Die vorliegende Arbeit hat die Aufgabe, die Bedeutung der Pädagogik Maria MONTESSORIs für die Förderung und Therapie sprachentwicklungsgestörter / sprachbehinderter Kinder in der Sprachheilpädagogik zu untersuchen. Sie beschäftigt sich mit der Frage, ob Applikationen aus der Montessori-Pädagogik für die Planung sprachtherapeutischer Interventionsangebote für Kinder zum einen möglich und zum zweiten angezeigt und sinnvoll sind.
Hinsichtlich dieser Frage existieren zunächst zwei grundsätzliche spontane Antwortmöglichkeiten. Die eine Einschätzung geht davon aus, dass die Einbeziehung der Methoden und Materialien Maria Montessoris in die sprachheilpädagogische Arbeit eine Bereicherung für die Sprachbehindertenpädagogik und für das sprachtherapeutische Vorgehen darstellen kann. Diesem Ansatz entgegen steht die Behauptung, dass die Montessori-Pädagogik bezüglich des sprachtherapeutischen Vorgehens inkompatibel und eher nicht angezeigt ist und sowohl den therapeutischen Rahmen als auch die therapeutischen Vorgaben, die für sprachtherapeutische Interventionen gegeben sind, sprengt.
Unter dieser Ausgangsfrage stellen sich zu ihrer Beantwortung wichtige weitere Fragen:
Haben die Methoden und Materialien Maria MONTESSORIs eine Bedeutung bezüglich der Förderung und Therapie bei Kindern mit einer Sprachentwicklungsverzögerung, d.h. ist die Montessori-Pädagogik überhaupt in die sprachtherapeutische Praxis übertragbar bzw. ist es möglich, sie in sprachtherapeutische Zusammenhänge sinnvoll einzubinden?
Für den Fall, dass diese Frage bejaht werden kann: welche der Prinzipien, Methoden und pädagogischen Vorgehensweisen MONTESSORIs lassen sich in der sprachtherapeutischen Intervention verwenden und mit welchen Erfolgsaussichten?
Welche Tatsachen und / oder Befürchtungen sprechen gegen eine Einbeziehung der Pädagogik Maria MONTESSORIs in die sprachtherapeutische Praxis und auf welche Argumentation sind diese Einwände gegründet?
Diesen grundsätzlichen Fragen wird im Verlauf der Arbeit nachgegangen und sie werden zu beantworten versucht.
Der Einstieg in die dargelegte Thematik erfolgt zunächst über ein Praxisbeispiel, das im ersten Kapitel kurz angesprochen und im fünften Kapitel weitergeführt wird. Umrahmt vom Praxisbeispiel werden im mittleren Teil der Arbeit die grundlegenden Bereiche der Sprachbehindertenpädagogik sowie sprachtherapeutische Interventionsformen kurz dargestellt.
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
1 PRAXISBEISPIEL
2 GRUNDLEGENDE BEREICHE DER SPRACHBEHINDERTENPÄDAGOGIK
2.1 DIE SPRACHLICHE ENTWICKLUNG
2.2 DIE BEDEUTUNG DES HÖRENS FÜR DIE SPRACHLICHE ENTWICKLUNG
2.3 STÖRUNGEN UND BEHINDERUNGEN IN DER SPRACHENTWICKLUNG
2.4 SONSTIGE AUFFÄLLIGKEITEN SPRACHBEHINDERTER KINDER
3 SPRACHTHERAPEUTISCHE INTERVENTIONSANGEBOTE
3.1 FÖRDERUNG
3.2 THERAPIE
4 DIE BELEUCHTUNG DER PÄDAGOGIK MARIA MONTESSORIS UNTER DEM ASPEKT DER FÖRDERUNG SPRACHENTWICKLUNGSGESTÖRTER & SPRACHBEHINDERTER KINDER
4.1 BIOGRAPHISCHER EINSTIEG ZU MARIA MONTESSORI
4.2 GRUNDLAGEN IHRER PÄDAGOGIK – IHRE ANTHROPOLOGIE
4.2.1 Kindliche Entwicklung als aktive Selbstgestaltung
4.2.2 Sensible Phasen
4.2.3 Das Phänomen der Normalisation
4.2.4 Polarisation der Aufmerksamkeit
4.2.5 Didaktische Prinzipien
4.3 SPRACHERWERB & SPRACHBILDUNG NACH MARIA MONTESSORI
4.3.1 Die Funktion der Ordnung für die Kommunikation & Die Übungen des täglichen Lebens
4.3.2 Spracherwerbshemmungen
4.4 SPRACHFÖRDERUNG IM SINNE MARIA MONTESSORIS
4.4.1 Sinnesschulung & Sinneserziehung
4.4.2 Psycho-didaktisches Material –‚Sinnesmaterial’
