Komik beschämter moderner Antihelden - Zu den Texten Franz Kafkas und Italo Svevos


Magisterarbeit, 2004
134 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

I Einleitung

II Schamerfahrungen im individuellen und gesellschaftlichen Kontext
1. Scham im individuellen Kontext
1.1 Scham als unentbehrliche Wächterin der Privatheit
1.2 Scham in Verbindung mit einer (problematischen) Ich- Beziehung
1.3 Globalität des Schamcharakters
2. Scham im gesellschaftlichen Kontext
2.1 Grundlage der sozialen oder moralischen Normübertretung
2.2 Prozeduren der Beschämung (Gesichtsverlust / Isolations- gedanke)
2.3 Schamabwehr
3. Korrelation von Schwäche und Macht in Schamsituationen
4. Abgrenzung des Schamaffekts gegen verwandte Affekte
4.1 Situationen der Peinlichkeit vs. Schammomente
5. Schuld vs. Scham

III Franz Kafka (1883-1924)- „Der Proceß“ u.a.
1. Scham als stärkste Gebärde in Franz Kafkas Texten
1.1 Rolle der Scham im Proceß-Roman
1.2 Scham und Perversion im Proceß-Roman
1.3 Schlüsselszenen der Scham im Proceß-Roman
1.3.1 Prügler-Episode
1.3.2 Im Dom - Vor dem Gesetz
1.3.3 Ende des Romans - Vernichtung durch Scham
2. Josef K.s einjähriger Weg in die Scham
2.1 Kodifizierte Gebärden und Rätselhaftigkeit des Gerichts
2.2 Wie ihn das Gericht bewusst akuten Schamsituationen aussetzt
2.3 Die in Scham übergehende Schuld Josef K.s

IV Italo Svevo alias Ettore Aron Hektor Schmitz (1861-1928) - „Zeno Cosini“
1. Beschämender Facettenreichtum des Antihelden Zeno Cosini
1.1 Zeno - Der scheiternde Antiheld
1.2 Zeno - Der komisch-lächerliche Antiheld
1.3 Zeno - Der einsame Antiheld
1.4 Zeno - Der schuldige Antiheld
1.5 Zeno - der infantile Antiheld
1.6 Zeno - Der aufgrund von Scham maskierte Antiheld
2. Beschämungen Zenos innerhalb der Gesellschaft
2.1. Frauenfiguren - Mutterersatzfiguren
2.1.1 Ada
2.1.2 Augusta
2.1.3 Carla
2.2 Rivalen
2.2.1 Väter und Väterrollen
2.2.2 Guido
3. Schamflucht / Schamabwehr
3.1 Zenos (Selbst-)Inszenierungen
3.2 Beschämendes Versteckspiel Zenos - Fiktion einer Krankheit
3.3 Aspekte der Erinnerung/Zeit vs. Fiktion des Romans
4. Ende des Romans - Vernichtung der Scham

V Schluss

VI Literaturverzeichnis

Die Dichter sind gegen ihre Erlebnisse schamlos: sie beuten sie aus.

(Friedrich Nietzsche)

I Einleitung

Meine Magisterarbeit trägt den Titel „Komik beschämter moderner Antihelden - Zu Texten Franz Kafkas und Italo Svevos“. Es soll in meiner Arbeit gezeigt werden, dass die Romane „Der Proceß“1, „Das Schloß“2 und „Zeno Cosini“3 vorrangig durch eine tiefgründige und unüberwindbare Beschämung gekennzeichnet sind. Die Protagonisten weisen einen am Rande der Gesellschaft angesiedelten und durch Scham gepflasterten Lebensweg auf, dem sie nicht zu entfliehen vermögen. Unter diesem Gesichtspunkt stechen die genannten Texte aus der modernen Literatur des 20. Jahrhunderts hervor.

Die natürliche Schamerfahrung, welcher jeder Mensch von Zeit zu Zeit ausgeliefert ist, ereilt die Antihelden in lächerlicher und pervertierter Art und Weise. Durch die ins Unermessliche gesteigerte und unbekämpfbare Beschämung sind die Protagonisten ihrer Situation hilflos ausgeliefert. Sie strampeln wie eine Fliege im Netz der Spinne, ohne zu realisieren, dass der nicht zu übertreffen geglaubten Schamerfahrung eine solche folgen wird. Ziel meiner Arbeit ist es, die Schamstrukturen in den oben genannten Texten, vor allem aber von Kafkas „Der Proceß“ und Svevos „Zeno Cosini“, im Hinblick auf die gescheiterten Existenzen ihrer Protagonisten zu untersuchen, zu spezifizieren und zu vergleichen.

Zu diesem Zweck werde ich im ersten Kapitel die verschieden gearteten Schamerfahrungen im individuellen und gesellschaftlichen Kontext herausarbeiten und darlegen. Es wird zum einen zu zeigen sein, was akute Schamgefühle für das Individuum selbst bedeuten, woher diese rühren und wie sich die Schamsituation auf die Persönlichkeit des Subjekts im Nachhinein auszuwirken vermag. Zum anderen werde ich Scham im gesellschaftlichen Kontext näher beleuchten, um die Wichtigkeit der Präsenz von Schamzeugen hervorzuheben. In diesem Zusammenhang werde ich auf die, häufig mit einem Schwäche-Macht-Gefälle einhergehenden, sich verändernde Subjekt-Objekt-Beziehung in Schamsituationen eingehen, welche für die beiden Romane von großer Bedeutung ist. Die Werke von Wurmser, Hönow, Landweer, Neckel und Schiffermüller werden in diesem Kontext besonders zu berücksichtigen sein. In einem zweiten Schritt werde ich mich dem Proceß-Roman Kafkas zuwenden und die herausgearbeiteten Schamstrukturen und -vernetzungen anhand des fortwährend beschämten Antihelden Josef K. näher erläutern und beispielhaft darlegen. Es wird vordergründig zu zeigen sein, wie der Protagonist systematisch über das Schüren von Schuldgefühlen in die unüberwindbare Beschämung getrieben wird. Hierbei werde ich ein besonderes Augenmerk auf die wissenschaftlichen Texte von Ulf Abraham, Geisenhanslüke und Goltschnigg legen. Darauf aufbauend werde ich den Roman Svevos hinsichtlich der Schamstruktur und die Kongruenz zu Kafkas Romanen hin untersuchen und vergleichend erörtern. Auch hier wird der beschämte und nahezu komisch wirkende Antiheld den Mittelpunkt der Analyse bilden, indem es nachzuzeichnen sein wird, wie er in den Teufelskreis der Beschämung gerät und letztendlich scheitern muss. Die Forschungsliteratur von Hausmann, Delassalle und Schärer wird an dieser Stelle maßgeblich zu beachten sein. Den Schlussteil wird ein die Ergebnisse meiner Arbeit resümierendes Fazit bilden. So soll abschließend die Eingangsthese anhand der erarbeiteten Fakten zusammenfassend überprüft werden.

II Schamerfahrungen im individuellen und gesellschaftlichen Kontext

In diesem einleitenden Kapitel steht das vielschichtig strukturierte und durch mannigfache Symptome gekennzeichnete Phänomen des komplexen Affekts der Schamerfahrung mit seinen Ursprüngen und Konsequenzen für das Subjekt im Mittelpunkt der Analyse. Dabei werden zwei Perspektiven zu beleuchten sein: Da das angeborene Sozialgefühl der Scham an der Schnittstelle zwischen Individuum und Gesellschaft entsteht und vermittelnde Funktionen erfüllt,4 werde ich zunächst auf das subjektiv empfundene Schamgefühl des Einzelnen eingehen. Darauf aufbauend werde ich mich der objektiven Beschämung des Einzelnen im gesellschaftlichen Rahmen zuwenden, welche zumeist mit kompromittierenden oder desavouierenden Situationen einhergeht. Die Grundlage dieser Situationen basiert meist auf der Herabsetzung, Entwürdigung oder Nichtachtung sittlicher und moralischer Wertvorstellungen seitens des sich Schämenden.5 Aufgrund der durch die Scham herbeigeführten engen Relation von Subjekt und Gesellschaft hat Heller den Begriff des „Affekt[s] des [individuellen] Verhältnisses zu den gesellschaftlichen Vorschriften“ in die Diskussion um die Schamthematik eingeworfen. Denn obwohl der Schamaffekt - nicht nur reich an Mustern und Verbindungen, sondern auch durch seine hochkomplizierte Zusammensetzung von kognitiven und emotionalen Strukturen gekennzeichnet6 - als universell angeborenes Gefühl auf komplexe Reize reagiert, ist eine von Kultur getrennte Existenzweise nicht denkbar.7

