Mit dem Ton merklicher Herabsetzung wird in unserer heutigen Zeit der Begriff Frontalunterricht von Studenten, Pädagogen und Didaktikern gebraucht. Er gilt vielerorts als antiquiert und unangemessen gegenüber den Zielvorstellungen einer modernen Schule und besonders stellt er für viele das Beispiel schlechten Unterrichts dar. Trotzdem wird Frontalunterricht in den deutschen Schulen noch ungebrochen häufig als Unterrichtsmethode verwendet. Durch statistische Erhebungen konnte belegt werden, dass mit bis zu 90 Prozent Unterrichtsanteil gegenüber der vielfach geforderten und angepriesenen Gruppenarbeit mit nur 5 bis 8 Prozent, der Frontalunterricht in der Praxis die dominierende Sozialform darstellt. Wie kann es zu so einem Ungleichgewicht trotz immer weiter andauernder Appelle der Didaktiker kommen? Sollte man sich nicht gerade auf dem Hintergrund der Statistik mit dieser Methode näher befassen anstatt sie gleich von Anfang an aus der Betrachtung auszugrenzen?
Zum Frontalunterricht gibt es im Gegensatz zu offenen und schüleraktiven Unterrichtsformen kaum wissenschaftliche Literatur. Jahrzehntelang ist dieses Thema recht stiefmütterlich behandelt worden. Erst ab ca. 1980 beschäftigten sich wieder mehr Didaktiker und Pädagogen mit dieser in der Praxis dominierenden Unterrichtsform. Neben Arbeiten von Ernst Meyer (1983) und dem Bielefelder Schulpädagogen Karl Aschersleben (1985 / 1999) sind vor allem noch Hilbert Meyer (1990) und Meinert Meyer (1997) zu nennen, welche Veröffentlichungen zu diesem Thema herausbrachten. Auch die Zeitschrift Pädagogik hat sich in zwei Heften (H. 11/1990 u. H. 5/1998) mit diesem Thema ausführlich auseinandergesetzt. In dieser Arbeit möchte ich mich zunächst mit den theoretischen Grundlagen des Frontalunterrichtes beschäftigen. Hierzu gebe ich zu Beginn eine kurze Geschichte des Frontalunterrichtes zum besseren Verständnis der weiten Verbreitung und seines Charakters. Danach werde ich auf die Urteile der Didaktiker und Pädagogen zu sprechen kommen und deren Argumente gegen diese Methode aufführen, aber auch Vorteile des Frontalunterrichtes aufzeigen. In einem nächsten Schritt widme ich mich dann den verschiedenen Unterrichtsverfahren sowie den didaktischen Funktionen des Frontalunterrichtes um in einem letzten Punkt auf praktische Beispiele, hier speziell den Lehrvortrag und das gelenkte Unterrichtsgespräch, für gelingenden und nützlichen Frontalunterricht hinzuweisen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Geschichte der Methode
3. Frontalunterricht im Urteil der Didaktiker und Pädagogen
3.1. Argumente gegen Frontalunterricht
3.2. Vorteile des Frontalunterrichtes
4. Unterrichtsformen und didaktische Funktionen des Frontalunterrichtes
5. Frontalunterricht am Beispiel
5.1. Der Lehrvortrag
5.2. Das gelenkte Unterrichtsgespräch
6. Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Frontalunterricht in deutschen Schulen kritisch, um die Diskrepanz zwischen seiner weit verbreiteten Anwendung und seiner häufigen didaktischen Diskreditierung zu analysieren, und erarbeitet Wege für eine zeitgemäße, methodisch integrierte Unterrichtsgestaltung.
- Historische Entwicklung des Frontalunterrichts seit der Antike und Comenius
- Kritische Auseinandersetzung mit fachdidaktischen Vorbehalten gegenüber der Methode
- Analyse der didaktischen Funktionen und Einsatzmöglichkeiten
- Praktische Untersuchung des Lehrvortrags und des gelenkten Unterrichtsgesprächs
- Plädoyer für eine variantenreiche, in offene Formate integrierte Frontalunterrichtspraxis
Auszug aus dem Buch
3.1. Argumente gegen Frontalunterricht
Als stärkstes Argument gegen Frontalunterricht wird immer wieder angeführt, dass diesem ein grundsätzlicher pädagogischer Denkfehler unterliege. „Das Lehren des Lehrers wird mit Lernen der Schüler und Schülerinnen gleichgesetzt.“ Hier wird ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Lehren und Lernen konstruiert der so nicht gegeben ist. Nicht alles was der Lehrer an Lehrstoff vermittelt, kommt auch in gleicher Weise bei den Schülern an. Was letztlich der Schüler an neuem Wissen aufnimmt, hängt von seiner Motivation, von Anknüpfungspunkten an bestehendes Wissen sowie Techniken der Eigenkonstruktion von Wissen und Erkenntnissen ab. Somit kann das Lehren des Lehrers nicht gleichgesetzt werden mit Lernen von Schülern.
