Systemische Lebensweltorientierung im Kontext von digitalen und analogen Lebenswelten


Masterarbeit, 2015

93 Seiten, Note: 2,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

„Sieben Gute Gründe“

1.Idee der Lebensweltorientierung
1.1.Entwicklungs- und Strukturmaximen / Planung, Einmischung
1.2.Lebensweltorientierung im Kontext Mobile Jugendarbeit/ Streetwork (MJA/ SW)
1.3.Lebensweltorientierung aus der systemisch-konstruktivistischen Perspektive

2.Darstellung Mobile Jugendarbeit/ Streetwork (MJA/ SW)
2.1.Selbst- und Grundverständnis
2.2.Handlungsfelder und Arbeitsprinzipien
2.3.Lebenswelten von Adressat_innen
2.4.Ziele

3.Digitale/ analoge Lebenswelten im Kontext von Lebensweltorientierung
3.1.Ein Definitionsversuch
3.1.1.Augmented Reality – situativ- mediengestützte Informiertheit
3.1.2.Mögliche Unterschiede
3.2.Die Bedeutung digitaler Räume bei der Suche nach Identität
3.3.Ich selbst, das soziale Umfeld, die Peergroup

4.Keine bewusste Trennung zwischen digitalen und analogen Lebenswelten
4.1.Trennung: Nützlichkeit, Haltung und Soziale Arbeit
4.2.Nicht-Nützlichkeit, Vorteile , Alternativen, Zukunft
4.3.Erkenntnistheorie und andere Erklärungsprinzipien

5.Lebensweltorientierung in digitalen Lebenswelten
5.1.Nützlichkeit
5.2.Praktische Umsetzung
5.3.Haltung

6.Herausforderungen an Mobile Jugendarbeit/ Streetwork (MJA/ SW)

7.Expert_inneninterviews und qualitative Inhaltsanalyse

8.Erfolge (auswerten) und Reflexion

Literaturverzeichnis

Anhang

„Sieben Gute Gründe“

Wenn ich bei dieser wissenschaftlichen Auseinandersetzung von einem inneren Team begleitet wurde, war dieses aus Neugier, Aktualität und Mut zusammen gesetzt. Um diese drei nützlichen Antreiber auch bei dem/der Leser_in zu wecken, folgen an dieser Stelle sieben Gute Gründe, diese Arbeit zu lesen. Der erste Gute Grund ist, wenn die folgenden Thesen Neugier wecken: Jugendlichen und jungen Menschen im Kontext Streetwork/ Mobile Jugendarbeit (MJA/ SW) nehmen keine Trennung zwischen digitalen und analogen Lebenswelten vor und das Konzept der Lebensweltorienierung ist auf die digitalen Lebenswelten übertragbar. Ein weiterer Guter Grund für diese Lektüre ist, wenn Fachkräfte, die im Arbeitsfeld MJA/ SW tätig sind bereits Berührungspunkte mit dem Thema hatten, bzw. wissen, wie hoch die Schnittstelle zwischen diesem beruflichen Kontext und Lebensweltorientierung ist. Der Dritte Grund ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung unter Bezugnahme von ausgewählter Fachliteratur und interessante sowie aussagekräftige Expert_inneninterviews mit Hans Thiersch, Tom Küchler und Christiane Bollig. Sozialarbeiter_innen mit dem Anspruch qualifizierte Kenntnisse über die Lebenswelten der Adressat_innen, digital oder analog zu haben, sind eingeladen weiterzulesen. Mit der Idee, dass auch digitale Lebenswelten Treffpunkte von jungen Menschen sind und in diesen Brücken zwischen Adressat_innen und der Öffentlichkeit gebaut werden können, ist der fünfte Gute Grund definiert. Der sechste ist die Perspektivenvielfalt, mit der die digitalen Lebenswelten betrachtet werden, bei gleichzeitiger Berücksichtigung von Chancen und Gefahren. Und angenommen ich dürfte mir einen Favoriten unter den Guten Gründen aussuchen, dann wäre es der Siebte. Dieser beinhaltet den Wunsch von Hans Thiersch, die Soziale Arbeit und das Konzept der Lebensweltorientierung im Kontext von digitalen Lebenswelten zu fördern, zu integrieren, zu etablieren und somit die Lücke zwischen Praxis und Theorie zu schließen.

1. Idee der Lebensweltorientierung

Vor dem Hintergrund der Idee einer nicht-stigmatisierenden Jugendhilfe durch Hans Thiersch sind die Konzepte der alltagsorientierten Sozialpädagogik - Alltagsorientierung, sowie das der Lebensweltorientierung entstanden (vgl. Thiersch 2014: 5-7). Letzteres ist als theoretisches Konzept, wie praktisch ein fester Bestandteil in der Sozialen Arbeit. Seit dem achtem Kinder- und Jugendbericht, hrsg. Am 06.März 1990, ist dieses ein zentrales Paradigma in der Kinder- und Jugendarbeit. Das bedeutet, dass die Basis der Unterstützungs- und Hilfsangebote durch Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, die „gegebenen Struktur-, Verständnis- und Handlungsmuster“ (Thiersch 2014: 21) sind. Bereiche der Hilfen finden sich in den Aufgaben der Bildung, Erziehung, Orientierung, Gestaltung von Räumen, Möglichkeiten und Hilfe zur Selbsthilfe wieder (vgl. Thiersch 2014: 21). Ein weiterer bedeutender Bestandteil der lebensweltorientierten Jugendhilfe ist die Stabilisierung und Stärkung von individuellen, sozialen und politischen Ressourcen (vgl. Thiersch 2014: 21), mit dem Ziel, dass Adressat_innen der Sozialen Arbeit und ihr System kreativ, selbstbestimmt und geborgen leben können. Lebenswelten sind gekennzeichnet durch räumliche, soziale und zeitliche Strukturen, sowie durch die kulturellen Möglichkeiten. Die Unterscheidung findet zwischen der Lebensbewältigung und der Umsetzung dieser in verschiedensten Lebensfeldern, in denen Widersprüche liegen können, statt.