1. Scham im individuellen Kontext

1.1 Scham als unentbehrliche Wächterin der Privatheit

8 Das angeborene Gefühl der Scham hat in unseren hochkomplexen industriellen Gesellschaften eine grundlegende und fundamentale Schutzfunktion in Bezug auf die eigene Identität und das private Selbst jedes Einzelnen. Das im Es verankerte Urgefühl der Schamhaftigkeit verhindert das Eindringen Außenstehender in den jeweiligen Intim- oder Privatbereich,9 es wacht über die Stellung und individuelle Grenzziehung von Selbst und Gesellschaft. In Form von Angst schreitet die Wächterin des Kerns unserer Persönlichkeit und Identität ein, um den Einzelnen vor öffentlicher Bloßstellung, Demütigung oder Erniedrigung zu bewahren. Angst, als zentraler Bestandteil der Schamerfahrung, variiert dabei je nach Situation in der Intensität - von einer leisen Ahnung bis hin zur überwältigenden Panik kündigt sie Gefahren an, die Enthüllungen von Schwäche, Defekten oder verächtliche Zurückweisung zur Folge haben könnten. Dadurch wird das Individuum vor der Preisgabe intimster Geheimnisse und zudringlichen Blicken, wenn nicht immer bewahrt, so doch zumindest bestmöglich geschützt. Als vorbeugende und verinnerlichte Abwehrstruktur schützt ein gesundes Maß an Scham das Subjekt davor, drohenden Risiken der gesellschaftlichen Zurückweisung oder verächtlicher Preisgabe ausgesetzt zu sein. Übersteigt die Schamangst jedoch diese als gesundes Maß verstandene Ebene, so besteht die Gefahr, dass das Subjekt die Schamangst, aus Furcht vor sozialer Herabsetzung, internalisiert, ohne dass ein aktuelles Fehlverhalten oder eine situative Normübertretung vorliegen würde. Doch durch das natürliche Schamgefühl ist nicht nur ein persönlicher Schutzmantel in Bezug auf qualitativ und quantitativ hohe Wahrscheinlichkeiten der Kompro- mittierung gewährleistet, sondern auch dem Motiv der Treue gegenüber dem Subjekt selbst wird Rechnung getragen. Die in den Charakter integrierte Abwehrstruktur des Schamgefühls schützt nicht nur vor der akuten Demütigung, sondern sie behütet auch die Würde des Einzelnen innerhalb der Gesellschaft. Insofern kann die angeborene Form von Scham in ihrer späteren Entfaltung als Reaktionsbildung angesehen werden: Entweder hat sie sich aufgrund einer bereits erfahrenen Hilflosigkeit weiter herausgebildet oder sie fungiert als Signal, welches das Subjekt vor intensiverer Zurückweisung als die bisher erfahrene warnt. Schamgefühle sind also keine konstanten Empfindungen, sondern variieren in der Konzentration ihrer Gewichtung sowohl in Bezug auf die aktuelle Situation als auch hinsichtlich der sich schämenden Person: Je solider und konfliktfreier die Selbsteinschätzung und je weniger verletzlich sich das Individuum als Ganzes empfindet, desto weniger hat es auch das Bedürfnis, sich vor Bloßstellungen oder demütigenden Situationen nach außen schützen zu müssen.10 Schiffermüller vermerkt in diesem Zusammenhang, dass Momente der Scham als Situationen gesteigerter Selbsterfahrung einen erheblichen Teil der selbstbewussten Identität ausmachen und mitbestimmen.11 Der angeborene Schaminstinkt schützt den Einzelnen also nicht vor der generellen Schamerfahrung. Den jedes Subjekt ist schamhaften Situationen durchaus ausgesetzt - woran der Einzelne jedoch wächst und sogar an Persönlichkeit und Individualität hinzugewinnt. Schamsituationen verhelfen dem Individuum auf der einen Seite zu mehr Selbstbewusstein und Reife, machen aber auf der anderen Seite die Notwendigkeit der Schamangst deutlich. Das Bedürfnis nach Schutz vor möglichen Bloßstellungen und Kompromittierung soll durch die Wächterin der Scham im Idealfall auf ein Minimum heruntergeschraubt werden, ohne dass die tendenzielle Schamerfahrung verloren geht. Zusammengefasst kann auf die Trilogie der Scham von Wurmser verwiesen werden: Die Schamangst, welche durch plötzliche Bloßstellung hervorgerufen wird; der eigentliche Schamaffekt, welcher als komplexes Reaktionsmuster zum Tragen kommt und Scham als vorbeugende Haltung, um es gar nicht zu beschämenden Situationen kommen zu lassen.12

1.2 Scham in Verbindung mit einer (problematischen) Ich- Beziehung

Das angeborene Schamgefühl des Menschen vermag neben der Schutzfunktion jedoch auch in zweierlei Hinsicht zu problematischen Konstellationen zu führen. In diesem Kapitel soll zunächst das Subjekt selbst mit seinen Empfindungen und Bedürfnissen innerhalb einer akuten Schamsituation im Mittelpunkt stehen. Dazu werde ich mein Hauptaugenmerk auf typische Charaktermerkmale solch situativer Konstellationen sowie die auf das Subjekt einwirkenden und Schamsituationen begünstigenden Faktoren legen. In den folgenden Kapiteln wird dann zu zeigen sein, wie durch eine bestimmte Form äußerer Kontrolle und externer bewertender Instanzen eine problematische Ich-Beziehung auch zu schwierigen Personenkonstellationen in der Gesellschaft führen kann, in welche das Schamsubjekt zum Zeitpunkt der Scham integriert ist.

Scham ist ein Faktor in der normalen Entwicklung des Menschen und dennoch variiert der Grad dieser Veranlagung für Schamgefühle deutlich. Grundlegende Bausteine für diese Prägung werden in den frühen Eltern-Kind- Interaktionen gelegt.13 Es soll an dieser Stelle angemerkt werden, dass auch Franz Kafka und Italo Svevo, die Autoren der in dieser Arbeit thematisierten beschämend dargestellten Helden, mit Enthüllungen eigener Schwächen, familiärer Desintegration und einem extremen familiären Machtgefälle konfrontiert wurden und das Gefühl der Bloßstellung eine entscheidende Rolle gespielt hat. Aufbauend auf diesen frühkindlichen Prägungen spiegelt die Scham bei dem erwachsenen Individuum die Spannung zwischen dem gewünschten Ideal-Ich und dem der Selbstbeobachtung entsprungenen realistisch verkörperten Ich wider. An dem durchaus gespaltenen oder auch widersprüchlichen Idealbild misst das Individuum jene Aspekte, Taten oder das gesamte Bild des Selbst, was zu einem „unlösbaren Identitätskonflikt“, oder einem „unaufhebbaren Schamdilemma“ führen kann. In der Scham treffen Ich und Ich-Ideal unweigerlich aufeinander: Die erwünschten oder bewunderten Ideale haben äußerst narzisstische Qualitäten, so dass die Thematik der Scham automatisch in den allgegenwärtigen Schatten des Narzissmus rückt. Zum anderen ist auch der Triebcharakter der Selbstbeobachtung ein eindeutiges Element in der Struktur der Scham. Denn nur so wird das reale Selbst den lauernden Blicken des inneren Zensors ausgesetzt, so dass Scham überhaupt entstehen kann. Die Wechselbeziehung zwischen Wahrnehmung und Ausdruck des Selbst formt den Kern der Persönlichkeit und des Charakters. Scham als fundierter Schutz der mitmenschlichen Beziehungen reguliert diese Korrelation. Somit ist das Gefühl des sich Schämens jedoch unauflöslich und aufs Intimste mit den persönlichen Idealen und dem Selbstbegriff verknüpft und infolge dessen bleibt die Ebene der Schaminhalte bei jenen Menschen leicht zugänglich, bei denen eine Annäherung von eigenem Idealbild und jenem Bild, welches die Selbstbeobachtung liefert, nicht stattfindet. Die Diskrepanz zwischen dem, was das Schamsubjekt aus dem Repertoire an normativen Benehmen von sich selbst erwartet und dem, wie es sich tatsächlich nach außen hin verhält, erfährt eine Gewichtung, die ins Extreme geht, woraus sich oft schnell und eigendynamisch eine Situation mit Offenbarungs- und Entblößungscharakter entwickelt. Doch die Diskrepanz zwischen Selbsterwartung und Selbst- erfahrung muss nicht immer zwangsläufig in einer durch Scham charakterisierten Begebenheit enden. Erst wenn weitere Faktoren, wie zum Beispiel Bloßstellung oder Zurückweisung seitens der Schamzeugen die Situation dahingehend festigen, entsteht eine typisch schambehaftete Lage für das Subjekt. Einzig im Stolz, welcher der Scham entgegengesetzt konzipiert ist, würde sich diese Spannung wieder aufheben, was vor allem in akuten Situationen der Scham jedoch kaum möglich ist. Gefördert durch die zirkuläre Natur der Scham - Scham für die Scham - hat dies eine wahre Affekt- überflutung seitens des Schamsubjekts zur Folge. Die Scham gilt letztendlich der Art und Weise, wie das Selbstbild und das Bild, welches das Schamsubjekt Außenstehenden bietet, durch die Situation modifiziert wird und wie dieser Neuentwurf des Selbst mit dem Idealbild des Schamsubjets korreliert.14

