Der Herrschaftskonflikt in Ruanda mit ethnischer Komponente - Instrumentalisierung des ethnischen Konzepts zur Herrschaftssicherung bis zum Völkermord


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001

25 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Hypothesen

3. Die Bevölkerung Ruandas
3.1 Die Hutu
3.2 Die Tutsi
3.3 Die Twa

4. Das präkoloniale Ruanda
4.1 Das präkoloniale Herrschaftssystem
4.1.1 Das „Ubuhake“-System der Klientele
4.2 Sozialer Status oder Ethnische Identität?

5. Ruanda in der Kolonialzeit
5.1 Einfluß der Kolonialmächte
5.1.1 Der „hamitische Mythos“
5.1.2 Die „great chain of being“- Theorie
5.2 Manifestation des ethnischen Konzepts

6. Die postkolonialen Regime
6.1 Die „soziale Revolution“ und das Kayibanda – Regime
6.2 Das Regime von J. Habyarimana

7. Vorbereitungen zum Genozid

8. Versuch der Schematisierung der Konfliktbearbeitungsmethodik in Ruanda

9. Fazit

10. Literatur

1. Einleitung

Im April 1994 begann in einem kleinen Land in Zentralafrika das größte Verbrechen gegen die Menschlichkeit seit dem Holocaust des zweiten Weltkriegs. Von den Medien nur anfänglich und oberflächlich wahrgenommen, wurden in weniger als 100 Tagen fast eine Millionen Menschen mit, zum Teil, primitivsten Mitteln massakriert. Und obwohl schon frühe Anzeichen einer sich abzeichnenden Krise von der Weltgemeinschaft wahrgenommen worden waren, so wurde die Möglichkeit einer internationalen Hilfe heraus gezögert und verhindert, bis sich der Konflikt selbst gelöst hatte. Was war geschehen? Die bei weitem größere Volksgruppe der Hutu hatte zur kollektiven Hatz auf die Minderheit der Tutsi aufgerufen, mit dem Ergebnis, daß rechnerisch jeder dritte Hutu mindestens einen Mord begangen haben mußte, um in der Kürze der Zeit ein solches Fanal der Grausamkeit zu ermöglichen! Das landesweite Morden hatte erst ein Ende, als die von Norden eindringenden RPF (Rwandan Patriotic Front) – Rebellen, welche Abkömmlinge von vertriebenen Tutsi waren, unaufhaltsam ins Landesinnere vordringen konnten, da der Großteil der regulären Armee und der Milizen mit den Pogromen beschäftigt waren. In Folge dessen begannen große Flüchtlingswellen von Hutus das Land zu verlassen und brachten den Konflikt somit wieder ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit. Wie konnte dieser Konflikt entstehen? Zu sagen, daß dieser Konflikt eine Art von „tribal animosities“[1], also ein alter Stammeskonflikt sei, wäre zu simplifiziert und würde der Realität komplexer Einflüsse aus geschichtlichen, ideologischen und politischen Faktoren nicht gerecht werden. Ein augenscheinlicher ethnischer Konflikt, wie er in Ruanda zu nennen sein könnte, entpuppt sich nämlich bei näherer Betrachtung als Konstrukt postkolonialer Instrumentalisierungen des Konzeptes einer Ethnie, die vorkolonial nicht derartig vorhanden war! Wie ließ sich nun ein Volk derartig teilen und wie konnte es gegeneinander aufgewiegelt werden, so daß es zu solch einem kollektiven Blutrausch kommen konnte und wer legte die Saat für diesen Haß? Erkenntnisinteresse meiner Arbeit ist nun, wo und inwiefern Unterschiede zwischen den größten Volksgruppen liegen, wer diese warum verstärkt hat und wie diese Unterscheidung zum Fundament für den Genozid werden konnte. Der zu untersuchende Zeitraum ist schwer einzugrenzen, da auf die nicht schriftlich dokumentierte Geschichte Ruandas eingegangen werden muß, doch beende Ich den Zeitraum mit dem 6.4.94, dem Tag an dem das Morden begann. Betrachten werde Ich hauptsächlich die Ebene der Akteure, welche meines Erachtens nach die Ethnisierung als Instrument benutzten, um ihre Herrschaft zu sichern. Einschränkend sei gesagt, daß ich nur den Aspekt der Ethnifizierung betrachte und andere Einflußfaktoren wie ökonomische oder ausländische Faktoren möglichst außer Acht lassen will. Eine monokausale Erklärung umfaßt natürlich nicht alle Gründe für einen Konflikt, doch gilt dies einzugrenzen, um den Rahmen nicht zu sprengen. Ich möchte im folgenden einen Überblick über die Herkunft der Gruppen der Tutsi und der Hutu liefern, aufzeigen wie das Zusammenleben in der Zeit vor dem Eintreffen der Kolonialmächte in Ruanda geregelt war, welchen Einfluß diese auf das soziale Gefüge und damit auf die Politik des postkolonialen Systems hatten und wie diese Voraussetzungen den, meines Erachtens nach grundlegenden Punkt für den Genozid im Jahre 1994 darstellen konnte. Dieses jedoch nicht im Sinne einer Deskription des historischen Verlaufes, doch muß zum Verständnis diese historische Linie aufgezeigt werden, um wichtige Meilensteine in der Vorbereitung des Völkermordes nachzeichnen zu können. Zunächst einmal meine Hypothesen:

2. Hypothesen

1. Die Gruppen der Hutu und Tutsi sind keine eigenständigen Ethnien.
2. Die Unterscheidung und damit die Polarisierung der beiden größten Volksgruppen wurde von außen angeleitet.
3. Diese Instrumentalisierung diente der Herrschaftssicherung und zur Durchsetzung der indirekten Herrschaft der Kolonialmächte.
4. Durch fortwährenden Mißbrauch des Konzeptes zweier verschiedener Ethnien für ein ehemals in Frieden lebendes Volk, konnte diese Differenzierung sich manifestieren und wurde zum Teil des Selbstverständnisses der Gruppen.
5. Durch den Mißbrauch der ethnischen Zuordnung und der damit verbundenen Gewaltanwendung, entwickelte sich eine Eigendynamik der Gewalt gegenüber der Minderheit und schaffte damit die breite Basis an Zustimmung, welche für den Genozid im Jahre 1994 vonnöten war.

Um zur Untersuchung der ersten Hypothese zu kommen, muß zunächst geklärt werden, wer die Hutu und die Tutsi sind, wie sie sich definieren und möglicherweise unterscheiden:

3. Die Bevölkerung Ruandas

Die Quellen zu den Ursprüngen des ruandischen Volkes sind leider nur aus mündlichen Überlieferungen zusammengestellt, so lassen sich einige wichtige Aspekte der ruandischen Gesellschaft nur unzulänglich betrachten. Die für die Eingangsthese wichtige Frage nach den Ursprüngen der verschiedenen Volksgruppen läßt sich somit nicht klar beantworten, ohne sich zu sehr auf die ersten pseudo- wissenschaftlichen Untersuchungen des 19 Jahrhunderts stützen zu müssen. Wobei diese Unklarheit den Boden gibt für Spekulationen über die ursprüngliche Herkunft der größten Volksgruppen im Gebiet der Großen Seen in Zentralafrika, den Hutu, den Tutsi und der Twa[2]. Es gibt verschiedene Ansätze über die Herkunft der Volksgruppen Ruandas und um das Feld der Spekulationen und der wahrscheinlichsten Antwort darzubieten, möchte Ich einige vorstellen. Zunächst einmal gibt es den „single origin“[3] - Ansatz, der davon ausgeht, daß sich die Gruppen der Hutu und Tutsi als verschiedene Ausprägungen eines Volkes darstellen und die phänotypischen Unterschiede sich erst durch die verschiedenen Produktionsweisen ergaben[4]. So haben die Tutsi ihr Wissen über Viehzucht an ihrem eigenen Nachwuchs angewandt und sorgten dafür, daß ihresgleichen ein hochgewachsenes Volk wurden[5]. Die Hutu seien demnach durch die körperlichen Anforderungen die der Ackerbau mit sich bringe, eher stämmig gewachsen. Unter anderem sollten auch ihre Ernährungsgrundlagen demnach zu verschiedenen phänotypischen Ausprägungen geführt haben, denn Hutu ernährten sich hauptsächlich von ihren Agrarprodukten und Tutsi von ihren Rindern und deren Erzeugnisse. Wie dieser Ansatz zu bewerten ist, liegt im eigenen Ermessen, doch ist er meines Erachtens nach nicht ausreichend und erscheint wenig seriös. Der „seperate origin“ Ansatz erscheint schlüssiger, denn nach Meinung seiner Anhänger, war das Gebiet des heutigen Ruandas ursprünglich nur bewohnt von dem waldbewohnenden Volk der Twa. Die expandierende Bantu- Bevölkerung der Region machte den Boden