„Der Mensch wird nicht abstrakt als Individuum gesehen, sondern in einer Wirklichkeit, in der er sich immer schon vorfindet. In subjektiven Deutungs- und Handlungsstrategien, in Anpassungen, Verwandlungen und Verweigerungen, pragmatisch und in Routinen und Ritualen entlastet...“ (Grunwald/ Thiersch 2011: 856).

Eine mögliche Definition der Lebenswelten ist: der näher vertraute Raum, umliegend bekannte Umwelt, Zeitgerüst, Rollen und Selbstverständnis. Die Lebenswelten sind durch die gesellschaftlichen Strukturen geprägt, diese haben Macht über das subjektive Leben und ihre Bewältigungsmuster (vgl Thiersch 1997: 18). Daher will Lebensweltorientierung Verlässlichkeit und rechtliche Sicherung von Lebensverhältnissen, besonders in Krisensituationen. Diese Verankerung ist nicht nur die Legitimation des sozialarbeiterischen Handelns für Probleme, die in den Lebenswelten stattfinden, sondern auch eine Möglichkeit für gelingende Lebensverhältnisse und gelingenden Alltag. Lebensweltorientierung verfolgt unter anderem die Intentionen, wie Menschen miteinander in ihren sozialen Bezügen leben und ihren Alltag verbringen und welche Bewältigungs- und Umgangsmuster sie bereits entwickelt, ausprobiert und für nützlich oder weniger nützlich empfunden haben. Aus der Perspektive der Sozialraumorientierung ist Lebensweltorientierung die Schnittstelle zwischen der individuellen Binnenperspektive und dem gesellschaftlichen Determinationsraum. Erstes steht für die persönlichen, sozialen Ressourcen und betrachtet die Perspektive, wie ich die Welt sehe. Zweiteres nimmt Bezug auf die politisch- soziologischen Ansätze und hinterfragt die materiellen und infrastrukturellen Ressourcen (vgl. Lüttringhaus 2015).

Abbildung 1: Lebensweltorientierung im Kontext von Sozialraumorientierung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

vgl. Lüttringhaus 2015; leicht modifiziert

Durch das, auf der Basis eigener Kompetenzen, selbstständige ändern der gegebenen Verhältnisse (gesellschaftlicher Determinationsraum) und den institutionellen und professionellen Möglichkeiten der Sozialen Arbeit entsteht soziale Gerechtigkeit und das Individuum erfährt sich als selbstbestimmtes Subjekt, als Expert_in seiner/ ihrer Lebenswelt. Ein nützlicher Kontext für die lebensweltorientierte Soziale Arbeit ist die Sozialpolitik. Dabei muss besonderes Augenmerk auf die Sozialarbeitspolitik gelegt werden, dass heißt

„die politische Durchsetzung des Gewichts und der Bedeutung von Sozialarbeitsmöglichkeiten, deutlicher und offensiver zu vertreten“ (Thiersch 1997: 21).

Der Selbstanspruch, da helfen wo Adressat_innen selbst Probleme haben und nicht da, wo andere die Schwierigkeiten mit ihnen haben (vgl. Thiersch 2014: 22), erklärt sich als die Chance, Menschen in den gegebenen Lebensverhältnissen zu sehen, sie zu akzeptieren und ihnen bei der Bewältigung dieser zu helfen und gleichzeitig die Chance Provokationen und Notwendigkeiten für einen gelingenden Alltag zuzulassen. Die Besonderheit ist hierbei, dass der Auftrag von den Adressat_innen selbst kommt und somit das Prinzip der Freiwilligkeit gegeben ist. Lebensweltorientierung wird als Rekonstruktion der Lebensverhältnisse im Alltag gesehen und ist die Form der Hilfe, die den eben erwähnten Lebensverhältnissen gerecht wird. Sie sieht ihren professionellen Ausgang nicht im Individuum, sondern in den „zusammengebastelten“ Lebensverhältnissen in denen die Adressat_innen leben, sich behaupten, geprägt werden und zurechtkommen. Diese Verhältnisse werden von dem Ansatz der Lebensweltorientierung anerkannt und die entsprechenden Bewältigungsaufgaben mit Stolz und Interesse wertgeschätzt.

