Binswanger: Geld und Magie. Deutung und Kritik der modernen Wirtschaft


Seminararbeit, 1996

29 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Der alchemistische Gehalt des Faust

III Geldkapital, Mehrwert und der "Stein der Weisen"

IV Alchemie - die Wertschöpfung aus dem Nichts

V Die Alchemie der Wirtschaft als Prinzip der modernen Gesellschaft?

VI Wirtschaft und Transzendenz

VII Binswanger und die marxistische Goethe-Interpretation

VIII Zeit und Zeitlichkeit in der modernen Gesellschaft: die Wissenschaft

IX Die Zeitlichkeit der Kunst als Alternative

X Zeit und Wirtschaft

XI Goethe - ein Volkswirtschaftler?

XII Resümee

XIII Materialien und Quellen

Anmerkung:

Die Hauptquelle ist: Binswanger, Hans Christoph: Geld und Magie. Deutung und Kritik der modernen Wirtschaft anhand von Goethes Faust. Mit einem Nachwort von Iring Fetscher. Stuttgart: Edition Weitbrecht, 1985.

Sie wird im folgenden als Binswanger Seitenangabe zitiert.

I Einleitung

In "Geld und Magie. Deutung und Kritik der modernen Wirtschaft anhand von Goethes 'Faust'" versucht sich Hans Christoph Binswanger an einer Interpretation des zweiten Teiles des Faust, die sich betont von der idealistischen Goetheauslegung distanziert und das Drama als eine Allegorie der modernen Wirtschaft liest. Ausgehend von einer Analyse des alchemistischen Prozedere untersucht Binswanger, wie im Verlauf des Dramas Elemente der Alchemie motivisch wiederkehren und Goethes Sichtweise der modernen Wirtschaft bestimmen; im zweiten Teil (Binswanger 92 - 146) steht das Verhältnis von Wirtschaft und Zeit bzw. die Verbindung von Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst mit der Überwindung der Vergänglichkeit im Vordergrund. Der dritte Teil setzt sich schließlich mit Goethes Verhältnis zur Ökonomie und dessen ökonomischer Kompetenz auseinander und zieht sie als Beleg für die dezidiert ökonomisch-gesellschaftliche Interpretation heran. Das Anliegen ist eine Analyse der modernen Gesellschaft und Wirtschaft, insbesondere in ihrem Verhältnis zum Geld, vor dem Hintergrund einer Faust-Interpretation. Als Nicht-Philologe und Volkswissenschaftler betrachtet Binswanger das Drama dabei unter einem anderen Blickwinkel.

Gleich zu Anfang seiner Darlegungen stellt Binswanger die These auf, im Mittelpunkt von Goethes Faust stehe die Faszination der Wirtschaft, die als alchemistischer Prozeß oder als "Suche nach den künstlichen Gold" erklärt wird (Binswanger 9). Auch der historische Faust sei, wie der fiktive, ein Alchemist, ein "Schwarzkünstler" gewesen, der sich in fürstliche Dienste begab, um künstliches Gold herzustellen. Der Begriff der Alchemie und sie selbst als Wissenschaft stammten wahrscheinlich aus Ägypten; etymologisch habe sich das Wort aus "Kem" oder "Chem" entwickelt, also der Bezeichnung für "schwarze Erde Ägyptens"; "schwarz" habe möglicherweise als Metapher für das Geheimnisvolle und Mysteriöse dieser Kunst gedient (Binswanger 11)1. Zentrales Mittel bei der Herstellung künstlichen Goldes sei dabei der "Stein der Weisen" als wesentlicher Katalysator des chemischen Prozesses, bei dem ein unedles Metall wie Blei (als Symbol der Vergänglichkeit) in Gold, das Symbol des Dauerhaften und Unvergänglichen, umgewandelt wird. Dieser Bezug der Alchemie zur Zeit bzw. zum Ausbruch des Menschen aus der Vergänglichkeit ist zugleich der Anlaß für Binswangers Analyse des Verhältnisses der Wirtschaft und der modernen Gesellschaft zur Zeit. Ein immaterielles Ziel der Alchemie ist dabei die Erlangung unvergänglicher Glückseligkeit, in materieller Hinsicht sind es Gesundheit und Reichtum, die Erzeugung von Gold im Sinne eines Zahlungsmittels, das sich nicht verbraucht (Binswanger 14).

