Godard: Pierrot le fou


Hausarbeit, 2003

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

Einleitung
Ziel und Aufbau der Hausarbeit
Der Plot

Personenanalyse
Pierrot, Ferdinand et Marianne
Die Farben: Le bleu et le rouge
Die Worte
Die Sexualität
Die Lebenseinstellung
Wer ist Marianne?
Die Suche Ferdinands nach einer Antwort
Marianne, Ariane, mer, âme, amer, arme
Die Suche des Zuschauers nach einer Antwort
Die Unschuldige
Die Liebende
Die Wissende
Die Leitende
Marianne, une femme fatale?
Zusammenfassung

Analyse der Montagetechnik
Das Konzept der Montage Von Ferdinand angesprochen
Von Marianne gelebt
Der Ton
Die Sprache
Die Nebengeräusche
Die Musik
Kompositionen: Antoine Duhamel
Die Chansons
Einstellungen
Lange Einstellungen und kurze Brüche
Beziehungen zwischen einzelnen Einstellungen
Das Bild im Bild
Das Bild außerhalb des Bildes
Bilder der politischen Realität
Zitate
Kunst
Literatur
Zusammenfassung

Einordnung von Pierrot le Fou in Godards Gesamtwerk

Einleitung

Ziel und Aufbau der Hausarbeit

In einem Interview mit „ Cahiers du Cinéma “ gibt Godard an, den Film Pierrot le Fou wie in einem Fiebertraum gedreht zu haben. In nur sieben Wochen (zwischen Mai und Juli 1956) war der Dreh beendet, an nur einem Tag wurde der Film geschnitten.

Godard: „C’est un film où il n’y a pas eu d’écriture, ni de montage, ni de mixage, enfin, un jour! Bonfanti ne connaissait pas le film et l’a mixé, sans préparation...“

„C’était une suite de structures qui s’imbriquaient immédiatement les unes dans les autres[1] ““

Diese Spontanität, die Folge von Strukturen, die beim Betrachter immer neue, eigene Bilder und Gedanken auslösen, und vor allem diese Freiheit sind kennzeichnend für Pierrot le Fou. Es ist ein Film, in dem alle geläufige Formen hinzugezogen und einige neu erfunden werden, in dem Improvisationen der Schauspieler akzeptiert, ja sogar provoziert werden, und der so reich mit Assoziationen, Anspielungen und Zitaten spielt, daß eine Hausarbeit ihn keinesfalls vollständig erschöpfen kann.

In meiner Arbeit werde ich mich also auf einige Teilaspekte beschränken, anhand derer das Wesen dieses außergewöhnlichen Films verdeutlicht werden soll.

Als Hintergrund für die folgenden Analysen werde ich kurz den Plot zusammenfassen.

Die erste Hälfte des Hauptteils behandelt die Protagonisten mit Schwerpunkt auf Marianne. Dieser Teil ist gegliedert in die Beziehung zwischen Ferdinand und Marianne, und die Suche nach dem Verständnis der weiblichen Protagonistin.

Die zweite Hälfte des Hauptteils widmet sich der künstlerischen Gestaltung, zusammengefaßt unter dem Prinzip der „Montagetechnik“.

In diesem Teil soll der Einsatz von Ton, Einstellungen und Zitaten erläutert werden.

Am Schluß erfolgt eine kurze Einordnung des Films in Godards Gesamtwerk.

Der Plot

Pierrot le Fou behandelt die Liebesgeschichte zwischen Ferdinand, einem verheirateten Mann mit Kindern, und Marianne, einer Frau die in internationale Waffenschiebungen verwickelt ist. Als sich die beiden fünf Jahre nach einer Trennung wieder treffen, beschließen sie, zusammen aus Paris zu fliehen und geraten dabei in abenteuerliche Verstrickungen mit Gangstern. Ferdinand erschießt Marianne, nachdem er erfährt, daß sie ihn mit ihrem angeblichen Bruder Fred betrogen hat, und tötet sich selbst mit Dynamit.

Die Wirkung des Films geht allerdings kaum vom tatsächlichen Inhalt, als vielmehr von der Umsetzung aus.

Sam Fuller, der im Film als der einzige Gast einer Überraschungs-Party erscheint, der nicht nur Werbezitate von sich gibt, faßt das Medium Film mit den folgenden Worten zusammen:

„Ein Film ist wie ein Schlachtfeld – Liebe, Haß, action, Gewalt und Tod. In einem Wort: Emotion.“[2]

Dieser Satz stellt eine Zusammenfassung des Films dar, die Pierrot le Fou gerechter wird als jede Inhaltsangabe.