Thiersch erklärt Lebensweltorientierte Jugendhilfe in vier Aspekten näher. Ein Aspekt geht der Frage nach, wie Lebensweltorientierung ihre fachlichen Möglichkeiten nutzen kann, damit versteckte Ressourcen aufgedeckt, Perspektivwechsel geschaffen und Unzulänglichkeiten behoben werden können. Ein Weiterer definiert die Adressat_innen der Sozialen Arbeit als die Menschen, die einer Subkultur angehören und/ oder die, die mit den vorhandenen Ressourcen nicht zurecht kommen. Der dritte Aspekt bezieht sich auf die Zumutungen und die geringe Ausstattung der Arbeitsfelder, wie zum Beispiel MJA/ SW, die gemeinsam mit Expert_innen handlungsleitende Fachstandards entwickelt und evaluiert hat, diese jedoch keine Berücksichtigung in den weiteren gesetzlichen Grundlagen oder bei der Förderung durch die Jugendhilfe finden. Die Inszenierung von sozialen Beziehungen unter Menschen, das Arrangieren von Räumen und das Engagement in den Lebenswelten und weiteren Systemen ist der letzte Aspekt, mit dem hier Lebensweltorientierung beschrieben wird (vgl. Thiersch 2014: 23-25). Das Konzept ist flexibel und individuell auf die jeweiligen Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit übertragbar, die verschiedenen Perspektiven auf den lebensweltlichen Ansatz sollen hier anhand der drei Sichtweisen von Hans Thiersch, Tom Küchler und Christiane Bollig aus den Expert_innen Interview deutlich werden:

Der Entwickler des Lebensweltorientierten Ansatzes beschreibt die Umsetzung seines Konzeptes wie folgt:

„Also ich brauche eine sorgfältige Analyse der Situation und zwar der Lebensweltsituation, also nicht nur von individuellen Kompetenzen, sondern in welchem Raum, in welcher Zeit, in welchem weiteren Beziehungsnetz lebt der Mensch“ (Thiersch 2015: 26).

Er weiß wodurch sie entstanden ist und woran sie Kritik übt, nämlich an zu viel Professionalität, falsche Institutionalisierung und dem Adressat_innen gegenüberstehende Hilfskonzeptionen (vgl. Thiersch 2015: 15). Und wenn ein Erfinder von seiner Idee überzeugt ist und die Kompetenzen seines Konzeptes aufzählt sieht das so aus, Lebensweltorientierung kann: sich auf Adressat_innen einlassen, Hierarchien abbauen, ein ausgewogenes Nähe Distanz Verhältnis schaffen, Lebensentwürfe akzeptieren, Ressourcen transparent machen, Erwartungen der Gesellschaft transparent machen, den Alltag fokussieren, nützliche Hilfsangebote in den Lebenswelten der Menschen finden, verschiedene Perspektiven einnehmen, gesellschaftliches Hintergrundwissen transparent machen, eine Berufsidentität verlangen, die in der Schnittstelle von klassischer Professionalität und Alltagskompetenz angesiedelt ist und sie kann den Menschen als mündiges und selbstständiges Objekt seiner selbst erachten (vgl. Thiersch 2015: 16-33). Bollig fasst sich kurz und meint, dass das Konzept Lebensweltorientierung für sie mehr ist als nur ein Konzept, für sie ist es eine Haltung (Bollig 2015: 3). Küchler unterscheidet das Leben in Vorder- und Hinterbühne, wobei er auf der vorderen Bühne die täglichen Routinen und den gelingenden Alltag sieht. Auf der hinteren Bühne hingegen sind unter anderem die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die Sozialisation verortet. Lebensweltorientierung ist für ihn die Möglichkeit den Gesamtkontext zu sehen und sich gleichzeitig auf den gelingenden Alltag zu fokussieren. Das Konzept bietet für ihn Erklärungswissen, Handlungsoptionen für den Einzelnen und das Team und konzeptionelle Ideen (vgl. Küchler 2015: 6).

Voraussetzungen für einen praktische Lebensweltorientierung ist ein ganzheitliches Kompetenzprofil, eine kritische Reflexivität durch ihre Praktiker_innen, dass selbstkritische Handeln dieser, in der Vielfalt der Situation und in offenen sozialen Beziehungen, das partizipative und kooperative agieren, eine Souveränität im Umgang mit komplexen, sozialen Systemen und ein geschärftes Bewusstsein, um ihre Gefährlichkeit zwischen Kontrolle und Hilfe, mit der Idee, dass sie situativ

„wegsehen, loslassen, Probleme sich selbst überlassen kann und doch einzugreifen den Mut hat, wenn es notwendig scheint“ (Thiersch 2014: 37).

Die Adressat_innen erleben die Sozialarbeiter_innen als Mensch, mit eigenen Entscheidungen und Problemen und können sich durch ein erarbeitetes Nähe-Distanz Verhältnis auswählen, ob sie sich an diesen orientieren oder sich davon abwenden (vgl. Thiersch 1997: 22).

1.1. Entwicklungs- und Strukturmaximen / Planung, Einmischung

Die Struktur- und Handlungsmaximen werden als Philosophie der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit bezeichnet. In ihnen erfolgt die Trennung zwischen Strukturmaximen, die auf lebensweltliche Erfahrungen Bezug nehmen, diese sind Prävention, Regionalisierung und Alltagsnähe. Weitere Kategorien sind die sozialethischen und demokratischen, zu ihnen werden die Strukturmaxime der Integration und Partizipation geordnet. Die Maximen der Einmischung, Planung und Vernetzung verstehen sich als sozialpolitischer und organisationeller Mantel.

