Neuere Untersuchungsergebnisse zeigen, dass Kinder und Jugendliche oder sogar Erwachsene zunehmend sprachliche Defizite aufweisen. „Eine Reihe von in letzter Zeit durchgeführten wissenschaftlichen Untersuchungen belegte unabhängig voneinander bei jedem vierten Kind mittelschwere bis schwere Verzögerungen in der Sprachentwicklung.“ (Maier 1999, S. 9)
Dies sollte sowohl ein Anlaß zur Ursachenforschung, als auch eine Herausforderung an das Erziehungs- und Bildungssystem sein. In der heutigen Gesellschaft stellt die Kompetenz in Lesen und Schreiben eine wichtige Schlüsselfunktion zu persönlicher, sozialer und beruflicher Weiterentwicklung dar.
Die Entwicklung der Schrift und der Sprache ist ein langer Prozeß, der nicht erst in der Schule beginnt. „Auch vor der Schule haben Kinder Erfahrungen mit der Schrift gemacht, doch kaum systematisch und daher sehr unterschiedlich.“ (Speck-Hamdan 2001, S.33) Diese Tatsache problematisiert natürlich das einheitliche Lernen im Klassenverbund. Auf jeden Fall sollten Lesen und Schreiben integrativ vermittelt werden „(optisches, akustisches, graphomotorisches und taktiles “Mehrkanal-lernen“).“ (Ulrich 2001, S. 63)
Hier sollen in erster Linie die grundlegenden Vorgänge beim Erwerb des Schreibens und Lesens dargestellt werden, wobei wir zwischen Schreiben und Lesen differenzieren.
Inhaltsverzeichnis
I. SCHRIFTERWERB
1. Einleitung
2. Theorie des Schreibens
2.1 Allgemeine Struktur unserer Schrift
2.1.1 Phonem-Graphem-Zuordnung
2.1.2 Mediale und konzeptuale Schriftlichkeit
2.1.3 Dialekte
2.2 Modelle des Schriftspracherwerbs
2.2.1 Modell nach Brügelmann
2.2.1.1 Der Spracherfahrungsansatz
2.2.1.2 Die didaktische Landkarte
2.2.2 Modell nach Bereiter
2.2.3 Modell nach Frith
3. Praxis des Schreibens
3.1 Die Ausgangs- und Lernsituation
3.1.1 Der Kontakt mit Schrift und Sprache im Kindergarten
3.1.2 Der Schulanfang
3.1.2.1 Aneignung der Schriftsprache
3.1.2.2 Äußere Bedingungen des Schriftspracherwerbs
3.2 Grundlegende Forderungen an Kinder beim Schriftspracherwerb
3.2.1 Herausforderung Schreibenlernen
3.2.2 Elementare Fähigkeiten
3.3 Ziele des Schreibunterrichts
4. Resümee
II. LESENLERNEN
1. Der Lesebegriff im engen und im weiten Sinne
2. Nötige Voraussetzungen und mögliche Hindernisse beim Erwerb des Lesens
2.1 Der lautsprachliche Charakter der Schriftsprache
2.1.1 Die Bedeutung sprachlich-akustischer Übungen - Grundsätze
2.1.2 Artikulation und Lautbildung
2.1.3 Lautdiskrimination
2.1.4 Laut- Buchstaben-Assoziation im Einzelelementenbereich
2.1.5 Optische Arbeit an Buchstaben
3. Anreize zum selbständigen Erlesen
4. Verbesserung der Lesefertigkeit
5. Förderung der Bedeutungserschließung
6. Schlußbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen und die praktischen Anforderungen beim Erwerb der Schriftsprache sowie des Lesens bei Kindern. Im Zentrum steht die Auseinandersetzung mit verschiedenen Entwicklungsmodellen und der Bedeutung individueller Lernvoraussetzungen für die didaktische Gestaltung des Anfangsunterrichts.
- Phonem-Graphem-Korrespondenz und lauttreues Schreiben
- Entwicklungsstufenmodelle nach Brügelmann, Bereiter und Frith
- Die Bedeutung von Artikulation, Lautanalyse und Lautsynthese
- Der Übergang von der Bildsprache zur abstrakten Buchstabenschrift
- Pädagogische Zielsetzungen zur Förderung individueller Lernprozesse
Auszug aus dem Buch
2.1.1. Phonem-Graphem-Zuordnung
Wie schon erwähnt hat das Deutsche eine „Alphabetschrift“, „d.h., die Schreibung ist lautlich basiert oder – wie manche Sprachwissenschaftler sagen – lautlich fundiert.“ (Augst/Dehn 1998, S. 94) Beim Schreiben muss man Laute rekodierend in Schrift umwandeln. Da es mehr Phoneme als Grapheme gibt, ist diese Zuordnung nicht einfach. Wenn Kinder Probleme mit den Graphem-Phonem-Korrespondenz Regeln haben, führt dies zu Rechtschreibproblemen.