Die Grundsituation der Scham ist charakterisiert durch Desorientierung und Verzweifelung, das Subjekt erkennt plötzlich die Begrenzung seiner eigenen Freiheit und Individuation. Neckel schlussfolgert aus dieser von Anders aufgestellten These, dass die Scham somit als bedrängendste Erfahrung, die der Mensch mit sich selbst machen kann, auszumachen ist. Seidler verdeutlicht dies durch die zwei wesentlichen Schamelemente, welchen das Schamsubjekt ausgeliefert ist: Der überraschende Einbruch der Scham- situation sowie die fortbestehende Inkongruität, nämlich die Tatsache, dass zwischen dem, was das Schamsubjekt fühlt und dem, was nach außen hin sichtbar wird, eine in dieser Situation unüberbrückbare Diskrepanz entsteht.15 Beschämt zu sein oder zu werden bedeutet für das Schamsubjekt immer auch eine Bestrafung in sich selbst.16

Eine krankhafte Form der Scham setzt jedoch weitaus mehr voraus, als eine durch die Eltern-Kind-Beziehung begünstigte Prägung. Denn die Veranlagung zu übermäßigem Schamempfinden geht meist mit Symptomen wie Angst, Hoffnungslosigkeit oder Depressionen einher, nicht zuletzt spielt Scham eine wichtige Rolle bei einer Vielzahl psychischer Störungen. Zudem korrelieren diese Symptome häufig mit Persönlichkeitseigenschaften wie extremer Reizbarkeit oder starkem Misstrauen. Letzteres äußert sich beispielsweise darin, dass das Schamsubjekt in übersteigertem Maße glaubt, andere Personen würden negative Gedanken gegen es hegen, ohne diese jedoch öffentlich preiszugeben: Die Selbstempfindung aus der Sicht anderer ist für das Individuum essenzieller Bestandteil seines Schamsyndroms. Weitere Merkmale, welche auf krankhaftes Schamgefühl schließen lassen, können beispielsweise häufiges Klagen über die eigene Schamproblematik sein oder aber auch eine übersteigerte Angst, erneut in Schamsituationen zu geraten. Sich ständig beurteilt oder beobachtet zu fühlen ist ein weiterer Aspekt, der verdeutlicht, dass das Individuum von seiner Schamangst so geleitet und dominiert wird, dass es dadurch in seiner sozialen Interaktion gehemmt wird.17 Die Darstellung von der Schamerfahrung, die den Einzelnen vor demütigenden Situationen in der Gesellschaft schützen soll, über jene des gesunden Schamempfinden in angebrachten Situationen bis hin zum krankhaften Schamgefühl, zeigen, wie schmal sich der Grat zwischen den unterschiedlichen Formen der Scham gestaltet. Die Zuordnung ist deshalb oft subjektiv und von mehreren situativen, kulturellen und gesellschaftsgeprägten Faktoren abhängig, was eine exakte Abstimmung und Zuordnung nahezu unmöglich macht.

1.3 Globalität des Schamcharakters

Wie aus den vorangegangenen Kapiteln bereits ansatzweise zu entnehmen ist, handelt es sich bei dem Affekt der Scham um eine Erfahrung, die das ganze Selbst erfasst und auch von dem ganzen Selbst erfasst wird. Es kann somit von einer hohen globalen Qualität gesprochen werden. Dieser liegt zugrunde, dass die gegenseitige Beeinflussung von Subjekt und Objekt in Schamsituationen nicht nur fein nuanciert, sondern auch vielschichtig und variabel strukturiert ist. Wünsche oder Affekte rufen zudem zwischen den beteiligten Personen eine Situationsspannung hervor, da die Erwartungs- haltungen häufig nicht miteinander korrelieren oder kompatibel sind.18 Das betroffene Subjekt erlebt die durch die Schamerfahrung herbeigeführte defensive Grundhaltung als absolut und erfährt die Degradierung als unüberwindbares Schamerlebnis.19 In letzter Konsequenz kann die Scham- reaktion als ein allumfassender Angriff auf das Selbst und den eigenen Selbstwert aufgefasst werden, was eine selbstbestimmte Auflösung dieser emotionalen und moralischen Anspannung nahezu unmöglich macht.20 Nichts vermag das Geschehen in eine nicht durch Scham gekennzeichnete Situation zu transformieren und die Lage für alle Beteiligten zu entschärfen.21 Die Unkontrollierbarkeit des Schamaffekts führt unabwendbar zur Empfindung einer ganzheitlichen Überwältigung seitens des beschämten Subjekts. Aufgrund der schnellen und unvermittelten Entstehung der Schamsituation sowie der damit einhergehenden Bedrohung der ständigen Bloßstellung des Subjekts gilt die Scham als ein das ganze Selbst überflutender Affekt.22

Zusammenfassend und auf den Punkt bringend zitiert Schiffermüller in diesem Zusammenhang Lévinas: Dieser vergleicht die Scham mit einer brutalen Darstellung der menschlichen Intimität mit beklemmender und unentrinnbarer Selbstpräsenz, welche die Unmöglichkeit einer Flucht vor sich selbst noch unterstreicht: „Die Scham enthüllt nach Lévinas keinen Mangel oder Makel, sondern die ‚Totalität unserer Existenz’, einer Existenz, die für sich selbst Entschuldigungen sucht“.23

2. Scham im gesellschaftlichen Kontext

Bisher habe ich ausführlich die Schamthematik in Bezug auf das betroffene Subjekt thematisiert und dargelegt: Welche Position Schamgefühle im menschlichen Miteinander und im gesellschaftlichen Alltag einnehmen, was zu vermehrten Schamgefühlen zu führen vermag und was die üblichen Folgen für das Schamsubjekt nach einer durch Beschämung oder Bloßstellung gekennzeichneten Situation sind. In diesem Kapitel möchte ich darauf aufbauend nun die situativen gesellschaftlichen Aspekte sowie die Funktion der Schamobjekte mit in die Analyse einfließen lassen, um so das allumfassende Ausmaß des Schamkonstrukts beleuchten zu können.

Schamsituationen sind die Schnittstelle von Individuum und Gesellschaft, eine Beteiligung von Personen bzw. einschlägigen Situationen ist unab- dingbar, was dazu führt, dass Scham stets durch Öffentlichkeit und Sichtbar- keit gekennzeichnet ist.24 Die Tatsache, dass Schamsituationen immer mit einer gewissen Art von Zeugenschaft verknüpft und mit unfreiwilligen Selbst- enthüllungen verbunden sind, zieht häufig einen öffentlichen Verlust an Selbstrepräsentanz oder Glaubwürdigkeit des Schamsubjekts nach sich.25 Wie sich diese von unfreiwilliger Offenbarung gekennzeichnete Diskrepanz von Schamsubjekt und den strafenden Blicken oder missbilligenden Gesichtsaus- drücken der Schamzeugen innerhalb der Situation entfaltet, möchte ich an dieser Stelle näher erläutern.26

2.1 Grundlage der sozialen oder moralischen Normübertretung

Einer beschämenden Situation geht stets ein Normverstoß voraus. Grundlage ist also ein der Situation nicht angemessenes Verhalten, welches ungewollt oder zumindest nicht beabsichtigt vom Schamsubjekt ausgeht und von selbigem als vermeintlicher oder tatsächlicher Misserfolg empfunden wird. Scham entsteht, so kann noch allgemeiner gesagt werden, wenn ein Einzelner aus seinen durchschnittlichen Unauffälligkeiten heraustritt oder die Initiative von dem anwesenden sozialen Umfeld ignoriert beziehungsweise abgewiesen wird. In diesem Zusammenhang ist Initiative nicht unbedingt als aktives Handeln zu verstehen. Das Schamsubjekt muss nicht eigeninitiativ tätig geworden sein beziehungsweise selbiges unterlassen haben, denn um eine Schamsituation herbeizuführen genügt es, wenn Schamzeugen das jeweilige Handeln beziehungsweise das Unterlassen von Handlungen als aus dem Rahmen fallend und der Situation nicht angemessen interpretieren. Scham entsteht unabhängig davon, wer die Empfindung hegt, dass einer bestimmten Rollenerwartung nicht entsprochen worden ist. So entsteht beispielsweise auch eine bestimmte Form von Scham, wenn mögliche Schamzeugen den Normverstoß oder das der Situation unangemessene Verhalten gar nicht registriert haben. In diesem Fall werden die nach außen hin unbemerkten Normverstöße vom Schamsubjekt selbst vergolten, wenn beispielsweise auch lediglich durch das Ausbleiben positiver Sanktionen. Gibt es hingegen Schamzeugen, welche die verletze Norm teilen, können Verstöße gegen dieselbe nicht neutral hingenommen werden, da es im Interesse aller Normvertreter ist, dass sich alle Mitglieder der Gesellschaft an ihr orientieren und die Beachtung der gesellschaftlichen und moralischen Vorschriften in ihr Handeln einfließen lassen. Aus diesem Neutralitätseffekt heraus entstehen kritisch bewertende und durch Objektivität gekennzeichnete Beobachtungs- positionen, vor denen das Schamsubjekt bestehen muss. Das heißt zugleich, dass das Subjekt den anwesenden Personenkreis und dessen soziale und gesellschaftliche Überzeugungen achtet, da es sich ansonsten für den begangenen Normverstoß nicht vor der sozialen Gruppierung zu schämen bräuchte.27

