Neue Kraftfahrzeuge (Kfz) werden in allen Ländern der Europäischen Union über ein selektives und exklusives Vertriebssystem abgesetzt. Dieses Vertriebssystem ist geprägt von vertikalen Vereinbarungen und Beschränkungen, die es den Kfz-Herstellern erlauben, die Qualität und Quantität ihrer Händlernetze selbst zu bestimmen. Das Absatzsystem steht somit nicht jedem Interessenten offen und entfalten dadurch eine wettbewerbsbeschränkende Wirkung. Wettbewerbsbeschränkungen sind gemäß Art. 81 Abs. 1 des Vertrags zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft (EGV) aber grundsätzlich verboten. Dieses Verbot wird durch einen Erlaubnisvorbehalt in Art. 81 Abs. 3 EGV abgemildert, so dass Unternehmen oder ganze Branchen durch Einzel- oder Gruppenfreistellungen davon befreit werden können.
Mit der Verabschiedung der Gruppenfreistellungsverordnung (GVO) 1400/2002 am 17.07.2002 wurde die kontrovers geführte Diskussion um die Verlängerung, Neugestaltung oder den Wegfall einer sektorspezifischen Gruppenfreistellung für die Kfz-Branche beendet. Die GVO 1400/2002 ist die dritte Kfz-GVO in Folge, allerdings beinhaltet sie umfangreiche Änderungen gegenüber der bis zum 30.09.2002 befristeten Kfz-GVO 1475/95. Gleichzeitig bestätigt sie aber die Notwendigkeit einer Kfz-spezifischen Freistellung von Art. 81 Abs. 1 EGV und erlaubt vertikale Vereinbarungen im Kfz-Handel, da diese „[...] die wirtschaftliche Effizienz innerhalb einer Produktions- oder Vertriebskette erhöhen, indem sie eine bessere Koordinierung zwischen den beteiligten Unternehmen ermöglichen.“
Die GVO 1400/2002 bietet den vom Neuwagenvertrieb, Kundendienst und Ersatzteilevertrieb betroffenen Akteuren und Institutionen Rechtssicherheit vom 01.10.2002 bis zum 31.05.2010. Dennoch verursacht die fundamentale Neustrukturierung der Kfz-GVO, die das „Grundgesetz für den Automobilhändler-Vertrag“ darstellt, viele Unsicherheiten für die Kfz-Branche. Diese Unsicherheiten resultieren vor allem aus dem Umstand, dass der präskriptive Effekt einer "Zwangsjacke" bezüglich des selektiven und exklusiven Neuwagenvertriebs und Kundendienstes, wie er durch die GVO 1475/95 erzeugt worden ist, zugunsten von Wahlmöglichkeiten in diesen Bereichen aufgehoben wurde. Die daraus resultierenden Chancen bieten aber insbesondere für deutsche Vertragshändler und freie Werkstätten zusätzliche, schlecht kalkulierbare Risiken mit häufig unmittelbaren existenziellen Folgen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Die Problemstellung
