Horaz und die Natur. Die Funktion der Natur in den Oden


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
16 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Allgemeine Eingrenzung des Stoffes

2. Oden, die nicht zur Betrachtung herangezogen werden

3. Die verschiedenen, der Natur entspringenden Motive
3.1. Gefahren der Natur und der Schutz, den die Götter Horaz vor ihnen gewähren
3.2. Das Sabinergut, Tibur, Tarent und deren ländliche Umgebung

4. Gesamtbeurteilung

Literatur

1. Allgemeine Eingrenzung des Stoffes

Die Natur ist bei Horaz in vielfältiger Weise vertreten. Deshalb soll zunächst eine Differenzierung vorgenommen werden, um im Anschluss die Verwendung an ausgewählten Stellen zu analysieren und eine mögliche Entwicklung festzustellen. Den Endpunkt soll der Komplex der Römeroden bilden, da er gleichzeitig der Höhepunkt der Entwicklung seiner Ethik ist1. Die mögliche, von Philologen angenommene jeweilige Abfassungszeit der einzelnen Ode soll ebenfalls nicht berücksichtigt werden, da die Herausgabe der drei Odenbücher als solche geplant und die Anordnung der Oden darin gewollt war.

2. Oden, die nicht zur Betrachtung herangezogen werden

Es sollen von vornherein die Oden ausgeschlossen werden, in denen Horaz zwar die Natur einsetzt, sich aber nicht selbst als Teil in ihr darstellt. Dazu gehört die Verwendung der Natur zur Herstellung von Kontrasten, wie es zum Beispiel in 1,4 der Fall ist. In den ersten drei Strophen ist der Frühling in den schillerndsten Farben gezeichnet, Erleichterung über das Ende des Winters ist zu spüren. Die Götter werden eingeführt, die in der Antike mit der Natur fest verbunden waren2, und man soll den Frühlingsbeginn kräftig feiern und den Göttern Opfer bringen. In Strophe vier und fünf zeigt sich jedoch ein ganz anderes Bild: plötzlich ist die Rede vom Tod und dem Ende jeglicher Freude am Feiern. Die Natur dient also als Kontrast, durch den umso eindringlicher ermahnt wird, seine Lebenszeit in der Gegenwart gut zu nutzen. Auch in Ode 1,9 sehen wir einen Kontrast, der vermittels Naturbildern entsteht: die ungemütliche Winterwelt steht einem Spiel für junge Verliebte entgegen. Auf die tiefere und komplexere Verarbeitung der Bilder3 im Gegensatz zu 1,4 soll hier nicht weiter eingegangen werden.

Eine weitere Art der Verwendung von Natur ist, dass Horaz Bilder aus ihrem Bereich als Beispiele oder Vergleiche einsetzt, so zum Beispiel in 1,23. Hier vergleicht er seine Angebetete Chloe mit einem jungen Wild, das vor Angst zittert (V.l: inuleo similis), als ob er, Horaz, ihr nachstellen würde wie eine Tigerin oder ein Löwe im Zorn (V.9f.: tigris ut aspera Gaetulusve leo). Es ist das Thema der Ode 11,3, das Leben, das in seiner Länge nicht beeinflussbar ist, zu genießen. Dass dies aber in einem Mittelmaß - und nicht in Verschwendung - geschehen soll, zeigt bereits die erste Strophe. Die dritte und vierte Strophe bringen nun ein Bild der Natur als Ort des Genusses, wo man eben diesen auch ausleben soll, solange es einem gewährt ist. In der fünften Strophe nun sind die natürlichen Gegebenheiten eines Umfelds als das dargestellt, was man dann ja doch zurücklassen muss, wenn einen der Tod ereilt.

Dies sind nur einige beispielhaft ausgewählte Stellen. Es ist aber doch so, dass diese Arten der Verwendung von Naturbildem nicht exklusiv oder zwingend nur bei Horaz auftauchen. Vielmehr ist es klar, dass dergleichen in der Literatur sehr häufig verwendet wurde, da es Bildern aus der Lebensrealität entspricht.