4.4.3 Die Drei-Stufen-Wortlektion
4.4.4 Erziehung zum Hören & Die Bedeutung der Stille
4.4.5 Die sensible Phase für die Lautsprache
4.4.6 Die sensible Phase für die Schriftsprache
4.4.6.1 Die Sandpapierbuchstaben
4.4.6.2 Metallene Einsatzfiguren
4.4.6.3 Das bewegliche Alphabet
4.4.6.4 Lesedosen
4.4.7 Die sensible Phase für die Grammatik
4.4.7.1 Wortsymbole
4.4.7.2 Auftrags- und Sprachkästen
4.4.7.3 Erste Arbeit mit Pfeilen und Kreisen & die Satzanalyse
4.4.8 Zusammenfassung zur Sprachförderung nach Montessori
4.5 DIE (SONDER-) PÄDAGOGIN IN DER MONTESSORI-PÄDAGOGIK
4.5.1 Allgemeine Hinweise & Prinzipien
4.5.2 Der Umgang mit dem sprachbehinderten Kind
5 ANWENDUNG DER ERKENNTNISSE VON MARIA MONTESSORI AUF DAS PRAXISBEISPIEL
5.1 ANAMNESE
5.2 DIAGNOSTISCHE BEFUNDE
5.3 THERAPIEPLANUNG
5.4 THERAPIEVERLAUF
5.5 ERGEBNISSE
6 SCHLUSSFOLGERUNGEN ZU APPLIKATIONEN AUS DER MONTESSORI-PÄDAGOGIK ALS ELEMENTE IN DER PLANUNG SPRACH-THERAPEUTISCHER INTERVENTIONSANGEBOTE
Zielsetzung & Themen
Ziel dieser Arbeit ist es, die Anwendbarkeit der Montessori-Pädagogik auf die Sprachtherapie bei Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen zu untersuchen. Die Forschungsfrage fokussiert dabei darauf, ob und wie Prinzipien, Methoden und Materialien Maria Montessoris sinnvoll und effektiv in sprachtherapeutische Interventionsangebote integriert werden können.
- Grundlagen der kindlichen Sprachentwicklung und Sprachbehinderungen
- Anthropologische und didaktische Fundamente der Montessori-Pädagogik
- Bedeutung der „vorbereiteten Umgebung“ und der „sensiblen Phasen“ für den Spracherwerb
- Praktische Umsetzung mittels Montessori-Materialien in der Sprachtherapie
- Rolle der pädagogischen Bezugsperson als „Interpretin“ zwischen Kind und Welt
Auszug aus dem Buch
4.2.4 Polarisation der Aufmerksamkeit
Bei der Polarisation der Aufmerksamkeit handelt es sich um ein Phänomen, auf dessen Entdeckung Maria MONTESSORI ihre pädagogischen Erfolge zurückführt: „Als ich meine ersten Versuche unter Anwendung der Prinzipien und eines Teils der Materialien, die mir vor vielen Jahren bei der Erziehung schwachsinniger Kinder geholfen hatten, mit kleinen normalen Kindern von San Lorenzo durchführte, beobachtete ich ein etwa dreijähriges Mädchen, das tief versunken war in der Beschäftigung mit einem Einsatzzylinderblock, aus dem es die kleinen Holzzylinder herauszog und wieder an ihre Stelle steckte (vgl. 4.4.2, Abb. 19). Der Ausdruck des Mädchens zeugte von so intensiver Aufmerksamkeit, dass er für mich eine außerordentliche Offenbarung war..
Zu Anfang beobachtete ich die Kleine, ohne sie zu stören, und begann zu zählen, wie oft sie die Übung wiederholte, aber dann, als ich sah, dass sie sehr lange damit fortfuhr, nahm ich das Stühlchen, auf dem sie saß, und stellte Stühlchen und Mädchen auf den Tisch; die Kleine sammelte schnell ihr Steckspiel auf, stellte den Holzblock auf die Armlehnen des kleinen Sessels, legte sich die Zylinder in den Schoß und fuhr mit ihrer Arbeit fort. Da forderte ich alle Kinder auf zu singen; sie sangen, aber das Mädchen fuhr unbeirrt fort, seine Übungen zu wiederholen, auch nachdem das kurze Lied beendet war. Ich hatte 44 Übungen gezählt; und als es endlich aufhörte, tat es dies unabhängig von den Anreizen der Umgebung, die es hätten stören können; und das Mädchen schaute zufrieden um sich, als erwachte es aus einem erholsamen Schlaf.“107 MONTESSORI erkannte, dass diese Konzentrationsfähigkeit „lebensnotwendig für die Entwicklung des Menschen ist“.
