Georg Büchner und die Rhetorik


Hausarbeit, 1996

49 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Rhetorik und ihre Begriffe
2.1 Allgemein: Zweck, Mittel, Geschichte
2.2 Das rhetorische Texterstellungsmodell
2.3 Die Elocutio: Rhetorische Figuren
2.3.1 Positionsfiguren
2.3.2 Wiederholungsfiguren
2.3.3 Quantitätsfiguren
2.3.4 Appellfiguren
2.3.5 Tropen

3. Untersuchung einzelner Werke
3.1 Flugschriften: "Der Hessische Landbote"
3.1.1 Allgemein
3.1.2 Rhetorische Strategie
3.1.2.1 Inventio
3.1.2.2 Dispositio
3.1.2.3 Elocutio
3.1.3 Resümee
3.2 Dramen: "Dantons Tod"
3.2.1 Allgemein
3.2.2 Rhetorik der politischen Reden
3.2.3 Rhetorik des Souffleurs Simon
3.2.4 Form und Inhalt

4. Abschließende Bemerkungen
4.1 Rolle und Funktion der Rhetorik
4.2 Rhetorik zwischen Kritik und Affirmation?

5. Verzeichnis der Quellen und Materialien

1. Einleitung

Die folgende Untersuchung über das Verhältnis und den Einfluß der Rhetorik auf das Werk Georg Büchners (1813 - 1837), insbesondere die rhetorisch gestaltete Flugschrift des "Hessischen Landboten", sein Drama "Dantons Tod" und seine Briefe mag in ihrer Themenstellung zuerst verwundern. Die Abwendung von einer präskriptiven Rhetorik und die Hinwendung zu einem individuell geprägten Stilbegriff ist schließlich das Produkt des späten 18. Jahrhunderts, wo an die Stelle der bisherigen Rhetoriklehrbücher solche über Stil und Schreibart treten und die Stilistik[1] von einer als formal und knöchern betrachteten Rhetorik abgehoben wird. Der neue Gedanke der Subjektivität des Stils, seiner Prägung durch die Persönlichkeit des Autors, ist vor allem auf den Einfluß der Romantik zurückzuführen. Karl Philipp Moritz wandte sich in seinen "Vorlesungen über deutschen Stil" konsequent von der traditionellen, von der Rhetorik geprägten Regelstilistik ab und betonte das Individuell-Charakteristische des Ausdrucks. Für das Charakteristische der Schreibart gebe es keine Stilregeln im traditionellen Sinne. Ähnlich äußert sich Jacob Grimm, bei dem der Begriff der Rhetorik schon gar nicht mehr auftaucht.

Überraschenderweise aber ist der Einfluß der traditionellen Rhetorik auf das Werk Büchners eminent, nicht allein, weil der "Hessische Landbote" schon auf den ersten Blick ein persuasiver Text mit rhetorischer Struktur und rhetorischen Wirkmitteln ist, sondern auch, weil die jüngere Forschung immer wieder auf den erheblichen Einfluß der Schulrhetorik auf Büchner und seine Schulschriften hingewiesen hat; so behandelt Schaub in seiner Habilschrift (Die schriftstellerischen Anfänge Georg Büchners unter dem Einfluß der Schulrhetorik, 1980) die Beeinflussung und Prägung Büchners durch die Rhetorik und konzentriert sich dabei vor allem auf die Schulschriften (Schaub, Georg Büchner und die Schulrhetorik, 1975). So schreibt er über den Einfluß der Schulrhetorik auf den Hessischen Landboten ("Poeta rhetor", S. 174):

Es ist Büchner (und Weidig) gelungen, die in der Schule gelernte und praktizierte Rhetorik nicht etwa zu vergessen, sondern für eine politische Flugschrift nutzbar zu machen, Schulberedsamkeit in politische Beredsamkeit zu transformieren.