1.2 Gang der Untersuchung
2 Grundlagen zur Bedeutung und Struktur des deutschen Kfz-Handels
2.1 Grundlegende Begriffsdefinitionen und Gestaltungsformen von Vertriebs- und Kundendienstsystemen
2.1.1 Die Absatzkanalstruktur
2.1.1.1 Vertikale Selektion
2.1.1.2 Horizontale Selektion
2.1.2 Struktur des "After-sale-Service"
2.1.2.1 Der Kundendienst bzw. Service
2.1.2.2 Der Ersatzteilevertrieb
2.2 Aufbau und Entwicklung des deutschen Kfz-Vertriebs
2.2.1 Ausprägungen und Stellenwert des Kfz-Vertriebs bis 1945
2.2.2 Der Vertrieb und Kundendienst nach dem zweiten Weltkrieg
2.3 Der selektive und exklusive Vertrieb über Vertragshändler
2.4 Wettbewerbsbeschränkende Wirkungen des selektiven und exklusiven Vertriebssystems
3 Die Kongruenz des selektiven Vertriebs mit dem europäischen Kartellrecht
3.1 Der Kfz-Vertrieb vor dem Hintergrund des europäischen Kartellrechts
3.1.1 Das europäische Kartellrecht nach Art. 81 EGV
3.1.2 Die kartellrechtliche Bedrohung des Kfz-Vertriebssystems
3.2 Die BMW-Einzelfreistellung
3.3 Die Kfz-Gruppenfreistellungsverordnung 123/85
3.3.1 Anwendung und Struktur der GVO 123/85
3.3.2 Ausgewählte Regelungen der GVO 123/85
3.3.2.1 Fachhandelsbindungen
3.3.2.2 Konkurrenzverbote
3.3.2.3 Das Vertragsgebiet
3.3.2.4 Schutz der unabhängigen Werkstätten, Wiederverkäufer und der Verbraucher
3.3.2.5 Diskriminierungsverbote
3.3.2.6 Mindestlaufzeiten und Kündigungsfristen
3.3.2.7 Der Entzug der Gruppenfreistellung
3.3.3 Kritikpunkte und Problemfelder der GVO 123/85
3.4 Die Kfz-Gruppenfreistellungsverordnung 1475/95
3.4.1 Aufbau und Struktur der GVO 1475/95
3.4.2 Ausgewählte Änderungen und Neuerungen sowie praktische Probleme der GVO 1475/95
3.4.2.1 Größere Unabhängigkeit und Schutz der Vertragshändler vor den Kfz-Herstellern
3.4.2.2 Mehr Wettbewerb im Kundendienstbereich
3.4.2.3 Förderung des grenzübergreifenden Vertriebs
3.4.3 Verfahren gegen die Kfz-Hersteller wegen Verstößen gegen die GVO 1475/95
3.4.4 Fazit zum Status quo der GVO 1475/95
3.4.4.1 Wirksamer Intrabrand-Wettbewerb und Interbrand-Wettbewerb
3.4.4.2 Verbesserung der Rahmenbedingungen für Endkunden
3.4.4.3 Die Stärkung der Unabhängigkeit der Händler und Erhöhung ihrer Wettbewerbsfähigkeit
3.4.4.4 Der Schutz des Wettbewerbs im Kundendienstbereich durch eine Stärkung der Teilelieferanten und der freien Werkstätten