Abbildung 2: Zusammenspiel der Struktur- und Handlungsmaximen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

eigene Darstellung auf der Basis von Thiersch 2014

Die Handlungsmaximen ermöglichen eine kritische und gestalterische Orientierung beim Umgang mit Adressat_innen und Sozialarbeiter_innen, sowie bei der „institutionellen-organisationellen Gestaltung der unterschiedlichen Arbeitsarrangements“ (Grunwald/Thiersch 2011: 859). Eine Differenzierung und ein Versuch einer Definition der einzelnen Struktur- und Handlungsmaximen ist mit dem Hinweis möglich, dass diese für die jeweiligen Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit verschiedene Bedeutungen haben und darin auch entwickelt und umgesetzt werden müssen. Hilfe anzubieten, bevor sich Problemlagen zuspitzen und es scheinbar keinen Ausweg mehr gibt, ist der Aufgabenbereich der Prävention. Prävention im Kontext Lebensweltorientierung wird auch kritisch betrachtet. Dadurch wird die Maxime mit medizinisch- therapeutischen Interventionen assoziiert und mit „Verhinderung von Katastrophen“ verbunden. Gleichzeitig wurde die Ressource von lebensweltorientierter Prävention bestärkt, dass sie in dem Angebotsreichtum der Kinder- und Jugendhilfe vor allem die ambulanten und begleitenden Maßnahmen fördert und die stationären reduziert (vgl. Thiersch 2014: 28). Die Strukturmaxime Regionalisierung/ Dezentralisierung definiert ihr Ziel darin, dass sie die Erreichbarkeit von Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe erhöht und die verschiedenen Träger der Kinder- und Jugendhilfelandschaft motiviert, Kooperationen im Stadtteil/ in der Stadt aufzubauen, zu pflegen und im Interesse der Adressat_innen zu nutzen. Weiterhin heißt Regionalisierung auch, dass Zuständigkeiten an die Basis der Sozialen Arbeit verlagert werden müssen. Die damit einhergehende Planung, Organisation und Kooperation auf lokalen und regionalen Gegebenheiten ist offensichtlich, die Einbindung in Standards ist dabei maßgeblich (vgl. Thiersch 2014: 29). In der Kategorie „lebensweltliche Erfahrungen“ ist die Strukturmaxime Alltagsnähe oder auch Alltagsorientierung die Abschließende. Hauptaugenmerk liegt dabei darauf, dass die Einrichtungen, die sich dem Alltag und der Lebenswelt der Adressat_innen öffnen, als primäre Aufgabe der Jugendhilfe verstanden werden.

Die Ressourcenorientierung, sowie die Mobilisierung der individuellen, sozialen und materiellen Ressourcen ist gleich elementar wie die Krisenintervention. Die verschiedenen Ansätze der alltagsorientierten und spezialisierten Zugänge müssen reflektiert, verschoben und evaluiert werden:

„Alltagsorientierung meint, daß die Maßnahmen in der Jugendhilfe neu gewertet werden müssen und daß die spezielleren Arbeitszugänge ihre Aufgaben im Kontext der lebensweltlich gegebenen weiteren Problemzusammenhänge sehen müssen, daß sie sich mit ihren speziellen Angeboten beziehen müssen auf die alltagsnahen und offenen“ (Thiersch 2014: 20).

Integration und Partizipation, die sozialethischen- demokratischen Strukturmaximen des lebensweltorientierten Ansatz werden nicht als separate Maximen betrachtet, sie müssen als ein System verstanden werden. Auch bei der aktuellen Asylbewerber_innen Debatte in Deutschland und Europa ist Integration ein zentrales Thema. Forderungen in den letzten Jahren dazu waren, dass Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe für Menschen mit Behinderung geöffnet werden und die Exklusion durch künstlich geschaffene Lebenswelten aufhört. Weiterhin wurde ein einheitliches Kinder- und Jugendrecht gefordert. Integration bringt auch die Idee mit, dass verschiedene Lebenswelten mit ihrer Individualität nebeneinander leben können, mit weniger Konflikten und Ausgrenzungen, sondern mit

„den Alltag bestimmenden sozialen Probleme und das pragmatische Miteinander in den alltäglichen Bewältigungsaufgaben...“ (Grunwald, Thiersch 2011: 861).

Gelingende Integration setzt die Voraussetzung, dass Verschiedenheiten, Vielfältigkeit und Andersheit akzeptiert und mit Differenzen nach dem Konzept von Diversity Management gearbeitet wird.

„ „Diversity“ als Ansatz, der die Wirkmächtigkeit von Differenzen hervorhebt und zugleich Möglichkeiten ihrer Anerkennung betont, trifft mit der Sozialen Arbeit auf eine Profession, für die der Bezug auf Differenz, verstanden als Unterscheidung und Abweichung von einem Normalitätsmuster, konstitutiv ist“ (Mecheril/Plößer2011: 279).

