Globalisierung und Balkanproblematik - Gegenläufige Entwicklung oder Ursache und Wirkung


Hausarbeit, 2001
28 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Definition des Begriffes „Globalisierung“

3. Hypothesen zur Erklärung ethnisch oder religiös motivierter innerstaatlicher Konflikte
3.1. Globalisierung als Katalysator für die Verschärfung latenter Konflikte
3.1.1. Die ökonomische Ebene
3.1.2. Die politische Ebene
3.1.3. Die kulturell-soziale Ebene
3.1.4. Die internationale Ebene
3.1.5. Vorläufiges Fazit
3.2. Kampf der Kulturen
3.3. Vergleich

4. Die Balkanproblematik vor dem Hintergrund der beschriebenen Erklärungsansätze.
4.1. Geschichtliche Hintergründe und Entstehung der ethnischen Konflikte
4.2. Die wirtschaftliche Krise in den 80er Jahren

5. Fazit

6. Literatur:

1. Einleitung

Der Bürgerkrieg auf dem Balkan, der mittlerweile fast das gesamte Staatsgebiet des ehemaligen Jugoslawiens überzogen hat, wird in der Öffentlichkeit in der Regel als rein ethnisch – religiös motivierter Konflikt wahrgenommen, als Indiz dafür, dass Menschen verschiedener Kulturen nicht friedlich auf so engem Raum zusammenleben können. Während sich die westeuropäischen Staaten immer enger aneinander binden und im Zuge der Globalisierung die Einzelstaaten nach Institutionen suchen, die politisches Handeln über Staatsgrenzen hinweg ermöglichen, löst sich ein Staat, der seit dem Zweiten Weltkrieg Menschen verschiedenster Volksgruppen beherbergt hat, in immer kleinere Einheiten auf. Kulturelle und religiöse Unterschiede so scheint es, machen ein gemeinsames Handeln und ein Bündeln der Interessen unmöglich. Zeigen sich hier auf kleinem Raum Anzeichen dafür, dass auch auf der Globalen Ebene eine gemeinsame Politik an der Unterschiedlichkeit der Kulturen scheitern wird? Sind die als universal deklarierten Werte der westlichen Demokratien in Wahrheit inkompatibel zu anderen Kulturen, die zahlenmäßig und zunehmend auch wirtschaftlich einen viel größeren Einfluss auf die Entwicklung der Weltgeschichte haben?

Aus einem anderen Blickwinkel ergibt sich ein neues Bild der ethnischen Konflikte, die nicht nur den Balkan erschüttern. Dietmar Fricke hat in einigen Beispielen herausgearbeitet, dass es gerade die Folgen der wirtschaftlichen Globalisierung sein können, die ein Aufflammen von Bürgerkriegen und sezessionistischen Bewegungen hervorrufen können. Diese Arbeit hat das Ziel herauszufinden, ob und inwieweit auch die Entwicklung auf dem Balkan durch den Wandel der Weltwirtschaft und die daraus resultierenden Anforderungen an die jugoslawische Wirtschaft befördert wurde.

2. Definition des Begriffes „Globalisierung“

Der Begriff Globalisierung wird sowohl in der öffentlichen als auch in der wissenschaftlichen Diskussion immer wieder mit verschiedenen Bedeutungen versehen. Eine Arbeit, die den „Einfluss“ der Globalisierung auf einen regionalen Konflikt behandelt, kann deshalb auf eine genaue Definition dessen was Globalisierung meint nicht verzichten. Da das Buch „Globalisierung und Bürgerkriege“ von Dietmar Fricke die Grundlage für diese Arbeit bildet, soll seine Definition an dieser Stelle weitgehend übernommen werden.