4 Aktuelle Entwicklungen des Kfz-Vertriebs und der Paradigmenwechsel durch die GVO 1400/2002
4.1 Die strukturelle Ausgangssituation vor der Verabschiedung der neuen Kfz-GVO
4.1.1 Die Neustrukturierung des Kfz-Handels
4.1.2 Auslösende Faktoren der Neustrukturierung
4.2 Die Kfz-Gruppenfreistellungsverordnung 1400/2002
4.2.1 Die Intention der GVO 1400/2002
4.2.2 Aufbau und Struktur der GVO 1400/2002
4.2.3 Ausgewählte Neuregelungen der GVO 1400/2002
4.2.3.1 Der Vertrieb neuer Kfz
4.2.3.2 Die Wartung und Reparatur von Kfz
5 Denkbare Konsequenzen der GVO 1400/2002 für die deutsche Kfz-Branche
5.1 Anpassungsmaßnahmen der Automobilhersteller
5.1.1 Die Wahl des Vertriebssystems und der Absatzstruktur
5.1.2 Veränderungen in der Kundendienststruktur
5.1.3 Die Bereitstellung technischer Informationen
5.1.4 Preisharmonisierung durch die neue GVO
5.1.5 Nichtanwendbarkeit der Verordnung
5.2 Folgen für die (bisherigen) Vertragshändler
5.2.1 Die Wahlmöglichkeiten für etablierte Vertragshändler
5.2.2 Problembereiche des zukünftigen Kfz-Vertriebs für die Vertragshändler
5.2.3 Chancen für die Vertragshändler
5.3 Transformationsprozesse im Kundendienst-Sektor
5.3.1 Autorisierung zur Vertragswerkstatt: Chance oder Risiko ?
5.3.2 Kundendienstpotenziale für Vertragswerkstätten
5.3.3 Der Wettbewerb durch "Unabhängige Marktbeteiligte"
5.4 Der Einfluss auf den Ersatzteilevertrieb
5.4.1 Die Vertriebspotenziale der Teilelieferanten
5.4.2 Die Vertriebspotenziale der Kfz-Hersteller
5.5 Konsequenzen für die Verbraucher
5.5.1 Der Neuwagenkauf
5.5.2 Der Kundendienst
6 Schlussbemerkung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit analysiert den Einfluss der Gruppenfreistellungsverordnung (GVO) 1400/2002 auf die Struktur des Vertriebs und den Kundendienst in der deutschen Kfz-Branche. Dabei untersucht der Autor die Auswirkungen dieser wettbewerbsrechtlichen Neuregelung auf die Akteure der Wertschöpfungskette und prüft, ob die Ziele der EU-Kommission zur Stärkung der Vertragshändler, freien Werkstätten und Verbraucher realisierbar sind.
- Historische Entwicklung und Bedeutung des selektiven und exklusiven Kfz-Vertriebssystems.
- Analyse der europäischen Kartellrechtspraxis und der vorangegangenen GVOs (123/85, 1475/95).
- Auswirkungen der GVO 1400/2002 auf Neuwagenvertrieb, Kundendienst und Ersatzteilmarkt.
- Konsequenzen der Neustrukturierung für Automobilhersteller, Vertragshändler und freie Werkstätten.
- Beurteilung der Preisharmonisierung und des Wettbewerbs im EU-Binnenmarkt.
Auszug aus dem Buch
Die Problemstellung
Neue Kraftfahrzeuge (Kfz) werden in allen Ländern der Europäischen Union über ein selektives und exklusives Vertriebssystem abgesetzt. Dieses Vertriebssystem ist geprägt von vertikalen Vereinbarungen und Beschränkungen, die es den Kfz-Herstellern erlauben, die Qualität und Quantität ihrer Händlernetze selbst zu bestimmen. Das Absatzsystem steht somit nicht jedem Interessenten offen und entfalten dadurch eine wettbewerbsbeschränkende Wirkung. Wettbewerbsbeschränkungen sind gemäß Art. 81 Abs. 1 des Vertrags zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft (EGV) aber grundsätzlich verboten. Dieses Verbot wird durch einen Erlaubnisvorbehalt in Art. 81 Abs. 3 EGV abgemildert, so dass Unternehmen oder ganze Branchen durch Einzel- oder Gruppenfreistellungen davon befreit werden können.
Mit der Verabschiedung der Gruppenfreistellungsverordnung (GVO) 1400/2002 am 17.07.2002 wurde die kontrovers geführte Diskussion um die Verlängerung, Neugestaltung oder den Wegfall einer sektorspezifischen Gruppenfreistellung für die Kfz-Branche beendet. Die GVO 1400/2002 ist die dritte Kfz-GVO in Folge, allerdings beinhaltet sie umfangreiche Änderungen gegenüber der bis zum 30.09.2002 befristeten Kfz-GVO 1475/95. Gleichzeitig bestätigt sie aber die Notwendigkeit einer Kfz-spezifischen Freistellung von Art. 81 Abs. 1 EGV und erlaubt vertikale Vereinbarungen im Kfz-Handel, da diese „[...] die wirtschaftliche Effizienz innerhalb einer Produktions- oder Vertriebskette erhöhen, indem sie eine bessere Koordinierung zwischen den beteiligten Unternehmen ermöglichen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Problematik des selektiven Vertriebs im EU-Kfz-Handel und die Zielsetzung der Untersuchung im Kontext der GVO 1400/2002.
