Als Hugo von Hofmannsthals Einakter "Elektra" 1903 uraufgeführt wurde, war die Ablehnung der Kritiker nahezu einhellig: das Stück, das Richard Strauß als Libretto für seine Oper verwendete und dessen Wirkung durch eine am Rande der Tonalität schwebende Vertonung noch steigerte, sei ein greuliches Gemisch von viehischer Sinnlichkeit, Perversität, Verrücktheit und Rachedurst, so die einen; für die anderen, wie Paul Goldmann, war es nur "die Verirrung eines Talents". Hofmannsthal habe "die griechische Tragödie nicht nur total verändert, sondern auch alle poetischen Schönheiten aus ihr entfernt, ohne eine neue Poesie an Stelle der alten zu setzen"; für ihn war das Stück hybrid, ein literarisches Unding, das das Herz eigentümlich kalt lasse und, statt das Gemüt der Zuschauer zu bewegen, schockiere und abstoße: Hofmannsthal schildert den Mord, ohne erst viel mit den Gründen des Mordes sich abzugeben. Gewiß, es wird gesagt, daß Elektra ihre Mutter haßt. Aber das alles wird nur kurz angedeutet; man hört es kaum in dem Lärm, der das Drama erfüllt. Vom Augenblick an, da das Stück anfängt, beginnt Elektra zu schreien, und sie schreit unentwegt bis zum Schluß. Elektra, deren Klagen bei Sophokles mit dem Sange der Nachtigall verglichen werden, ist bei Hofmannsthal ein keifendes Weib geworden. Und ihre Wut berührt um so abstoßender, als man gar nicht recht begreift, warum sie eigentlich gar so wütend ist. So wird in diesem Drama gehaßt um des Hasses, gemordet um des Mordes willen. Elektra schreit nach Blut, und sie schreit nicht allein aus Haß, sie scheint nach Blut zu schreien, weil sie das Blut liebt. An die Stelle der Psychologie tritt die Perversität. [...] Und diese Kollektion widerlicher Ausartungen, diese Orgie des Sadismus nennt sich eine Nachdichtung nach Sophokles!
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Eingrenzung und Symptomatik der Besessenheit Elektras
3. Die Forschung zur Elektra-Figur
3.1 Die idealistische Interpretationsrichtung
3.1.1 William H. Rey - "Elektra" als Weltversöhnung
3.1.2 Nehring - Die Tatproblematik
3.1.3 Wittmann - Wort und Tat
3.2 Die psychoanalytische Interpretationsrichtung
3.2.1 M. Worbs - Die Geburt der "Elektra" aus dem Geist der Psychopathologie
4. Elektra - Ästhetik und Faszination der Besessenheit
4.1 Die Erotik der Gewalt und die Lust am Irrsinn - mit Foucault gegen Freud
4.2 Elektra und die schwarze Romantik - eine motivgeschichtliche Betrachtung
4.2.1 Elektra und das Motiv der Medusa
4.2.2 Elektra und das Motiv der "femme fatale"
4.3 Elektra als Zeitphänomen
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Elektra-Gestalt in Hugo von Hofmannsthals gleichnamigem Einakter und hinterfragt die These, ob Elektra als "hysterische Heldin" oder als Repräsentantin eines Zeitphänomens der Wiener Moderne zu verstehen ist, wobei der Fokus auf der ästhetischen Inszenierung des Irrationalen liegt.
- Analyse der Besessenheit und Symptomatik der Elektra-Figur.
- Kritische Auseinandersetzung mit idealistischen und psychoanalytischen Interpretationsansätzen.
- Untersuchung des Verhältnisses von Gewalt, Erotik und Wahnsinn im Kontext der Ästhetik des Fin de siècle.
- Einordnung des Werkes in die Tradition der "Schwarzen Romantik" und des Motivs der "femme fatale".