Sanktionierende Instanzen in Schamsituationen sind meist - neben der bereits erwähnten Möglichkeit der Selbstsanktionierung - jene, die Öffentlichkeit repräsentierende, Schamzeugen. Da diese in ihren Erwartungen bezüglich Handlungen oder deren Unterlassung, Verhaltensweisen oder Reaktionen seitens des Schamsubjekts enttäuscht worden sind beziehungsweise diese der herrschenden sozialen und gesellschaftlichen Norm nicht entsprochen haben, fungieren die Schamzeugen als sanktionierende Instanz, um das moralische und normgerechte Gleichgewicht der Gesellschaft wiederherzustellen und in höchstmöglicher Qualität zu sichern.28

Das Subjekt erkennt durch das Vorhandensein des Schamgefühls an, dass es sich in der Situation in einem nicht mehr haltbaren Maße unangemessen verhalten hat. Es bezeugt zugleich, dass die verletze Norm von der durch selbige beschämten Person normalerweise nicht in Frage gestellt wird. Das Schamgefühl intensiviert sich, indem das Schamsubjekt einem Perspektiv- wechsel unterliegt und schlagartig die Norm, gegen welche verstoßen wurde, wahrnimmt und auch als gesellschaftlich „richtig“ anerkennt und wertet. Jene Norm, die das Individuum im Tun des als beschämend empfundenen Sach- verhaltes nicht befolgt oder ernst genommen hat, drängt sich ihm nun plötz- lich auf und beansprucht Geltung. Dies kann nach Landweer auf dreierlei Weise thematisiert beziehungsweise öffentlich gemacht werden: Zum einen kann der Beschämte durch Dritte auf den Normverstoß aufmerksam gemacht werden. Des Weiteren vermag derjenige den Perspektivwechsel selbst vor- nehmen, wenn er direkt nach der beschämenden Situation erkennt, dass er nicht normgerecht gehandelt hat. Die dritte Möglichkeit der Bewusstwerdung des Regelverstoßes ist das instinktive Gespür des Schamsubjekts, welches durch das Verhalten der Schamzeugen, die mit Ignoranz, Schweigen oder Zurückweisung reagieren mögen, merkt, dass eine Norm verletzt wurde. Das Schamsubjekt fürchtet diejenigen (anwesenden) Personen, die mit ihm diese Norm teilen. Denn in diesem Zusammenhang stellen sie die relevante Gruppierung derjenigen dar, welcher das Schamsubjekt die Kompetenz in diesem Sachverhalt zuspricht und Wert auf ihr Urteil und ihre Anerkennung legt.29 Einfach von anderen verlacht zu werden schafft keine charakteristische Schamsituation. Erst wenn sich das Schamsubjekt mit den Idealen und Werten der Schamzeugen identifiziert, stellen sich bei deren Spott schamhafte Empfindungen ein.30 Der soziale und gesellschaftliche Status wird dem Schamsubjekt dabei nicht aberkannt, trotzdem erfährt dieser eine soziale Graduierung. Es verträgt sich allerdings nicht mit der typischen Struktur der Schamsituation, wenn es sich um einen absichtlichen Normverstoß handelt, denn dieser gleicht einer Provokation seitens des Schamsubjekts, welches dadurch nicht gehemmt wird, sondern initiativ bleibt. Auch wenn als Gegenzug auf die Provokation mit einer gezielten Beschämung durch denjenigen, der provoziert worden ist, gerechnet werden muss, ist der Normverstoß selbst nicht die Basis einer Schamsituation.31

Da das Schamsubjekt befürchtet, der schmachvollen sozialen Kompromit tierung könnten Prozeduren der Beschämung folgen, ist seine kommunikative Initiative sowie die emotionale Aussagekraft gehemmt. Der daraus er- wachsenen Passivität ist das Individuum machtlos ausgeliefert. Es ist aus dem normgerechten sozialen Beisammensein herausgetreten und wird somit in seiner Beschämung dem Umfeld preisgegeben.32 Wie physische und psychische Reaktionen auf die Situation seitens des Schamsubjekts aussehen können, möchte ich im anschließenden Kapitel ausführlicher beleuchten.

Zusammenfassend kann bis jetzt festgehalten werden, dass der Schamaffekt innerhalb kleiner Gesellschaften mit homogenen Verhaltensnormen das Sozialverhalten des Einzelnen reguliert. Die eigentliche Handlung, nicht die Motivation derselben ist entscheidend, ob die Situation als beschämend empfunden wird oder nicht. Da in modernen Gesellschaften für den Einzelnen Schamgefühle jedoch als typisches Phänomen sozialer Angst gelten, ist jeder versucht, bloßstellende oder beschämende Situation zu umgehen und sich normgerecht zu verhalten - was die Gesellschaft als Ganzes zum Ziel hat und sie zusammenhält.33

2.2 Prozeduren der Beschämung (Gesichtsverlust/Isolationsgedanke)

Charakteristisch und als vernichtend empfunden wird meist der Gesichtsverlust, der mit einer Situation der sozialen Beschämung einhergeht. Das Schamsubjekt fühlt sich von der Gruppe der Schamzeugen in seiner Privatsphäre verletzt, was nicht immer mit der Preisgabe eines intimen Sachverhalts verknüpft sein muss. Auch das Gefühl der einzelnen Person, von der Gemeinschaft zu wenig Anerkennung oder Respekt entgegengebracht zu bekommen, kann als Verletzung der Intimsphäre und öffentliche Bloßstellung empfunden werden. Oft werden Enthüllungen der Privatsphäre auch durch Spott anderer Mitglieder der Gesellschaft verursacht, sie treten im Allgemeinen aber sehr vielschichtig, variantenreich und in Kombinationen auf, so dass eine Generalisierung nahezu unmöglich erscheint. Dennoch kann für diese kompromittierenden Situationen im Allgemeinen gelten, dass der Beschämte sich nicht (mehr) so darzustellen vermag, wie er es - gemessen an seinem Ich-Ideal - gern würde. Diese Unmöglichkeit zieht die schmerzhafte Tatsche mit sich, dass er sein positives Selbstbild nicht länger glaubwürdig zu präsentieren vermag. Solchen Situationen folgt häufig ein betroffenes und angekratztes Selbstbewusstsein des Schamsubjekts. Jedoch führt nicht die Enthüllung der als privat empfundenen Aspekte zum Gefühl der Scham, sondern die Tatsache, dass das Selbstbild des Schamsubjekts vor den anderen nicht länger haltbar und das Individuum „nackt“ und hilflos den Blicken und Reaktionen der anderen schutzlos ausgeliefert ist. Ist der Einzelne hingegen nur nicht in der Lage, sein positives Selbstbild gegenüber anderen in Bezug auf das Erreichen eines bestimmten Zieles aufrecht zu erhalten, so kann nicht von Globalität der Situation gesprochen werden. Denn es ist nur der Teil des Selbstwertgefühls betroffen, der den Anspruch erhebt, das Erreichen dieses Zieles nach außen hin glaubwürdig zu vertreten, nicht das Individuum als Ganzes.34

Der Gesichtsverlust geht Hand in Hand mit der Gewissheit seitens des Schamsubjekts einher, dass es von den Blicken der Schamzeugen eingekreist ist und in dieser Position nahezu zum Objekt erstarrt. Denn durch die intensiven und als stechend empfundenen Blicke der anderen erfährt das Individuum die Grundstruktur der Schamerfahrung - das Objektsein, es erlebt sich selbst als „gegenständliche Größe“35 und entfremdet sich gleichzeitig seiner physischen und psychischen Möglichkeiten, so Landweer nach Sartre.36 Die Herabsetzung des in „Misskredit“ geratenen Ich und des Ich-Ideals sowie die beurteilenden Blicke der Schamzeugen führen zu verminderter Selbst- achtung des Schamsubjekts vor den Augen der bewertenden Instanzen.37 Auch wenn in diesen Situationen die Kleidung in ihrer Funktion als Selbstschutz fungiert, sie den Körper des Einzelnen vor zudringlichen Blicken zu schützen versucht,38 bleibt die Schamerfahrung auch in Folge der Situation das folgenreichste und stärkste Gefühl, welchem die menschliche Daseins- form unterliegt. Auch wenn keine sofortige oder nachhaltige Entwertung der ganzen Person aufgrund der als beschämend empfundenen Situation zugrunde liegen muss,39 so nimmt das beschämte Subjekt nach der eigenen situativen Empfindung doch häufig die Position des besiegten Individuums ein.