II Der alchemistische Gehalt des Faust

Binswanger versucht nun, die gesamte Anlage, gewissermaßen den "plot" des Dramas, auf das Prozedere der Alchemie zu übertragen; so handele der erste Teil von der ersten Aufgabe der Alchemie, der Wiederverjüngung (im Drama der Liebe), der zweite von der zweiten Aufgabe, der Herstellung künstlichen Goldes (im Drama der Wirtschaft). Die Wette Fausts mit dem Teufel bestehe in einer derartigen Steigerung des Lebensgenusses, die Mephistopheles Faust bieten möchte, daß dieser den Genuß "verewigen" möchte (vgl. Binswanger 16):

Werd ich zum Augenblicke sagen:

Verweile doch! du bist so schön!

Dann magst du mich in Fesseln schlagen,

Dann will ich gern zugrunde gehn!

Der Versuch, den Augenblick in der Liebe zu verewigen, scheitere aber im ersten Teil des Dramas, da "der Genuß der Liebe ... seinen 'höchsten Augenblick' in der Gegenwart, nicht in der Dauer der Zeit [hat]" (Binswanger 17), während der Versuch gelingt, durch die wirtschaftlich-technische Tat den höchsten Augenblick zu verewigen. Binswanger bezieht sich hier auf die Kolonisierung und Eindämmung von Neuland durch Faust im zweiten Teil des Dramas, die ihn zu dem Ausruf veranlassen:

Im Vorgefühl von solchem hohen Glück
Genieß ich jetzt den höchsten Augenblick. (11585f.)

Was Binswanger nicht explizit herstellt, ist der Zusammenhang der Wette mit der Alchemie, die ihr Bestreben seinen Ausführungen zufolge ja in der Verewigung der Zeit hat; letztendlich müßte die Wette Mephistopheles mit Faust auf die Frage hinauslaufen, ob ihm der alchemistische Prozeß - in der Liebe und in der Wirtschaft - wohl gelingt.

Es schließt sich eine Untersuchung der Grundprinzipien der Alchemie an: Indem die "klassischen" vier Elemente (Wasser, Feuer, Luft, Erde) auf ihr Urmaterial zurückgeführt werden, soll die Quintessenz gewonnen werden, aus der der Stein der Weisen besteht, d. h. ein Pulver, das unedles Material in Gold transmutieren läßt bzw. das vorhandene Gold in den unedlen Materialien zum "Wachsen" bringt. Die Alchemie begreife sich damit als eine Fortführung der Schöpfung mit anderen Mitteln (Binswanger 20); sie sei durch die zwei Prinzipien des Schwefels und des Quecksilbers bestimmt, die es zu vereinigen gelte und die sich dann als Quintessenz zu "philosophischem" Sulphur, Mercurium und Sal niederschlage. Binswanger behauptet nun, daß die Alchemie deswegen aufgegeben wurde, weil sich ihr Vorhaben zur Herstellung künstlichen Goldes auf andere Weise erreichen ließ, nämlich indem man wertlose Substanzen in wertvolle transmutiert; die Wirtschaft ist insofern alchemistisch, als sie einen derartigen Prozeß ermöglicht:

Wir können den Wirtschaftsprozeß als Alchemie deuten, wenn man zu Geld kommen kann, ohne es vorher durch eine entsprechende Anstrengung verdient zu haben, wenn die Wirtschaft sozusagen ein Zylinder ist, aus dem man ein Kaninchen herausholen kann, das vorher nicht drin war, wenn also eine echte Wertschöpfung möglich ist, die an keine Begrenzung gebunden und in diesem Sinne daher Zauberei oder Magie ist (Binswanger 21).

Goethe habe im Faust eben diesen alchemistischen Gehalt der modernen Wirtschaft gesehen, insofern der zweite Teil - entgegen der klassischen Nationalökonomie, die Reichtum nur auf Arbeitsleistung gegründet sehen möchte - den Ursprung des Reichtums als Schaffung von Mehr-Werten aus dem Nichts erklärt. Gerade der magische Gehalt der Wirtschaft mache sie für die moderne Welt so anziehend, da sie "kontinuierliches Wachstum der Produktion" ohne erhöhten Leistungsaufwand verspreche. Hier scheint eben jene Dialektik der Aufklärung am Werk zu sein, die mit Rationalität und Vernunft zugleich auch das Bedürfnis nach Mythos und Irrationalität erhöht; der Magier einer vordergründig aufgeklärten Moderne ist der Spekulant und Broker, der als Adept einer undurchschaubaren Kunst das rationale Wirtschaftsgeschehen am Laufen hält; zugleich wird schon erkennbar, daß der transzendente Gehalt der „alchemistischen“ Wirtschaft dieser einen pseudo-religiösen Nimbus verleiht, was ja auch Binswanger weiterhin ausführt.