3. Die verschiedenen, der Natur entspringenden Motive

Die Oden werden zunächst nach der Verwendung der Natur in ihnen kategorisiert. Liest man alle Oden4 mit Augenmerk auf die Natur, so fallen zwei große Bereiche auf. Im folgenden werden diese vorgestellt undjeweils aus dieser Perspektive untersucht.

3.1 Gefahren der Natur und der Schutz, den die Götter Horaz vor ihnen gewähren

In Ode 1,17 taucht zum ersten Mal auf, dass Horaz von den Göttern beschützt wird. Zunächst geht es aber um seine Ziegen, die der Gott Faunus5 vor allen möglichen Wetterlagen und gefährlichen Tieren beschützt: ignea [...] aestas (V.2f.),pluvii venti (V.4), viridis colubra (V.8), Martiales [...] lupi (V.9). Dies ganz besonders, während die fistula (V.10) des Faunus ertönt. Der Übergang gestaltet sich vom Schutz der Ziegen durch Faunus zum Schutz des Horaz durch die Götter, also eine Steigerung von Tieren zum Menschen und eine Verallgemeinerung von Faunus zu den Göttern. In Vers 13f. heißt es dann nämlich: di me tuentur. Danach kommt asyndetisch dis pietas mea et Musa cordi est. Möchte man zuerst auch den Grund für den Schutz durch die Götter darin sehen, so ist doch tatsächlich kein kausaler Zusammenhang durch eine Konjunktion oder ein Partizip ausgedrückt. Horaz stellt hier also zunächst die Tatsachen in den Raum. Im Fortgang lädt er seine Angebetete auf sein Landgut ein. Um dieses und die Umgebung möglichst idyllisch darzustellen, verwendet er folgende Attribute: capelli [...] mei (V.3f.), tutum per nemus (V.5), arbutos [...] et thyma (V.5f.), valles et Usticae cubantis levia [...] saxa (V.llf),plenum benigno ruris honorum opulenta cornu (V.15f), reducía vallis (V. 17), sub umbra (V.22). Sie darf dann dort auch von seinem Schutz6 profitieren (V.22ff: nec [...] confundet [...]proelia, nec metues). Für sie geht dies dann sogar so weit, dass sie sich dort nicht mehr vor einem Liebhaber fürchten braucht, der ihr offensichtlich in grober Art nachstellt. So ist die idyllische Beschreibung an der Stelle dazu da, es der Angebeteten schmackhaft zu machen, ihn zu besuchen. Festzuhalten ist weiter, dass Horaz hier von seinem Umfeld spricht, das vor Naturgefahren von den Göttern beschützt wird, er selbst aber zeichnet sich nicht in dieses Bild der Natur, sondern heißt sich allgemein als von den Göttern beschützt. Einen Grund für den Schutz gibt er direkt noch nicht an.

