Moralisierung und moralische Begriffe - Kants Vorlesung "Über Pädagogik" im Kontext der "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
19 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung, Zielformulierung, Methode

2. Moralisierung und moralische Begriffe
2.1 Der gute Wille
2.2 Pflicht – Achtung – (Verachtung)
2.3 Maximen, oder: Erziehung zum KI?

3. Resümee

4. Bibliographie

1. Einleitung, Zielformulierung, Methode

„So viel ist gewiß; wer einmal Kritik gekostet hat, den ekelt auf immer alles dogmatische Gewäsche, […]“[1] (Immanuel Kant )

In seiner Einteilung der Erziehung in die vier Dimensionen: Disziplinierung, Kultivierung, Zivilisierung und Moralisierung, macht für Immanuel Kant die letztere, d.h. die moralische Bildung des Zöglings, den „ganzen Zweck der Erziehung“[2] aus. Warum? Weil er seine Zeit, das „Zeitalter der Aufklärung“[3], noch nicht im Stadium der Moralisierung angelangt sah: „Wir leben im Zeitpunkte der Disziplinierung, Kultur und Zivilisierung, aber noch lange nicht in dem Zeitpunkte der Moralisierung“.[4]

In ihrer Ambivalenz meint Moralisierung zunächst einen dynamischen Erziehungs prozess und dann einen Zustand, der nur durch Erziehung, sofern sie moralisch ist, erreicht werden kann. Die anderen drei Dimensionen haben nurmehr den Charakter einer chronologisch sowie logisch ausgerichteten stufenweisen Propädeutik, an der sich die moralische Erziehung notwendig anschließen muss, die letztendlich zu einer Kultur der Moral führen soll, in der autonome Personen[5] im „Reich der Zwecke“[6] nach der regulativen Idee der Freiheit sittlich gut handeln können.

Diese Hierarchizität der vier Dimensionen fußt auf der Zweiteilung der Erziehung in eine physisch-empirische und praktisch-transzendentale. Während Disziplinierung in ihrer negativen, daher verhindernden Wirkung die Wildheit[7] im Kinde zügelt, Kultivierung den Educandus mit Geschicklichkeit (Lesen, Schreiben, Musik), die ihm zu allen beliebigen Zwecken verhilft, ausrüstet und Zivilisierung aus diesem einen klugen Charakter machen will, der gelernt hat wie man andere Menschen unter dem Diktat gesellschaftlicher Normen und Regeln zu seinen Zwecken gebraucht, stellt sich Moralisierung auf der anderen Seite als endgültiger transzendentaler Versuch der Erziehungskette dar, den Zögling zu einer autonomen Person, die einen freien Willen besitzt, zu erziehen – denn „p r a k t i s c h nennt man all dasjenige, was Beziehung auf Freiheit hat“.[8] „Kants doppelte Pädagogik“[9] rückt, wie Herbart später auch[10], die moralische Bildung ins „Zentrum der Erziehung“, „denn“, wie Lutz Koch in seinem Aufsatz Wert und Würde in der Erziehung scharfsinnig fragt, „was taugt eine Erziehung, die jemanden zu einem disziplinierten, kultivierten und zivilisierten Individuum gemacht, sich aber um seinen üblen Charakter nicht gekümmert hat?“[11]