Partizipation in der Kinder- und Jugendhilfe ist alt und aktuell zu gleich. Selbstständigkeit, Entscheidungen und die Wahlmöglichkeiten zu stärken und auszubauen bestimmen eine Seite der Maxime, auf der Anderen steht die Sicherung, der verschiedenen Rechte z.B. Einspruchsrecht; der Mitbestimmung bei den Angeboten, um sich mit ihnen besser identifizieren zu können. Die Anforderung an die Strukturmaxime Partizipation ist die rechtliche Absicherung und die institutionellen Regelungen als Kontrollwerkzeug (vlg. Thiersch 1997: 23). Thiersch ist der Ansicht, dass Partizipation übergeht in Kooperation mit den Jugendlichen, den Familien, den Betroffenen, Initiativen, ehrenamtlichen Helfer_innen. Die Voraussetzung dafür ist die Perspektive der Adressat_innen auf die Problemdeutung und die Handlungsangebote (vgl. Thiersch 2014: 31). Der oben erwähnte Mantel (vgl. Abb. 2, S. 9) der Struktur- und Handlungsmaximen im Kontext der Lebensweltorientierung, bestehend aus Planung, Einmischung und Vernetzung wird im Folgenden erläutert. Die zentrale Aufgabe ist die der koordinierenden Planung der einzelnen Aufgaben bzw. Maximen. Diese kann durch Beratung und einen gefundenen Konsens erfolgen. Für eine gelingende und nützliche Einmischung und Planung ist es notwendig, die anwaltschaftliche Interessenvertretung der Adressat_innen dahingehend transparent zu machen, dass sie nicht nur auf die Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe beschränkt sind. Das heißt, dass ebenso die Gebiete der Gesundheitsfürsorge, dem arbeitspolitischen Markt, Schule und weitere Bildungsbereiche betroffen sind und die Grenzen der lebensweltorientierten Jugendhilfe erweitert werden müssen (vgl. Thiersch 2014: 32-33).

1.2. Lebensweltorientierung im Kontext Mobile Jugendarbeit/ Streetwork (MJA/ SW)

Der lebensweltorientierte Ansatz verlangt eine spezielle Anpassung, Entwicklung und Umsetzung in den jeweiligen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit. Im Nachfolgenden werden der Transfer und die Schnittstellen zwischen Lebensweltorientierung und MJA/ SW dargestellt. Der Ansatz wird in den handlungsleitenden Fachstandards Mobiler Jugendarbeit wie folgt definiert:

Junge Menschen als Expert_innen ihrer Lebenswelt. Primär für die Arbeit sind die Ziele und Lösungswege der Adressat_innen. Junge Menschen entscheiden selbst, was ihnen wichtig ist, was sie verändern wollen und können. Diese Entscheidungen begleiten die Fachkräfte unterstützend und kritisch; dabei werden die eigenen Werte, Normen und Lebensweisen nicht als paternalistisches Maß für andere gesetzt“ (LAK MJA SACHSEN e.V. 2013: 3).

Die Grundlagen einer lebensweltorientierten MJA/ SW sind qualifizierte Kenntnisse über die direkten Lebenswelten der jungen Menschen. Dabei wird der Mittelpunkt dieser Arbeit durch die Lebensentfaltung und Lebensbewältigung der Zielgruppe definiert (vgl. Krefeld 2004: 135).

Aufsuchende Jugendarbeit beschäftigt sich zu Beginn mit der Frage, an welchen Plätzen sich Jugendliche und junge Erwachsene mit Gleichaltrigen ohne Stress treffen können (vgl. Krafeld 2004: 128). Die Entwicklung von Jugendlichen und jungen Menschen ist geprägt von dem Austausch und dem Gefühl der Zugehörigkeit, innerhalb seiner Peer Group. Diese hat einen besonderen Stellenwert in der Lebensphase Jugend, denn wenn die Autorität der Eltern anfängt brüchig zu werden, die Lebensaufgaben unattraktiv werden, wenn Jugendliche sich an den ehemaligen Vorbildern Eltern reiben und sich neue Vorbilder suchen, bekommen Jugendliche ihr Bedürfnis nach Verständnis und Anerkennung durch die Peer Group. Genau dort erfahren sie eigenen Sozial- und Lebensraum, eine Zeit mit eigenen Werten, eigenen Zielen, eigenen Lebensformen und einer eigenständigen Jugendkultur. Sie entwickeln ihre erste bewusste eigene Lebenswelt, die davon existiert Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu finden, Gruppenerlebnisse zu erleben und sich von der Öffentlichkeit und den damit verbunden Werten und Normen abgrenzen zu können.

Steetworker_innen lassen sich auf die Jugendgruppe mit ihrem Selbstverständnis ein. Sie haben Respekt vor Bewältigungsstrategien und Erfahrungen. Dabei müssen sie sich für die Jugendlichen und jungen Menschen „attraktiv“ machen, das heißt Interesse für die jeweiligen Lebens- und Problemlagen, sowie deren Alltag haben, Verständnis zeigen um provokativ-akzeptierend Wünsche und Bedürfnisse zu begleiten und Motivationen herauszufiltern, für eine mögliche Neuorientierung. Die Erfahrungen, Lösungsstrategien und Ressourcen der Adressat_innen, Traditionen und sozialpolitische Initiativen werden akzeptiert und als Eigensinn der gegebenen Lebenslagen gesehen. Nur so erlebt die Peergroup den/ die Streetworker_in als akzeptierende Leitperson in ihrer Lebenswelt. Vertrauen baut sich auf, so dass Begleitung und Beratung auch wirksam gelingen. Lebensweltorientierung ist alltägliche Streetworkpraxis. Denn: MJA/ SW entwickelt eine „ganzheitliche Wahrnehmung“ von Lebensmöglichkeiten. Räume und Chancen werden gestaltet. Räume zur Selbsthilfe werden eröffnet. Jugendliche werden akzeptiert wie sie sind. Sie erfahren Wertschätzung. Ihre Erfahrungen zählen, so dass ihre Lebenswelt angenommen wird. Handlungsleitend ist dabei der Grundgedanke der Lebensweltorientierung, individuelle, soziale und politische Ressourcen so zu stabilisieren, dass Menschen sich in ihnen arrangieren können und Möglichkeiten finden Geborgenheit, Kreativität und Selbstbestimmung zu erfahren. Weiterhin ist die Idee der Lebensweltorientierung, auf Ungleichheiten der heutigen Lebenswelten zu achten und mit ihnen zu agieren.