Globalisierung meint demnach eine

„Tendenz zunehmender Internationalisierung im Bereich der Ökonomie, genauer des Kapitals und der Form der Produktion, der Kommunikation und Verkehrslogistik, eine Universalisierung der Konsumnormen, eine Tendenz zur Angleichung der Wertesysteme sowie die globale Dominanz der neoliberalen Ideologie“. (Fricke 2000, S.34)

Als Begleitprozess der Globalisierung sieht Fricke die Fragmentierung, unter der er die

„Determinierung alter oder die Entstehung neuer vertikaler und horizontaler wirtschaftlicher Disparitäten zwischen und innerhalb von Zentrum und Peripherie einschließlich ihrer hier besonders interessierenden politisch sozialen Implikationen, wie z.b. die Renaissance von Nationalismen, Ethnizismen und Tribalismen oder die Erscheinung der religiösen Fundamentalismen“ (ebd.)

versteht.

Die Erscheinungsformen der Globalisierung lassen sich demnach in vier Ebenen unterteilen. Dies sind: Die ökonomische Ebene, die ideologische, die kulturelle und die politische Ebene.

Auf der ökonomischen Ebene meint Globalisierung vor allem eine Steigerung des Welthandels und der ausländischen Direktinvestitionen. Getragen wird diese Entwicklung hauptsächlich von multi- oder transnationalen Konzernen. Die durch diese Entwicklung sinkenden Steuerungsmöglichkeiten für die Nationalstaaten sind an dieser Stelle von untergeordneter Bedeutung. Im Vordergrund steht dagegen die Verteilung der ökonomischen Beziehungen zwischen den hochentwickelten Regionen und den Entwicklungs- respektive Schwellenländern. Es zeigt sich, dass sich der größte Teil der wirtschaftlichen Transaktionen auf die USA, Europa und Japan beschränkt. Neben diesen sogenannten „Triadenstaaten“ haben, wenn auch in erheblich geringerem Umfang, auch die südostasiatischen Schwellenländer an der Entwicklung teil. Sowohl Lateinamerika als auch Afrika profitieren nicht von diesem Prozess. Im besten Fall können Teilregionen sich auf dem Weltmarkt behaupten. Die Vorteile die sich daraus ergeben, bleiben allerdings auch diesen Regionen vorbehalten und kommen nicht der gesamten Nation zugute.

Auch in einem weiteren Aspekt der ökonomischen Ebene zeigt sich die Benachteiligung der Entwicklungs- und Schwellenländer. Die zunehmende Bedeutung des Finanz- und Kapitalmarktes in der Wirtschaft bedeutet für diese Länder ein hohes Risiko. Während die Ökonomien der entwickelten Länder in der Lage sind Finanzkrisen abzufedern, sind die Ökonomien der weniger entwickelter Länder, wie sich gezeigt hat, in hohem Maße anfällig für diese Krisen.

Auf der ideologischen Ebene ist die Globalisierung gekennzeichnet von den Ideen des Neoliberalismus. Basierend auf der Annahme, dass der Markt von sich aus zu einem Gleichgewicht sowohl bei der Produktion als auch bei der Verteilung der Güter tendiert, werden Forderungen nach dem Abbau von staatlicher Einflussnahme auf den ökonomischen Prozess und der Zurücknahme von sozialstaatlichen Leistungen laut. Von besonderem Interesse für Frickes Ansatz ist die Verordnung neoliberaler Wirtschaftsstrategien durch den Internationalen Währungsfond oder die Weltbank, die diesen Ansatz zur Voraussetzung für die Vergabe von Krediten an unterentwickelte Länder machten. Dieser Aspekt wird bei der Beschäftigung mit Frickes Hypothese von einer konfliktverschärfenden Wirkung der Globalisierungsprozesse von einer besonderen Bedeutung sein und dort genauer behandelt werden.

