese quantitativen Veränderungen bringen allerdings auch eine Vielzahl von Schwierigkeiten auf anderen Gebieten mit sich. Eine jüdische Zuwanderin aus Rußland brachte eines der Hauptprobleme am 2. Juli 1998 bei einer Gesprächsrunde im Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg auf den Punkt:

„Wir kamen als Russen. Aber erwartet hat man hier Juden!“

Der Hintergrund dieser Aussage sowie eine konkrete Beschreibung der Probleme finden sich in der inhaltlichen Untersuchung der Artikel in Kapitel IV.2.3. dieser Arbeit.

3. Kurze Geschichte jüdischer Emigration aus Osteuropa

Jüdische Einwanderung aus Osteuropa ist kein neues Phänomen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kamen Hunderttausende jüdische Flüchtlinge aus dem Osten Europas nach Deutschland, um als freie Menschen ohne Pogrome und Sondergesetze zu leben. Zumeist wanderten diese allerdings weiter in die USA[36]. Mit den Flüchtlingen, die im damaligen Deutschen Reich blieben, gab es in vereinzelten jüdischen Gemeinden ähnliche Schwierigkeiten wie heute mit den Emigranten aus den Ländern der GUS. In den zwanziger Jahren kam es infolge der Einwanderung zum Beispiel in Berlin zu erheblichen Abwehrhaltungen zwischen den Etablierten der jüdischen Gesellschaft und den Neuankömmlingen, die in ihrem Äußeren und ihrem Sozialverhalten ihnen sehr fremd waren. Nach langem Hin und Her bekam der überwiegende Teil von ihnen Wohnungen im abseits gelegenen Scheunenviertel, das sich heute in Berlin-Mitte befindet. Ähnliches erlebten einige sogenannte Displaced Persons (DP’s), als sie sich nach der Befreiung der Konzentrationslager den jüdischen Gemeinden in Deutschland anschließen wollten. Auch damals, um 1950, betrug der Anteil der aus dem östlichen Europa stammenden Juden in manchen süddeutschen Gemeinden 75 Prozent.[37] Sie trugen zur Festigung der Gemeinden bei, einher gehend mit dem Bau bzw. Wiederaufbau von Synagogen und Gemeindezentren.[38]

Eine zahlenmäßig geringe Einwanderung erfolgte Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre aus Ungarn, der Tschechoslowakei (u.a. als Folge des so genannten „Prager Frühlings“), Rumänien und auch aus Russland. Es handelte sich dabei überwiegend um Juden, die vorher schon zum deutschen Kulturkreis gehört hatten. Mitte der 70er Jahre kam es noch einmal zu einer kleinen Einwanderungswelle aus der damaligen Sowjetunion, als rund 2.500 Juden in Berlin ansässig wurden[39] ; zum Teil haben diese mittlerweile tragende Rollen in der Gemeinde inne.[40]

[...]


[1] Zitat aus einem Interview in der Tageszeitung Die Welt vom 25.04.98.

[2] Quelle: Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland: Mitgliederstatistik der einzelnen jüdischen Gemeinden und Landesverbände in Deutschland per 1. Januar 1999; berücksichtigt sind nur die Mitglieder einer jüdischen Gemeinde in Deutschland, nicht die nicht-jüdischen Familienangehörigen der Einwanderer, die die Zahl noch einmal um schätzungsweise 30-40 Prozent (lt. Bundesverwaltungsamt) erhöhen würden (siehe auch Anhang).

[3] Im Folgenden AJW abgekürzt.

[4] Telefonische Auskunft von Heidelind Sobotka, Redakteurin bei der AJW, am 12.06.98.

[5] Im Folgenden GUS abgekürzt.

[6] Bubis, Ignatz: Informieren, integrieren, diskutieren; in: AJW-Sonderausgabe, 25.04.96, S. 1.

[7] Giordano, Ralph: Immer Kurs gehalten; in: AJW-Sonderausgabe, 25.04.96, S. VII.