Personenanalyse

Der Zuschauer, der üblicherweise zwei klar definierte Protagonisten gewohnt ist, wird in diesem Film mit Darstellern konfrontiert, die eine ganze Palette von teilweise widersprüchlichen Eigenschaften aufzuweisen haben.

In dem Teil der Hausarbeit, der sich mit der Personenanalyse befaßt, soll die Darstellung dieser außergewöhnlichen Protagonisten behandelt werden. Die Betonung liegt hierbei auf Marianne, die eine besonders facettenreiche Rolle spielt.

Pierrot, Ferdinand et Marianne

Wie die Überschrift dieses Abschnittes bereits andeutet, handelt es sich quasi um drei Personen: Pierrot, Ferdinand und Marianne.

Ferdinand deutet diese Spaltung seiner Persönlichkeit schon früh an:

„J’ai l’impression d’être plusieurs.“[3]

Einerseits ist er Ferdinand, der den kontemplative Part innehat, ein bedachter und belesener Mann, dessen Medium die Worte sind.

Andererseits ist er Pierrot, dem man zu Recht den Beinamen „le fou“ geben kann. Dieser Name, der in der Commedia dell`Arte für den Narren bzw. den Poeten verwendet wird ³, stammt von Marianne. Sie begründet ihn mit einem Chanson („ Au claire de la lune, mon ami Pierrot...“[4]), indem sie argumentiert, ihn nicht „ mon ami Ferdinand[5] nennen zu können. Ferdinand weigert sich standhaft, diesen Namen zu akzeptieren, obwohl er dem Betrachter häufig sehr passend erscheint, (z.B. als Ferdinand aus einem plötzlichen Freiheitsgefühl heraus seinen Wagen ins Meer steuert.) Diese impulsive und verrückte Seite Ferdinands ist es, die Marianne liebt. Durch ihre Namensgebung versucht sie möglicherweise unbewußt diese Charaktereigenschaften „Pierrots“ zur ganzen, ungeteilten Person zu machen; sie will nur Pierrot sehen (und rufen) – auf Ferdinand dagegen reagiert sie mit Unverständnis und Langeweile.

Die Tatsache, daß Ferdinand sie immer wieder korrigiert, wenn sie ihn „Pierrot“ nennt, deutet bereits ein grundsätzliches Mißverständnis an, welches ein klassisches glückliches Ende für das Liebespaar von Anfang an schwer vorstellbar macht. Die gegensätzlichen Pole, die Ferdinand und Marianne tatsächlich darstellen, verdeutlicht Godard durch mehrere Aspekte:

Die Farben: Le bleu et le rouge

Schon beim ersten Betrachten fällt besonders der Farbeinsatz in Pierrot le Fou auf. Die Farben des Mittelmeers (blau, rot, gelb, weiß), die schon in seinen früheren Filmen eindrucksvoll genutzt wurden, werden hier durch Einsatz von Farbfiltern (z.B. in der Partyszene am Anfang des Films) betont und teils als Effekte, teils symbolisch eingesetzt.

So ist beispielsweise Ferdinand das kühle Blau zugeordnet, Marianne dagegen das heiße Rot.

Die Farbe des Meeres, der Ruhe, und der Unendlichkeit wird auf diese Art der Farbe des Blutes, der Leidenschaft und der Gefahr gegenübergestellt, wodurch die beiden Charaktere Ferdinand und Marianne zu entgegengesetzten Polen werden.

Die Farbsymbolik ist jedoch weit davon entfernt, plakativ zu sein. Die Farben sind vielmehr wandernde. (Sie wechseln z.B. in der Kleidung der beiden).

Durch dieses Mittel gelingt Godard es auf subtile Art und Weise, die Protagonisten zu verbinden, und dabei noch ihre Gegensätzlichkeit hervorheben. Der Zuschauer versteht dies intuitiv – ohne Worte.

Die Worte

Die Worte haben völlig unterschiedliche Bedeutungen für Marianne und Ferdinand. Marianne benutzt sie, Ferdinand reflektiert über sie. Marianne sagt, was sie denkt, Ferdinand denkt über das nach, was Marianne sagt.