Die folgende Auseinandersetzung mit der literarisierten Rhetorik der Theaterstücke und Briefe schließt an diese Forschungsergebnisse an und greift auf die bereits erwiesene Beeinflussung Büchners durch die Rhetoriktradition zurück. Das Gesamtwerk Büchners ist also auf eine rhetorisch-stilistische Kontinuität, die Entwicklung und Modifikation der Rhetorik und ihrer Elemente zu untersuchen. These ist dabei, daß das in den Schülerarbeiten und der Studentenzeit affirmative Verhältnis zur Rhetorik seit dem Erstlingswerk "Dantons Tod" (1835) kritisch, distanziert und ambivalent wurde; in Verbindung mit literaturwissenschaftlichen Forschungsfragen ist der Zusammenhang dieser Entwicklung mit der Büchnerschen Idealismuskritik und der Fatalismus-Problematik aufzuzeigen, wo die weltbewegende Macht des Wortes verlorengehen muß. Dem kommt entgegen, daß es bislang keine zusammenfassende Untersuchung zum Komplex Büchner und Rhetorik gibt und eine derart angelegte Analysemethode wahrscheinlich aufschlußreiche Einblicke in Text und Struktur ermöglicht. Natürlich sind die dichterischen Texte nicht ausschließlich unter rhetorischen Aspekten zu analysieren, wohl aber kann die rhetorische Analysemethode eine wichtige analytische Betrachtungsweise unter einer Mehrzahl möglicher Methoden der Textanalyse sein. Allerdings sollen nicht alle sprachlichen Verfahren, sondern nur die rhetorischen Elemente untersucht werden, die auf poetische Effekte abzielen, d. h. Tropen und rhetorische Figuren im Sinne eines engeren Rhetorikbegriffes. Diese Analyse beschränkt sich schon von daher auf rhetorische Elemente, weil es nicht um eine umfassende Stilanalyse gehen kann. Damit verschiebt sich der Blickwinkel auf eine intensive Textarbeit, die zugleich das in der Büchner-Forschung so beliebte Ideologisieren und Politisieren vermeiden müßte[2]. Zugleich können die Ergebnisse dieser Textarbeit nur vor dem Hintergrund der bisherigen literaturwissenschaftlichen Forschung verständlich werden.

Daß dabei nicht alle Werke des überschaubaren Gesamtwerks herangezogen werden sollen, wird verständlich, wenn man die Gegenwärtigkeit rhetorischer Figuren und rhetorischer Mittel in "Dantons Tod" dem Mangel eines solchen "elaborierten Codes" im "Woyzeck" gegenüberstellt, der für eine rhetorische Textanalyse kaum ergiebig sein dürfte. "Hessischer Landbote" und "Dantons Tod" sind nicht nur innerhalb eines Jahres entstanden (1834 - 1835); letzteres zeigt zahlreiche Parallelen zu Passagen des "Hessischen Landboten", insbesondere in den Volksszenen (I/2 und III/10), und knüpft damit an seine agitatorische, revolutionäre, pathetische Beredsamkeit unmittelbar an. Das Vorhandensein rhetorischer Elemente erklärt sich schon dadurch, daß Büchner Passagen aus den studierten Quellenwerken, wie Thiers Histoire de la Révolution Francaise etc., übernimmt und damit wahrscheinlich auch die hier dargestellte Rhetorik geschichtlicher Figuren. Die zahlreichen öffentlichen Reden Dantons, Robespierres und St. Justs, die Gerichtsrhetorik im Nationalkonvent (II/7) und vor dem Revolutionstribunal (III/4 und III/9) werfen die Frage auf, inwiefern diese Reden rhetorisiert sind bzw. sich rhetorischer Muster und Mittel bedienen. Der Ansatz liegt nahe, "Dantons Tod" auch als Rhetorik-Kritik zu lesen, als Relativierung, Kritik, Negierung und Parodie rhetorischen Sprechens. Wäre "Dantons Tod" damit als eine binnenrhetorische Kritik an leeren, ihre Macht überschätzenden rhetorischen Mitteln zu lesen? Dies könnte u. a. deutlich werden im Kontrast des Pathos der französischen Revolutionäre zur privaten Rede der Frauenfiguren, der Persiflage rhetorischer Phraseologie durch Simon und Dantons palavernde Kommentierung der Geschichte. Inwieweit dies tatsächlich der Fall ist, müßte unmittelbar am Text und an den einzelnen Szenen nachgewiesen werden.

