Einleitung
Vor etwa drei Jahren erschien ein kleines Buch unter dem Titel: „Als das Schreiben noch geholfen hat“ – ein Sachbüchlein, das jenen Themen gewidmet ist, „die den Journalisten am meisten beschäftigen: das Verhältnis zwischen Journalismus und Politik, zwischen Medien und Kirche und über das Selbstverständnis der Medienmacher“ . Der Titel scheint an eine goldene Vorzeit zu erinnern, als Schriftsteller und (im hier zu betrachtenden Kontext) vor allem Journalisten durch ihr Wirken noch etwas an den gesellschaftlichen Gegebenheiten verändern konnten. Es sei beispielsweise an die 48er Revolution erinnert, als die an eine Hofberichterstattung gewöhnten Vertreter der politischen Klasse ihr Verständnis von medialer Kontrolle unter dem Aufbegehren einer kritischen Öffentlichkeit ändern mußten. Nicht zuletzt dem Druck der oppositionellen Presse ist es zu verdanken, daß bereits in den Grundrechten des deutschen Volkes, die 1848 durch das Paulskirchenparlament verkündet wurden, erstmals eine garantierte Pressefreiheit verankert wurde. Es folgte ein Jahrhundert des Kampfes zwischen Unterdrückung und Freiheit, in dem immer wieder die Presse zum Sprachrohr der oppositionellen Kräfte wurde. Wie sehr die Regierenden damals die Macht der Schreiber fürchteten, zeigt beispielsweise ein Ausspruch des französischen Feldherren Napoleon, der sagte: „Wenn ich der Presse die Zügel locker ließe, würde ich keine drei Monate im Besitz der Macht bleiben“ . Diese Befürchtung charakterisiert ein ganzes Jahrhundert des Verhältnisses zwischen Presse und Regierenden.
Heute erscheint die seitens des Staates garantierte Pressefreiheit als Selbstverständlichkeit. Gerade aus den erst 50 Jahre zurückliegenden Ereignissen heraus, wäre ein Grundgesetz ohne die in Artikel 5 verankerte Pressefreiheit undenkbar. „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten...“ heißt es dort, doch „Rechte ohne Ressourcen sind ein grausamer Scherz“ .
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1 Fleischhacker, Michael, Pirker Hoerst: Als das Schreiben noch geholfen hat, Köln, 1998.
2 Ebd., S. 9.
3 Hier zitiert nach: Jipp, Karl-Ernst: Medien, Mächte, Meinungen. Eine Sammlung von Zitaten über Medien und Gesellschaft,[...]
4 Rappaport, Anatol, hier zitieret nach: Funiok, Rüdiger, Schmälzle Udo F., Werth, Christoph H. (Hrsg.): Medienethik – die Frage der Verantwortung, Bonn 1999, S. 9.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Radikaldemokratischer Wandel der Öffentlichkeit und erwachende Risikosensibilität
3 Handlungskonsequenzen für den Journalismus
4 Mangel an journalistischer Qualität und Anklage einer fehlenden Forschungstradition
5 Notwendiger Wandel zu einem großen und autonomen Journalismus
6 Schlußbetrachtungen
7 Literaturverzeichnis
8 Anlage: Handout zum Referat
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert den normativen Ansatz des Journalismus nach Wolfgang R. Langenbucher. Dabei wird untersucht, wie sich die Rolle des Journalisten in einer modernen Gesellschaft verändert hat, welche Defizite in der aktuellen Forschung bestehen und warum eine Rückbesinnung auf den "autonomen Journalismus" als Kulturleistung erforderlich ist.
- Die Auswirkungen des radikaldemokratischen Wandels auf die öffentliche Kommunikation
- Die Kontrollfunktion und soziale Verantwortung der Massenmedien
- Kritik an der aktuellen Qualitätssicherung und dem Mangel an journalistischer Forschung
- Die Definition des "autonomen Journalismus" als Gegenmodell zum reinen Handwerksverständnis
- Die Bedeutung herausragender publizistischer Persönlichkeiten für eine demokratische Gesellschaft
Auszug aus dem Buch
Mangel an journalistischer Qualität und Anklage einer fehlenden Forschungstradition
1983 veröffentlichte die Zeit ein Gespräch, das vor dem Hintergrund einer von Günther Grass als zunehmend katastrophal eingeschätzten Weltlage auch die Rolle des Schriftstellers und des Journalisten thematisierte. Grass beschuldigte in diesem Gespräch den Journalismus eines Versagens, „wodurch sich der Schriftsteller zum Ersatzdienst, zum Notdienst des Tagesjournalismus abberufen fühlt“.
