Heine und die Revolution


Seminararbeit, 1998

32 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Politische Theorie und politische Satire
2.1 "Deutschland. Ein Wintermärchen" und "Zur Geschichte von Religion und Philosophie in Deutschland"
2.2 Motive der Revolution
2.2.1 Gedanke und Tat
2.2.2 Der Traum der Revolution
2.2.3 Sagen und Märchen und die Revolution
2.2.4 Die Guillotine und die negative Seite der Revolution
2.2.5 Das prophetische Bild der Revolution
2.2.6 Das "neue Lied" – die Utopie der Revolution

3. Heine und die Revolution: kritische Betrachtung der Forschungssituation

4. Literatur

1. Einleitung

Nach Heines Übersiedlung nach Paris im Mai 1831 beginnt seine zweite Lebens- und Schaffensperiode, in der er sich vor allem einem zeitkritischen "Journalismus" widmet. Seine wichtigste Aufgabe im französischen Exil sieht er darin, zwischen französischer und deutscher Literatur, Philosophie und Kultur zu vermitteln. Seine Prosaschriften wollen daher bei den deutschen Lesern Verständnis für moderne französische Politik, bei den französischen Verständnis für deutsche Philosophie und Poesie fördern (Höhn 1987, 282). Als politischer Schriftsteller war Heine bereits zuvor in seinen "Reisebildern" hervorgetreten[1] und hatte daraufhin mit seinem "Buch der Lieder", einer Sammlung von Gedichten, große Volkstümlichkeit erreicht. Als Ausdruck romantisch-freiheitlicher Gesinnung – nicht als politisches Buch – wird es aber erst Mitte der 30er Jahre populär. Mit den Prosaschriften aus dem Pariser Exil[2] setzt er seine zeitkritischen Publikationen fort. Auch die lyrischen Werke, die Heine in den 40er Jahren des Vormärzes veröffentlicht[3], sind durchweg politische Dichtungen – insbesondere "Atta Troll. Ein Sommernachtstraum" (1842), "Deutschland. Ein Wintermärchen" (1844) und die "Neuen Gedichte" (1844).

Im Mittelpunkt der folgenden Untersuchung stehen Heine als politischer Autor, insbesondere seine Vorstellung einer "deutschen Revolution", und seine positiven wie negativen Bilder dieser "Revolution" in seinen zeitkritischen Schriften und seiner politischen Dichtung. Dazu soll zum einen "Deutschland. Ein Wintermärchen" behandelt werden, das allgemein als Heines radikalste politische Dichtung gilt. Das allgegenwärtige Thema von Revolution und Restauration macht eine Betrachtung der Motive möglich, die Heine mit einer politischen Revolution verbindet und die zugleich seine eigene Einstellung bezeichnen. Andererseits soll sein ein gutes Jahrzehnt früher erschienenes Werk "Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland" seine politische Theorie und sein politisches Konzept beleuchten. In dieser Schrift beabsichtigt er nicht nur, deutsches Geistesleben für das französische Publikum darzustellen, sondern will auch nachweisen, daß die deutsche Philosophie im Kern revolutionär ist und aus ihr eine Revolution folgen muß. Im folgenden soll daher nicht Heines Darstellung der Philosophiegeschichte interessieren, sondern sein Verständnis von Philosophie als vorausgedachter Revolution, seine Vision einer Wechselbestimmung von Literatur, Philosophie und Politik. Es bietet sich an, Abschnitte von "Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland" als Kommentar zum "Wintermärchen" bzw. als Erläuterung der politischen Vorstellungen Heines zu lesen.