Die Adressat_innen der MJA/ SW sind Jugendliche und junge Menschen, die ausgegrenzt oder von Ausgrenzung bedroht sind bzw. mit den gegebenen Ressourcen in unserer Gesellschaft noch nicht zurechtkommen. Aus diesem Grund schafft Streetwork Räume, Gelegenheiten und Situationen für Kinder und Heranwachsende um Gerechtigkeit aufrechtzuerhalten, zu stabilisieren oder sie zu schaffen.

Während sich MJA/ SW in lebensweltlichen Erfahrungen und Räumen, in Institutionen, sozialen Netzen und Stadtteilen engagiert, erfahren sie immer wieder Grenzen und Interessenkonflikte. Trotz der parteilichen Arbeit mit jungen Menschen in besonderen Lebenslagen, müssen sie auf die Erwartungen der Öffentlichkeit an Jugendliche und Jugendhilfe achtgeben und sie berücksichtigen. Dafür sollte für eine gute Arbeit die Waage zwischen personengerichteter und lebensweltlicher Einmischung gehalten werden (Krefeld 2004: 136).

„...die Wege zu gesellschaftlicher Teilhabe für junge Menschen heute derartig unüberschaubar, risikoreich und ungewiss, dass Veränderungen meist nur im Wechselverhältnis von Individuum und Umwelt Chancen hätten, nicht aber Versuche, allein das Individuum zu ändern bzw. zu qualifizieren“ (Krefeld 2004: 136).

Eine nützliche Regionalisierung/ Dezentralisierung im Kontext MJA/ SW wird dadurch erreicht, dass die Angebote niedrigschwellig konzipiert sind und die Erreichbarkeit für die Jugendlichen und jungen Menschen somit erhöht ist. Die zeitlich und räumlichen Angebote sind einfach zu erreichen, das Vor-Ort Büro ist im Stadtteil integriert und gut erkennbar. Mobile Treffangebote im öffentlichen Raum werden angeboten und etabliert. Streetwork/ aufsuchende Arbeit an den Treffpunkten der Jugendlichen und jungen Menschen ist kontinuierlich und wird flexibel an den Bedarf der Adressat_innen angepasst. Die Angebote können ohne Vorbedingungen z.B. Einhaltung von Verbindlichkeiten, Drogenabstinenz in Anspruch genommen werden.

Gleichzeitig gehört zu dieser Handlungsmaxime die Beteiligung am Gemeinwesen und die Teilnahme und Aktivierung in verschiedensten (Fach-)Gremien nach §78 SGB VIII. In weiteren Gremien agiert MJA/ SW als Sprachrohr zwischen Jugendlichen und den Akteur_innen und Bürger_innen im Stadtteil. Der gemeinwesenbezogene Teil der Streetwork legt Wert darauf, dass die Konflikte zwischen Jugend(-cliquen) und Erwachsenen thematisiert und ausgehandelt werden.

„Sozialräumlich orientierte Gemeinwesenarbeit sucht ein professionell-institutionelles Angebotssystem in und für die Region zu inszenieren und zu vernetzen, vor allem aber Bezüge und Kooperationen zu den gegebenen lebensweltlichen Angeboten der Nachbarschaft, der Vereine und der Bürgerinitiativen herzustellen. Eine belastbare regionale Infrastruktur als Kultur des Sozialen ist die dahinter liegende Vision“ (Grunwald/Thiersch 2011: 860).

Alltagsorientierung in der MJA/ SW ist eine Konsequenz daraus, dass Anvertrauen nur auf der Basis von Beziehung und Vertrauen zwischen Adressat_in und Sozialarbeiter_in geschieht und wenn sich dazu eine Gelegenheit bietet (vgl. Keppeler/Specht 2011: 962-963). Die Vielzahl der Anliegen und Themen der Jugendlichen im Kontext MJA/ SW verlangen keine fachspezifische Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter_innen. Ein breit aufgestelltes Wissen und ein gut ausgebautes Kooperationsnetzwerk für eine mögliche Vermittlung sind die Grundvoraussetzung einer gelingenden Alltagsorientierung. Eine Form der Ausgrenzung, die die Jugendlichen und jungen Menschen mit dem Lebensmittelpunkt im öffentlichen Raum erfahren ist die, durch die Verregelung und Privatisierung der Öffentlichkeit. MJA/ SW baut Brücken zwischen Adressat_innen und anderen gesellschaftlichen Lebensentwürfen für eine Integration (vgl. Gillich 2008: 232). Dabei steht Streetwork parteilich und mit einer anwaltschaftlichen Interessenvertretung hinter dem Jugendlichen.

Für eine erfolgreiche Veränderung der Lebensbedingungen ist es von großer Bedeutung, dass die Fremd- und Außenpersepektiven auf Interessen und Adressat_innen aus verschiedensten Professionen kommen. (vgl. Krafeld 2004: 138). Weitere Möglichkeiten, um soziale Integration zu fördern, sind die Bekanntheit und die Akzeptanz der Streetwork in der Umgebung, partizipative Öffentlichkeitsarbeit, Stärkung der Selbsthilfepotenziale, Erschließung gesellschaftlicher Ressourcen, Unterstützung und Entwicklung der Lebensperspektiven (vgl. Gillich 2008: 232).