Der zweite Teil des Faust beginne daher auch mit der Papiergeldschöpfung, bei der die Geldnoten durch die ungehobenen Goldschätze gedeckt werden und der Kaiser so seine Schulden tilgt; diese Geldschöpfung werde ausdrücklich als "Chymnisterei" bezeichnet; ihr Produkt sei die "heitre Welt", in der man nach Belieben kaufen kann. Die Bedeutung der Mummenschanz-Szene wird auch in der Philologie entsprechend reflektiert; so schreibt z. B. Emrich (Das Rätsel der Faust II-Dichtung, 186):

Dieser Szene liegen tiefsinnige Zusammenhänge zugrunde. Für Goethe war nämlich schon in vielen früheren Dichtungen das feurig-flüssige Gold Symbol höchster Lebens- und Geisteskraft, ja alles Guten, aber auch alles Bösen in der Welt. Aus ihm entwickelte er geradezu die Entstehung von Gut und Böse. Dieses höchste, edelste Metall, heißt es, kann sich in alles wandeln. [...] Goethe ist also hier nicht vor der Auseinandersetzung mit der politischen sogenannten großen Welt geflohen, sondern hat sie nur in eine unendlich viel tiefere, zeitüberlegene Schicht projiziert. Er fragt nach dem Urquell und Ursprung alles Bösen, aller Katastrophen und Kriege. 'Doch bringen wir das Gold zutag', sagen die Gnome, 'damit man stehlen und kuppeln mag, nicht Eisen fehle dem starken Mann, der allgemeinen Mord ersann. Und wer die drei Gebot veracht, sich auch nichts aus den andern macht. Das alles ist nicht unsre Schuld, drum habt so fort wie wir Geduld.'

Das Magische der hier geschilderten Geldschöpfung bestehe nun darin, daß die Geldnoten durch vergrabene, d. h. ungehobene Goldschätze und die Unterschrift des Kaisers gedeckt sind, um das Vertrauen in die Kaufkraft des Geldes aufrechtzuerhalten. Die Papiergeld-schöpfung ermöglicht die Liquidität der Bodenschätze ohne Arbeit mittels einer Imagination, die die Noten schon durch die Möglichkeit gedeckt sieht, daß man die "Hebung" von Bodenschätzen verlangen könnte. Natürlich werde durch diese Notengeldschöpfung der Zahlungsverkehr erleichtert, da die Noten leicht weitergereicht werden können und niemand die Einlösung der Noten in Gold wirklich verlangt; die Schätze der Natur sind gleichsam ohne Arbeit gehoben (Binswanger 28). Mit der kaiserlichen Unterschrift gehe die Weihe und der Glanz des Kaisers auf das Geld über; sie verdeutliche das Prinzip des Schwefels als Glänzendes und Scheinendes. In der Mummenschanz-Szene weisen die Gnome nicht umsonst auf die "Quelle" neben den Bergwerken hin, die durch die Autorität des Kaisers entstehe. Das Papiergeld erscheine im Drama nun nicht als Stein der Weisen, aber als dessen Vorform; wie Quecksilber verflüchtige es sich nach der Ausgabe im Land, wie Binswanger betont (30). Er sieht die ökonomischen Vorstellungen Goethes zur Papiergeldschöpfung mit denen Adam Smiths verbunden, der der Notengeldschöpfung reichtumsvermehrende Wirkung zuschreibt. Goethe habe aber auch gesehen - so Binswanger - , daß die Geldschöpfung aus dem Nichts zu Inflation und Annahmeverweigerung führen muß und zu einer Flucht in die Sachwerte; so will der Hofnarr das Geld sofort in feste Werte umwandeln. Seine alchemistische Kraft entfalte das Papiergeld erst dann, so Binswanger, wenn es investiert und angelegt in den Produktionsprozeß eingehe, sich die Alchemie auf die Wirtschaft ausdehne und diese nach dem Prinzip der Geldschöpfung wachse.

