Frontalunterricht und Gelenktes Unterrichtsgespräch als Leitfossilien von Unterricht?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
19 Seiten, Note: 2,1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichte der Methode

3. Frontalunterricht im Urteil der Didaktiker und Pädagogen
3.1. Argumente gegen Frontalunterricht
3.2. Vorteile des Frontalunterrichtes

4. Unterrichtsformen und didaktische Funktionen des Frontalunterrichtes

5. Frontalunterricht am Beispiel
5.1. Der Lehrvortrag
5.2. Das gelenkte Unterrichtsgespräch

6. Schlussbemerkungen

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit dem Ton merklicher Herabsetzung wird in unserer heutigen Zeit der Begriff Frontalunterricht von Studenten, Pädagogen und Didaktikern gebraucht. Er gilt vielerorts als antiquiert und unangemessen gegenüber den Zielvorstellungen einer modernen Schule und besonders stellt er für viele das Beispiel schlechten Unterrichts dar. Trotzdem wird Frontalunterricht in den deutschen Schulen noch ungebrochen häufig als Unterrichtsmethode verwendet. Durch statistische Erhebungen konnte belegt werden, dass mit bis zu 90 Prozent Unterrichtsanteil gegenüber der vielfach geforderten und angepriesenen Gruppenarbeit mit nur 5 bis 8 Prozent, der Frontalunterricht in der Praxis die dominierende Sozialform darstellt.[1] Wie kann es zu so einem Ungleichgewicht trotz immer weiter andauernder Appelle der Didaktiker kommen? Sollte man sich nicht gerade auf dem Hintergrund der Statistik mit dieser Methode näher befassen anstatt sie gleich von Anfang an aus der Betrachtung auszugrenzen?

Zum Frontalunterricht gibt es im Gegensatz zu offenen und schüleraktiven Unterrichtsformen kaum wissenschaftliche Literatur. Jahrzehntelang ist dieses Thema recht stiefmütterlich behandelt worden. Erst ab ca. 1980 beschäftigten sich wieder mehr Didaktiker und Pädagogen mit dieser in der Praxis dominierenden Unterrichtsform. Neben Arbeiten von Ernst Meyer (1983) und dem Bielefelder Schulpädagogen Karl Aschersleben (1985 / 1999) sind vor allem noch Hilbert Meyer (1990) und Meinert Meyer (1997) zu nennen, welche Veröffentlichungen zu diesem Thema herausbrachten. Auch die Zeitschrift Pädagogik hat sich in zwei Heften

(H. 11/1990 u. H. 5/1998) mit diesem Thema ausführlich auseinandergesetzt.[2]

In dieser Arbeit möchte ich mich zunächst mit den theoretischen Grundlagen des Frontalunterrichtes beschäftigen. Hierzu gebe ich zu Beginn eine kurze Geschichte des Frontalunterrichtes zum besseren Verständnis der weiten Verbreitung und seines Charakters. Danach werde ich auf die Urteile der Didaktiker und Pädagogen zu sprechen kommen und deren Argumente gegen diese Methode aufführen, aber auch Vorteile des Frontalunterrichtes aufzeigen. In einem nächsten Schritt widme ich mich dann den verschiedenen Unterrichtsverfahren sowie den didaktischen Funktionen des Frontalunterrichtes um in einem letzten Punkt auf praktische Beispiele, hier speziell den Lehrvortrag und das gelenkte Unterrichtsgespräch, für gelingenden und nützlichen Frontalunterricht hinzuweisen. Durch diese Vorgehensweise wird es mir erlaubt die didaktische Methode Frontunterricht kritisch zu untersuchen und zu hinterfragen, gleichzeitig aber auch ihre notwendige Integration in andere, schüleraktivierendere Methoden zu untersuchen.

2. Geschichte der Methode

Frontalunterricht ist zwar eine der ältesten Unterrichtsmethoden überhaupt, aber trotzdem angesichts der langen Geschichte von Schule und Unterricht seit der Antike eine vergleichsweise junge Unterrichtsform, „nur“ 300 Jahre alt.[3]

In der Antike spielte vor allem der philosophische Dialog zwischen Lehrer und fragendem Schüler die Hauptrolle. Der Frontalunterricht oder Elemente daraus waren überhaupt nicht bekannt. Im Mittelalter verlor sich diese Tradition und man ging dazu über, in „Haufen“, d.h. Gruppen von Schülern mit vergleichbarem Lernstand zu unterrichten. Dieses war in gewissem Sinn eine Art Einzelunterricht da verschiedene Gruppen spezifische Lernaufgaben erhielten, die vom „Lehrer“ abgefragt wurden.[4]