Die Komödie "Leonce und Lena", entstanden im Rahmen eines Preisausschreibens der Cottaschen Buchhandlung 1836, ist vor allen Dingen auf die rhetorische Kunst der Imitation, d. h. Nachahmung und Überbietung literarischer Muster und rhetorischer Sprechweisen zu untersuchen und auf die Parodie der Rhetoriktradition in der Schilderung der Hofberedsamkeit und durch den Gebrauch des Wortspiels. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, inwiefern Büchner den Gebrauch der Rhetorik zu einem parodistischen Mittel macht und welche Rolle diese Parodie in den einzelnen Werken spielt.

Die Untersuchung der Büchnerschen Briefe bietet sich schon von daher an, da die Epistolographie, d. h. die Kunst des Briefeschreibens, traditionell als ein Untersystem zur Rhetorik zählt, wobei das Briefeschreiben auch einen wichtigen Bestandteil des Rhetorikunterrichts in der Schule bildete. Die Briefe müßten nach Empfängergruppen gesondert betrachtet werden, also in solche Gruppen wie Briefe an die Braut, Briefe an die Familie, an die Verleger und Bittschreiben.

2. Die Rhetorik und ihre Begriffe

2.1 Allgemein: Zweck, Mittel, Geschichte

Die klassische Rhetorik läßt sich als ein komplexes Lehrgebäude begreifen, das lehrhafte Regeln nach Gesichtspunkten des Textzweckes und der Textwirkung aufstellt. Ihre Funktion ist die Herstellung von angemessenen, wirkungsvollen Texten. Rhetorik ist in diesem Sinne präskriptiv, da sie Regeln aufstellt, nach denen Texte verfaßt sein müssen, um ihrem Zweck gerecht zu werden. Die germanistische Rhetorikanalyse bildet die Umkehrung dieses Verfahrens; nicht Herstellung, sondern Analyse von Texten ist die Absicht, die einer Darstellung des rhetorischen Systems zugrunde liegt. Diese Vorgehensweise ist, im Unterschied zur geschichtlichen Schulrhetorik, deskriptiv und schon dadurch angebracht, da stets Texte nach den Vorschriften rhetorischer Theorie geschrieben worden sind; es geht also um eine Rekonstruktion von Intention und Form von Texten.

Rhetorik als Kunst des Überredens und Überzeugens ist von daher eine rezeptive Wissenschaft; der Rezipient (Hörer, Leser) steht bei allen Überlegungen im Mittelpunkt. Ihr Ziel, das persuadere, erreicht sie über docere, probare und monere, d. h. die informative Unterrichtung des Hörers, das argumentative Überzeugen oder die sittliche Belehrung. Andererseits baut sie auf Affekte; über das conciliare will sie den Hörer gewinnen, über movere und concitare will sie seine Emotionen aufwühlen und zielt auf pathos, also die Leidenschaften der Hörer. Diese Wirkziele lassen sich rückwirkend in der Apellstruktur der Texte nachweisen. Muß der Analytiker der rhetorischen Textstruktur um die Wirkabsichten wissen, so bedarf es zum Erlernen der Rhetorik, insbesondere der Schulrhetorik, mehrerer Disziplinen, nämlich der ars, d. h. der Beherrschung rhetorischer Techniken, der imitatio, also der Nachahmung von Beispielen, und der exercitatio, d. h. Übung zur selbständigen Verfassung von Texten.

Seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. ist Rhetorik Gegenstand wissenschaftlicher und didaktischer Überlegungen; im öffentlichen Leben der Antike spielt die politische Rede vor Versammlungen und Gremien, die Gerichtsrede und die Festrede eine entscheidende Rolle. Von der rhetorischen Theorie ging im Zuge einer Literarisierung ein starker Impuls auf die Dichtung aus. Die Rhetorik wurde zudem als Lehrfach fester Bestandteil der Unterrichtswesens und damit unverzichtbares Bildungsgut freier Bürger. Auf seiten der Rezipienten bestand neben sachlichen Motiven ein Bedürfnis nach geschliffener Rede, die ihnen ästhetisches Vergnügen bereitete. Vornehmlich von der Stoa, aber auch von Aristoteles wurden beträchtliche moralische Ansprüche an den Vortragenden und seine Erziehung gestellt, Beredsamkeit sollte der Tugend verpflichtet sein. Die Rhetorik des Mittelalters knüpfte an die griechisch-römische Tradition an, verankerte sie in den sieben freien Künsten[3] und erweiterte sie um eine christliche Predigttheorie (ars praedicandi). In der Renaissance blieb Rhetorik in Schulen und Universitäten Unterrichtsfach, so daß das antike Erbe fortlebte und die Rhetorik ihre letzte große Blüte in der Ära des Barock erlebte, in der die gesellschaftlich tonangebende Aristokratie die Beredsamkeit in den Dienst herrschaftlicher Repräsentation stellte. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts büßte die Redekunst dann einen beträchtlichen Teil ihrer Geltung ein, zum einen durch den Einfluß der Aufklärung, zum anderen durch den des Idealismus. Den ästhetischen Grundsätzen gemäß stand Dichtung nicht länger im Bann normativer, erlernbarer Regeln, sondern galt als individuelles Medium subjektiver Erfahrung oder Inspiration im Zuge der Propagierung einer zweckfreien Kunst. Die Goethezeit markiert eine Zäsur in der Geschichte der Rhetorik, die dennoch keine totale Auflösung darstellt, denn schon im 18. und mehr noch im 19. Jahrhundert wurde die Stilistik, die Lehre vom Redeschmuck, weitgehend separiert und zu einem Lehrfach dekorativer Figuren reduziert. Erst um 1900 war die noch tradierte Schulrhetorik auch aus dem altsprachlichen Unterricht nahezu verschwunden. Erst seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts zeichnete sich eine Wiederentdeckung der Rhetorik als ars bene dicendi durch die Literaturwissenschaft ab.

2.2 Das rhetorische Texterstellungsmodell

Das klassische rhetorische Texterstellungsmodell gliedert sich in fünf Bearbeitungsstadien der Rede. Die inventio enthält Regeln über das standardisierte Suchen und Finden von geeigneten Gedanken, Argumenten, Tatsachen, Exempeln usw. zur Bewältigung eines zu erörternden Themas hinsichtlich der angestrebten Wirkung. Die Topik dient der Strukturierung der beabsichtigten Argumentation, d. h. die Fragen nach dem quis, quid, ubi, quibus auxiliis, cur, quomodo und quando[4]. Der Stoff- und Funktionsbereich, in dem die inventio tätig ist, wird von den drei Redegattungen (genera orationis) umrissen, nämlich dem genus iudicale (judiziale Gattung), bei dem es um Recht und Anklage bzw. Verteidigung geht, dem genus deliberativum (deliberative Gattung), der Nutzen und Schaden umreißt und als Warnung dienen soll, und dem genus demonstrativum (epideiktische Gattung), der Ehre und Unehre umschreibt und lobt oder tadelt. Im Regelfall wird eine Vermischung der Themenbereiche stattfinden; hierzu Plett (Einführung in die rhetorische Textanalyse, S. 16):

So kann beispielsweise eine Anklagerede sowohl deliberative Momente (z. B. Appell an den Rechtssinn des Richters) als auch epideiktische (z. B. Verunglimpfung des Angeklagten) einschließen. Didaktische Dichtung (etwa vom Landbau), die zu einem bestimmten Denken und Handeln auffordert, prangert häufig aktuelle oder vergangene Mißstände (z. B. ungerechte Güterverteilung) an und preist ein bestimmtes Lebensideal (Lob des Landlebens).