Daraus ergeben sich die leitenden Fragen: Welches Verständnis hat Heine von Politik und Revolution und welches von der politischen Bedeutung der Literatur? Welche Aufgaben weist er Literatur und Philosophie im politischen Emanzipationsprozeß zu? Welche Bilder einer Revolution entwirft er, mit welchen Motiven verbindet er sie? Und welche Rückschlüsse können von Heines Bild der Revolution auf seinen politischen Standpunkt gezogen werden (vorausgesetzt, daß man Heine überhaupt einen Standpunkt unterstellen kann)? Das Ziel der folgenden Untersuchung ist es also, aus einem Vergleich bzw. einer Parallellektüre von "Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland" und "Deutschland. Ein Wintermärchen" Heines politische Überzeugungen darzustellen, das Spannungsverhältnis von Philosophie, Literatur und Politik aufzuzeigen und zugleich sein ambivalentes Bild der Revolution zu belegen. Daß man Heine nicht die Rolle eines "Freiheits- und Gleichheitstambours" zuschreiben kann, wie Grab meint[4], sondern seine Einstellung ungleich zwiespältiger, ironisch und distanziert ist, soll anhand der Werke gezeigt werden.

Nach einer kurzen Einführung in "Deutschland. Ein Wintermärchen" und "Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland" werde ich die literarischen Motive, die Heine im "Wintermärchen" mit einer Revolution verbindet, als Argumentationshilfe heranziehen, um den Aussagen zu Heines politischer Einstellung größere Glaubwürdigkeit und Textnähe zu verleihen. Sie werden mit Hilfe seiner Philosophiegeschichte dargestellt und erläutert: Die Motive von Gedanke und Tat und der revolutionären Rolle des Schriftstellers, die Motive von Traum und Revolution und von Sagen und Märchen und Revolution, das Motiv der Guillotine und eines prophetischen (negativen) Bildes der deutschen Revolution, und zuletzt das (positive) Motiv einer Revolution und der damit verbundenen Utopie. Schließlich soll die Forschungslage, die ein sehr heterogenes Bild von Heines Einstellung zur Revolution zeichnet, auf dem Hintergrund der aufgezeigten Motive kritisch betrachtet und in diesem Zuge Heines Einstellung zur Revolution zusammengefaßt werden.

An Forschungsliteratur sei vor allem Grab (1982) genannt; eine Übersicht über Heines politisches Denken bieten Walwei-Wiegelmann (1974) und Tonelli (1975) an. Schneider (1990) betont insbesondere Heines ambivalente Haltung zur Revolution. Ein einführender Überblick zu den Werken findet sich vor allem bei Höhn (1987) und Brummack (1980).

2. Politische Theorie und politische Satire

2.1 "Deutschland. Ein Wintermärchen" und "Zur Geschichte von Religion und Philosophie in Deutschland"

"Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland" wurde zwischen 1833 und 1834 niedergeschrieben und ins Französische übersetzt; 1835 wurde die Schrift im Sammelband "De l'Allemagne" veröffentlicht; auf Deutsch erschien sie in Band II des "Salon". Die Schrift über die Entwicklung der deutschen Philosophie war als eine allgemeine Einleitung in die deutsche Literatur geplant, sollte den Schlüssel zum Verständnis der Ideengeschichte liefern und einen Überblick über deutsche Geistesvorgänge ermöglichen (Brummack 1980, 280). Dementsprechend war sie wahrscheinlich als Einleitung zur "Romantischen Schule" konzipiert. Heine schreibt in "Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland" eine Ideengeschichte des modernen Emanzipationsgedankens. Die Ursprünge der modernen Emanzipationsbewegung sieht er im protestantisch-aufklärerischen Prinzip. In drei Abschnitten (Büchern) legt er die Genese dieses Prinzips dar, wobei jedes Buch einer Entwicklungsphase gewidmet ist. Das erste Buch beschreibt die christliche Religionsgeschichte bis zur Epochenwende der Reformation, durch die er das Zeitalter der autonomen Vernunft und der volkssprachlichen neuen Literatur anbrechen sieht[5]. Das zweite Buch behandelt die Revolution in der Philosophie als Konsequenz dieses protestantischen Freiheitsprinzips, das dritte die Philosophie des Idealismus als einer Vorstufe und Vorbereitung der politischen Revolution. Die Darstellung ist also in die aufeinanderfolgenden und aufeinander aufbauenden Revolutionen in Religion, Philosophie und Politik gegliedert, in chronologischer Abfolge von vergangener (religiöser), gegenwärtiger (philosophischer) und zukünftiger (politischer) Revolution. In einer Mischung aus objektivem Reflexionsstil und subjektivem Ton- und Perspektivenwechsel geschrieben, behält Heine auch hier einen skeptischen, witzigen und subversiven Duktus bei. Wie auch in seinen politischen Gedichten, trägt er kein doktrinäres Pathos zur Schau, sondern spielt mit Ironie, Assoziation und Bildhaftigkeit.