urbar und rodete weite Teile der Waldgebiete und als letzte Volksgruppe drangen die Tutsi mit ihren Viehherden ins Land ein. Diese stammen wohl ursprünglich aus dem Gebiet von Äthiopien und waren Nomaden, die im fruchtbaren Gebiet Ruandas seßhaft wurden. Wann diese Völkerwanderungen zeitlich einzuordnen sind ist unklar, da keine Belege außer mündlichen Überlieferungen vorhanden sind und man sich somit auf die wahrscheinlichste Theorie verlassen werden muß. Der „seperate origin“ Ansatz hat meines Erachtens nach größere Erklärungsmöglichkeiten, da er ursprüngliche äußerliche Unterscheidungsmerkmale besser erklärt als der, simplifiziert ausgedrückte, Zucht und Arbeitsweisen bedingte „single origin“ Ansatz. Zwar bietet die These, daß die Gemeinschaften der Tutsi und Hutu verschiedenen Ursprungs seien natürlich Anlaß für die ethnische Unterscheidung derer, doch darf dabei nicht außer Acht gelassen werden, daß diese Völkerwanderungen nicht datierbar sind und wahrscheinlich wenn, dann viele Jahrhunderte vergangen sind, in denen diese Herkünfte von den Volksgruppen abgelegt wurden und erst durch die sogenannten wissenschaftlichen Befunde des späten 19. Jahrhunderts wieder angedacht wurden. Für diese Diskussion ausschlaggebend war nämlich, daß sich die Bevölkerung in Ruanda zwar Kultur, Glaube und Sprache teilten, doch, zumindest statistisch[6] von der äußeren Erscheinung her zu unterscheiden seien. Dies traf auf alle Fälle auf die Twa zu, doch die Untersuchungen und Typisierungen von Speke und anderen schafften eher eine Stereotypisierung. Wobei man nicht grundsätzlich sagen kann, daß die Beobachtungen aus der Luft gegriffen waren. Es gab einen durchschnittlichen somatischen Typus in jeder Volksgruppe, auch wenn sich im Einzelfall dies nicht immer bestätigen ließ[7]. Im folgenden möchte Ich versuchen, eine Typisierung der drei Gruppen darzustellen, welche auch die klischeehaften Vorstellungen der ersten europäischen „Entdecker“ mit einbezieht.

3.1. Die Hutu

Um der quantitativen Ordnung gerecht zu werden, zunächst die größte Gruppe in Ruanda: Die Hutu. Sie stellen mit ca. 80% Anteil die Mehrheit der Bevölkerung Ruandas. Ihre distinkte Produktionsweise war der Ackerbau. Ihnen wird eine negroide Herkunft zugesprochen und im allgemeinen werden sie in die Bantu – Volksgruppe eingeordnet, welche die Region um die Großen Seen in Zentralafrika bevölkern. Der ihnen zugeschriebene durchschnittliche Phänotyp beschreibt den Hutu als athletisch und gedrungen von der Statur, mit groben Gesichtszügen und tiefdunkler Hautfarbe, welche typisch für die Bantu- Gruppe sind. Die ersten Dokumente über die verschiedenen Volksgruppen in Ruanda bezeichnen die Hutu als prädestiniert zum Ackerbau, da sie die physischen Voraussetzungen hätten und ihnen jedoch die intellektuellen Fähigkeiten fehlen würden, um sich von dieser Produktionsweise zu erheben. Nach Vorstellung der Rassentheoretiker waren sie dazu bestimmt, beherrscht zu werden von dem „hamitischen“ Volk der Tutsi, doch dazu später mehr.