Dem Stadium der Stoffsammlung schließt sich die dispositio an, die Lehre der wirksamen Gliederung des so gewonnenen Materials nach verschiedenen Ordnungsschemata. Grundsätzlich sind zwei Ordnungsprinzipien verfügbar: die natürliche (ordo naturalis) und die künstliche (ordo artificialis) Disposition. Während das erste Ordnungssystem eine natürliche Ordnung der Dinge in räumlicher, zeitlicher und logischer Hinsicht voraussetzt (ab ovo), weicht das zweite absichtlich von der natürlichen Reihenfolge der Ereignisse und der Kausalität ab, setzt z. B. mitten im Handlungsablauf ein (medias in res), um die Rezipienten zu überzeugen. Die Strukturierung des Materials kann u. a. nach dem Vorbild der Aufsatzlehre in eine dreigliedrige Anordnung von Einleitung, Mittelteil und Schluß münden. Für die Büchner-Untersuchung von Bedeutung ist insbesondere der Aufbau der klassischen Rede, der aus exordium (Einleitung; Aufmerksamkeit und Wohlwollen des Hörers sind das Ziel), z. T. propositio (Darlegung der Themenstellung), narratio (Erzählung; Schilderung der Sachverhalts), argumentatio (Widerlegung oder Beweis) und peroratio (Schluß mit einer kurzen Wiederholung der Beweisführung und einem Affektappell). Weiterhin von Bedeutung ist der Idealaufbau des Briefes, der üblicherweise eingeteilt ist in salutatio (Begrüßung), captatio benevolentiae (Gewinnung der Lesergunst), narratio (Schilderung und Erzählung), petitio (Gesuch, Bitte) und peroratio (Schluß).

Es folgt die elocutio, d. h. die Kunst der überzeugenden und ästhetisch befriedigenden sprachlichen Formulierung der in der inventio gefundenen und in der dispositio sortierten Gedanken, wobei dem Schmuck (ornatus) eine wichtige Rolle zukommt. Zur elocutio zählt die Theorie von den virtutes elocutionis, d. h. den unbedingt einzuhaltenden Bedingungen einer wirkungsvollen Rede. Aptum bezeichnet hier die Angemessenheit des sprachlichen Ausdrucks in bezug auf Gegenstand und Zweck der Rede, die lokale Situation und psychische Disposition des Rezipienten. Darüber hinaus hat der Verfasser für die Sprachkorrektheit (latinitas) und Deutlichkeit (perspicuitas) zu sorgen. Zur Anwendung des Redeschmuckes kommt eine Betrachtung der Stilebene des Textes hinzu; gewöhnlich wird bei den genera dicendi, den Stilebenen, zwischen niedrigem (genus humile), mittlerem (genus medium) und hohem Stil (genus grande) unterschieden. Das genus humile ist einfach, belehrend informativ, schmucklos und der Alltagssprache nahe, während das genus medium mehr Schmuckmittel nutzt und unterhaltenden Charakter besitzt. Das genus grande besitzt reichen Schmuck und einen erhabenen Sprachgestus; mit ihm wendet sich der Redner an ein Publikum, das er durch einen leidenschaftlichen Vortrag erregen möchte. Die Wahl des passenden Stils hängt von der Intention des Redners, dem sozialen Status der Rezipienten und der zu behandelnden Sache ab; eine Mischung der Stilebenen ist dabei möglich.

Die beiden letzten Stufen der Texterzeugung sind memoria und actio (pronuntiatio); in der memoria geht es um die Rekapitulierung und Speicherung der Rede im Gedächtnis mit Hilfe der Mnemotechnik, während die actio die unmittelbare Vortragskunst, d. h. Stimme, Gesichtsausdruck und Körperhaltung des Redenden behandelt.