In Ode 1,22 wird Horaz etwas konkreter, aber zunächst ein Überblick und eine kurze Interpretation der Ode. Die ersten beiden Strophen enthalten die allgemeine Aussage, dass man, wenn man ein rechtes und anständiges Leben führt, keine Waffen braucht, egal wo man unterwegs ist. In Strophe drei und vier konkretisiert Horaz die Aussage dann auf eine einzelne Person, nämlich sich selbst. Er bringt eine persönliche Lebenserfahrung als begründendes Beispiel der vorherigen These7. Ein Wolf lief nämlich davon, während (der unbewaffnete) Horaz in der Nähe seines Landgutes unterwegs war und seine Geliebte besang, welchen er als äußerst schreckliches Tier darstellt, um eben die Gefahr als möglichst schrecklich darzustellen. Er sieht sich also selbst als eine der vorher beschriebenen Personen. In den Strophen fünf und sechs bleibt er zwar konkret bei sich selbst, erweitert aber den Bereich, wo er beschützt ist, auf allgemeine Orte und ungemütliche Wetterlagen, ähnlich den Motiven aus den ersten beiden Strophen. Das Motiv der Liebe klingt in Strophe drei an und wird mit der Verallgemeinerung des Beschützt-Seins in die widrigen Umstände der Natur in Strophe fünf und sechs mit hineingetragen und in den letzten beiden Versen ebendort möglich gemacht. Das Gedicht wird von zwei Grundgedanken getragen: einerseits ist Waffenanhäufung sinnlos, weil Waffen keinen Schutz bieten. Andererseits ist Unbeschwertheit eine innere Tugend des Rechtschaffenen, denn dieser muss sich nicht über die Zukunft sorgen, weil er im Augenblick zufrieden ist. Daraus folgt, dass äußere Mittel einem Menschen die Sorgen nicht nehmen können, aber auch nichts Äußeres an seinen inneren Kern rühren kann8. Diese Gedanken entsprechen der epikureischen Philosophie. Doch ist das noch nicht alles, was in dieser Ode den Schutz vor Naturgefahren gewährt. In den Strophen drei und vier bettet Horaz seine Aussage in ein Bild, in dem er seine Dichtung betreibt. Während er dies tut, erledigt sich die Gefahr des nahen Wolfes von selbst. Der Zusammenhang von Dichtung und Schutz klingt also damit an9. Auch in den letzten beiden Strophen befindet er sich in einer für den Menschen gefährlichen Lage aufgrund der natürlichen Gegebenheiten, aber auch wenn er nicht direkt von seiner Dichtung spricht, ist doch an sie zu denken, wenn er von dem dulce ridentem Lalagen amabo, dulce loquentem (V.23f.) spricht10. Man sieht also nun den Aspekt, dass Horaz sich während seines Dichtens beschützt sieht.

Hier werden die Bilder von Tieren und Wetter zur Darstellung von Gefahr verwendet: silva lupus in Sabina (V.9), pigri campi (V. 17), nulla [...] arbor aestiva recreatur aura (V.17f), nebulae malusque Iuppiter (V.19f), sub curru nimium propinqui solis (V.21f.). Die Idylle, die er noch in 1,17 seinem Landgut zuschreibt, fehlt in dieser Ode nun völlig. Dies liegt daran, dass es ungeschickt wäre, wenn er in 1,17 gerne seine Geliebte bei sich haben möchte, nur von den möglichen Nachteilen und Gefahren zu sprechen, denn dies wäre abschreckend für sie. Hier in 1,22 ist es jedoch anders, es geht ihm darum, zu zeigen, dass er als Dichter besonderen Schutz genießt, und so ist es zielführender, die Gefahren herauszustellen. Dies geschieht durch den Wolf in der Nähe seines Landgutes, wird aber dann verallgemeinert auf nicht mehr örtlich festgelegte Wetterlagen.