Deutlich wird dies vor allem in einem Tagebucheintrag Ferdinands: „Marianne dit: „il fait beau.““[6]. Ferdinand versucht diesen Satz zu abstrahieren, in andere Bedeutungszusammenhänge zu bringen. („il fait beau mon amour- dans les rêves- les mots- et la mort“[7]) Er merkt nicht, daß er sich gerade durch diese Versuche der Satzanalyse von Marianne entfernt, welche mit Sicherheit keine tiefe Bedeutung in ihren Satz legen wollte.

Die Worte, eigentlich ein Mittel zur Verständigung, tragen zwischen Marianne und Ferdinand also nur zum gegenseitigen Unverständnis bei. (Marianne: „tu me parles avec des mots et moi, je te regarde avec des sentiments.“[8]). Dieser Gegensatz zwischen Gelebtem und Überdachten zeigt sich auch in der Einstellung zur Sexualität.

Die Sexualität

Ferdinand hat ein eher distanziertes Verhältnis zur Sexualität, auch wenn er sich in einem Tagebucheintrag als „homme sexuel“[9] bezeichnet – allein schon die Tatsache das er über seine Sexualität reflektiert, spricht nicht gerade für seine impulsive Leidenschaft. Seine Distanz zeigt sich beispielsweise auch, als er sich über die „Scandale“- Strumpfhosen seiner Frau mokiert, indem er ironisch nach dem Zeitalter der Renaissance das Zeitalter des Popos ankündigt[10]. Auch entblößte Brüste auf der Überraschungsparty bringen ihn nicht aus der Fassung – er ignoriert sie völlig[11]. An Marianne kritisiert er sogar einmal, daß sie immer „des pantalon tellement serées[12] “ trägt.

Marianne ist allein durch die Farbe rot schon die Leidenschaft zugeordnet. Die Sexualität wird von ihr gelebt, sie stellt ein zusätzliches Vergnügen dar, neben Tanz, Abenteuer und Verbrechen. Sie ist sich ihrer Attraktivität allerdings auch sehr bewußt, und kann sie einsetzen, wenn es sein muß. Als sie beispielsweise, vom „Nain“ gefangen, mit Ferdinand telefoniert sagt sie sehr direkt: „Tu me caresseras où tu voudras. Je serai de nouveau très gentille avec toi[13] “. Sie weiß anscheinend, daß sie mit ihre Sexualität locken kann.

Auch in diesem Aspekt unterscheiden sich Ferdinand und Marianne also grundlegend. So wie die Worte Ferdinand zugeordnet werden können, kann Marianne die Sexualität zugeordnet werden – zwei völlig verschiedene Felder, die sich auch in ihrer Lebenseinstellung spiegeln.

Die Lebenseinstellung

Leben bedeutet für Marianne Abenteuer. Sie will Spannung, Sex, Tanz und Musik. Marianne steht dem Leben in einer Welt völlig bejahend gegenüber, in der, wie der Film immer wieder zeigt, Verbrechen wie Waffenschiebereien, Morde, Krieg (Vietnam) und Folter zum Alltag gehören. (Marianne: „je veux vivre![14] “). Im Gegensatz dazu steht Ferdinand, der immer wieder in eher resigniertem Ton sagt: „c’est la vie[15].“. Die völlig unkritische Lebensbejahung Mariannes, die aus dem Bauch und nicht aus dem Kopf stammt, liegt Ferdinand fern. Er überlegt dagegen, sich dem Leben durch sein Medium, der Literatur, zu nähern, indem er einen Roman schreiben will, der nur „das Leben“ zum Thema haben soll. Was Joyce schon versucht hat, will er besser machen: beschreiben, was „entre les choses“ liegt.

[...]


[1] Bergala, A., 1985: 264

[2] Albera, F., 1979: 134

[3] Radojevic, Boris: Thesenblatt vom 12.2.2001 zu „Ferdinand le Fou? Pierrot Griffon?“

[4] Einstellung 26

[5] Einstellung 38

[6] Einstellung 180

[7] Cieutat, M., 1993: 151

[8] Einstellung 143

[9] Einstellung 242

[10] Einstellung 9

[11] Einstellung 16, 19

[12] Einstellung 273

[13] Cieutat, Michel 1993: 136

[14] Cieutat, Michel 1993: 142

[15] Cieutat, Michel 1993: 142

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Godard: Pierrot le fou
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Veranstaltung
Nouvelle Vague
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
21
Katalognummer
V32646
ISBN (eBook)
9783638333153
Dateigröße
827 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Godard, Pierrot, Nouvelle, Vague
Arbeit zitieren
Joanna Jaritz (Autor), 2003, Godard: Pierrot le fou, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32646

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