Von nicht minderer Bedeutung für die Globalisierung und ihre Wahrnehmung in den Bevölkerungen der betroffenen Staaten ist der kulturelle Aspekt. Immer wieder wird eine Vereinheitlichung oder gar „Verwestlichung“ von Konsumnormen angesprochen. Gemeint ist hiermit einerseits die weltweite Verbreitung von Konsumgütern besonders US-amerikanischem Ursprungs (Coca-Cola, McDonalds u.s.w.) genau wie die mediale Dominanz des Westens und wieder besonders der USA (MTV, Hollywood). In den Augen vieler Betrachter geht mit dieser Dominanz auch ein Import westlicher Wert- und Moralvorstellungen einher, der als bedrohlich für die eigene kulturelle Identität empfunden wird. Diese Tendenz wird in einigen Regionen zusätzlich durch den Massentourismus verstärkt, der dazu führt, dass westliche Errungenschaften und Lebensstil als erstrebenswert empfunden werden, der meist den jeweiligen Eliten vorbehalten ist.

Aus den behandelten Aspekten ergibt sich die politische Ebene der Globalisierung. Auf der einen Seite stehen die Verfechter einer neoliberalen Entwicklungsstrategie und für westliche Werte und Konsumvorstellungen empfängliche Befürworter der Globalisierungstendenzen, auf der anderen Seite stehen potentielle oder tatsächliche ökonomische Verlierer und Bewahrer alter Werte, deren Vorstellungen nach Frickes Auffassung besonders in ökonomischen Krisensituationen in einen politischen Fundamentalismus mit ethnischem oder religiösem Hintergrund münden können.

Kurz zusammengefasst stellt sich die weltweite Entwicklung nach Fricke wie folgt dar:

Von der wirtschaftlichen Entwicklung auf dem Weltmarkt profitieren vor allem die Triadenstaaten in Europa, die USA und Japan, wobei angemerkt werden muss, dass es auch innerhalb der Triade zu einer Verschärfung der Ungleichheit kommt. Die Ökonomien weniger entwickelter Länder, die ihre Wirtschaftspolitik nach neoliberalen Vorgaben ausrichten, laufen Gefahr, bei Krisen zusammenzubrechen. Zusätzlich sorgt der Export westlicher Kulturelemente für Konfliktpotential in diesen Ländern.

3. Hypothesen zur Erklärung ethnisch oder religiös motivierter innerstaatlicher Konflikte

An dieser Stelle sollen zuerst Dietmar Frickes Überlegungen zur Auswirkung der Globalisierung auf innerstaatliche Konflikte dargestellt werden, daran anschließend die Überlegungen, die Huntington zum „Clash of Civilizations“ anstellt und die im vorliegenden Zusammenhang von Interesse sind.

3.1. Globalisierung als Katalysator für die Verschärfung latenter Konflikte

Wie aus der oben zusammengefassten Definition von Globalisierung hervorgeht, registriert Fricke in diesem Prozess einige Faktoren, die eine Fragmentierung begünstigen. Demnach bewirkt der Globalisierungsprozess (bzw. seine Grundlage, eine neoliberale Wirtschaftspolitik) in vielen Fällen eine wirtschaftliche Ungleichheit besonders in Ländern der sogenannten „Dritten Welt“. Auch der Import von westlichen Kulturmerkmalen führt zu einer Spaltung der Bevölkerung. Nach Frickes Ansicht wirkt diese Spaltung der Gesellschaft verschärfend auf latent vorhandene Konflikte und Spannungen. Um seine Annahme zu belegen, unterteilt er den Globalisierungsprozess und seine Folgen in vier Teilbereiche. Die Analyse dieser Bereiche soll hier in einer Zusammenfassung vorgestellt werden.