Die moralische Bildung des Zöglings als „Herzstück“ (Lutz Koch)[12] oder, pathetischer ausgedrückt, „Krönung der Erziehung“[13] bedarf, um in der erzieherischen Praxis zu fruchten, einer begründeten Theorie des Sittlichen bzw. einer Moralphilosophie, kurz: einer Ethik, die ihre heimischen Begriffe a priori, d.h. vor aller Erfahrung in einem systematischen Entwurf entwickelt, darlegt und begründet. Diesen legte Immanuel Kant mit seiner 1785 erschienen kleinen, aber für die abendländische Ethik gewichtigen Schrift Grundlegung zur Metaphysik der Sitten vor. Wie der Titel verrät, ist sie die vorbereitende Grundlegung einer noch zu schreibenden Metaphysik der Sitten, die dann tatsächlich 1797 erschien. Während diese als reine Moralphilosophie, deren Sätze niemals empirisch begründet werden können, zu zeigen versucht, dass allein praktische Vernunft moralisches Handeln gebietet[14], ist jene „nichts mehr als die Aufsuchung und Festsetzung des obersten Prinzips der Moralität.“[15] Bedingung dieser synthetischen „Festsetzung“ ist jedoch auch die analytische „Aufsuchung“ der moralischen Begriffe, aus denen durch synthetische Methode der Kategorische Imperativ (im folgenden KI genannt) hervorgeht. Jene Analyse ist freilich eine Erfordernis der praktischen Philosophie, die bei Kant Auskunft über die Form des sittlichen Handelns geben will, sie ist jedoch auch im Hinblick auf unser erzieherisches Handeln, das moralisches Bewusstsein und Handeln im Zögling erwecken und fördern möchte, unverzichtbar, will man dem klaren Diktum Schleiermachers Folge leisten, dass „die Pädagogik eine rein mit der Ethik zusammenhängende, aus ihr abgeleitete angewandte Wissenschaft [ist][…]“[16] Die anwendungsorientierte, d.h. praktische Wissenschaft Pädagogik gliedert in ihr eigentümliches, somit Autonomie bewahrendes System die in der Ethik entfalteten Begriffe ein und begründet somit, wie moralisch zu erziehen sei.

Vorliegende Arbeit macht sich diesen Zusammenhang zunutze, indem sie es sich zum Ziel macht, den in der Vorlesung über Pädagogik dargelegten Begriff der „Moralisierung“ im Kontext der Grundlegung zu konkretisieren und zu beleuchten, insofern in ihr die moralischen Begriffe ausführlicher und exakter beschrieben werden als es in der Vorlesung der Fall ist, die aufgrund ihres fragmentarischen Charakters solcher Ausführlichkeit und Exaktheit entbehren musste, zumal sie chronologisch vor der Grundlegung einzuordnen[17], jedoch logisch auch implizit auf die Erziehung angewendetes Resultat aus langjährigen vorangegangen Überlegungen Kants zur Ethik ist. Ein Resultat, das natürlich durch den eben erwähnten Fragmentcharakter nicht voll zur Geltung kommt.[18]

Im begrenzten Rahmen dieser Hausarbeit beschränke ich mich dabei auf die moralischen (nicht pädagogischen!) Begriffe des „guten Willens“ (2. Kapitel), der „Pflicht“ (vs. „Neigung“) und „Achtung“, in diesem Zusammenhang auf die ethische Reaktion „Verachtung“ (3. Kapitel) und schließlich der „Maxime“, die ich im Hinblick auf den KI, der in der Vorlesung freilich nicht erwähnt wird, untersuche. Moralische Begriffe wie „Autonomie“, „Person“, „Würde“ und „Freiheit“, die ebenfalls in der Grundlegung behandelt werden, finden nur insoweit Berücksichtigung, als sie sich notwendig zur Klärung der moralischen Erziehung, wie sie sich in ihrer theoretischen Ausgestaltung in der Vorlesung dürftig ausnimmt, heranziehen lassen. Sie können hier nicht eigens und in Bezug auf die Vorlesung untersucht werden. Das sprengte den Rahmen dieser Arbeit, die auch, um der Konsistenz und Übersichtlichkeit willen, auf die anderen „praktischen“ Schriften, die Kritik der praktischen Vernunft (1788) und die Metaphysik der Sitten, verzichten muss.

2. Moralisierung und moralische Begriffe

2.1 Der gute Wille

Kant beginnt das erste Kapitel seiner Grundlegung mit der in der (Sekundär-)Literatur unzählige Male zitierten These: „Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein GUTER WILLE.“[19] Der Begriff des „guten Willens“, der sowohl der phänomenalen Welt (der Welt der Erscheinungen: „in der Welt“) als auch der noumenalen Welt (der Welt der Dinge an sich: „außer derselben“) angehört, trifft in nuce das, wo jegliche Moralphilosophie ansetzen muss, will sie Anspruch auf einen nicht-materialen Gehalt erheben und nicht auf die bloße Postulierung des Tugendethos, wie es in der griechischen Antike geschah, zurückfallen: bei einem reinen, absoluten, mit einem „unbedingten Wert“[20] ausgezeichneten und von der praktischen Vernunft regierten Willen. Der an sich gute Wille ist somit Maßstab und Maßgabe jeder moralischen Handlung, denn wir können dieser nur dann das Prädikat „gut“ zuweisen, wenn sie von einem guten Willen gewollt wurde: „Verstand, Witz, Urteilskraft und wie die Talente des Geistes sonst heißen mögen, oder Mut, Entschlossenheit, Beharrlichkeit im Vorsatze als Eigenschaften des Temperaments sind ohne Zweifel in mancher Absicht gut und wünschenswert; aber sie können auch äußerst böse und schädlich werden, wenn der Wille, der von diesen Naturgaben Gebrauch machen soll und dessen eigentümliche Beschaffenheit darum Charakter heißt, nicht gut ist.“[21]

[...]