Im "Wintermärchen", Heines schärfster politischer Dichtung, sind Restauration und Revolution das zentrale Thema. 1843 unter den Eindrücken einer Reise nach Deutschland verfaßt, erschien es 1844 zusammen mit den "Neuen Gedichten" und wurde u. a. vom "Vorwärts" gedruckt und zugleich durch die Zensur verboten (Fingerhut 1992, 19ff.). Direkt am Schluß der französischen Veröffentlichung abgedruckt wurde das Gedicht "Im Oktober 1849", gewissermaßen als Probe aufs Exempel der in Caput XXVI geschauten Revolution. Heine knüpft an seine "Reisebilder" an und schildert in ca. 600 locker geformten Strophen[6] und teils kühnen Reimen[7] eine winterliche Reise durch Deutschland. Die geschilderten Stationen der Reise führen über Aachen, Köln, Hagen, Unna, Münster, Osnabrück, Hannover und Hamburg. Weitere Orte sind Grotenburg, der Kyffhäuser und Paderborn. Die Reisestationen gliedern den Text und geben das Thema vor; dies ermöglicht, "vor Ort" die aktuellen Gegenwarts­ereignisse zu beschreiben, z. B. die Wiederherstellung und Vollendung des Kölner Doms, die patriotische Reichsidee, Barbarossa-Mythos und Hermannskult usw. Mit ironisch-satirischem Stil, wechselnden Tonarten und der Form eines Zyklus setzt sich Heine bewußt von der pathetischen Dichtung der Tendenzpoesie ab, die von einheitlicher Gesinnung und Tonart geprägt ist. Gegen die Tendenzpoesie und die Fabrikation "gereimter Zeitungsartikel" wendet Heine ironische Verstellung und Verfremdung und entzieht sich damit einer eindeutigen Stellungnahme. Die "Standpunktlosigkeit", die ihm daher die zeitgenössische Rezeption vorwarf, zieht nicht zuletzt eine bestimmte Rezeption und Lesart nach sich[8]. Heine stellt dies unmittelbar heraus, indem er den Erzähler auf die Frage der Mutter nach seiner politischen Überzeugung ("Mein liebes Kind! wie denkst du jetzt?/...Zu welcher Parthey/Gehörst du mit Ueberzeugung?") antworten läßt (Heine 1997a, Caput XX, Str. 14):

Die Apfelsinen, lieb Mütterlein,

Sind gut, und mit wahrem Vergnügen

Verschlucke ich den süßen Saft,

Und ich lasse die Schaalen liegen.