Partizipation erfolgt in allen vier Säulen MJA/ SW: aufsuchende Arbeit/ Streetwork, Hilfe für den Einzelnen, Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit. Das bedeutet im Einzelnen zum Beispiel, die Jugendlichen bestimmen die Zeit und die Plätze, die wir als Streetworker_innen aufsuchen und sie partizipieren sich an den (Versorgungs-)angeboten, die in diesem Rahmen angeboten werden können. Partizipation bei der Hilfe für den Einzelnen versteht sich unter anderem darin, dass der Auftrag von dem Jugendlichen selbst kommt und er den Lösungsweg, die Geschwindigkeit und die Intensität selbst bestimmt. Es werden keine erlebnispädagogischen Gruppenangebote geplant und durchgeführt, ohne die Jugendlichen von Beginn an zu beteiligen, angefangen bei der Ideenfindung bis zur Durchführung und Evaluation. Ein gutes Beispiel für gelingende Partizipation in der Gemeinwesenarbeit ist die aktivierende Befragung der Jugendlichen, der Bewohner_innen und der Akteur_innen im Stadtteil. Die Planung, Einmischung, Organisation erfolgt nach folgendem Arbeitsprinzip:

„Streetwork und Mobile Jugendarbeit tragen dazu bei, fehlende oder unzureichende Angebote zu ermitteln, öffentlich zu machen, entwickeln sozialpolitische Einmischungsstrategien und nehmen damit Einfluss auf Sozial- und Jugendhilfeplanung“ (Gillich 2008: 232).

In der MJA/ SW kann in vier verschiedene lebensweltorientierte Handlungsprinzipien unterschieden werden. „Umgang mit Kooperationen und Vernetzungen“, „Realisierung professioneller Qualität aufsuchender Arbeit“, „Ergänzung knapper Ressourcen“, „Abbau von Unzuständigkeitsstrategien in der Jugendhilfe“ (Krefeld 2004: 139). Für eine nützliche lebensweltorientierte MJA/ SW ist ein sensibles Nähe/ Distanz Verhalten wichtig, da die

„besonders prekären Erwartungen an professionell-distanzierte Sicherheit und flexibel-offenes Agieren in der Erkennbarkeit eigener Erfahrungen...“ (Thiersch 1997: 25) liegt.

1.3. Lebensweltorientierung aus der systemisch-konstruktivistischen Perspektive

Aus einer systemisch-konstruktivistischen Perspektive werden auch die Begriffe Lebenswelt und Lebenslage unterschieden. Dabei lässt sich die Lebenswelt als subjektiv wahrgenommene Welt eines Menschen und die Lebenslage mit den „tatsächlich“ gegebenen materiellen und immateriellen Lebensbedingungen definieren.

„In diesem Sinne lässt sich formulieren, dass der Mensch seine Lebenswelt unter den jeweiligen Bedingungen seiner Lebenslage konstruiert“ (Kraus 2006: 125).

Kraus zieht den Vergleich zwischen der lebensweltorientierten und der konstruktivistischen Perspektive und verwendet für Lebenswelt das Synonym „Wirklichkeit“ und für die Lebenslage die „Realität“. Die eigen konstruierte Wirklichkeit ist dem Mensch immer zugänglich, wogegen die Realität nur über die Wahrnehmungsmöglichkeiten zugänglich ist (vgl. Kraus 2006: 126). Mit der Idee der Selbstreferentialität, „dass operative Handhaben von Beobachtung als Unterscheidung“ (Lambers 2012: 366), kann die Wahrnehmung der Realität nur auf die veränderten Bewusstseinszustände beschränkt werden.

Die Orientierung an der Lebenswelt des Menschen scheint vor dem Hintergrund des oben erwähnten systemisch-konstruktivistischen Ansatz eine hohe aber gewinnbringende Herausforderung. Denn die Orientierung an subjektiven Wirklichkeitskonstruktionen, die für die Sozialarbeiter_innen nicht direkt zugänglich sind, scheint unmöglich. Jedoch ist die Betrachtung der individuellen Lebenslagen nützlich, da auf diese Einfluss genommen werden kann (vgl. Kraus 2006: 127). Kraus betont bei der Idee:

„Selbst wenn ich die Lebenslage eines Menschen detailliert kennen würde, so hätte ich doch keine gesicherten Erkenntnisse über dessen Lebenswelt. Wie soll ich wissen können, wie ein Mensch seinen Körper, seine sozialen Verflechtungen, seinen Wohnraum, kurz seine Lebensbedingungen wahrnimmt“ (Kraus 2006: 128).

Systemische Lebensweltorientierung bedeutet, den Menschen in seinen sozialen Verflechtungen und als nicht-triviale Maschine zu betrachten. Die systemische Orientierung an der Wirklichkeit und Realität, meint besonders die Orientierung an der Subjektivität (vgl. Kraus 2006: 128). Kommunikativ zugänglich für den/die Sozialarbeiter_in ist die Lebenslage, darüber kann durch den Professionellen die Kontaktaufnahme gestaltet werden. Diese Erfassung der Lebenslage wird dann gleichfalls subjektiv durch den/die Sozialarbeiter_in gefärbt.

„Denn wenn wir etwa im Bemühen um eine lebensweltliche Orientierung Adressaten in einem „sozialen Brennpunkt“ besuchen, so werden wir nur mit Ausschnitten der Bedingungen ihrer Lebenslage konfrontiert und können selbst diese nur subjektiv (eigensinnig) wahrnehmen“ (Kraus 2012: 246).