Auszug aus dem Buch
4.1 Die Erotik der Gewalt und die Lust am Irrsinn - mit Foucault gegen Freud
Von der immanenten Mischung der Elektra-Figur aus Rausch, Sinnlichkeit, Exzeß, Gewalt und Trieb war bereits die Rede; es ist das Beieinander von Tod und Lust, Gewalt und Erotik ("Wenn einer auf mich sieht, muß er den Tod empfangen oder muß vergehen vor Lust"97), das Elektra kennzeichnet; ihre Haßausbrüche und Beschwörungen assoziieren, selbst dort, wo die Konnotation der Haßlust und Rachsucht gar nicht unmittelbar auftritt, eine orgiastische Atmosphäre, die die Ausbrüche und Ausfälle unwillkürlich in den Bereich des Triebhaften rückt. Die Metaphorik dieser unterschwelligen Triebstruktur - oder auch Triebmotivation Elektras - scheint der Tanz zu sein; es ist wohl nicht der Gesellschaftstanz, sondern ein ganz und gar besinnungsloses, körperbezogenes Sich-Ausleben, was Elektra hier meint, ein deliriziöser Zustand, in dem der einzelne nicht mehr Verstand, sondern nur noch Körper ist.
Tanz, Lust und Glück werden als Synonyme eines Zustandes gebraucht, der unmittelbar mit der - zuerst nur erhofften, dann vollbrachten - Rache an Ägisth und Klytaimnestra verbunden ist; die Rache selbst scheint in Elektras Vorstellung ein durch und durch lustvoller Akt zu sein, ein Reigen des Hasses, ein namenloser Tanz und als solcher ein kaum verhülltes Sinnbild der Triebbefriedigung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung des Theaterskandals nach der Uraufführung und Vorstellung der zentralen Fragestellung bezüglich der Deutung der Elektra-Figur.
2. Eingrenzung und Symptomatik der Besessenheit Elektras: Untersuchung der animalischen Verhaltensweisen und der halluzinatorischen Züge als Ausdruck einer übersteigernden Besessenheit.
3. Die Forschung zur Elektra-Figur: Kritische Analyse der idealistischen und psychoanalytischen Forschungsansätze zur Interpretation der Figur und ihrer Tatproblematik.
4. Elektra - Ästhetik und Faszination der Besessenheit: Betrachtung der ästhetischen Inszenierung von Gewalt und Wahnsinn sowie die Einordnung in das literarische Umfeld des Fin de siècle.
Schlüsselwörter
Elektra, Hugo von Hofmannsthal, Fin de siècle, Wiener Moderne, Hysterie, Besessenheit, Psychoanalyse, Rache, Gewalt, Erotik, Ästhetik, Schwarze Romantik, femme fatale, Medusa, Wahnsinn.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Elektra-Figur bei Hugo von Hofmannsthal und untersucht, ob sie als psychologischer Fall oder als ästhetische Inszenierung des Irrationalen zu verstehen ist.
Welche Themenfelder sind zentral?
Zentral sind die Themen Besessenheit, Rachephantasien, die Verbindung von Gewalt und Erotik sowie die Rolle des Wahnsinns im literarischen Kontext um 1900.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, dass Hofmannsthal mit Elektra keine bloße psychoanalytische Studie vorlegt, sondern den Wahnsinn als ästhetisches Ereignis und Zeitphänomen zur Sprache bringt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die verschiedene Forschungsansätze (idealistisch, psychoanalytisch) gegenüberstellt und mittels motivgeschichtlicher Betrachtungen (Schwarze Romantik) und Foucaults Diskursanalyse kritisch prüft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil erfolgt eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Symptomatik der Figur, der Kritik an psychoanalytischen Deutungsversuchen sowie die Einordnung in den ästhetischen Kontext der Moderne.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Ästhetik des Hässlichen, Triebhaftigkeit, Entsublimierung und die Rolle der Frau in der Literatur des Fin de siècle definiert.
Inwiefern unterscheidet sich die Arbeit von herkömmlichen Deutungen?
Sie lehnt eine rein pathologische Deutung ab und argumentiert stattdessen, dass Hofmannsthal das Irrationale ästhetisiert und nicht auf eine medizinische Diagnose reduziert.
Was bedeutet die "Entsublimierung" im Kontext von Elektra?
Es bedeutet, dass Hofmannsthal ödipalen Hass nicht entschärft, sondern als niederer Instinkt und ästhetische Kraft direkt erfahrbar macht, anstatt ihn in ein höheres künstlerisches Prinzip zu überführen.
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- Jochen Müller (Author), 1995, Elektra als hysterische Heldin? Eine Untersuchung zur Elektra-Gestalt bei Hugo von Hofmannsthal, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33220