2.3 Die Elocutio: Rhetorische Figuren

Für die folgende Untersuchung ist eine vertiefte Betrachtung der elocutio, d. h. der sprachlichen Gestaltung der Rede, nötig. Zu den rhetorischen Gestaltungsmitteln zählen dabei insbesondere die rhetorischen Figuren und die Tropen, d. h. die Figuren der uneigentlichen, übertragenen Rede. Nach Plett (Einführung in die rhetorische Textanalyse, S. 28ff.) sind fünf Klassen rhetorischer Sprachgestaltung bzw. Figuren zu unterscheiden: zum ersten Positionsfiguren, zum zweiten Wiederholungsfiguren, zum dritten Quantitätsfiguren, zum vierten Appellfiguren aus der angewandten Rhetorik und schließlich der Bereich der Tropen, die den eigentlichen Redeschmuck (ornatus) ausmachen. Genauso ließe sich aber auch in Wort- und Gedankenfiguren und Wortfiguren wiederum in solche der Addition, der Elimination und der Permutation unterscheiden. Eine andere Unterteilung wäre die nach Lausberg (Elemente der literarischen Rhetorik, S. 82ff.) in Figuren der Wiederholung, Figuren der Häufung, Figuren der Auslassung und Figuren der Stellung und Umstellung. Aufgrund einer besseren Übersicht orientiert sich die folgende Auflistung rhetorischer Figuren an dem Schema von Plett:

2.3.1 Positionsfiguren

Die Gruppe der Positionsfiguren umfaßt die Inversion, die Hypallage, das Hysteron proteron, das Hyperbaton, der Parallelismus/Isokolon, und der Chiasmus. Die Inversion bezieht sich auf die Stellung der Satzglieder und bezeichnet hier den Platzwechsel von aufeinander folgender Satzglieder, also die Umstellung der gewöhnlichen Satzstellung. Die Hypallage (Enallage) vertauscht ebenfalls die Wortstellung und verändert damit die syntaktische und semantische Beziehung und benennt meist die Umstellung von Adjektiven (z. B. "Ein warmes Glas Wasser" statt "Ein Glas warmes Wasser"). Das Hysteron proteron ist demgegenüber nicht Wortfigur, sondern Gedankenfigur, d. h. es findet keine syntaktische, sondern eine primär semantische Umstellung statt, z. B. die Vertauschung der zeitlichen und kausalen Abfolgen[5]. Das Hyperbaton ist die Sperrung bzw. Trennung von syntaktisch zusammengehörigen Wörtern; es tritt häufig als Epiphrase auf, d. h. dem Nachtrag syntaktischer Einheiten (z. B. "Die Männer sind bedroht, die Frauen und die Kinder", vgl. Plett, S. 30); auf der Satzebene entspricht ihm die Parenthese, d. h. die Sperrung von Satzteilen. Unter Parallelismus versteht man die Reihung gleichartiger bzw. syntaktisch gleich gebauter Sätze, Gliedsätze oder Syntagmen (z. B. "Herbert frisiert Köpfe, Karl repariert Autos und Hans fegt"), während der Chiasmus/Antimetabole eine überkreuzte syntaktische Anordnung korrespondierender Wortteile bezeichnet (z. B. Schiller, Maria Stuart: "Ihr Leben ist dein Tod! Ihr Tod dein Leben!").