Erster Pädagoge der Teile des heutigen Frontalunterrichtes entwickelte war Johann Amos Comenius. Er entwarf ein großes philosophisches und erziehungsprogrammatisches Gedankengebäude in dem er das Postulat aufstellte, allen alles umfassend lehren zu wollen. Er dachte dabei vor allem an den Lehrvortrag, ein Bestandteil des heutigen Frontalunterrichtes, in dem dieses Postulat verwirklicht werden sollte. Durch diese geistigen Grundlagen ist die Geburtsstunde des Frontalunterrichtes markiert.[5]

Aber erst mit der Durchsetzung der allgemeinen Schulpflicht seit dem Ende des 17. Jahrhunderts und einem damit verbundenen sehr starken Bevölkerungszuwachs wurde es notwendig Unterrichtsformen zu entwickeln, mit denen eine sehr große Anzahl von Schülern effektiv unterrichtet werden konnte. Neue unterrichtsorganisatorische Formen entwickelten sich, so die Jahres- und Jahrgangsklassen, der Kollektivunterricht und eine straffere methodische Disziplinierung usw. Hierin eröffneten sich auch wieder Chancen zur Umsetzung der Gedanken von Rousseau und Pestalozzi über ein verständnisorientiertes Lehrgespräch, das methodisch erstmals im 18. Jahrhundert von Friedrich Eberhard von Rochow im fragend-entwickelnden Unterricht verwirklicht wurden.[6]

Perfektioniert, wissenschaftlich begründet und ausgearbeitet wurde die Methode durch Johann Friedrich Herbart (1776-1841). Seine Gedanken und Vorstellungen wurden methodisch umgesetzt in einer differenzierten Lehrkunst, die unterschiedliche Lehrformen ebenso einschloss wie Techniken der Lehrerfrage, den Impuls, die Darbietung oder das fragend-entwickelnde Gespräch. Durch diese neuen Formen der Lehre wurde das Unterrichtsgeschehen enorm effizienter und eine Wissensvermittlung nicht mehr im damals weit verbreiteten Hauslehrerunterricht, sondern in Klassen ermöglicht. Im Laufe der Jahre verkam allerdings, auch unter Einfluss anderer Pädagogen und Didaktiker, diese gut ausgearbeitete Didaktik zu einem „Lektionismus“ und zum „Beybringen“.[7]

Dagegen wandte sich Anfang des 20. Jahrhunderts die Reformpädagogik, welche vielmehr die Selbsttätigkeit und Selbständigkeit des Schülers fördern wollte. Im Zuge dieser Bewegung wurden verschiedene didaktische Modelle entwickelt, deren Umsetzung im Schulalltag aber nie richtig durchgesetzt wurde und somit deren Erfolg bezweifelt werden muss. Durch neue Medien, wie Film, Video, Overheadprojektor oder die Präsentation von Unterrichtsinhalten mit Powerpoint, erlebte der Frontalunterricht immer wieder eine neue Aktualität und konnte inhaltlich und äußerlich interessanter gestaltet werden. Dadurch und durch die relative Einfachheit in seiner Vorbereitung ist der Frontalunterricht die traditionelle Unterrichtsform mit einer so starken Ausprägung geblieben und bildet heute die am meisten verwendete Unterrichtsmethode im Schulalltag.[8]

3. Frontalunterricht im Urteil der Didaktiker und Pädagogen

Dem Frontalunterricht wird wie eingangs erwähnt von vielen Pädagogen und Didaktikern mit sehr starken Vorbehalten begegnet. Aber auch von schulpolitischer und bildungsjournalistischer Seite wurde, vor allem nach dem schlechten Abschneiden Deutschlands beim Internationalen Bildungsvergleich PISA, diese Unterrichtsform stark kritisiert. Viele sahen in ihr die Ursache für das Desaster. Diese Äußerungen sind aber vorschnell und gehen zu weit.[9] Im Folgenden möchte ich die wichtigsten Argumente gegen und für Frontalunterricht nennen, sie näher untersuchen und somit eine gezielte Auseinandersetzung mit diesem Thema bewirken.