Das Schlüsselwort, das die Geldschöpfung zur Wertschöpfung mache, sei dabei das "Eigentum", verstanden als Herrschaft (dominium), insbesondere als Herrschaft über die Natur, wie es sich in Fausts Plan, dem Meer Neuland abzugewinnen, wiederfinde. So behauptet Binswanger (35):

Die Aneignung der Naturkräfte ist die entscheidende Voraussetzung für eine Wertschöpfung ohne Arbeit.

Faust wird zum Dank für die Unterstützung des Kaisers im Krieg mit einem Küstenstreifen belehnt, den er zum Eigentum erhält; zugleich werde hier, so Binswanger, der Zusammenhang von Krieg und Eigentum hergestellt; Goethe schildere die Kräfte, die bei der "alchemistischen Schaffung des Eigentums" (Binswanger 39) mitwirken, durch die Gesellen Raufebold, Habebald, Eilebeute und Haltefest; Raufebold stehe dabei für die nackte Gewalt, Habebald für die Habgier, Haltefest für den Geiz; die Institution des Eigentums stelle die zweite Stufe des Prozesses zur Schaffung des Steins der Weisen dar.

Die Binswangersche Interpretation kann hier weiter ergänzt werden: In der Pfalzszene tritt die Gesellschaft neben die Natur, wie sie die erste Szene beherrscht; im Gegensatz zu Binswanger deutet allerdings Kobligk (Johann Wolfgang Goethe: Faust II, 15) Mephistopheles als einen Vertreter der Aufklärung, der das sozial Fortschrittliche gegenüber dem pfäffischen Kanzler vertrete und als solcher die Abwendung der Not durch die Hebung verborgener Schätze mittels produktiver Arbeit empfiehlt:

In Mephistos Worten zeigt sich das eigentliche Wesen der Magie (so wie Goethe sie jetzt versteht) als Naturvertrauen und produktive Tätigkeit des Menschen; die niedere Magie als bloße Zauberei wird abgelehnt.

Erst wenn der Kaiser die Elemente der Natur beherrscht, kann er ein wahrer Herr über die Welt werden; Mephistopheles gegenüber aber bleibt er dem Hier und Jetzt verhaftet; unfähig, das wahre Wesen des Schatzes, der ihm angeboten ist, zu erkennen, verharrt er in einer Welt des Scheins. Mephisto reagiert darauf mit scheinhafter Hilfe: er beseitigt scheinbar die Not des Staates, indem er das Papiergeld erfindet und einen inflatorischen Wirtschaftsbetrug inszeniert. Faust setzt dann noch einmal an, um auf die Schätze im Boden und die Fähigkeiten des menschlichen Geistes hinzuweisen, die die Scheinblüte in eine echte Blüte verwandeln könnten:

Das Übermaß der Schätze, das, erstarrt,
In deinen Landen tief im Boden harrt,
Liegt ungenutzt. Der weiteste Gedanke
Ist solchen Reichtums kümmerlichste Schranke;
Die Phantasie, in ihrem höchsten Flug,
Sie strengt sich an und tut sich nie genug.
Doch fassen Geister, würdig, tief zu schauen,
Zum Grenzenlosen grenzenlos Vertrauen. (V. 6111 - 6118)

Auch in der Philologie ist bereits hinreichend reflektiert worden, daß Goethe hier offenbar die Macht des Geldes aufzeigt, weil es die Geldnot ist, die in abgründiger Weise das Wesen der menschlichen Gesellschaft offenbar werden läßt - und gerade um eine solche aktuelle Gesell- schaftsanalyse, die zugleich eine essentielle Wirtschaftsanalyse ist, dreht sich die Binswanger- sche Interpretation. Lohmeyer (Faust und die Welt, S. 33) schreibt dazu:

Eine solche Macht hat es, daß es aus der menschlichen Seele tief verborgene Kräfte und Triebe hervorlockt und ihre gefährlichsten Möglichkeiten wirklich werden läßt. Die Geldnot erscheint Anlaß, um das Wesen der Gesellschaft zu zeigen, wie es sonst verborgen bliebe. Ihr Inneres scheint in seiner ganzen Fülle von Möglichkeiten aufleuchten zu wollen, um die Skala seiner Erscheinungsweisen zu ergänzen. So kommen durch die Geldnot Räuber und Ehebrecher, Revolutionäre und Mörder ans Licht. Heuchelei und Erpressung, Eigennutz und Verschwendung, Parteiung und Bürgerkrieg herrschen im Land...