Nach der bedrängenden Erfahrung des Objektwerdens durch den plötzlichen Gesichtsverlust und der Gewissheit des Angeblicktwerdens folgen seitens der Schamzeugen weitere Prozeduren der Beschämung, welche sich vor allem durch ihre variabelreiche Vielschichtigkeit auszeichnen. Gemeinsam ist ihnen jedoch der zumeist affektive Ton der Verachtung oder verschiedene Formen der Zurückweisung. Beschämungen durch Blicke, Worte oder abwertende Tonarten degradieren den Einzelnen als abweichend von der allgemeinen Norm Handelnden und den die Gemeinschaft zusammenhaltenden Formen und leitenden Idealen.40 Unbewusst von den Schamzeugen gesteuert, korre- liert die Intensität ihrer als Sanktion verstandenen Reaktion mit dem Grat der Normübertretung seitens des sich Schämenden. Das heißt, dass die das Schamsubjekt treffenden gesellschaftlichen oder emotionalen Sanktionen sich aus der Situation heraus in angemessenem Verhältnis zum Sachverhalt ergeben.41

Plötzliche Bloßstellung ruft bei dem betroffenen Individuum Schamangst hervor, welche die Furcht vor verächtlicher Zurückweisung signalisiert: Für das Schamsubjekt ist die am schwersten zu überwindende Hürde der sanktio- nierenden Reaktionen jene der sozialen Zurückweisung oder gesellschaft- lichen Isolierung seitens der Schamzeugen. So gilt nicht die Furcht vor der Entgegenbringung von Hass in von Schamangst geprägten Situationen als wesentlich, sondern bedrohliche oder verachtende Gesten der Zurückweisung. In diesem Zusammenhang nennt Levin als Kriterien der Ablehnung vor allem das öffentliche Lächerlichmachen, Hänseln, Belächeln, Demütigen, Vorwürfe, unangebrachte Kritik oder das Verlassen- bzw. Abgewiesenwerden seitens der Schamzeugen. Mit diesen individuellen Erfahrungen geht auch die Be- fürchtung einher, gesellschaftlichem Liebesverlust zu erliegen, in extremster Situation gar dem Selbstverlust. Scham erhält ihren isolierenden Charakter also vor allem dadurch, dass das Schamsubjekt um die bestehenden sozialen Beziehungen sowie um das in diesen verankerte Vertrauen fürchten muss. Die globale Angst der sozialen Isolation und die Möglichkeit des Bedeutungs- verlustes der eigenen Existenz aufgrund des Schamerlebnisses und seiner Folgen bringen das Individuum auf existenzielle Art und Weise in Bedrängnis. Dass sich der andere mit Verachtung abwenden und dem Scham- subjekt das Recht nehmen könnte, anwesend zu sein oder gar zu existieren, ist eines der grundlegendsten Befürchtungen und Ängste auslösenden Elemente der Schamerfahrung. Denn derjenige, der nicht mehr geliebt wird oder sich nicht mehr geliebt fühlt, nimmt sich auch selbst nicht mehr an und intensiviert das Gefühl, ein leeres und wertloses Nichts zu sein.42 Der wertlose Objektstatus des Einzelnen manifestiert sich, die Folge ist ein herabgesetztes Selbstwertgefühl oder gar das Infragestellen der eigenen Existenz.

Zusammengefasst kann nach Tisseron gesagt werden, dass Schamsituationen eine starke desintegrierende Kraft haben, welche das Subjekt isoliert und zu- gleich seine Lebensfunktion außer Kraft setzt.43 Unterstützt wird dieses Gefüge durch die allgemeine Struktur der Scham: Denn diese tritt faktisch nie als kollektives Phänomen auf, sondern betrifft immer nur den Einzelnen. Somit ist es dem Betroffenen nicht möglich, wie es beispielsweise bei dem Affekt der Freude gegeben sein kann, die Emotionen, genauer gesagt, die be- drängende Erfahrung der Situation mit anderen Personen zu teilen und - im Falle der Scham - dadurch in ihrer Intensität zu verringern.44

2.3 Schamabwehr

In diesem Kapitel möchte ich mich mit der Thematik der Schamabwehr und den möglichen Fluchtwegen des beschämten Einzelnen befassen und die vielfältigen Reaktionsmöglichkeiten des Schamsubjekts auf die Situation näher erläutern. Zunächst sind in diesem Zusammenhang die unbeeinflussbaren körperlichen Schamreaktionen zu nennen, die in der Forschungsliteratur vermehrt angeführt werden. Fast unausweichlich wird das Schamsubjekt von sofort eintretenden physischen Nachwirkungen der Schamsituation wie Schwindel, Erröten, Ohnmacht, Herzklopfen, Schwitzen oder Bleichwerden heimgesucht. Zudem ist das Individuum häufig durch Lähmungserscheinungen stigmatisiert, welche Verhalten und Denkabläufe beeinträchtigen und in sichtbarem Maße behindern können.45 Neben der typischerweise ängstlichen, niedergeschlagenen, schwermütigen oder de- pressiven Stimmung, welche die Schamsituation auszulösen vermag,46 steht diese Heftigkeit der leiblichen Betroffenheit in Form einer Blockierung des Bewegungs- und Denkapparates im Zentrum der als zusätzlich beschämend empfundenen Vorgänge.47

Neben diesen körperlichen Begleiterscheinungen der Schamsituation tritt jedoch vor allem ein zentraler Aspekt in den Mittelpunkt der Schamabwehr, welchen schon die Wortherkunft des Wortes „Scham“, althochdeutsch „scama“, verrät: Jener des sich verbergen oder verstecken Wollens.48 Das Subjekt möchte sich, nach Wurmser, der fortdauernden Beobachtung entziehen, um externer Kontrolle zu entgehen und sich vor den Blicken der Anderen zu schützen.49 Hönow geht in ihrer Argumentation - unterstützt durch das Zitat Levis’ - sogar so weit, dass sie die vom Subjekt erlebte Dimension der Scham eng mit dem Wunsch verknüpft, sterben zu wollen, sich seiner eigenen Existenz zu berauben, um vor weiteren Bloßstellungen, Beschämungen oder Verwundungen des Selbst zu fliehen.50 Der Flucht- gedanke ist vordergründig, tritt jedoch von Fall zu Fall in unterschiedlicher Form auf. Neben der globalen Form des Wegrennens und der partiellen Form des sich Versteckens kann eine Flucht auch in metaphorischem Sinne stattfinden: Sich zu verstecken ist augenscheinlich die leichteste Form der Situation zu entgehen. Sich dem Leben komplett zu entziehen, also den Suizid zu wählen, gehört hingegen zu der radikalsten Form der Schamflucht. Am häufigsten flieht das Schamsubjekt aus der beschämenden Lage, indem es bestimmte Teile seines Lebens und seines Selbst aus seinem Bewusstsein verdrängt, sie vergisst. Der Wandel des Charakters einer Person aufgrund einer akuten Schamerfahrung gehört zu der differenziertesten Form sich vor der Entblößung zu schützen. Ziel dieser Vermeidungsreaktionen ist jedoch stets das teilweise oder gänzliche physische oder psychische Verschwinden, welches dieser intimen Verletzung des Selbst entgegenwirken und sie kompensieren soll. Der gefürchteten, mit der Erfahrung des Gesichtsverlustes einhergehenden, Verachtung und der sozialen Desintegration beziehungs- weise Isolation folgt der Wunsch der Situation zu entfliehen, da die entgegen- gebrachte Verachtung und Erniedrigung scheinbar nur durch die Beseitigung der Blöße getilgt werden kann. Eine weitere Variante derselben Zielsetzung kann beispielsweise auch das Verschleiern der Realität seitens des Be- schämten sein: Die schmerzliche Demütigung wird in diesem Fall durch das einfache Aberkennen der realen Begebenheit amortisiert. Ebenso zielt das maskenähnliche oder versteinert wirkende Ausdrucksloswerden als eines der spezifischen Verhaltensmuster der Scham darauf ab, die beschämte Person von der Gefahrensituation zu isolieren.51 Das, wessen sich das Subjekt schämt, ist zwar mit der Schamabwehr nicht verschwunden, aber es kommt nicht mehr nackt und unverhüllt daher, sondern im schützenden Kleid der Scham. Diese fungiert somit zunächst als Schutz, weist dennoch gleichzeitig - ohne es zu fokussieren - auf eben das hin, was sie zu verstecken versucht: Der Wunsch, der Situation und dem Personenkreis zu entfliehen muss zwangs- läufig unerfüllt bleiben. Denn, so zitiert Erismann G. Anders, unter den Füßen der Scham wird der Boden versteinert und die ursprüngliche Scham verwan- delt sich, einhergehend mit zunehmend hektischen Bewegungen, in Scham über die eigene Scham: Das Schamsubjekt ist seiner Scham machtlos ausgeliefert.52

Landweer thematisiert das Phänomen der Scham über die Scham in extremen Situationen noch genauer: Schamsteigerung erfolgt durch die öffentliche oder augenscheinliche Erkenntnis, dass sich das Schamsubjekt schämt. Daraufhin wird sowohl von der Seite des Schamsubjekts als auch von jener der Scham- zeugen versucht, die Beschämung zu bagatellisieren oder zu ignorieren. Das Gelingen steht jedoch im Widerspruch zur Struktur der Schamsituation mit ihren gegensätzlichen Wirklichkeitsbezügen. Denn neben dem Normverstoß, dessen sich das Schamsubjekt ursprünglich anfing zu schämen, kommt nun das Sichtbarwerden der Scham als weiteres, das Schamgefühl unterstützendes und intensivierendes Element hinzu. Auch ein öffentliches Bekenntnis der Scham - um selbiger zu entfliehen - kongruiert nicht mit der typischen Kon- struktion einer Schamsituation. Denn die Befürchtung, dass die Offenbarung die Scham noch steigert ist größer als die Hoffnung, die Situation könnte dadurch entschärft werden. Meist ist somit erst nach Abklingen der Scham ein mündlich fixiertes Eingeständnis möglich.53