[1] Kant, Immanuel: Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können. (Reclam) Stuttgart 2001, S. 148.

[2] Ders.: Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik 2. Band XII. Hrsg. von Wilhelm Weischedel. Frankfurt am Main 1977, S. 734.

[3] Ders.: Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik 1. Band XI. Hrsg. von Wilhelm Weischedel. Frankfurt am Main 1977, S. 59.

[4] Ders., AGPP (1977): S. 708.

[5] Der Begriff der Person, die Tatsache, dass der Mensch Person ist, gehören zum anthropologischen Standpunkt einer jeden Ethik. Physik betrachtet den Menschen als Individuum, die Logik als Subjekt. Vgl. dazu: Kobusch, Theo: Die Entdeckung der Person. Metaphysik der Freiheit und modernes Menschenbild. 2. Aufl. Darmstadt 1997, S. 28.

[6] Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. (Reclam) Stuttgart 2002, S. 85.

[7] Zum Verständnis des Wilden vgl. auch Friedrich Schillers Die ästhetische Erziehung des Menschen !

[8] Kant: AGPP 2 (1977): S. 712.

[9] Koch, Lutz: Kants ethische Didaktik. Würzburg 2003, S. 23.

[10] Vgl. Johann Friedrich Herbart: Systematische Pädagogik. Band 1: Ausgewählte Texte. Hrsg. von Dietrich Benner, Weinheim 1997, S. 47.: „Man kann die eine und ganze Aufgabe der Erziehung in den Begriff Moralität fassen.“

[11] Koch, Lutz.: Wert und Würde in der Erziehung. In: Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Pädagogik 77 (2001), S. 7.

[12] Bei der Überlegung, wie man die Wichtigkeit der moralischen Bildung hervorheben könnte, ist mir diese Metapher ebenfalls eingefallen.

[13] Henke, Roland W.: Kants Konzept von moralischer Erziehung im Brennpunkt gegenwärtiger Diskussionen. In: Pädagogische Rundschau 51 (1997), S. 22.

[14] Vgl. Bittner, Rüdiger: Das Unternehmen einer Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. In: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Ein kooperativer Kommentar. Hrsg. von Otfried Höffe. Frankfurt am Main 1989, S. 14-21.

[15] Kant, GMS (2002): S. 26.

[16] Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Texte zur Pädagogik. Kommentierte Studienausgabe. Band 2. Hrsg. von Michael Winkler und Jens Brachmann. Frankfurt am Main 2000, S. 13.

[17] Die von Friedrich Theodor Rink zusammengestellte und herausgegebene Schrift basiert im Wesentlichen auf die im Wintersemester 1776/77 gehaltene pädagogische Vorlesung Kants.

[18] Siehe: Kühn, Manfred: Kant. Eine Biographie. 3. Aufl. München 2004, S. 320.

[19] Kant, GMS (2002): S. 28.

[20] Ebd., S. 29.

[21] Ebd., S. 28.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Moralisierung und moralische Begriffe - Kants Vorlesung "Über Pädagogik" im Kontext der "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten"
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Institut für Allgemein Pädagogik)
Veranstaltung
Hauptseminar: Kant und die Pädagogik
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2004
Seiten
19
Katalognummer
V33188
ISBN (eBook)
9783638337243
ISBN (Buch)
9783638781992
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die moralischen Begriffe, die im Kants Fragment "Über Pädagogik" nicht explizit oder unzufrieden behandelt werden, werden mit Hilfe seiner "Grundlegung" in ein helleres Licht gebracht.
Schlagworte
Moralisierung, Begriffe, Kants, Vorlesung, Pädagogik, Kontext, Grundlegung, Metaphysik, Sitten, Hauptseminar, Kant
Arbeit zitieren
Marcus Erben (Autor), 2004, Moralisierung und moralische Begriffe - Kants Vorlesung "Über Pädagogik" im Kontext der "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33188

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