3.2. Die Tutsi

Die Tutsi waren die Viehzüchter des vorkolonialen Ruandas. Ob sie originär aus dem Gebiet der Großen Seen stammen, konnte bisher noch nicht festgestellt oder widerlegt werden. Dies ist auch der Grund, warum der „hamitische Mythos“, auf den Ich später eingehen werde, entstehen und sich manifestieren konnte. Die ersten Aufzeichnungen über die Tutsi, aus den Zeiten der ersten Missionare und Kolonialherren beschrieben sie als hochgewachsene, intelligente, gut aussehende und bei weitem nicht so „schwarze“ Menschen[8], welche wohl nicht aus den Bantu- Regionen stammen konnten und wohl eher von einem nördlichen Volk abstammen mußten. Als Ursprungsorte waren die Regionen von Ägypten über Äthiopien bis zum Gebiet Nepals im Gespräch, was ein Indikator für das wissenschaftliche Fundament der damaligen Rassenforschung darstellen kann. In der Forschung über die Ursprünge der Bewohner Ruandas kristallisierten sich wie in der Einleitung schon erwähnt, zwei Hauptströme, die der „single origin“- und die der „seperate origin“ –Theorie, welche wie der Name schon sagt, entweder davon ausgehen, daß Hutu und Tutsi eine originäre Herkunft haben und sich nur durch die verschiedenen Lebensweisen differenzierten und die andere These, daß sich Hutu erst nach den Twa in Ruanda ansiedelten und die Tutsi mit ihren Herden erst einwanderten, als die Hutu das ehemalige Waldgebiet gerodet und kultiviert hatten. Trotz der Sensibilität dieses Themas, ist jedoch davon auszugehen, daß die Tutsi wohl wirklich aus dem Gebiet Äthiopiens stammen[9], jedoch ihre ursprüngliche Kultur in der ruandischen assimiliert wurde und durch jahrhundertelange Vermischung sich kaum eine ethnische Trennbarkeit mehr finden kann. Diese Annahme wird getroffen, da äthiopische Hirten- Nomaden auch im Gebiet der Großen Seen verkehrten und der beobachtete statistische Unterschied in der Erscheinung nicht auf einen Bantu- Ursprung schließen läßt.

[]


[1] Vgl. Braathen, E. (2000); S.8

[2] welche zu erwähnen sind, aber eine marginale Rolle innehaben.

[3] Vgl. Taylor, C. (1999);S.71 ff.

[4] ebf. Taylor, C. (1999); S.71 ff.

[5] Vgl. Desmarais, J.C., (1978); S. 71-93

[6] Empirische Studien wurden nicht durchgeführt. John Henning Speke und andere Forscher der Zeit zogen ihre Rückschlüsse aus ihren subjektiven Beobachtungen und gaben diesem einen dogmatischen Wahrheitsanspruch!

[7] Vgl. Prunier, G. (1995);S.5

[8] wobei diese Kategorisierung sich auf die Sichtweise der europäischen Kolonialisten bezieht, welche eine hellere Hautfarbe als besser bewerteten als eine dunkle)

[9] vgl. Prunier, G.(1995); S.16

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Der Herrschaftskonflikt in Ruanda mit ethnischer Komponente - Instrumentalisierung des ethnischen Konzepts zur Herrschaftssicherung bis zum Völkermord
Hochschule
Universität Mannheim  (Lehrstuhl für Politische Wissenschaft II)
Veranstaltung
Hauptseminar: Konflikte und Konfliktbearbeitung in Afrika (IP)
Note
1,7
Autor
Jahr
2001
Seiten
25
Katalognummer
V3317
ISBN (eBook)
9783638120258
Dateigröße
605 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Herrschaftskonflikt, Ruanda, Komponente, Instrumentalisierung, Konzepts, Herrschaftssicherung, Völkermord, Hauptseminar, Konflikte, Konfliktbearbeitung, Afrika
Arbeit zitieren
Kei Harasaki (Autor:in), 2001, Der Herrschaftskonflikt in Ruanda mit ethnischer Komponente - Instrumentalisierung des ethnischen Konzepts zur Herrschaftssicherung bis zum Völkermord, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3317

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