Unheimliche Medien im Film. Erzeugung einer unheimlichen Stimmung durch Ton und Musik in Burtons "Sleepy Hollow" (USA 1999)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Fragestellung:

Wie werden Ton und Musik in Sleepy Hollow zur Erzeugung einer unheimlichen Stimmung eingesetzt?

Einleitung

Musik als unheimliches Medium

Erzeugung einer unheimlichen Grundstimmung

Leitmotivtechnik zur akustischen Charakterisierung des kopflosen Reiters

Ichabods Träume als Kontrast zur Welt von Sleepy Hollow

Fazit zu Danny Elfmans musikalischer Umrahmung in Sleepy Hollow

Quellenverzeichnis

Einleitung

Verstörung, Angst und Schrecken – es sind Gefühle die Jeder in seinem Leben am liebsten umgehen würde. Man kennt diese Gefühle aus Erfahrungen und wünscht sich im Moment, in dem man von diesen bedroht wird, wieder erlöst zu werden.

In dem Horrorfilmgenre wird die direkte Konfrontation des Zuschauers mit eben jenen Empfindungen praktiziert. Das Publikum setzt sich bewusst den lauernden, wenn auch nur visuellen und akustischen Gefahren aus. Die Emotionen sollen in diesem Genre zur Unterhaltung führen. Mit solch einem Horrorfilm beschäftige ich mich in meiner Hausarbeit und gehe dabei vor allem auf den akustischen Schrecken ein.

Tim Burtons Gruselmärchen „ Sleepy Hollow – Köpfe werden rollen“ basiert auf einer alten amerikanischen Sage, die der Schriftsteller Washington Irving (1783 – 1859) in seiner Erzählung „Die Sage der schläfrigen Schlucht“ festhielt.

Obwohl Burton diese Legende als Grundlage nutzt, verändert er die ursprünglichen Charaktere Irvings. So wird Constable Ichabod Crane (Johnny Depp), der seinen Vorgesetzten wegen der Forderung von wissenschaftlichen Ermittlungsmethoden zur Last fällt, vom Richter Burgomaster (Christopher Lee) in die abgelegene Kleinstadt Sleepy Hollow strafversetzt.[1] Dort wurden erst vor kurzem drei geköpfte Leichen gefunden, die von einem mysteriösen Reiter getötet sein sollen.

Die Einwohner sind sich sicher, dass es sich bei dem Täter um einen hessischen Söldner handelt, welchem selbst der Kopf fehlt. Ichabod glaubt nicht an diese Sichtweise und möchte einen Mörder überführen, der „aus Fleisch und Blut ist“. Während des Aufenthalts von Ichabod häufen sich die Morde. Der kopflose Reiter schlägt auch vor den Augen des Constables zu und tötet viele Bürger der Stadt, lässt dabei nur den kopflosen Leichnam der Opfer zurück. Mit seinem Helfer, dem „jungen Masbath“ (Marc Pickering) und der liebreizenden Katrina van Tassel (Christina Ricci) geht er dem Wesen auf die Spur. Ichabod findet heraus, dass dem hessischen Reiter der Schädel aus seinem Grab gestohlen wurde und dieser erst wieder Ruhe gibt, wenn er diesen zurückerhält.

Am Ende wird aufgedeckt, dass Katrinas Stiefmutter Lady Mary van Tassel (Miranda Richardson) den Reiter beschwört und jeden einzelnen Mord geplant hat, um an ihr größtmögliches Erbe zu gelangen. Schlussendlich können Ichabod, der junge Masbath und Katrina ihre Gegnerin überrumpeln, überreichen dem kopflosen Reiter seinen Schädel und der Horrorfilm findet ein verträgliches Ende.

Burtons Gruselmärchen ist geprägt durch Kampf-/Actionszenen, schaurigen und beeindruckenden Bildern, aber auch durch Humor, der vor allem durch Johnny Depps Rolle charakterisiert wird. Dabei gibt es fast keine Szene, in der die Ereignisse nicht musikalisch begleitet werden. Der Komponist Danny Elfman schafft es den Zuschauer auch akustisch in die Welt von Sleepy Hollow zu befördern.

In meiner Hausarbeit stelle ich mir demzufolge die Frage: Wie werden Ton und Musik zur Erzeugung einer unheimlichen Stimmung in Tim Burtons Sleepy Hollow eingesetzt? Wie schafft es der Komponist zudem die Dramatik und Spannung zu fördern?