Zusammenfassung der Kapitel
EINLEITUNG: Die Einleitung stellt die Fragestellung der Arbeit vor, ob Montessori-Pädagogik für die Sprachtherapie bei Kindern nutzbar gemacht werden kann.
1 PRAXISBEISPIEL: Anhand des Falls des fünfjährigen Nils wird ein konkretes Beispiel für sprachliche Auffälligkeiten bei einem Kind eingeführt.
2 GRUNDLEGENDE BEREICHE DER SPRACHBEHINDERTENPÄDAGOGIK: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über kindliche Sprachentwicklung sowie Störungsbilder und ergänzende Auffälligkeiten.
3 SPRACHTHERAPEUTISCHE INTERVENTIONSANGEBOTE: Hier werden die Bereiche Förderung und Therapie voneinander abgegrenzt und allgemeine Therapieprinzipien definiert.
4 DIE BELEUCHTUNG DER PÄDAGOGIK MARIA MONTESSORIS UNTER DEM ASPEKT DER FÖRDERUNG SPRACHENTWICKLUNGSGESTÖRTER & SPRACHBEHINDERTER KINDER: Dieses zentrale Kapitel analysiert die Prinzipien der Montessori-Pädagogik, wie sensible Phasen und das Materialkonzept, im Hinblick auf ihren Einsatz in der Sprachförderung.
5 ANWENDUNG DER ERKENNTNISSE VON MARIA MONTESSORI AUF DAS PRAXISBEISPIEL: Die theoretischen Erkenntnisse werden hier auf den konkreten Fall von Nils angewandt, seine Therapie geplant, durchgeführt und evaluiert.
6 SCHLUSSFOLGERUNGEN ZU APPLIKATIONEN AUS DER MONTESSORI-PÄDAGOGIK ALS ELEMENTE IN DER PLANUNG SPRACH-THERAPEUTISCHER INTERVENTIONSANGEBOTE: Das Fazit fasst die Möglichkeiten und Grenzen der Integration Montessori-pädagogischer Elemente in die Sprachtherapie zusammen.
Schlüsselwörter
Montessori-Pädagogik, Sprachtherapie, Sprachentwicklungsstörung, Spracherwerb, Sinneserziehung, vorbereitete Umgebung, sensible Phasen, Polarisation der Aufmerksamkeit, Normalisation, Sprachförderung, Dyslalie, Materialkonzept, kindliche Entwicklung, Sprachbehinderung, Pädagogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, inwieweit pädagogische Ansätze und Materialien von Maria Montessori in die Sprachheilpädagogik und Sprachtherapie für sprachentwicklungsgestörte Kinder integriert werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Grundlagen der kindlichen Sprachentwicklung, die Prinzipien der Montessori-Pädagogik sowie deren praktische Anwendung in der Sprachförderung und -therapie.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Prüfung der Anwendbarkeit und Sinnhaftigkeit von Applikationen aus der Montessori-Pädagogik als Ergänzung zu therapeutischen Interventionsangeboten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit kombiniert theoretische Analysen der Fachliteratur mit einem Fallbeispiel, das zur praktischen Überprüfung der theoretischen Ansätze dient.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich ausführlich mit den anthropologischen Grundlagen von Montessori, der Bedeutung von Sinnesschulung, den sensiblen Phasen und den spezifischen Sprachmaterialien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Montessori-Pädagogik, Sprachtherapie, Sprachförderung, sensible Phasen, Sinnesmaterial und vorbereitete Umgebung.
Wie reagiert das Kind im Praxisbeispiel auf die Therapie?
Nils zeigt sich anfangs skeptisch, entwickelt jedoch zunehmend Freude am Montessori-Material und zeigt deutliche Fortschritte in der Feinmotorik sowie eine Verbesserung der sprachlichen Verständlichkeit.
Gibt es Grenzen für den Einsatz der Montessori-Pädagogik in der Sprachtherapie?
Ja, bei spezifischen Störungsbildern wie Stottern oder Poltern reicht die Montessori-Pädagogik allein nicht aus und muss durch weitere sprachtherapeutische Ansätze ergänzt werden.
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- Kerstin Holländer (Author), 2002, Applikationen aus der Montessori-Pädagogik als Elemente in der Planung sprachtherapeutischer Interventionsangebote für Kinder, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32910