2.3.2 Wiederholungsfiguren

Geminatio/Epanalepse, Anadiplose, Gradatio, Kyklos, Anapher, Epipher, Symploke, Alliteration, Assonanz, Polyptoton/ figura ethymologica, und Paronomasie sind die bekanntesten Wiederholungsfiguren. Die Geminatio (Iteratio/Repetitio) ist die aufeinanderfolgende wörtliche Wiederholung von Wörtern oder Wortgruppen (z. B. Schiller, Maria Stuart: "Daraus kann nimmer, nimmer Gutes kommen!"), die Anadiplose die Wiederholung des letzten Gliedes einer syntaktischen Einheit in der nächstfolgenden (z. B. "Wer zuletzt lacht, lacht am besten"), die Gradatio die Reihung von Anadiplosen über mehrere syntaktische Einheiten (z. B. Brecht, Das Leben des Galilei: "Und um den Papst zirkulieren die Kardinäle./Und um die Kardinäle zirkulieren die Bischöfe./Und um die Bischöfe zirkulieren die Sekretäre"). Der Kyklos ist eine rahmenartige Wiederholung (z. B. "Schnaps ist und bleibt Schnaps"), die Anapher die wörtliche Übereinstimmung am Anfang von Sätzen oder Teilsätzen (z. B. Goethe, Der Fischer:

"Das Wasser rauscht, das Wasser schwoll"), die Epipher die wörtliche Übereinstimmung an deren Ende, die Symploke die Verbindung von Epipher und Anapher. Alliteration und Assonanz können als lautliche Wiederholungen bezeichnet werden; die Alliteration ist dabei die Übereinstimmung des Anlauts (z. B. "Mit Mann und Maus"), die Assonanz die Übereinstimmung von Vokalen (z. B. Goethe, Erlkönig: "Du liebes Kind, komm, geh mit mir!/Gar schöne Spiele spiel ich mit dir."). Polyptoton und Paronomasie können grob als Wortspiele klassifiziert werden; beim Polyptoton handelt es sich um die flexivische Änderung des gleichen Wortes (siehe obiges Beispiel, "Gar schöne Spiele spiel ich mit dir"), während die Paronomasie ein Wortspiel mit verfremdender Änderung des Wortkörpers in der Wiederholung (Schiller, Wallenstein, "Die Bistümer sind verwandelt in Wüsttümer").

2.3.3 Quantitätsfiguren

Quantitätsfiguren können sowohl positiv (Figuren der Häufung) als auch negativ (Figuren der Kürzung sein); zu ersteren zählen die Enumeratio, die Antithese, das Oxymoron, Klimax und Antiklimax, epitheta ornantia, die Parenthese, die Similitudo, das Hendiadyoin, zu letzteren die Ellipse, die Aposiopese, das Zeugma, das Asyndeton, die Paralipse. Die Enumeratio zählt die einzelnen Bestandteile eines Ganzen auf (z. B. "Antonius war die Ursache des Bürgerkrieges, dreier vernichteter Armeen, des Todes vieler edler Bürger, des Umsturzes der senatorischen Autorität und schließlich aller erdenklicher Übel", siehe Plett, S. 46); die Antithese konfrontiert gegensätzliche Begriffe oder Gedanken (z. B. Gryphius, "Vanitas vanitatem": "Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein"). Das Oxymoron stellt einen logischen Widerspruch her durch die syntaktische Einheit sich ausschließender Begriffe, z. B. zwischen Substantiv und Attribut (contradictio in adiecto: "lebendiger Tod"), zwischen Verb und Adverb ("stumm sprechen) oder in einem Kompositum ("traurig-froh"). Die Klimax reiht semantisch steigernde Begriffe oder Syntagmen ("Ich habe ihn gebeten, angefleht, beschworen"); die Antiklimax kehrt die Klimax um ("Mein Reh, mein Kätzchen, mein Mäuschen"); epitheta ornantia sind schmückende Beiwörter (z. B. "der liebe Gott"); die Parenthese ist die Unterbrechung einer Satzkonstruktion durch Einschübe; das Similitudo ist ein Vergleich bzw. ein Gleichnis, das tertium comparationis, d. h. der gemeinsame semantische Nenner, wird dabei durch "wie ... so", hergestellt (z. B. "Er ist wie ein Löwe in der Schlacht"); das Hendiadyoin gibt einen Begriff durch zwei bedeutungsgleiche Wörter wieder ("voll und ganz").