Interessant ist die Ode 11,13, und darin besonders die ersten drei Strophen. An dieser Stelle schimpft Horaz auf die Person, die auf seinem Land (bevor er selbst dort lebte) einen Baum gepflanzt hat, der ihn nun beinahe erschlagen hätte. Die Bilder sind hier te [...], arbos, [...] perniciem opprobriumque pagi (V.l-4), triste lignum (V.ll), also nicht die Gefährlichkeit des Baumes wird betont, wie es in 1,22 für die Natur der Fall war, jetzt ist die Rede von dem Unglück, dem Verderben und der Schande, die der Baum zu bringen gedacht war. Durch die maßlos übertriebenen Beschimpfungen und Verleumdungen des Mannes, der den Baum gesetzt hat, kann man schon eine Übertreibung in der Sache vermuten11, sicher wird man aber Anfang Strophe vier, wo Horaz aus der Situation des Affekts heraus die Einsicht auftauchen lässt, dass man ein Unglück nicht voraussehen kann, also muss er damit rechnen, dass der Tod plötzlich kommt. Da Horaz dies mit einer eigenen Lebenserfahrung beispielhaft eingeführt und dann verallgemeinert hat, kommt der Gedanke auf, dass dies nicht zu der Aussage in 1,17 passt (V.13: di me tuentur). Was bedeutet dies also für die vorherigen Aussagen, dass Horaz unter dem Schutz der Götter steht (1,17) und dass er während seiner Dichtung beschützt ist (1,22)? Die Aussage aus 1,22 kann hier unberücksichtigt bleiben, da Horaz nichts davon sagt, dass der Baum ihn beinahe erschlagen hätte, während er gerade mit Dichten beschäftigt war. Dass er aber prinzipiell Schutz der Götter genießt, sollte doch bedeuten, dass sie ihn auch vor dem Baum beschützenjedoch wird nichts davon erwähnt. Zunächst ist es so, dass Horaz den Vorfall ja offensichtlich überlebt hat. Das heißt, dass die Gefahr zwar unvorhergesehen kam, ihn aber nicht dem Leben entrissen hat. Besondere Beachtung verdient aber die Tatsache, dass nicht die Natur hier die Gefahr hervorbringt, sondern der, der den Baum gepflanzt hat, trägt Schuld an dem Unfall. So geht es in dieser Ode also gar nicht um eine Naturgefahr, sondern um eine, die zunächst von einem Menschen verschuldet scheint. Den Grund,

[...]


1 Die an das gesamte römische Volk gerichteten Oden sind so angeordnet, dass in Ode 111,1 die private Ethik, 111,2 das rechte Verhalten des Einzelnen im Staat, 111,3 die Nationalethik, 111,4 die göttliche Weltordnung als Idealbild dienen. Die Oden 111,5 und 111,6 sind als eine Artrosi scriptum hintangestellt und sprechen Dinge an, die noch zu erledigen sind, bevor Rom in allen Belangen (wieder) obenauf sein kann.

2 vgl. H.P. Syndikus, S.73; und: H. Krefeld, S.25.

3 siehe dazu z.B. H.P. Syndikus zu 1,9.

4 ausgenommen der unter 2. genannten Oden.

5 A. Kiessling, S.107: entspricht dem griechischen Gott Pan. Dies ist also der Gott der Hirten, die ihr Leben von Berufs wegen hauptsächlich in der Natur verbringen.

6 Tyndaris darf natürlich nicht nur vom Schutz durch die Götter profitieren, sondern auch von anderen angenehmen Dingen, die Horaz an seinem Gut so liebt, wie die Kühle (V.17f: Caniculae vitabis aestus) und den Wein (V.21: počula Lesbii), usw. Dies ist aber nicht Thema dieser Arbeit.

7 vgl. H.P. Syndikus, S.219, Anm. 4.

8 vgl. H.P. Syndikus zu Ode 1,22.

9 Deutlicher ausgesprochen findet sich dieser Gedanke in 1,26: er ist ein Musis amicus (V.l), der seine Sorgen und Ängste vom Wind aufs Meer hinaus tragen lässt und dann mice securus (V.5) ist. Diese Ode wird, obwohl es sich auch um Schutz durch Gottheiten handelt, ausgelassen, da Horaz nicht von Gefahren spricht, die von der Natur ausgehen.

10 ähnlichH.P. Syndikus, S.224.

11 H.P.Syndikus, S.414f.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Horaz und die Natur. Die Funktion der Natur in den Oden
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Klassische Philologie)
Veranstaltung
Horaz, Römeroden
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
16
Katalognummer
V333727
ISBN (eBook)
9783668235649
ISBN (Buch)
9783668235656
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Horaz, Natur, Römeroden, Naturbilder, Funktion der Natur, Horaz Oden
Arbeit zitieren
Christine Schabdach (Autor), 2016, Horaz und die Natur. Die Funktion der Natur in den Oden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/333727

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