2.2 Motive der Revolution

2.2.1 Gedanke und Tat

In Caput VI und Caput VII von "Deutschland. Ein Wintermärchen" tritt die allegorische Gestalt des Liktors[9] auf. Das Motiv weist auf das Thema dieser Episode hin: die Umsetzung des Gedanken in die Tat. Die Macht des Wortes, die Heine hier zum ersten Mal anspricht, kehrt im "Wintermärchen" leitmotivisch wieder, so auch in den Schlußdrohungen an den Preußenkönig (Heine 1997a, Caput XXVII). Besagter Liktor nun begegnet dem Dichter nachts an seinem Schreibtisch. Er führt ein "Richtbeil" mit sich, hält sich in der Ferne und folgt dem Dichter dennoch wie ein Schatten[10] ; der Dichter trifft ihn nur in der "Stunde/Wo Weltgefühle sprießen", ist ansonsten aber "von praktischer Natur" und nicht allein fern aller Vergeistigung, sondern auch ein wenig "grobianisch", denn er sagt von sich selbst: "Und von Rhetorik bin ich kein Freund,/Bin auch nicht sehr philosophisch." (ebd., Caput VI, Str. 13). Heine liefert eine Selbstinszenierung des Dichters und seiner politischen Wirkmächtigkeit, ohne pathetisch zu werden; ironisch warnt der Liktor den Dichter: "Und werde nur nicht emphatisch!" (ebd., Str. 12). Die Selbstbeschreibung des "Liktors" liest sich folgendermaßen (ebd., Str. 14 - 18):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In der angeführten Passage treten Gedanke und Tat als zwei Personen auf, die allerdings als Einheit agieren ("Du denkst, und ich, ich handle"); zugleich kommt dem Denkenden eine besondere Verantwortung zu, denn der "Büttel" bzw. "Liktor" vollstreckt auch ungerechte Urteile. Zum einen besteht eine notwendige, aber keine unmittelbare Verbindung von Gedanke und Tat (denn dazwischen können "Jahre drüber hin[gehen]"); die Realisierung der "gedachten Revolution" kann also auch in größerem zeitlichem Abstand erfolgen, aber erfolgen wird sie mit Sicherheit. Zum anderen ist die Relation nicht wechselseitig, sondern kausal, denn dem Dichter wird "das Beil [...] nachgetragen". Es entspricht einer im Vormärz durchaus verbreiteten Auffassung, Literatur und Philosophie würden in Deutschland bewirken, was die Revolution in Frankreich vollbracht hatte; so trat Gutzkow mit der Formulierung hervor, Bücher sollten nun Tatsachen werden (Fingerhut 1992, 56). Die Hoffnung auf die Macht des geschriebenen Wortes steht zugleich in der Tradition der Aufklärung und der idealistischen Philosophie. So gehört es auch zu Heines Anschauung über sein schriftstellerisches Engagement, daß dem Wort praxisverändernde Kraft zuwächst, daß die Tat dem Gedanken folgt. Heines Allegorie auf die Relation zwischen Gedanke und Tat ist ein idealistischer Gedankengang, der in den Ideen die Quelle der tatsächlichen historischen Veränderung zu finden glaubt. Fraglich ist, ob Heine damit tatsächlich ein prophetisches Bild einer unausweichlichen Revolution zeichnen möchte; schließlich wird die Idee unmittelbarer politischer Wirksamkeit in die Zukunft oder in den Traum verlegt. Der Gedanke wirkt auch keineswegs direkt, sondern ästhetisch vermittelt, vergleichbar mit der Wirkung der deutschen idealistischen Philosophie, wie Heine sie in "Zur Geschichte von Religion und Philosophie in Deutschland" charakterisiert.

Wie sich zeigt, ist der Denker selbst eher ein von den Folgen des Gedachten Betroffener als ihr Beherrscher, denn das Traumbild des Liktors wird zum Alptraumbild. Im Traum läßt der Dichter die Gebeine der Heiligen Drei Könige, die in der "Drey-Königs-Kapelle" des Kölner Domes beigesetzt sind, als "Skelette des Aberglaubens" (Heine 1997a: Caput VII, Str. 28) von seinem "stummen Begleiter" zerschmettern. Diese Tat des Liktors aber läßt den Traum zum Alptraum werden: Der Erzähler wird durch die entsetzlichen Schläge plötzlich wach und fühlt "Blutströme" aus seiner Brust schießen (ebd., Str. 28f.):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Traum, als Fiktion innerhalb der Fiktion, erlaubt Heine, das Verhältnis von Gedanke und Tat kritisch zu reflektieren. Zwar fordert er die Vernichtung der mittelalterlichen Elemente der zeitgenössischen Gesellschaft; aber dies ist von Zweifeln an der Methode und "Exekution" des Gedankens begleitet. Damit bleibt das Bild einer Folge von Gedanke und Tat doppeldeutig: Denn einerseits antizipiert der Gedanke – und damit der Dichter selbst – revolutionäres Handeln; andererseits schreckt er vor der Art und dem Ergebnis des Handelns zurück. Der Dichter als Träger des Gedankens und der Idee ist nicht zugleich Träger der politischen Aktion, sondern bereitet sie nur vor; zugleich kann er die weltverändernde Praxis selbst in Frage stellen. Das Motiv von Gedanke und Tat unterliegt auch hier dem für Heine typischen Wechsel von Bekenntnis und ironischer Infragestellung, Fortschrittsgläubigkeit und Skepsis, Pathos und Satire.

