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Verschuldung eines vermeintlichen Helden. Über Wilhelm Raabes Stopfkuchen

Title: Verschuldung eines vermeintlichen Helden. Über Wilhelm Raabes Stopfkuchen

Term Paper (Advanced seminar) , 2000 , 27 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Till Spielmann (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Wenn Hegels Bestimmung des Kunstschönen in der klassischen deutschen Ästhetik durch die Einheit und Wechselwirkung von geistiger Idee und sinnlicher Gestalt charakterisiert wird1, scheint Wilhelm Raabes Roman Stopfkuchen diesem ästhetischen Begriff in vollendeter Weise zu entsprechen. Denn mit Raabes „See- und Mordgeschichte“ liegt die seltene Begebenheit vor, dass der poetische Gehalt, der sich nicht nur in der psychologischen Charakterisierung des Titelhelden erschöpft, sondern zugleich ein metaphysisches Panorama über Prädestination und Schuldwerdung des Menschen aufwirft, und seine formale Gestaltung von der Erzählperspektive bis hin zur dichterischen Sprache in Wechselwirkung und Einheit erscheinen. So wird etwa Stopfkuchens übermenschliche Gelassenheit, seine „behagliche Weltverachtung“, nicht allein dadurch poetisch umgesetzt, dass er – vermittelt durch den schreibenden Erzähler Eduard – das Gespräch in herrischer und dominanter Weise immer wieder an sich reisst, auch in einer dichten Leitmotivik, die immer gleiche Bilder aufgreift, findet Heinrich Schaumanns Gemüt eine Entsprechung.

Im Folgenden soll versucht werden, diese Wechselwirkung inhaltlicher und formaler Züge in Raabes Stopfkuchen offenzulegen. Die existenziellen Aussagen des Romans werden dabei ebenso berücksichtigt wie Fragen des erzählerischen Verfahrens. Es wird somit einerseits eine inhaltlich orientierte Wertung der Handlung unternommen, insbesondere die Problematik der Hauptfigur herausgearbeitet, andererseits der Frage nach der Erzählstruktur Rechnung getragen. Es sei vorweg schon angedeutet, dass beide Perspektiven einander durchdringen; die erzählerische Komposition des Romans und die aufgeworfenen psychologischen, ethischen und philosophischen Probleme ergeben ein dichtes Spannungsfeld.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

1. Der Philister gegen die Philister – Die Problematik der Titelfigur

2. Der Schnellfuß gegen das Riesenfaultier – Die konfliktäre Beziehung zwischen Eduard und Stopfkuchen

3. Anschauung versus Begriff – Zur Frage der Reflexion in Raabes Stopfkuchen

4. Verschuldung eines vermeintlichen Helden

Schlussbemerkung

Zielsetzung & Themen der Arbeit

Die vorliegende Arbeit untersucht Wilhelm Raabes Roman „Stopfkuchen“ unter dem Aspekt der Wechselwirkung inhaltlicher und formaler Züge. Das primäre Ziel besteht darin, das häufig positiv bewertete Bild des Protagonisten kritisch zu hinterfragen, die konfliktäre Beziehung zwischen den Hauptfiguren Eduard und Stopfkuchen aufzudecken und die strategisch-instrumentelle Rationalität hinter Stopfkuchens Handeln sowie dessen psychologische Motivationen offenzulegen.

  • Kritische Analyse des Protagonisten Stopfkuchen als ambivalente Figur
  • Untersuchung der psychologischen Dynamik und der latente Aggression in der Beziehung zwischen Stopfkuchen und Eduard
  • Reflexion über den Stellenwert von Anschauung versus Begriff im Roman
  • Erörterung der existenziellen und ethischen Problematik von Schuld und sozialer Verantwortung
  • Analyse der erzählerischen Komposition und der narrativen Verfahren

Auszug aus dem Buch

2. Der Schnellfuß gegen das Riesenfaultier - Die konfliktäre Beziehung zwischen Eduard und Stopfkuchen

Einem genaueren Blick auf die Gesprächssituation des Stopfkuchen kann nicht verborgen bleiben, dass zwischen Eduard und Heinrich Schaumann ein besonderes Verhältnis existiert, dessen Offenlegung für eine Deutung des Romans von eminenter Wichtigkeit ist. Zwischen den scheinbaren Jugendfreunden schwelt ein Konflikt, der schon in der Gymnasialzeit anzusiedeln ist, und der bei Eduards Besuch auf der Roten Schanze und in den weiteren Ereignissen zu kulminieren scheint. Schließlich stellt sich die ebenso genaue wie perfide Charakterisierung der Hauptfiguren als ein Kriterium für den Kunstcharakter von Raabes Roman dar, der sich besonders durch eine Individualisierung der Sprache bezeichnen lässt: Sowohl Stopfkuchen als auch Eduard verfügen über einen genuinen Sprachstil, so dass man eine charakteriologische Imprägniertheit der Sprache ausmachen kann; worüber und in welcher Form die jeweiligen Personen sprechen, gibt Auskunft über psychologische Vorgänge und ihre Persönlichkeitsstruktur. Desweiteren ist dieser Konflikt der Protagonisten, der sich auf der Gestaltebene durch die Wahl der sprachlichen Mittel ausdrückt, für die Frage des Sinngehalts des Werkes relevant: Thematisiert werden existenzielle Fragen nach der Legitimität möglicher Lebensentwürfe und Wertvorstellungen sowie der Determinierung durch soziale Konstitutionen.