Figuren der Kürzung sind vor allem auf der syntaktischen Ebene anzutreffen, so z. B. die Ellipse. Sie läßt ein durch den Kontext zu ergänzendes Satzglied aus (z. B. "Hier Schmidt"), während die Aposiopese die Konstruktion vor der entscheidenden Aussage abbrechen läßt (z. B. "Was, ich soll...?"); das Zeugma läßt semantisch ungleichartige Einheiten aus und erzielt damit meist Komik ("Josefine ging ins Kloster und dort zu weit"); das Asyndeton bezeichnet das Auslassen von Konjunktionen bei der Reihung von Wörtern, Satzteilen oder Sätzen; die Paralipse schließlich betont das Übergehen eines Gegenstandes und hebt ihn damit um so mehr hervor ("Von seinen zahlreichen Dummheiten soll hier gar nicht die Rede sein, daher wende ich mich gleich seinen Torheiten zu...").

2.3.4 Appellfiguren

Appellfiguren sind insofern die im engeren Sinne rhetorischen Figuren, da sie erst durch die fiktive Person eines Sprechers und eines Publikums zur Geltung kommen, so die Interrogatio ("rhetorische Frage"), die Aporie, die Prokathalepse, die Concessio, die Permissio, die Exclamatio, die Apostrophe und die Sermocinatio. Die Interrogatio läßt sich als in Frageform gekleidete Aussage oder Aufforderung beschreiben ("Sollen wir uns das gefallen lassen?" statt "Das können wir uns nicht gefallen lassen!" oder "Laßt Euch das nicht gefallen!"); die Aporie täuscht den Selbstzweifel des Sprechers vor ("Womit soll ich beginnen?"); Prokathalepse bezeichnet den vorweggenommenen Einwand des Gegners oder des Publikums ("Sie werden einwenden, daß, aber..."); die Concessio ist eine fiktive Kapitulation ("Natürlich haben sie recht, indem sie ..., aber..."), die Permissio ein falscher Rat und kommt damit der Ironie nahe ("Dann renn doch in dein Verderben!"); die Exclamatio ist ein affektbewegter, pathetischer Ausruf ("Wehe denen, die..."); mit der Apostrophe wendet sich der Redner - bevorzugt in politischen Reden - von seinem eigentlichen Publikum ab ("Liebe Parteifreunde draußen im Lande..."); Sermocinatio bezeichnet die Charakterisierung erfundener oder realer Personen durch erlebte Rede.

[...]


[1] Der Begriff kommt wahrscheinlich als Lehnbildung des frz. Stilistique ins Deutsche und wird erstmals bei Novalis belegt; der Duden (Etymologie, Bd. 7) dazu: Stilistik, w. "Stilkunde" (Ende 18. Jh., nach entspr. frz. stylistique); stilistisch, "den Stil betreffend" (Anfang 19. Jh.).

[2] Hier ließe sich bemerken, daß die Ergebnisse und Betrachtungsweisen der Forschung sich größtenteils wie ein Desiderat des Zeitgeistes ausnehmen; angefangen bei der sozialrevolutionären Betrachtungsweise Enzensbergers, der sozialistischen Georg Lukács und der sexualrevolutionären bei Roland Grimm ('68 läßt grüßen).

[3] Zugehörigkeit zu den septem artes liberales, genauer: zum Trivium aus Grammatik, Dialektik und Rhetorik.

[4] D. h. die Fragen nach dem Wer, Was, Wo, Womit, Warum und Wann.

[5] Das bekannteste Beispiel stammt hier aus Goethes Faust: "Ihr Mann ist tot und läßt Sie grüßen"

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Details

Titel
Georg Büchner und die Rhetorik
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Sprach- und Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Das Verhältnis von Sprachwissenschaft und Literaturwissenschaft
Note
1,0
Autor
Jahr
1996
Seiten
49
Katalognummer
V33217
ISBN (eBook)
9783638337472
Dateigröße
670 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Georg, Büchner, Rhetorik, Verhältnis, Sprachwissenschaft, Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Jochen Müller (Autor), 1996, Georg Büchner und die Rhetorik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33217

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