Das Umschlagen des Traums (eines revolutionär verwirklichten Gedankens) in einen Alptraum wird von vielen Interpreten dadurch erklärt, daß Heine der zu revolutionierenden Gesellschaft innerlich verbunden bleibt: Es handele sich um eine geheime Affinität Heines zu dem, was er als politischer Autor bekämpft[11]. Es bietet sich aber auch eine andere Deutung an: Die Verbindung von Gedanke und Tat ist zwar unauflöslich, aber zugleich entzieht sich der Gedanke einer unmittelbaren Umsetzung in die Praxis. Er kann sich kritisch auch gegen die in ihm angelegte Tat verhalten, d. h. er geht nicht in einer politischen Tat auf, sondern begleitet sie als permanente Kritik; er distanziert sich von der Versöhnung von Realität und Ideal und einer in Unterdrückung ausartenden revolutionären "Logik"[12]. Daher kommt es, daß die Notwendigkeit einer Revolution bzw. die Hoffnung auf sie stets überschattet bleibt; Heine träumt von ihr und fürchtet zugleich ihren Alptraum. Auf diese Weise lassen sich auch die sarkastischen Bemerkungen Heines über die "Vernünftigkeit" der Revolution und seine drohenden, zum Teil apokalyptischen Warnungen verstehen, wie er sie in "Zur Geschichte von Religion und Philosophie in Deutschland" ausspricht; denn es ist nicht garantiert, daß der Traum der Revolution nicht zu einem Alptraum wird. Dies ist die Ambivalenz in Heines Haltung, die im folgenden aufgezeigt werden soll.

[...]


[1] Insbesondere "Die Harzreise" (1824), "Die Nordsee" (1825); siehe Höhn 1987, 149.

[2] Insbesondere "Französische Zustände" (1832), "Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland" (1835), "Ludwig Börne. Eine Denkschrift" (1840).

[3] Ein Überblick über die einzelnen Werke in: Höhn 1987.

[4] Grab (1982, 29) schreibt wörtlich – die Heinesche Ironie verkennend – als Interpretation des Zeitgedichtes "Die Doktrin":

Diese Interpretation der Hegelschen Doktrin ermöglichte Heine, sich selbst in die Rolle des Freiheits- und Gleichheitstambours zu versetzen, der den Revolutionären voranschreitet [...]. Heines Perspektive war seit Ende der zwanziger Jahre auf eine von den Volksmassen in Deutschland erkämpfte Umwälzung gerichtet

[5] Heine wörtlich (1997b, 37f.):

Indem Luther den Satz aussprach, daß man seine Lehre nur durch die Bibel selber, oder durch vernünftige Gründe, widerlegen müsse, war der menschlichen Vernunft das Recht eingeräumt die Bibel zu erklären und sie, die Vernunft, war als oberste Richterin in allen religiösen Streitfragen anerkannt. Dadurch entstand in Deutschland die sogenannte Geistesfreiheit, oder, wie man sie ebenfalls nennt, die Denkfreiheit. [...] Jetzt aber, seit Luther, machte man gar keine Distinktion mehr zwischen theologischer und philosophischer Wahrheit, und man disputierte auf öffentlichem Markt, und in der deutschen Landessprache und ohne Scheu und Furcht. Die Fürsten, welche die Reformation annahmen, haben diese Denkfreiheit legitimiert, und eine wichtige, weltwichtige Blüte derselben ist die deutsche Philosophie.

[6] Auffällig ist ein unregelmäßiges Versmaß (Vagantenstrophe) mit großer metrischer Freiheit und die Auflösung der Einheit von Verszeile und Strophe.