2 Grundlagen zur Bedeutung und Struktur des deutschen Kfz-Handels: Darstellung der historischen Wurzeln und der Charakteristika des traditionellen selektiven und exklusiven Vertriebs- und Kundendienstsystems.
3 Die Kongruenz des selektiven Vertriebs mit dem europäischen Kartellrecht: Analyse der kartellrechtlichen Einordnung und der Entwicklung von der BMW-Einzelfreistellung über die GVO 123/85 bis zur GVO 1475/95.
4 Aktuelle Entwicklungen des Kfz-Vertriebs und der Paradigmenwechsel durch die GVO 1400/2002: Untersuchung des Strukturwandels und der Intention sowie Neuregelungen der GVO 1400/2002.
5 Denkbare Konsequenzen der GVO 1400/2002 für die deutsche Kfz-Branche: Diskussion der Auswirkungen auf Hersteller, Vertragshändler und Verbraucher sowie der Transformationsprozesse im Kundendienst.
6 Schlussbemerkung: Zusammenfassendes Resümee über die erreichten Ziele und die Bedeutung des Paradigmenwechsels durch die GVO 1400/2002.
Schlüsselwörter
Kfz-Vertrieb, Gruppenfreistellungsverordnung, GVO 1400/2002, Europäisches Kartellrecht, Vertragshändler, Kundendienst, freie Werkstätten, Selektivvertrieb, Exklusivvertrieb, Markenexklusivität, Wettbewerbsbeschränkung, Ersatzteilevertrieb, Preisharmonisierung, After-sale-Service, EU-Binnenmarkt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den Auswirkungen der europäischen Gruppenfreistellungsverordnung 1400/2002 auf die vertikalen Vertriebsstrukturen und den Kundendienst innerhalb der deutschen Kraftfahrzeugbranche.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die kartellrechtliche Bewertung von Kfz-Vertriebssystemen, die Entwicklung des Vertragshändlernetzes, die Stellung freier Werkstätten sowie die Dynamik des Ersatzteilmarktes unter dem Einfluss EU-weiter Vorgaben.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die neuen Rahmenbedingungen der GVO 1400/2002 zu interpretieren und die daraus resultierenden Chancen sowie existenzbedrohenden Risiken für die betroffenen Marktteilnehmer in Deutschland kritisch zu beleuchten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse, der Auswertung von EU-Kommissionsberichten und empirischen Studien sowie einer detaillierten Analyse der historischen Entwicklung und der rechtlichen Bestimmungen der verschiedenen GVOs.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden neben den theoretischen Grundlagen die Entwicklung von der BMW-Einzelfreistellung bis zur GVO 1475/95 analysiert, die Paradigmenwechsel durch die GVO 1400/2002 dargelegt und die praktischen Konsequenzen für Hersteller, Händler und Endverbraucher diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören GVO 1400/2002, Selektivvertrieb, Mehrmarkenvertrieb, Kundendienst, Vertragshändler und EU-Wettbewerbsrecht.
Welchen Einfluss hat die GVO 1400/2002 auf den Mehrmarkenvertrieb?
Die Verordnung erleichtert den Mehrmarkenvertrieb erheblich, indem sie restriktive Bestimmungen, die diesen bisher erschwerten, untersagt und den Vertragshändlern mehr unternehmerische Freiheit einräumt.
Wie verändert sich die Situation für freie Werkstätten?
Freie Werkstätten profitieren von einem verbesserten Zugang zu technischen Informationen, Diagnosegeräten und Ersatzteilen, was ihre Wettbewerbsposition gegenüber Vertragswerkstätten stärkt, wenngleich weiterhin Marktzutrittshürden durch qualitative Anforderungen bestehen.
- Quote paper
- Christian Roßmann (Author), 2003, Der Einfluss der GVO 1400 2002 auf die Struktur des Vertriebs und den Kundendienst in der deutschen Kfz-Branche, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33288