Dass Eduard die Erzählgestalt des Stopfkuchen darstellt und damit die Erlebnisse also nicht nur durch seine Feder, sondern auch durch die selektive Wahrnehmung seines Bewusstseins niedergeschrieben sind, ist bei einer näheren Untersuchung zu berücksichtigen. So wie Stopfkuchens ironische Haltung gegenüber Eduard, die Zweideutigkeit seiner Äußerungen, immer mit Hinblick auf die biographische und psychologische Genese seiner Person zu verstehen sind, muss Eduards Erzählung als individuelle Version der Ereignisse beachtet werden.

Zusammenfassung der Kapitel

Vorbemerkung: Einführung in die ästhetische Konzeption des Romans unter Berücksichtigung hegelscher Kategorien und Ankündigung der inhaltlich-formalen Untersuchung.

1. Der Philister gegen die Philister – Die Problematik der Titelfigur: Kritische Auseinandersetzung mit der Rolle und dem Charakter Stopfkuchens, der trotz seiner Inszenierung als Einzelgänger Züge eines Philisters und instrumentelle Verhaltensweisen zeigt.

2. Der Schnellfuß gegen das Riesenfaultier – Die konfliktäre Beziehung zwischen Eduard und Stopfkuchen: Analyse der tiefgreifenden Spannungen zwischen den Jugendfreunden, die durch latente Aggression und eine asymmetrische Gesprächssituation geprägt sind.

3. Anschauung versus Begriff – Zur Frage der Reflexion in Raabes Stopfkuchen: Untersuchung der erkenntnistheoretischen Debatte im Roman und Nachweis, dass Stopfkuchens Handeln eher auf Reflexion und Kalkül als auf reiner Anschauung basiert.

4. Verschuldung eines vermeintlichen Helden: Erörterung der existentiellen Grundfragen nach Freiheit und Schuld im Zusammenhang mit der „Mordgeschichte“ und Stopfkuchens problematischem Agieren.

Schlussbemerkung: Synthese der Ergebnisse zur Bestätigung des Kunstcharakters des Romans als tiefgründiges Werk, das soziale Determination und metaphysische Dimensionen verbindet.

Schlüsselwörter

Wilhelm Raabe, Stopfkuchen, Eduard, Heinrich Schaumann, Philistertum, soziale Determination, erzählerische Komposition, Anschauung, Begriff, strategische Rationalität, Identität, Schuld, Subjektivität, Schuld und Sühne, psychologische Charakterisierung.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?

Die Arbeit analysiert Wilhelm Raabes Roman „Stopfkuchen“ mit dem Ziel, den genuinen Kunstcharakter des Werkes durch die Untersuchung inhaltlicher und formaler Motive offenzulegen.

Welche zentralen Themenfelder behandelt die Analyse?

Im Zentrum stehen die kritische Charakterisierung der Titelfigur, das Spannungsverhältnis zwischen den Protagonisten, die epistemologische Frage nach Anschauung und Begriff sowie die ethische Problematik menschlicher Schuld.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das primäre Ziel ist es, das häufig idealisierte Bild des „vermeintlichen Helden“ Stopfkuchen zu demaskieren und dessen Handeln als hochreflektiertes, berechnendes und von latenter Aggression gesteuertes Vorgehen zu deuten.

Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?

Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die insbesondere psychoanalytische Ansätze und eine Untersuchung der sprachlichen und narrativen Komposition einbezieht, um die Ambivalenz der Charaktere und Strukturen zu ergründen.

Was steht im inhaltlichen Hauptteil im Fokus?

Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse von Stopfkuchens ambivalenter Persönlichkeit, die konfliktgeladene Beziehung zu Eduard, die Richtigstellung des angeblichen Primats der Anschauung zugunsten einer strategischen Rationalität sowie die existenziellen Fragen der Schuldwerdung.

Welche Begriffe charakterisieren diese Arbeit maßgeblich?

Wichtige Begriffe sind unter anderem Philistertum, strategische Rationalität, latente Aggression, Subjektivität, soziale Determination und metaphysische Dimension.

Inwiefern spielt der Konflikt zwischen den Protagonisten eine Rolle für die Deutung?

Der Konflikt fungiert als Motor für latente Aggressionen; die Analyse zeigt, dass Eduard für Stopfkuchen eine Art Stellvertreterfunktion einnimmt, an dem dieser seinen unterdrückten Zorn aus der gemeinsamen Vergangenheit auslassen kann.

Warum hinterfragt der Autor die „behagliche Weltverachtung“ Stopfkuchens?

Der Autor argumentiert, dass hinter dieser Fassade ein hohes Reflexionsvermögen und eine ausgeprägte analytische Berechnung stecken, die durch die ironische Erzählhaltung und das gezielte Agieren im Mordfall deutlich werden.

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Details

Title
Verschuldung eines vermeintlichen Helden. Über Wilhelm Raabes Stopfkuchen
College
University of Duisburg-Essen  (Fachbereich 3)
Course
Schwarzer Realismus: Raabe, Fontane, Heinrich Mann
Grade
1,0
Author
Till Spielmann (Author)
Publication Year
2000
Pages
27
Catalog Number
V33205
ISBN (eBook)
9783638337403
Language
German
Tags
Verschuldung Helden Wilhelm Raabes Stopfkuchen Schwarzer Realismus Raabe Fontane Heinrich Mann
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Till Spielmann (Author), 2000, Verschuldung eines vermeintlichen Helden. Über Wilhelm Raabes Stopfkuchen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33205
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