[8] Karl Marx s.A., 1897-1966, gehörte zu den Mitbegründern der deutschen Jugendbewegung, war Freiwilliger im Ersten Weltkrieg, in der Weimarer Republik politischer Journalist, bis er 1933 nach England emigrieren mußte. Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes gehörte er zu den ersten jüdischen Rückkehrern. Neben seinem Engagement für die AJW war er Gründer und erster Präsident der Zionistischen Organisation in Deutschland sowie Mitbegründer der Düsseldorfer Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.

[9] U.a. Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone.

[10] Vgl. Interview mit Lilli Marx, Witwe des AJW-Gründers, in: AJW-Sonderausgabe, 25.04.96, S. IV/V.

[11] Vgl. Marx, Lilli: Die Anfänge der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung; in: Brenner, Michael: Nach dem Holocaust: Juden in Deutschland 1945-1950, München 1995, S. 179-185 sowie AJW-Sonderausgabe, 25.04.96, S. 26.

[12] Bubis, Ignatz: Informieren, integrieren, diskutieren; in: AJW-Sonderausgabe, 25.04.96, S. 1.

[13] 25. April 1996.

[14] AJW-Sonderausgabe, 25.04.96, S. 1.

[15] Brenner, Michael: Nach dem Holocaust. Juden in Deutschland 1945-50, München 1995, S. 213.

[16] Stand 1998.

[17] Vgl. ebd.

[18] Telefonische Auskunft von Heidelind Sobotka, Redakteurin bei der AJW, am 12.06.98.

[19] Konversionsgesetz-Diskussion: Wer ist Jude? Orthodoxe versus Liberale.

[20] Sehr fortschrittlich auch mit einer Rubrik „Jüdisches im Net“.

[21] Friedman, Michel: Forum und Brückenbauer. Warum wir in Deutschland gerade heute eine jüdische Zeitung brauchen; in: AJW-Sonderausgabe, 25.04.96, S. 1.

[22] Es handelt sich um den sogenannten „Königssteiner Schlüssel“.

[23] Vgl. Schoeps et al. (Hg.): Russische Juden in Deutschland, Weinheim 1996, S. 13f.

[24] Stand: 1.12.1999; Angaben laut Bundesverwaltungsamt. Von dieser Regelung Gebrauch machen können auch die nach dem jüdischen Religionsgesetz nicht anerkannten Juden; deshalb die zahlenmäßige Diskrepanz zwischen den realiter Eingewanderten und den Mitgliedern in den jüdischen Gemeinden in Deutschland.

[25] Vgl. Informationen zur politischen Bildung, Nr. 140: Geschichte des jüdischen Volkes; 5., überarbeitete Auflage, Bonn 1991, S. 57/58; in der früheren DDR lebten kaum mehr als 300 Juden. Die meisten von ihnen waren alte Menschen. Daneben gibt es im westlichen Teil Deutschlands rund 20.000 Juden, die sich aus unterschiedlichen Gründen nicht den Gemeinden angeschlossen haben; zum Teil handelt es sich bei ihnen um israelische Staatsbürger.

[26] Vgl. Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland: Mitgliederstatistik der einzelnen jüdischen Gemeinden und Landesverbände in Deutschland per 1. Januar 1999, S. 1 (siehe auch Anhang).

[27] Ignatz Bubis in einer Debatte über die Einheitsgemeinde; vgl. Auszug in AJW 8/98, S. 15: „Alle unter einem Hut?“. Zum Vergleich: In Deutschland leben derzeit rund zwei Millionen Muslime.

[28] Vgl. Stern, Susan: Minderheiten in der Metamorphose. Deutschland und seine Juden: Beobachtungen aus britischer Sicht; in: AJW 15/97, S. 1.