3.1. Argumente gegen Frontalunterricht

Als stärkstes Argument gegen Frontalunterricht wird immer wieder angeführt, dass diesem ein grundsätzlicher pädagogischer Denkfehler unterliege. „Das Lehren des Lehrers wird mit Lernen der Schüler und Schülerinnen gleichgesetzt.“[10] Hier wird ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Lehren und Lernen konstruiert der so nicht gegeben ist. Nicht alles was der Lehrer an Lehrstoff vermittelt, kommt auch in gleicher Weise bei den Schülern an. Was letztlich der Schüler an neuem Wissen aufnimmt, hängt von seiner Motivation, von Anknüpfungspunkten an bestehendes Wissen sowie Techniken der Eigenkonstruktion von Wissen und Erkenntnissen ab. Somit kann das Lehren des Lehrers nicht gleichgesetzt werden mit Lernen von Schülern.[11]

Als zweiten wichtigen Kritikpunkt führen Gegner des Frontalunterrichtes die Vernachlässigung sozialerzieherischer Aspekte in dieser Unterrichtsform an.[12] Zu diesen sozialen Zielen zählen neben Kooperationsfähigkeit das Erkennen von Gruppendynamiken und die Reaktion darauf, die Erziehung zur Selbständigkeit in der Übernahme von Verantwortung, das Erlernen von Kommunikation untereinander sowie die Übernahme von Verantwortung für einen gemeinsamen Lehr- und Lernprozess. Alle diese für das Überleben in der modernen Gesellschaft und im Berufsleben so wichtig gewordenen Fähigkeiten können durch Frontalunterricht nicht vermittelt werden, da alle wichtigen Entscheidungen, Prozesse und Arbeiten vom Lehrer aufgegeben, angeleitet oder selbst durchgeführt werden.[13]

Damit verbunden ist die Kritik, dass Frontalunterricht die autoritäre Bindung an den Lehrer stärkt und somit obrigkeitsstaatliches Denken statt demokratisches Miteinander gefördert wird. Nicht nur das Auftreten des Lehrers als allwissende, alles unter Kontrolle habende Figur vor der Klasse trägt hierzu bei. Auch die Anordnung der Einrichtungsgegenstände, die Sitzordnung und die Klassenzimmereinrichtung (z.B. Tafel richtet Blicke immer wieder nach vorn) legen Frontalunterricht nahe und verstärken den Autoritätseffekt nochmals.[14]

[...]


[1] Vgl.: Elisabeth Fuhrmann: Unterrichtsverfahren im Frontalunterricht. Vom gelenkten Gespräch bis

zum darbietenden Unterricht, in: Herbert Gudjons u.a. (Hrsg.): Pädagogik 5/1998, S. 19.

[2] Vgl.: Herbert Gudjons: Frontalunterricht-neu entdeckt. Integration in offene Unterrichtsformen, Bad

Heilbrunn 2003, S. 7.

[3] Vgl.: Herbert Gudjons: Frontalunterricht-neu entdeckt. Integration in offene Unterrichtsformen, Bad

Heilbrunn 2003, S. 13.

[4] Vgl.: Ebd. S. 11.

[5] Vgl.: Ebd. S. 11ff.

[6] Vgl.: Herbert Gudjons: Frontalunterricht-neu entdeckt. Integration in offene Unterrichtsformen, Bad

Heilbrunn 2003, S. 13-16.

[7] Vgl.: Ebd. S. 16ff.

[8] Vgl.: Herbert Gudjons: Frontalunterricht-neu entdeckt. Integration in offene Unterrichtsformen, Bad

Heilbrunn 2003, S. 19.

[9] Vgl.: Karl Aschersleben: Frontalunterricht-klassisch und modern, Neuwied/Kriftel 1999, S. 1.

[10] Herbert Gudjons: Frontalunterricht-neu entdeckt. Integration in offene Unterrichtsformen, Bad

Heilbrunn 2003, S. 27.

[11] Vgl.: Ebd. S. 27.

[12] Vgl.: Karl Aschersleben: Moderner Frontalunterricht. Neubegründung einer umstrittenen

Unterrichtsmethode, Frankfurt a.M. 1986, S. 29.

[13] Vgl.: Herbert Gudjons: Frontalunterricht-neu entdeckt. Integration in offene Unterrichtsformen, Bad

Heilbrunn 2003, S. 28f.

[14] Vgl.: Karl Aschersleben: Moderner Frontalunterricht. Neubegründung einer umstrittenen

Unterrichtsmethode, Frankfurt a.M. 1986, S. 30f.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Frontalunterricht und Gelenktes Unterrichtsgespräch als Leitfossilien von Unterricht?
Hochschule
Universität Kassel
Veranstaltung
Seminar über die Probleme des Geschichtsunterrichtes in der Sekundarstufe II
Note
2,1
Autor
Jahr
2004
Seiten
19
Katalognummer
V32929
ISBN (eBook)
9783638335195
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frontalunterricht, Gelenktes, Unterrichtsgespräch, Leitfossilien, Unterricht, Seminar, Probleme, Geschichtsunterrichtes, Sekundarstufe
Arbeit zitieren
Thomas Wittmann (Autor), 2004, Frontalunterricht und Gelenktes Unterrichtsgespräch als Leitfossilien von Unterricht?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32929

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