Der Wunsch des Verschwindens, der körperlichen oder geistigen Flucht aus der Schamsituation stellt zwar die zentrale, aber nicht die einzige Möglichkeit der Schamabwehr dar. Auch Spott, Zorn, Gelächter, Erstarrung, Verachtung oder Stolz gelten als schamabwehrende Affekte, die das Schamsubjekt einsetzt, um der Situation möglichst unbeschadet zu entkommen. Als weiteres Paradebeispiel der mannigfachen Affektumkehrungen nennt Wurmser den Affekt des Neids, welcher die vom Subjekt als schmerzlich empfundene Ungleichheit zum Ausdruck bringt. Das unangenehm nagende Gefühl des Neids suggeriert dem Schamsubjekt, dass es an positiven Eigenschaften oder Besitztümern so reich sein möchte, wie der andere respektive die Scham- zeugen, damit der Beschämte (wieder) geliebt, bewundert und respektiert wird und mächtig oder zumindest ebenbürtig erscheint. Ein fanatisches Beharren auf dem Vergleich mit dem oder den vermeintlichen Rivalen lässt das Schamsubjekt jedoch in seiner eigenen Niederlage verharren. Wurmser spricht in diesem Zusammenhang von „Rivalitätsscham“, welche das Subjekt stetig den Stachel des Neids und der Eifersucht spüren lässt, so dass das Individuum die eigene Position ständig als jene des gedemütigten Verlierers empfindet. Die Folge des Versagens im Wettbewerb oder der Rivalität ist die regressive Unterwerfung innerhalb der sozialen Gruppe.54

Des Weiteren stellt Wurmser in diesem Zusammenhang die These auf, dass auch Liebe als eine Form der Schamabwehr zu fungieren vermag, indem sie dem Grundgefühl des Versagens und des Liebensunwertem entgegenwirkt. Er begründet diese Annahme mit der Tatsache, dass der unbewusste Wunsch des Einzelnen, geliebt zu werden, um so größer ist, je heftiger das Gefühl der Verzweifelung und der Ausweglosigkeit empfunden wird. Die vermeintliche Innigkeit mit einem Partner suggeriert dem Schamsubjekt, dass sich die am eigenen Leib erfahrene Demütigung im gegenseitigen Austausch von Liebe verflüchtigt oder diese gar ungeschehen macht. Verhinderte Liebe hingegen sowie der damit einhergehende stechende Schmerz über den Verlust oder die Trennung, lässt die Angst, aufgrund der Beschämung liebensunwert und entblößt zu sein, in erhöhter Intensität wieder aufkommen. Nur erneute Liebe vermag in dieser Situation wiederum den Neid auf den zum Ideal hoch- stilisierten Anderen und die Scham über das eigene Versagen gegenüber dem Selbst und der eigenen Unvollkommenheit zu bezwingen. Aus dieser Argu- mentation folgert Wurmser, dass Liebe sowohl gegen Neid und Scham, als auch gegen das Grundgefühl des Versagens als Abwehr dient und dem Individuum zu scheinbar neuem Selbstbewusstsein verhelfen kann.55 Diese These soll später anhand der Antihelden der beiden Romane näher beleuchtet und überprüft werden (siehe Kapitel III-1.2 und IV- 2.1 bis 2.1.3).

Es war bereits zu sehen, dass die beschämende Atmosphäre von den beteiligten Personen zu umgehen oder ignorieren versucht wird. Aufgrund dessen gibt es eine Vielzahl von Variationen, in denen sich Scham maskiert oder verkleidet in Situationen einzuschleichen vermag. Eine feingliedrige und vernetzte Form der Schamabwehr scheint diese Maske der Scham zu sein. Die auf beschämende Weise bloßgestellte Person verwandelt sich zum eigenen Schutz in einen schamlosen Schauspieler - aus Angst als schwach oder sich schämend entlarvt zu werden. Dies geschieht, indem das Individuum die Umwandlung verherrlicht, sich als starkes und unverletzliches Wesen präsentiert, andere demütigt, verspottet oder erniedrigt, um von seiner eigenen Beschämung abzulenken. Das Schamsubjekt inszeniert ein Maskenspiel: Obwohl es in der realen Schamsituation schwach und bloßgestellt ist, erhebt es sich zu einem uneingeschränkt Machthabenden und bleibt dennoch ein dummer und verlachter Narr. Die versteinerte Mimik und Bewegungslosigkeit der plötzlichen Erstarrung bleiben, ähnlich wie die Lächerlichkeit der Situation, sowohl in der Scham als auch in dem die Scham zu vertuschenden Maskenspiel manifest - das Schamsubjekt vermag seiner momentanen Position durch nichts zu entfliehen. Statt dessen lässt es sich zu einer fremdbestimmten und von maskenähnlicher Steifheit charakterisierten Marionette umfunktionieren. Auch diese Form der Schamabwehr trägt die Handschrift des sich verstecken oder verwandeln Wollens. Nach Wurmser beleuchtet die Maske das Überpersönliche des sich maskierenden Indivi- duums. Denn durch die persönliche Grenzüberschreitung der Maskerade wird die sonst unsichtbare konkrete Individualität sichtbar und mit ihr das, was sonst durch die Wächterin der Scham im Verborgenen bleibt. Die innere Realität wird schamlos nach außen gekehrt, was den Sieg archaischer Formen des Zeigens und zugleich die Niederlage der Schutzfunktion der Scham bedeutet.56 Vor diesem Hintergrund kann auch der von Hönow referierte Perfektionismus als Schamabwehr verstanden werden: Denn nicht immer, so betont Hönow, liegt die Begründung für ein nicht erfülltes Ich-Ideal in einem zu geringen Selbstbewusstsein des Einzelnen. Oft unterliegt das Subjekt einem Perfektionismus - aus Angst, eine Niederlage zu erleiden oder demaskiert zu werden.57 In diesem Fall ist die Schamabwehr so intensiviert und internalisiert, dass sie auch in Nicht-Schamsituationen ganz automatisch vom Subjekt angewendet wird und es sich somit auch im Alltag eine Maske auferlegt - eine Maske aus Angst vor Scham.

3. Korrelation von Schwäche und Macht in Schamsituationen

Aufbauend auf der bereits analysierten Struktur von Individuum und Gesellschaft in Schamsituationen möchte ich nun in diesem Kapitel daran anschließen, indem ich den Aspekt von Schwäche bzw. Stärke in das Schamgefüge mit einfließen lasse. Im Mittelpunkt wird die Frage stehen, in welcher Verbindung Scham zu Schwäche beziehungsweise Stärke und Macht steht. Die Tatsache, dass nicht nur die bohrenden Blicke von außen auf das Schamsubjekt eine entscheidende Rolle spielen, sondern auch das durch das beeinträchtigte Ideal-Ich entleerte Selbst lässt das charakteristische Macht-Ge- fälle bereits erkennen. Folgt man Wurmsers Argumentation, so ist die Basis des sich Schämens ein sichtbarer oder zumindest auffälliger Mangel im phy- sischen oder sozialen Bild, wie zum Beispiel die Zugehörigkeit zu einer Min- derheit oder ein hässliches Erscheinungsbild des Einzelnen. Der am häufig- sten beschämende Mangel ist jener der sozialen Schwäche, das heißt, Mängel, die den Charakter oder das Benehmen betreffen und in diesem Kontext die Schwäche des Einzelnen widerspiegeln. Als Schwächling zu gelten, wegen unfähigem Benehmen nicht akzeptiert zu werden oder auch jegliche Art von Kontrollverlust erzeugen Scham. Diese dient wiederum dazu, die soziale Schwäche auszugleichen, indem sie diese zu kaschieren versucht. Der durch Schwäche und Defekt charakterisierte Makel ist der Knotenpunkt der Beschämung, denn er verursacht eine Machtminderung des Subjekts, indem es nicht als vollwertig den anderen gegenüber wahrgenommen werden kann. Gleichzeitig versucht das Subjekt den eigenen Machtverlust zu stoppen,58 so dass es in einen Teufelskreis mit doppelter Belastung gerät, in welchem es, im Vergleich zu den Schamzeugen, immer schwächer zu werden droht.

Ein weiterer Aspekt der auf Schwäche basierenden Scham ist jene des unbewussten Abhängigkeitscharakters. Handelt es sich um eine äußerlich sichtbare beschämende Abhängigkeit, so antwortet das Subjekt mit Regres- sion. Es zieht sich selbstständig in die Isolation zurück, um nicht fortwährender Beschämungen und Bloßstellungen standhalten zu müssen, die aus der sozialen Schwäche der Abhängigkeit resultieren. Dem Rivalitäts- konflikt in Form einer übermäßigen Angst vor Neid und Eifersucht hingegen wird entgegengewirkt, indem das Subjekt sich „als unschuldiges Kind gebärde[t], unfähig, jemandem zu schaden, außerstande, über andere zu triumphieren oder Erfolg zu haben“. Es gibt vor, sich mit niemandem messen und somit niemandem gefährlich werden zu können.59 Diese Form der Schamabwehr geht einher mit einem Übermaß an Herabsetzung des Selbst - die Darstellung des Ich erfolgt hier nicht nach möglichst genauem Abbild des Ich-Ideals. Die Degradierung schützt das Subjekt vor zu hohen Erwartungen der Gesellschaft und kann diese infolge dessen auch nicht enttäuschen und wegen eigenen Versagens in Form von öffentlicher Kompromittierung angeprangert werden.