Als zweiten wichtigen Kritikpunkt führen Gegner des Frontalunterrichtes die Vernachlässigung sozialerzieherischer Aspekte in dieser Unterrichtsform an. Zu diesen sozialen Zielen zählen neben Kooperationsfähigkeit das Erkennen von Gruppendynamiken und die Reaktion darauf, die Erziehung zur Selbständigkeit in der Übernahme von Verantwortung, das Erlernen von Kommunikation untereinander sowie die Übernahme von Verantwortung für einen gemeinsamen Lehr- und Lernprozess. Alle diese für das Überleben in der modernen Gesellschaft und im Berufsleben so wichtig gewordenen Fähigkeiten können durch Frontalunterricht nicht vermittelt werden, da alle wichtigen Entscheidungen, Prozesse und Arbeiten vom Lehrer aufgegeben, angeleitet oder selbst durchgeführt werden.
Damit verbunden ist die Kritik, dass Frontalunterricht die autoritäre Bindung an den Lehrer stärkt und somit obrigkeitsstaatliches Denken statt demokratisches Miteinander gefördert wird. Nicht nur das Auftreten des Lehrers als allwissende, alles unter Kontrolle habende Figur vor der Klasse trägt hierzu bei. Auch die Anordnung der Einrichtungsgegenstände, die Sitzordnung und die Klassenzimmereinrichtung (z.B. Tafel richtet Blicke immer wieder nach vorn) legen Frontalunterricht nahe und verstärken den Autoritätseffekt nochmals.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beleuchtet das Spannungsfeld zwischen der hohen Verbreitung des Frontalunterrichts in der Praxis und seiner häufigen Ablehnung durch zeitgenössische Pädagogen.
2. Geschichte der Methode: Zeichnet die historische Entwicklung des Frontalunterrichts von Comenius über Herbart bis zur Reformpädagogik nach.
3. Frontalunterricht im Urteil der Didaktiker und Pädagogen: Analysiert kritisch die gängigen Argumente gegen diese Sozialform und stellt ihnen begründete Vorteile gegenüber.
4. Unterrichtsformen und didaktische Funktionen des Frontalunterrichtes: Definiert die zentralen didaktischen Funktionen und deren Bedeutung im modernen Unterrichtskontext.
5. Frontalunterricht am Beispiel: Untersucht mit dem Lehrvortrag und dem gelenkten Unterrichtsgespräch zwei der in der Schulpraxis am häufigsten eingesetzten Methoden.
6. Schlussbemerkungen: Plädiert für eine differenzierte Einbindung des Frontalunterrichts in einen facettenreichen, schüleraktivierenden Gesamtunterricht.
Schlüsselwörter
Frontalunterricht, Unterrichtsmethode, Didaktik, Lehrvortrag, gelenktes Unterrichtsgespräch, Schulpraxis, Schüleraktivierung, Sozialform, pädagogische Methoden, Methodenkompetenz, Wissensvermittlung, Reformpädagogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Rolle des Frontalunterrichts in modernen Schulen und untersucht, wie diese als antiquiert geltende Methode trotz Kritik weiterhin die dominierende Sozialform im Schulalltag bleiben konnte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die historische Entwicklung der Methode, die pädagogische Kritik, die didaktischen Funktionen sowie die praktische Ausgestaltung durch den Lehrvortrag und das Unterrichtsgespräch.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist eine kritische Untersuchung des Frontalunterrichts, um aufzuzeigen, wie diese Methode trotz ihrer Nachteile effektiv und sinnvoll in einen modernen, schülerorientierten Unterricht integriert werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung auf Basis einschlägiger pädagogischer und fachdidaktischer Literatur, um den Frontalunterricht methodisch neu zu bewerten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einordnung, eine Gegenüberstellung von Pro- und Contra-Argumenten, eine Definition didaktischer Funktionen und eine detaillierte Betrachtung von Lehrvortrag und gelenktem Gespräch.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Frontalunterricht, Didaktik, Methodenkompetenz, Lehrvortrag und Unterrichtsgespräch.
Warum ist der "Lehrvortrag" laut Autor nicht zwangsläufig als "schlechter Unterricht" zu werten?
Der Autor argumentiert, dass ein gut vorbereiteter Lehrvortrag, der methodische Phantasie nutzt und die Schüler anspricht, ein effektives Mittel zur Wissensvermittlung sein kann und keineswegs per se ein Zeichen für Überforderung beim Lehrer ist.
Wie unterscheidet sich ein „gelenktes Unterrichtsgespräch“ von einem „offenen Gespräch“?
Im gelenkten Unterrichtsgespräch übernimmt die Lehrkraft den aktiven Part, um Lernschritte gezielt zu steuern, während in einem offenen Gespräch die Schüler weitgehend selbstständig agieren.
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- Thomas Wittmann (Author), 2004, Frontalunterricht und Gelenktes Unterrichtsgespräch als Leitfossilien von Unterricht?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32929