III Geldkapital, Mehrwert und der "Stein der Weisen"

Der 5. Akt des Dramas mit der Anlage eines Hafens und der Gründung einer Handelskompanie beschreibe schließlich die dritte Stufe des alchemistischen Prozesses als reale Wertschöpfung; im Kontext der Alchemie stellt sie die "alchemistische Hochzeit von Quecksilber und Schwefel" dar (Binswanger 41). Aus der etymologischen Verbindung von "Mercurium", der lateinischen Bezeichnung für Quecksilber, mit dem Gott des Handels und des Übernatürlichen - Merkur - leitet Binswanger ab, man habe traditionell Handel mit Alchemie verknüpft; der Handel schaffe durch die Differenz zwischen Ankauf und Verkauf einen Mehrwert, der der wirtschaftlichen Wertschöpfung und dem Wirtschaftswachstum dient bzw. diese erst ermöglicht. Bei Goethe werde die Verbindung mit Krieg und Piraterie hergestellt, die den Handel zu keiner dauerhaften Grundlage des Reichtums mache:

Diese dauerhafte Grundlage schafft erst die Erweiterung der Wirtschaft durch die Industrie. Hier kommt das Prinzip des Schwefels zur Geltung. Es muß allerdings neu interpretiert werden: er weist entsprechend seiner Affinität zum Feuer auf die (mechanische) Energie als Basis des technischen Fortschritts hin. (42f.)

Die Expansion der Wirtschaft werde so erst durch Energiegewinnung möglich; die freigesetzte Energie erscheine bei Goethe als das Zauberwerk, das Mehrwerte schafft. Würden im Handel die Waren durch den Transport aus dem Bereich niederen Wertes in den höheren Wertes befördert, so übernehmen in der Industrie diese Aufgabe die Maschinen, d. h. sie transformieren die Ausgangsstoffe in Fertigwaren; Maschinen und Energie schaffen dabei den Mehrwert, wobei Goethe nach Binswanger die Möglichkeit gesehen habe, daß die Arbeiter an diesem partizipieren. Auf dieser Stufe des alchemistischen Prozesses ist das Realkapital als Summe der Investitionen ihr Resultat; es diene der Steigerung der Produktion und halte das Wirtschaftswachstum am Laufen. Am Ende des Prozesses stehe das "größte Werk", das Faust bewundert. Dieses Werk sei im Bereich der Wirtschaft die Schaffung von künstlichen Geldwerten, die eine Wertschöpfung außerhalb der klassischen Nationalökonomie ermögliche; notwendig dazu ist ein Zusammenspiel von Kräften: die Imagination zur Deckung des Papiergeldes, die Impression durch die staatliche Autorität, die Leidenschaften des Eigentums, also Gewalt, Habgier und Geiz, die Transportmittel und die Energie zur Erweiterung der Produktionsmittel sowie der technische Fortschritt (Binswanger 46f.). Den "Stein der Weisen" in diesem alchemistischen Gefüge stellt das Geldkapital dar, das als Geld wiederum Geld schafft. Geldkapital im ökonomischen Sinne sind alle Geldmittel, die man als Eigenkapital oder Fremdkapital auf Gewinn ausleiht; Gewinn ist aber nur möglich, wenn der Geldfluß in der Wirtschaft unbehindert ist. Dieses Geldkapital kommt über Kredite in Umlauf, die auf Gewinnerwartungen aufbauen. Mit dem zusätzlichen Geld muß Realkapital geschaffen werden, das wiederum die Aneignung der Natur ermöglicht:

[...]


1 Der Duden dazu (Bd. 7, Ethymologie): „Alchemie w: die Bezeichnung für die mittelalterliche Goldmacher- kunst, spätmhd. Alchemie, frühnhd. Alchimei, führt über gleichbed. frz. Alchimie und span. alquimia auf arab. (mit Artikel) al-kimiya ‘Chemie’ zurück. - Abl.: Alchemist m. ‘Goldmacher, Schwarzkünstler’ (spätmhd. Alchimiste, aus entspr. mlat. alchimista).

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Binswanger: Geld und Magie. Deutung und Kritik der modernen Wirtschaft
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Philosophie)
Veranstaltung
Philosophie des Geldes
Note
1,0
Autor
Jahr
1996
Seiten
29
Katalognummer
V33043
ISBN (eBook)
9783638336185
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Binswanger, Geld, Magie, Deutung, Kritik, Wirtschaft, Philosophie, Geldes
Arbeit zitieren
Jochen Müller (Autor), 1996, Binswanger: Geld und Magie. Deutung und Kritik der modernen Wirtschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33043

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