Landweer betont, dass alle mit Schamgefühlen verknüpften Situationen ein Machtfeld aufspannen, auf welchem offen Kämpfe ausgetragen werden. Das Vorhandensein der Machtprozesse ist auf der Voraussetzung einer allgemein anerkannten Normverankerung fundiert. Daraus folgt zugleich die Möglichkeit eines vielfältigen Variantenreichtums an Empfindungen gegen- über den Schamzeugen bei einem begangenen Normverstoß. Denn je weniger zugehörig sich das Schamsubjekt zu der Gruppe oder der Schicht der Schamzeugen zählt oder gezählt wird, desto leichter und selbstverständlicher entstehen Gefühle der Scham, wenn es meint, gegen eine allgemeingültige Norm verstoßen zu haben. Die Vorstellung des Einzelnen, möglicherweise bei der Zuwiderhandlung entdeckt oder bei einem Normverstoß faktisch gesehen zu werden, versetzt die Schamzeugen gegenüber dem Schamsubjekt in die höhere Position, welcher auch die Beobachtung und Bewertung des Scham- verhaltens zukommt. Personen, vor denen man sich schämt, werden vom Schamsubjekt automatisch als kompetente Beurteiler des beschämenden Sachverhalts eingestuft, denn sie teilen und erfüllen die verletze Normvor- schrift und sind somit Spiegelbild der realen Gesellschaft.60 Wurmser ver- gleicht die Machtsphäre einer Person mit dem Territorium im Tierreich: Denn jener Bereich umschreibt die innere und äußerst private Grenze der Intimsphäre, die nicht nach außen dringen soll. Das nach außen präsentierte Selbst entspricht dem Bild der idealen Anderen, vor dessen Augen das Subjekt bestehen muss, von denen der Einzelne angenommen und geachtet werden möchte. Wird die Grenze der inneren Privatheit dennoch über- schritten, so ist der intimste Bereich des Selbst aufs Äußerste verletzt worden, was bei dem Subjekt akute Scham hervorzurufen vermag.61

Wie schließt Wurmser nun von dieser Grundkonstellation auf ein starkes ungleichmäßiges Schwäche-Macht-Gefälle in akuten Schamsituationen? Zum einen erfahren die Schamzeugen eine gewisse Macht- oder Autoritätszufuhr durch ihre Position der beobachtenden Beurteiler. Zum Weiteren erniedrigt sich das Schamsubjekt bereits selbst, wenn es beharrlich versucht, die demütigende Bloßstellung zu umgehen, sich der Situation zu entziehen und die beschämende Lage statt dessen auf diese Weise schürt. So wird meist Gegenteiliges erreicht, da Schamangst sich aus sich selbst heraus verstärkt und leicht zu traumatischem Kontroll- und Machtverlust führt, wodurch das Schamsubjekt nur noch weiter in die Beschämung hineingezogen wird. Den Gegenpol bilden in dieser Konstellation Narren oder Clowns, die sich absichtlich selbst bloßstellen. Sie führen somit die Situation herbei, welche sie am meisten fürchten, um die Gefahr zu meistern und keine Angst mehr vor selbiger haben zu müssen. Das Schamsubjekt fördert die Herbeiführung und Ausweitung der Schamsituation durch die unbeeinflussbaren körperlichen Reaktionen, wie zum Beispiel das als bedrängend empfundene Erröten oder starkes Schwitzen. Daraus erwächst ein durchdringendes und globales Gefühl der Schwäche und Unterlegenheit seitens der beschämten Person. Dies führt wiederum dazu, dass die soziale Hierarchie in Schamsituationen nicht mit jenem Macht-Gefälle übereinstimmen muss, welches vor der Schamsituation gegolten hat. Denn ganz automatisch wird das Schamsubjekt in die niedrigere soziale, dem Schamverhalten angemessene, Rolle gedrängt. Parallel zu dieser Entwicklung steigen die Schamzeugen im Ansehen auf, da sie im Vergleich zu dem Schamopfer in jedem Fall normgerechter und gesellschaftsfähiger handeln. Wie bereits in Kapitel I-1.2 detaillierter betrachtet, ist die letzte Konsequenz einer solchen intimitätsverletzenden Lage die endlose Aneinan- derreihung von Scham über die eigene Scham. Dem unausweichlichen zirkulären Charakter, welcher komplizierte und unendliche physische und psychische Prozesse mit sich bringt, folgen neue Manifestationen des gesamtheitlichen Affekts, welche zum neuen Inhalt dessen, wofür sich das Subjekt schämt, mutieren. Das heißt, dass sich das Schämen auf zwei unter- schiedlichen Ebenen abspielt: Zum einen auf jener des faktischen Bloßgestelltseins, welches sich im intensiven und als penetrant empfundenen Angeblickt- und Beurteiltwerdens manifestiert. Zum Weiteren bezieht sich die Scham auch auf den Inhalt des Bloßgestelltseins.62

4. Abgrenzung des Schamaffekts gegen verwandte Affekte

Den Affekt der Scham habe ich bereits ausführlich in seine Facetten und mannigfaltigen Erscheinungsformen aufgeschlüsselt und weitestgehend entsprechend der breit gefächerten Forschung referiert. Um diesen Affekt nun noch genauer eingrenzen zu können, möchte ich in diesem Kapitel die Unterschiede zu einem verwandten Affekt der Scham herausstellen, um die für Scham typischen Charakteristika noch genauer erfassen zu können. Affekte, die ähnliche Eigenschaften und Symptome aufweisen sind zum Beispiel die etwas mildere Beschaffenheit eigentlicher Scham in Form von Verlegenheit oder die stärkere Variante der Demütigung. Aber auch Minderwertigkeitsgefühle oder Schüchternheit grenzen in ihren Anzeichen und Folgen an die Eigenschaften und die Struktur des Schamaffekts. Dennoch sind sie klar von einander zu unterscheiden und abzugrenzen. So signalisiert beispielsweise auch Schüchternheit ein Unwohlsein des Einzelnen innerhalb einer Gruppe, aufgrund dessen sich das Subjekt wie gelähmt fühlen mag. In erster Linie ist jedoch die im Charakter des Individuums verankerte Scheu der Schüchternheit als kompensatorischer Schutz vor Beschämungen zu ver- stehen. Sie steht im Kontrast zu der plötzlichen und globalen Heftigkeit der Schamerfahrung. Aus Angst, etwas Falsches zu sagen und ein tiefes Gefühl der eigenen Dummheit von den Außenstehenden entgegengebracht zu bekom- men, entzieht sich das Subjekt der Konversation und grenzt sich somit selbst- verschuldet aus, um sich vor einer möglichen Bloßstellung zu schützen.63

4.1 Situationen der Peinlichkeit vs. Schammomente

Differenzierte Forschungsmeinungen, wie zum Beispiel die, des von Hönow zitierten Tomkins, ordnen die Emotion der Peinlichkeit aufgrund der mit der Scham gemeinsamen fundamentalen Basis der Normverletzung von sozialen oder gesellschaftlichen Konventionen häufig dem Schambereich zu. Denn beide Affekte stehen, laut der Meinung dieser Forschungsrichtung, in engem Verhältnis zu dem Verlust des Selbstbewusstseins sowie der Verurteilung durch Andere. Gesten der Beschwichtigung sollen die außenstehende gesell- schaftliche Gruppe zu Wiedergutmachungen motivieren, welche die Bloß- stellung kompensieren könnten. Um das zu erreichen signalisiert das Subjekt die Bereitschaft zur Unterordnung und somit auch zum eigenen Machtverlust. Die Vertreter dieser Forschungsrichtung haben die Auffassung, dass das Empfinden von Peinlichkeit eine milde Form der Schamreaktion sei und sich von dieser lediglich im Intensitäts- oder Aggressionsgrad des Gefühls unterscheide.