2.1.2 Mediale und konzeptuale Schriftlichkeit
In der didaktischen Betrachtung der Schriftlichkeit unterscheidet man zwischen vier Formen:
1. konzeptual mündlich – medial mündlich (z.B. Kaffeekränzchen, Thekengespräch)
2. konzeptual mündlich – medial schriftlich (z.B. Schülertexte)
3. konzeptual schriftlich – medial mündlich (z.B. Prüfungsgespräch)
4. konzeptual schriftlich – medial schriftlich (z.B. Literatur)
(vgl. Ossner 2001, S.88)
Unter konzeptual versteht man die Art der Vorbereitung, die für die Verfassung eines Textes angewendet wird (z.B. spontan vs. Notizen), und medial umschreibt die Art der Ausführung (schriftlich vs. mündlich). So bereitet man sich z.B. zu einem Prüfungsgespräch schriftlich durch Stichpunkte in Notizform vor, hält aber einen mündlichen Vortrag, während ein Schülertext relativ wenig durchdacht ist, aber schriftlich ausgearbeitet wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beleuchtet die Zunahme sprachlicher Defizite bei Kindern und betont die zentrale Bedeutung des Schriftspracherwerbs als Grundlage für die soziale und berufliche Entwicklung.
2. Theorie des Schreibens: Analysiert die Struktur der deutschen Schrift und stellt verschiedene wissenschaftliche Modelle vor, die den kognitiven Prozess des Schreibenlernens erklären.
3. Praxis des Schreibens: Konzentriert sich auf die Lernsituation im Kindergarten und Schulanfang sowie auf die notwendigen didaktischen Ziele zur Unterstützung der schreibmotorischen und kognitiven Entwicklung.
4. Resümee: Führt aus, dass Individualität und unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten eine differenzierte Unterrichtsgestaltung erfordern, die verschiedene Lernkanäle anspricht.
1. Der Lesebegriff im engen und im weiten Sinne: Unterscheidet zwischen dem klassischen Lesenlernen als Buchstaben-Laut-Zuordnung und einem erweiterten Lesebegriff als soziale Kommunikation.
2. Nötige Voraussetzungen und mögliche Hindernisse beim Erwerb des Lesens: Diskutiert die kognitiven und sozialen Grundvoraussetzungen sowie die Herausforderungen des komplexen lautsprachlichen Systems der Schriftsprache.
3. Anreize zum selbständigen Erlesen: Hebt die Bedeutung der Motivation hervor, da Lesekompetenz maßgeblich durch kontinuierliches, selbstständiges Lesen erworben wird.
4. Verbesserung der Lesefertigkeit: Erläutert Übungen zur Steigerung der technischen Lesegeschwindigkeit und betont die Rolle der Aufmerksamkeit und Konzentration.
5. Förderung der Bedeutungserschließung: Definiert das inhaltliche Verständnis als eigentliches Ziel des Lesens und warnt vor einer Überforderung durch zu komplexe Texte im Anfangsunterricht.
6. Schlußbetrachtung: Plädiert für methodische Vielfalt und warnt davor, komplexe Lernprozesse durch zu rigide Stufenmodelle oder einseitige Lehrmethoden zu stark einzuschränken.
Schlüsselwörter
Schriftspracherwerb, Lesenlernen, Lautanalyse, Graphem-Phonem-Zuordnung, Schreibkompetenz, Erstleseunterricht, Didaktik, Schriftsprache, Sprachförderung, Lesesozialisation, Lautsynthese, Differenzierung, Schriftsystem, Kommunikatives Schreiben, Schreibmotorik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit den theoretischen und praktischen Grundlagen des Lese- und Schriftspracherwerbs bei Kindern im Kontext des Schul- und Vorschulunterrichts.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Zentrale Themen sind die kognitive Struktur des Schreibens, verschiedene entwicklungspsychologische Modelle, die Bedeutung der Laut-Buchstaben-Beziehung sowie didaktische Strategien zur Leseförderung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie komplexe Lernprozesse im Bereich Lesen und Schreiben durch fundierte didaktische Ansätze und die Berücksichtigung individueller Lernvoraussetzungen vereinfacht werden können.
Welche wissenschaftliche Methode liegt zugrunde?
Es handelt sich um eine fachdidaktische Literaturanalyse, die verschiedene theoretische Modelle und aktuelle Forschungsergebnisse zum Lese- und Schrifterwerb zusammenführt und diskutiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in zwei große Bereiche: den Schriftspracherwerb mit seinen Modellen und Praxisaspekten sowie das Lesenlernen, inklusive der Bedeutung von Lautbildung, Artikulation und Sinnerfassung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Schriftspracherwerb, Lesenlernen, Graphem-Phonem-Zuordnung, Lautanalyse, didaktische Landkarte und die individuelle Lernbegleitung.
Was versteht man unter dem erweiterten Lesebegriff?
Der erweiterte Lesebegriff betrachtet Lesen nicht nur als technischen Vorgang der Buchstabenentschlüsselung, sondern als eine Form der sozialen Kommunikation mittels verschiedener Zeichensysteme.
Warum ist die Unterscheidung zwischen „konzeptual“ und „medial“ wichtig?
Diese Unterscheidung hilft zu verstehen, ob ein Text in der Vorbereitung (konzeptual) oder in der Ausführung (medial) mündliche oder schriftliche Merkmale aufweist, was für die Beurteilung von Schülertexten wesentlich ist.
Wie bewertet der Autor die Rolle der Fibel im Unterricht?
Der Autor, unter Berufung auf Brügelmann, kritisiert die Fibel als starren „Einheitslehrgang“, der die individuellen Lernwege von Kindern behindert und ein gleichschrittiges Lernen erzwingt.
- Quote paper
- Fee Krausse (Author), 2002, Grundlagen des Schriftspracherwerbs, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33230