Der/die lebensweltorientierte und systemische Sozialarbeiter_in versteht sich als neugierigen Gast der Lebenswelt, in die er durch verschiedene Interaktionen (Kontaktaufnahme) eindringt. Die durch Regeln und Werte geprägt sein können. Eine Auseinandersetzung als Beobachter_in mit eigenen Erfahrungen und Urteilsvermögen und das Interesse an subjektiven Weltanschauungen der Adressat_innen sind Chancen der systemischen Lebensweltorientierung. Zentrale Prinzipien sind auch die Konstrukt- und Lösungsneutralität (Kraus 2012: 246).

Vor dem Hintergrund der lebensweltorientierten Ideen, der Ressourcenorientierung, des Perspektivwechsels, der Ansicht, dass Adressat_innen der Sozialen Arbeit Subkulturen angehören und Differenzen, Verschiedenheiten haben und das der Ansatz soziale Beziehungen inszenieren will, lassen sich verschiedene fachliche Möglichkeiten aus der Systemischen Sozialarbeit nutzen.

Differenz und Soziale Arbeit

Differenz und Soziale Arbeit nach Kleve beschreibt den Umgang mit Verschiedenen in vier Umgangsvarianten: Differenzbeobachtung, Strategien der Differenzminimierung, Differenzakzeptanz und Differenzmaximierung. Letzteres trifft den systemischen Nerv, da er Adressat_innen emanzipiert, Handlungs- und Denkspielräume erweitert, Unterschiedlichkeiten aushält und sie nicht überwinden muss und den gesellschaftlichen Trend zur Individualisierung spiegelt. Es werden Unterschiede produziert, die einen Unterschied machen. Dies erfolgt unter anderem durch die Methoden des Refraiming und des zirkulären Fragen.

„Wenn sozialarbeiterische Kommunikation erfolgreich ist, dann schafft sie ein Mehr an Differenzen, und zwar an kognitiven und kommunikativen Differenzen“ (Kleve 2003: 88).

Rekonstrukivisumus

Die oben erwähnte Konstruktneutralität für eine nützliche systemische Lebensweltorientierung kann mit den sechs verschiedenen Perspektiven zur Beschreibung, Beobachtung und Analyse von Systemen nach Ritschers erklärt werden (vgl. Ritscher 2007: 35-38). Die erkenntnistheoretische Perspektive zeigt dem/der Sozialarbeiter_in auf, dass er/sie nur begrenzte Perspektiven einnehmen kann und nicht seine eigene Lösung umsetzen muss. Die Beziehungsperspektive gibt Auskunft über die einzelnen Elemente eines Systems und ihre Beziehungen. Eine weitere Perspektive ist die der Organisation. Sie hinterfragt die Systemdynamik, den Grad von Verbindlichkeiten der Beziehungen und deren Verlässlichkeit. In der Kontextperspektive Raum- und Zeit geht es vor allem darum, welche Aussagen sich über das System hinsichtlich der gezogenen Grenze und dem Verhältnis von innerer und äußerer Umwelt treffen lassen. Hingegen geht es bei der Kontextperspektive Menschenbild und Ethik darum, durch welche ethischen Konzepte das pädagogische Handeln geleitet wird. Die Regeln, Werte, Normen, Politik die das System prägen werden in der letzten Perspektive: Kontextperspektive Gesellschaft – Arbeit, Herrschaft und Sprache hinterfragt.

Systemische Haltung / Menschenbild

Die professionelle Identität eines nützlichen lebensweltorientierten-systemischen Sozialarbeiters ist durch ein systemisches Menschenbild gekennzeichnet. Dieses geht davon aus, dass die Adressat_innen gute Gründe für ihr Denken, Fühlen und Handeln haben, dass Menschen Sinneszusammenhänge konstruieren, das sie das Bedürfnis nach Beziehungen und Kooperationen haben. Menschen werden als nicht-triviale Systeme gesehen, die ein kontextbezogenes Verhalten haben und lernfähig sind. Ein nützliches Kompetenzprofil sollte Lösungs- und Ressourcenorientierung beinhalten, eine angemessene/ ungewöhnliche Form der Kommunikation mit Adressat_innen ermöglichen (vgl. Andersen 2011). Er/sie sollte die Fähigkeit besitzen unterschiedliche Perspektiven zu bedenken, einen Möglichkeitssinn zu haben und die Kompetenz verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen. Wertschätzung, Akzeptanz, Empathie gegenüber den Adressat_innen ist von hoher Bedeutung. Mut und Risikobereitschaft als Sozialarbeiter_in befähigt sich schwierigen Situationen zu stellen (vgl. Herwig-Lempp 2014: 1).

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Ende der Leseprobe aus 93 Seiten

Details

Titel
Systemische Lebensweltorientierung im Kontext von digitalen und analogen Lebenswelten
Hochschule
Hochschule Merseburg  (Soziale Arbeit)
Veranstaltung
Systemische Sozialarbeit/ Sozialpädagogik
Note
2,5
Autor
Jahr
2015
Seiten
93
Katalognummer
V333857
ISBN (eBook)
9783668260290
ISBN (Buch)
9783668260306
Dateigröße
900 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
systemische, lebensweltorientierung, kontext, lebenswelten
Arbeit zitieren
Silka Mager (Autor), 2015, Systemische Lebensweltorientierung im Kontext von digitalen und analogen Lebenswelten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/333857

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