Ein anderer Forschungsstrang, welchem beispielsweise Edelmann zuzuordnen ist, betont hingegen den qualitativen Unterschied zwischen dem Peinlichkeits- und dem Schamgefühl. Die Peinlichkeit sei zwar der Affekt, welcher sich der Scham am ähnlichsten gebärdet, dennoch beziehe sie sich lediglich auf die menschliche Neigung, unangenehme Gefühle in sozialen Situationen zu empfinden.64 Hönow und Landweer weisen ausführlich auf diese Forschungs- richtung hin. Um Scham gegenüber Peinlichkeit exakt abgrenzen zu können, möchte ich im Folgenden auf diese Referenzen näher eingehen. Der grund- legendste Unterschied zwischen Scham und dem Gefühl der Peinlichkeit ist das Element der Plötzlichkeit, welches die Scham unzweifelhaft charakteri- siert. Sie läuft der Empfindung des Unangenehmseins, welche die Peinlichkeit kennzeichnet, zuwider. Denn würde sich die Schamsituation dem Subjekt durch ein unangenehmes oder zweifelhaftes Gefühl ankündigen, so könnte die beschämende Situation gemieden werden und das charakteristisch Plötzliche wäre ebenfalls nicht mehr gegeben. Das alles durchdringende globale Gefühl der Erniedrigung und Bloßstellung würde gar nicht erst zustande kommen. Peinlichkeit wird jedoch gerade dadurch herbeigeführt und fokussiert, dass das Subjekt versucht sich aus einer Situation herauszuwinden. Jene baut sich langsam auf, so dass der Person, die Peinlichkeit empfindet, weitaus mehr Situationswahrnehmung zugerechnet werden kann, als einem beschämten Subjekt. Der Aspekt des Abrupten beziehungsweise des langsamen Situationsaufbaus entscheidet letztendlich über die Möglichkeiten der eigenen Verhaltensregulierung seitens des betroffenen Subjekts. Denn während sich die allmählich entwickelnde Situation der Peinlichkeit auch schnell wieder beenden lässt oder aufgelöst werden kann, ist eine Modifikation der Schamsituation nicht möglich. Ein weiterer fundamentaler Unterschied findet sich auch in den aus der Situation herauswachsenden Folgen. Denn während die Scham ein nachhaltiges Urteil über die Totalität einer Person mit sich bringt und sich somit in starkem Maße auf die persönliche Lage auswirkt, berührt die Peinlichkeit die Person nur im Hinblick auf Aspekte des gegebenen Kontextes.65

Dieses Repertoire der Abweichungen ergänzt Hönow durch ihre Beobachtungen auf der Verhaltens- und Mimikebene: Während die Schamsituation, wie ich bereits in Kapitel II-1.3 näher beleuchtet habe, mit ihrer globalen Qualität das gesamte Selbst der beschämten Person erfasst, ist die Peinlichkeit im Gegensatz dazu durch eine ambivalente Körperhaltung charakterisiert: Annäherung trotz Distanzwahrung, Kontaktsuche trotz Intro- vertiertheit, was zum Beispiel durch Absenken des Blickes bei gleichzeitigem Lächeln zum Ausdruck kommen mag. Da Scham von akuter Plötzlichkeit gekennzeichnet ist, reduziert sich die Anzahl schamauslösender vorange- gangener Ereignisse auf ein Minimum. Die langsam sich aufbauende Situation der Peinlichkeit hingegen steht häufig in enger Verbindung mit vorangestellten Ereignissen und somit auch mit den daraus folgenden Gesichtsausdrücken, die zuordenbar bleiben. Peinlichkeitsauslösende Mo- mente sind zwar auch durch einen Normverstoß gekennzeichnet, beziehen sich jedoch eher auf die intellektuelle oder erscheinungsbildliche Unzuläng- lichkeit des Einzelnen, den Verlust der Körperkontrolle oder falsches, der Situation nicht angemessenes Verhalten. Diese Charakteristika kompromit- tieren das Subjekt jedoch nur in Bezug auf diesen einen Aspekt, von globaler Qualität kann, nach Hönow, in Situationen der Peinlichkeit nicht gesprochen werden.66

[...]


1 Kafka, Franz (Hrsg.: Pasley, Malcolm): Der Proceß. Kritische Ausgabe. Frankfurt am Main. 2000. Im Folgenden zitiere ich nach dieser Ausgabe unter Angabe von „P“ und der Seitenzahlen in Klammern.

2 Kafka, Franz (Hrsg.: Pasley, Malcolm): Das Schloß. Kritische Ausgabe. Frankfurt am Main. 2001. Im Folgenden zitiere ich nach dieser Ausgabe unter Angabe von „S“ und der Seitenzahlen in Klammern.

3 Svevo, Italo (Hrsg.: Magris, Claudio u.a.): Zeno Cosini. Reinbeck bei Hamburg. 2002. Im Folgenden zitiere ich nach dieser Ausgabe unter Angabe von „Z“ und der Seitenzahlen in Klammern.

4 Vgl.: Neckel, Sighard: Status und Scham. Zur symbolischen Reproduktion sozialer Ungleichheit. In: Honneth, Axel / Joas, Hans / Offe, Claus (Hrsg.): Theorie und Gesellschaft. Bd. 21. Frankfurt am Main. 1991. S. 55 / 56

5 Vgl.: Erismann von Zürich, Markus: Metaphorik der Scham. Texte des 20. Jahrhunderts im Umgang mit Scham. Zürich. 1996. S. 8

6 Vgl.: Wurmser, Leon: Maske der Scham. Die Psychoanalyse von Schameffekten und Schamkonflikten. Übersetzt von: Dallmeyer, Ursula. Berlin. 1990. S. 127/ 128

7 Vgl.: Neckel. S. 54

8 Vgl.: Wurmser. S. 74

9 Vgl.: Hönow, Michael: Prüfung der Reliabilität sowie der faktoriellen und konkurrenten Validität der deutschsprachigen Version der Scham-Schuld-Skala. Lübeck. 2002. S: 13

10 Vgl.: Wurmser. S. 73-87/126/150

11 Vgl.: Schiffermüller, Isolde: Gebärden der Scham. Zur Geste bei Franz Kafka. In: Schiffermüller, Isolde (Hrsg.): Geste und Gebärde. Beiträge zu Text und Kultur der Klassischen Moderne. München. 2001. S. 232-261. S. 249

12 Vgl.: Wurmser. S. 85

13 Vgl.: Hönow. S. 12

14 Vgl.: Wurmser. S. 58-87/129-150/272

15 Zitiert nach Erismann. S. 17/41/66

16 Vgl.: Neckel. S. 54

17 Vgl.: Hönow. S. 3/12-17

18 Vgl.: Wurmser. S. 79/80

19 Vgl.: Landweer, Hilge: Scham und Macht. Phänomenologische Untersuchungen zur Sozialität eines Gefühls. Tübingen. 1999. S. 113

20 Vgl.: Hönow. S. 15

21 Vgl.: Landweer. S. 122

22 Vgl.: Wurmser. S. 81/82

23 Vgl.: Schiffermüller. S. 239

24 Vgl.: Neckel. S. 64

25 Vgl.: Schiffermüller. S. 259/260

26 Vgl.: Wurmser. S. 58

27 Vgl.: Landweer. S. 97

28 Vgl.: Ebd. S. 35-112/199-201

29 Vgl.: Landweer: S. 37-47/111/202-210

30 Vgl.: Wurmser. S. 87

31 Vgl.: Landweer. S. 38/94-111

32 Vgl.: Ebd. S. 36

33 Vgl.: Neckel. S. 50-55

34 Vgl.: Hönow. S. 14

35 Vgl.: Landweer. S. 39/122

36 Zitiert nach: Landweer. S. 112

37 Vgl.: Geisenhanslüke, Achim: Der beschämte Held. Flaubert und Kafka. In: Liebrand, Claudia / Schlößler, Franziska (Hrsg.): Textverkehr. Kafka und die Tradition. Würzburg. 2004. S. 235

38 Zitiert nach: Hönow. S. 14

39 Vgl.: Landweer. S. 118

40 Vgl.: Wurmser. S. 78/86/126

41 Vgl.: Landweer. S. 204

42 Vgl.: Wurmser. S. 78/145

43 Vgl.: Geisenhanslüke. S. 235

44 Vgl.: Landweer. S. 50/51

45 Vgl.: Hönow. S. 14

46 Vgl.: Wurmser. S. 59

47 Vgl.: Landweer. S. 122/125

48 Vgl.: Wurmser. S. 446

49 Zitiert nach: Geisenhanslüke. S. 235

50 Vgl.: Hönow. S. 14

51 Vgl.: Wurmser. S. 73-81/147

52 Vgl.: Erismann. S. 10-13/60-65

53 Vgl.: Landweer. S. 51

54 Vgl.: Wurmser. S. 302-308/275-279

55 Vgl.: Wurmser. S. 309/310

56 Vgl.: Wurmser. S. 446-451

57 Vgl.: Hönow. S. 13

58 Vgl.: Wurmser. S. 46-60/126

59 Vgl.: Ebd.. S. 280

60 Vgl.: Landweer. S. 96/125/213

61 Vgl.: Wurmser. S. 56/275

62 Vgl.: Wurmser. S. 64-85

63 Vgl.: Wurmser. S. 64/76

64 Vgl.: Hönow. S. 6/15/69-71

65 Vgl.: Landweer. S. 111-122

66 Vgl.: Hönow. S. 15/69/70

Ende der Leseprobe aus 134 Seiten

Details

Titel
Komik beschämter moderner Antihelden - Zu den Texten Franz Kafkas und Italo Svevos
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
134
Katalognummer
V33342
ISBN (eBook)
9783638338387
Dateigröße
892 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Komik, Antihelden, Texten, Franz, Kafkas, Italo, Svevos
Arbeit zitieren
Vivien Ziesmer (Autor), 2004, Komik beschämter moderner Antihelden - Zu den Texten Franz Kafkas und Italo Svevos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33342

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