3.1.1. Die ökonomische Ebene

Bestimmend für die ökonomische Entwicklung peripherer Länder unter dem Primat des Neoliberalismus ist die Exportorientierung der Wirtschaft. Um auf dem Weltmarkt zu bestehen wurde die Wirtschaft vieler Länder seit den siebziger Jahren darauf ausgerichtet Produkte herzustellen, „für deren Erzeugung die entsprechenden Faktoren im Lande ausreichend vorhanden sind“. (Fricke 2000, S.108) Unter dieser Voraussetzung konnten sich vor allem arbeitsintensive, hochtechnologiearme Produktionszweige in den Entwicklungsländern ansiedeln. Wie bereits oben erwähnt setzte sich eine Politik durch, die die Wirtschaft weitgehend von staatlicher Einflussnahme befreite und den exportorientierten Unternehmen die bestmöglichen Voraussetzungen bieten sollte. Grundlage dieser Strategie ist die Annahme, dass kurzfristig entstehende Ungleichheiten z.B. in der Einkommensverteilung im Laufe der Zeit zurückgehen, und das Wohlstandsniveau der gesamten Gesellschaft ansteigt. Kritiker befürchten dagegen, dass die ungleiche Verteilung sich fortsetzt und letztendlich „ eine relativ kleine Schicht von Nutznießern dieses Wirtschaftsmodells einer breiten Schicht von Verlierern gegenübersteht, was schließlich zu einer Fülle von ökonomischen, sozialen und politischen Problemen führt.

Weitere Kritikpunkte stellen sich wie folgt dar:

- Die neuen exportorientierten Industrien konzentrieren sich auf wenige Ballungsräume und sind von der traditionellen Wirtschaft weitgehend abgekoppelt. Zulieferbetriebe werden in der Regel nicht benötigt, der Arbeitsplatzzuwachs bleibt stark beschränkt. Die Folge: Nur die Ballungszentren profitieren von der neuen Industrie.
- Auch die Infrastrukturmaßnahmen beschränken sich auf die neuen Zentren, für Maßnahmen in den peripheren Landesteilen stehen aufgrund der überdurchschnittlichen Investitionen in die Zentren weniger Mittel zur Verfügung.
- Wie bereits erwähnt sind es vor allem arbeitsintensive, technologiearme Wirtschaftsbereiche, die sich in den Entwicklungsländern ansiedeln. Die Entwicklung eigener oder der Import fremder Hochtechnologien unterbleibt weitgehend.
- Die Produktion von Massengütern für den heimischen Markt liegt brach, da Ressourcen großteils für die Exportproduktion verbraucht werden.
- Qualifizierte Arbeitskräfte werden der Produktion für den heimischen Markt entzogen, in der Exportindustrie werden sie darüber hinaus überdurchschnittlich entlohnt. Die Folge können soziale Konflikte mit den von dieser Entwicklung ausgeschlossenen, weniger qualifizierten Bevölkerungsschichten sein.
- Der verstärkte Kontakt mit Konsumgütern und –mustern in höheren sozialen Schichten verändert u.U. das Konsumverhalten breiter Bevölkerungsschichten, die Folge sind steigende Importe von westlichen Konsumgütern, die sich negativ auf den Staatshaushalt auswirken können. Zusätzlich können ablehnende Reaktionen auf die subjektiv empfundene „Verwestlichung“ der Gesellschaft zu weiteren sozialen Konflikten führen.
- Konjunkturelle Schwankungen in den Abnehmerländern können die spezialisierten Ökonomien der Entwicklungsländer schwer schädigen.
- Die Bereitstellung der für die Ansiedelung von Industrien nötigen Infrastruktur belastet die Staatshaushalte und führt zu steigender Verschuldung.
- Die unterschiedlichen Erfolge in der wirtschaftlichen Entwicklung erschweren eine Zusammenarbeit der Entwicklungsländer. Anreize zur Kooperation schwinden mit der Ausdifferenzierung der Interessen der verschiedenen Länder.
- Die innergesellschaftlichen Eliten, die an der wirtschaftlichen Entwicklung im besonderen Maße partizipieren, erhalten u.U. einen besonderen politischen Einfluss, und können eine Umorientierung der Entwicklungspolitik hemmen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Globalisierung und Balkanproblematik - Gegenläufige Entwicklung oder Ursache und Wirkung
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Politikwissenschaften)
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
28
Katalognummer
V3334
ISBN (eBook)
9783638120388
Dateigröße
686 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Globalisierung, Balkanproblematik, Gegenläufige, Entwicklung, Ursache, Wirkung
Arbeit zitieren
Christian Quapp (Autor), 2001, Globalisierung und Balkanproblematik - Gegenläufige Entwicklung oder Ursache und Wirkung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3334

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