Immer wieder wird den Medien vorgeworfen, daß sie sich zu „Hofberichterstattung, Verlautbarungsjournalismus (und) Terminjournalismus“ hinreisen lassen, statt ihre eigentliche „Grundfunktion“ des Vermittlers „zwischen der Welt und dem einzelnen, zwischen den Leitern des Staates und den Machern der Politik überhaupt einerseits, dem Publikum auf der anderen Seite“ wahrzunehmen. Gemeint ist damit vor allem der Rückgang an eigenständiger Recherche zugunsten einer häufig ungeprüften Übernahme von pressegerecht aufbereiteten Meldungen aus den Abteilungen für Öffentlichkeitsarbeit der großen Firmen und Ministerien aufgrund von Zeitdruck oder gar nur aus Bequemlichkeit.
Doch nicht nur aus den Reihen von Außenstehenden mußten die Medien zunehmend Kritik in Kauf nehmen, sondern auch aus den eigenen Reihen. Dort wurden Anklagen bezüglich Verstößen gegen das Berufsethos hörbar, und immer wieder entflammte die Diskussion über Qualität im Journalismus. Längst wurde der Unterschied zu anderen produzierenden Zweigen erkannt und bei den Medienmachern dürfte Einigkeit darüber herrschen, daß Qualität im Journalismus nicht einfach das ist, „was sich verkauft“.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische Entwicklung der Pressefreiheit und verknüpft sie mit der heutigen Verantwortung des Journalismus in einer modernen Demokratie.
2 Radikaldemokratischer Wandel der Öffentlichkeit und erwachende Risikosensibilität: Dieses Kapitel beschreibt den Wandel zur partizipativen Öffentlichkeit und die damit einhergehende neue Rolle der Medien als "öffentliche Pranger" und Akteure im Risikodialog.
3 Handlungskonsequenzen für den Journalismus: Hier werden die Kontrollfunktion und die soziale Leitrolle der Medien in komplexen gesellschaftlichen Zusammenhängen hervorgehoben.
4 Mangel an journalistischer Qualität und Anklage einer fehlenden Forschungstradition: Das Kapitel kritisiert die mangelnde journalistische Qualität, die Ausbreitung des "Verlautbarungsjournalismus" und die Versäumnisse der Forschung bei der Kanonbildung.
5 Notwendiger Wandel zu einem großen und autonomen Journalismus: Es wird gefordert, dass Journalisten die Mechanismen politischer PR durchschauen und sich als kulturelle Akteure jenseits des reinen Handwerks neu definieren.
6 Schlußbetrachtungen: Die abschließenden Überlegungen verteidigen den subjektbezogenen Ansatz gegen Kritik und plädieren für die Orientierung an großen publizistischen Vorbildern.
7 Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen.
8 Anlage: Handout zum Referat: Zusammenfassende Darstellung der Seminararbeit.
Schlüsselwörter
Wolfgang R. Langenbucher, Journalismus, Publizistik, Pressefreiheit, Radikaldemokratischer Wandel, Qualitätsjournalismus, Autonomer Journalismus, Medienethik, Öffentlichkeitsarbeit, Forschungstradition, Publizistische Persönlichkeit, Journalismusforschung, Kontrollfunktion, Demokratie, Partizipation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Journalismustheorie von Wolfgang R. Langenbucher und untersucht dessen normativen Ansatz, der den Journalismus nicht nur als Handwerk, sondern als eine essenzielle Kulturleistung für die Demokratie betrachtet.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die Veränderung politischer Öffentlichkeit, die Kritik an journalistischer Alltagsarbeit sowie die Forderung nach einem "autonomen Journalismus", der sich durch persönliche Exzellenz auszeichnet.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Langenbuchers Thesen zur notwendigen Qualitätssicherung und zur Rolle des Journalisten als "publizistische Persönlichkeit" kritisch nachzuzeichnen und aufzuzeigen, warum die aktuelle Forschung eine Kanonbildung vernachlässigt hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoriegeleitete Aufarbeitung, die verschiedene fachwissenschaftliche Positionen (z.B. Langenbucher, Dovifat, Rühl) gegenüberstellt und die normative Perspektive des Autors einordnet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für Journalisten, die Kritik an der mangelnden Recherchekultur sowie das Idealbild des autonomen Journalisten im Kontrast zur standardisierten Dienstleistung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Autonomer Journalismus, Medienethik, Qualitätssicherung, Journalismusforschung, Demokratie und Partizipation.
Warum kritisiert Langenbucher die aktuelle Journalismusforschung?
Er kritisiert, dass die Forschung sich zu stark auf formale Imperative und Alltagsroutinen konzentriere, anstatt große journalistische Leistungen zu sammeln, zu analysieren und als Vorbilder für kommende Generationen zu etablieren.
Was versteht der Autor unter dem "autonomen Journalismus"?
Er versteht darunter einen Journalismus, der über bloßes Handwerk hinausgeht, eine eigene Handschrift besitzt und den Anspruch erhebt, als eigenständige Kulturleistung die gesellschaftliche Entwicklung kritisch zu begleiten.
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- Jana Lippmann (Author), 2001, Großer Journalismus nach Wolfgang R. Langenbucher - ein normativer Ansatz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3302