[7] Die Verwendung des unreinen, bewußt dilettantischen Reims führt zu komischen und satirischen Effekten (siehe Brummack 1980, 243f.). Heine reimt z. B. "Romantik" auf "Uhland, Tieck", "Nonnen und Mönchen" auf "Denunziaziönchen", "Französchen" auf "Höschen", "Hegel" auf "Kegel", "Strowisch" auf "philosophisch" usw. Das sprachliche Zusammenfügen von sachlich Disparatem, das Spiel mit doppelten Bedeutungen, der Kontrast von verschiedenen Stil- und Sprachebenen konstituiert so selbst politische Aussagen.

[8] Näheres dazu bei Fingerhut 1976. Fingerhut interpretiert den Stil Heines vor allem als Einübung in ein bestimmtes Leseverhalten, wobei die intendierte Rezeption auch als Einübung in ein politisches Verhalten verstanden werden könne. Heines "Standpunktlosigkeit" solle eigenes Urteilsvermögen und eigene Stellungnahme herausfordern und sei insofern hochgradig politisch, als sie ein mündiges, demokratisches Verhalten (bzw. Lesen und Verstehen) fordert.

[9] Liktoren: Amtsdiener im antiken Rom, die den höheren Magistraten mit den Faszes (Rutenbündeln) als Zeichen der Macht der Exekutive voranschritten.

[10] Heine 1997a, Caput VI, Str. 4f. u. 7: "Unter dem Mantel hielt er etwas/ Verborgen, das seltsam blinkte/ Wenn es zum Vorschein kam, und ein Beil,/ Ein Richtbeil, zu seyn mir dünkte." Weiter: "Er störte mich im Schreiben nie,/ Blieb ruhig stehn in der Ferne." Schließlich: "Da sah ich ihn hinter mir gehen,/ Als ob er mein Schatten wäre, und stand/ Ich still, so blieb er stehen."

[11] So z. B. in Brummack 1980, 251. Hier heißt es:

Doch eine solche fast kausalgenetische Kopplung von politischer Dichtung und politischer Aktion kann und muß dort zu einem wesentlichen Problem werden, wo Gefühle und Interessen der eigenen Subjektivität mit der gleichwohl als notwendig und richtig erkannten Geschichtsentwicklung divergieren. Ein solches konflikthaftes Auseinanderfallen von individueller Existenz und gesellschaftlicher Utopie thematisiert Heine erstmals am Ende des Caput VII: der Ich-Erzähler bleibt emotional an das gebunden, was überwunden werden soll, die Zerschlagung der 'alten Skelette des Aberglaubens' wird mit 'Blutströmen' aus der eigenen Brust erkauft.

Dem wäre gegenüberzustellen, daß hier persönliche Gefühle keine Rolle spielen; in Caput VII tritt einem abstrakten "Ideengeber" ein idealisierter Handlanger zur Seite. Heine geht es darum, für das abstrakte Verhältnis von Gedanke und Tat ein passendes Bild zu finden, dem Dichten und Denken die Tat beizustellen. Diese Übersetzung einer Abstraktion ins Bildhafte läßt die konkrete Person des Autors gegenüber der Institution des Autors in den Hintergrund treten. Das Verhältnis von Gedanke und Tat ist vielmehr an sich problematisch, weil das Umschlagen des revolutionären Traums in einen revolutionären Alptraum immer möglich und in der Spannung von Gedanke und Tat schon angelegt ist.

[12] Siehe dazu auch Abschnitt 2.2.4: Die Guillotine und die negative Seite der Revolution.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Heine und die Revolution
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Sprach- und Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Literatur und die Revolution von 1848
Note
1,0
Autor
Jahr
1998
Seiten
32
Katalognummer
V33222
ISBN (eBook)
9783638337526
Dateigröße
651 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heine, Revolution, Literatur, Revolution
Arbeit zitieren
Jochen Müller (Autor), 1998, Heine und die Revolution, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33222

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