[29] Heute leben noch rund 1,1 Millionen Juden in der Ex-UdSSR; damit haben seit 1989 eine Million Juden die GUS verlassen, vor allem Rußland und die Ukraine; vgl. Mehr Arbeiter als Doktoren; in: AJW 4/97, S. 4; die Mehrzahl der GUS-Juden will allerdings nach Israel auswandern oder hat dies bereits getan; vgl. „Einiges wurde bereits verbessert“. Ignatz Bubis über den Umgang deutscher Konsulate mit Juden aus der GUS; Interview in: AJW 18/97, S. 2.

[30] Vgl. Über Grenzen hinweg. Experten diskutieren über jüdische Migranten in Europa; in: AJW 12/97, S. 2.

[31] Vgl. AJW 11/98, S. 10; Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland: Mitgliederstatistik der einzelnen jüdischen Gemeinden und Landesverbände in Deutschland per 1. Januar 1998, S.8.

[32] Nämlich 300 (Schwerin) bzw. 1.139 (Bochum/Herne/Recklinghausen); vgl. Seitz, Axel: Mehr Mitglieder als 1933; in: AJW 12/98, S. 9 sowie Sobotka, Heide: „Die Konstruktion steht, jetzt muß der Bau beginnen“; in: AJW 3/97, S. 9.

[33] Vgl. u.a. Schoeps et al. (Hg.): Russische Juden in Deutschland, Weinheim 1996, S. 17; Seitz, Axel: ebd.

[34] Persönliche Angaben von Sarah Singer (Jüdische Gemeinde Berlin). Die Berliner Gemeinde hatte in den letzten Jahren einen Zuwachs von 7000 russischen Juden zu verzeichnen; deren Judentum bestand allerdings größtenteils nur auf dem Papier.

[35] Zurückzuführen v.a. auf die bessere Infrastruktur in den größeren Städten und Gemeinden.

[36] Vgl. Adler-Rudel, Scholem: Ostjuden in Deutschland 1880-1940, Tübingen 1959.

[37] Z.B. in München; vgl. Königseder, Angelika / Wetzel, Juliane: Lebensmut im Wartesaal: die jüdischen DPs im Nachkriegsdeutschland, Frankfurt a.M. 1994; vgl. u.a. auch den Leserbrief zum Thema in der AJW 9/98, S. 13.

[38] Vgl. Brenner, Michael: Nach dem Holocaust: Juden in Deutschland 1945-1950, München 1995, S. 198.

[39] Letztere sind mittlerweile vollständig integriert und haben zum Teil tragende Funktionen in der Gemeinde inne; sie brachten damals neue Impulse und waren mitbeteiligt an der Etablierung wichtiger Einrichtungen wie zum Beispiel der jüdischen Schule in Berlin.

[40] Vgl. Nachama, Andreas: Der lange Weg zum Happy-End. Zehn Jahre „russische“ Zuwanderung – eine Zwischenbilanz; in: AJW 23/99, S. 1. Nachama stellt heraus, dass bei es bei der aktuellen Zuwanderungswelle aus der GUS wohl unvermeidbar sei, dass eine Generation verloren geht. Er begründet und vergleicht die Zuwanderung mit der Situation deutsch-jüdischer Emigranten in den 40er Jahren in den USA und kommt zum Schluss, dass es zwei Jahrzehnte bis zur vollständigen Integration bedürfe.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Jüdische Zuwanderung aus Osteuropa in die Bundesrepublik: Die Berichterstattung der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung 1997 und 1998
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für die Geschichte der Juden in Deutschland)
Veranstaltung
Juden in Deutschland 1945 bis 1995
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2000
Seiten
31
Katalognummer
V32610
ISBN (eBook)
9783638332859
Dateigröße
604 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jüdische, Zuwanderung, Osteuropa, Bundesrepublik, Berichterstattung, Allgemeinen, Jüdischen, Wochenzeitung, Juden, Deutschland
Arbeit zitieren
Robert Bongen (Autor), 2000, Jüdische Zuwanderung aus Osteuropa in die Bundesrepublik: Die Berichterstattung der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung 1997 und 1998, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32610

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