In meiner Verschriftlichung gehe ich kurz auf das unheimliche Medium Musik ein, ehe ich anhand einzelner Szenen von Sleepy Hollow untersuche, wie Elfman die unheimliche Grundstimmung erzeugt, musikalische Dramatik schafft und welche Funktion seine Musik speziell bei der Schreckensfigur des kopflosen Reiters einnimmt. Bevor ich mit meinem Fazit die Hausarbeit beende, erläutere ich noch das Traum-Thema von Ichabod und wie dieses von Elfman ausgeschmückt wird.

Musik als unheimliches Medium

In diesem Genre gelten Musik und die dazugehörigen Geräusche als „Seele des Horrorfilms“. „Durch sie erscheinen Leinwandängste noch grausamer und furchteinflößender“[2]. Markenzeichen des Horrorsounds sind dabei Atonalität, Dissonanzen und seltsame, experimentelle Klänge. Gerade diese Andersartigkeit im Klang bestimmt die Musik im Horrorfilm, da es ein unbefriedigendes Gefühl im Zuschauer auslöst. Viele Komponisten verwenden elektronische Sounds, allerdings sind auch oft geistliche Choräle, Kinderlieder oder laute Geräusche aus unterschiedlichen Entfernungen zu vernehmen, die „ein Gefühl von Bedrohung und Terror auslösen können“.[3]

Oft gerät der Zuschauer in eine Finte, auch Red Hering genannt. Hier baut die Musik eine Spannung auf, die kurz vor dem Höhepunkt wieder abreißt.[4]

Die Akustik im Horrorfilm nimmt so verschiedene Funktionen ein: Sie kann den Zuschauer in einen Schockzustand versetzen, Situationen verstärken, aber auch verunsichern. Sie wirkt zudem als eine Art Signal, das die Anwesenheit von etwas Überirdischen angibt und das Grauen spürbar machen soll.

Egal wie der Komponist die Musik im Horrorfilm einsetzt – sie hat extreme Macht über das Publikum, da dieses die Filme mit allen Sinnen wahrnimmt. Die Musik wirkt emotional und beständig – der Zuschauer kann sich dieser nicht entziehen.

Erzeugung einer unheimlichen Grundstimmung

Danny Elfman leitet den Film Sleepy Hollow mit einem ehrfürchtigen Orchesterwerk aus dem Off[5] ein, während die Credits verschwommen und nebelig durch das dunkle Bild schwinden und erscheinen. Durch die disharmonischen Klänge der Streichinstrumente, die als düster und schaurig wahrgenommen werden, wird automatisch ein unwohles Gefühl im Zuschauer ausgelöst. Neben den kontinuierlich crescendierenden und höher werdenden Streichern ist ein Blasinstrument zu vernehmen, welches die Titelmusik noch bedrohlicher wirken lässt.

Frank Hentschel bezeichnet diese Merkmale als „Neue Musik“ im Horrorfilm und zählt die „negativ zu beschreibenden Charakteristika“ dieser auf, wie zum Beispiel der Verzicht auf Melodik, tonale Harmonik und periodische Rhythmik, die eine klar hörbare Dissonanz der Komposition zur Folge haben.[6] Da Tabubrüche, Todesangst, Ekel, Irrationalität, Übernatürlichkeit, Verkehrung von Ordnungen und psychische und physische Gewalt im Horrorfilm Anklang finden, sieht Hentschel die Musik als Analogie dieser, da auch die Neue Musik „kulturelle Normen durchbricht, indem sie sich kompositorischen Konventionen verweigert“, welche in den vorhergehenden Jahrhunderten das Musikleben bestimmten.[7] Gerade weil die unreinen und disharmonischen Klänge den Zuschauer irritieren und seiner Gewohnheit entgegen stehen, wird die musikalische Umrahmung als Bedrohung und Ungewöhnlichkeit wahrgenommen und stimmt diesen emotional negativ auf den kommenden Film ein.

So ist es auch kein Zufall, dass Elfmans Orchester das anfängliche Geschehen dominiert, da im Genre des Horrorfilms der Akzent auf einer „expressiven Wirkung der Musik“ liegt, die hier nicht als Symbol, sondern als Ausdrucksmittel fungiert und somit Schrecken und Spannung zugleich ausdrücken kann.[8]

Später setzt eine hohe und ebenfalls disharmonische Sopranstimme ein, die an eine gesungene geistliche Messe erinnert. Weitere Chöre lassen den Gesang zudem kühl wirken. Warum Elfman gerade diese Wahl getroffen hat, erläutere ich unter dem Absatz Ichabods Träume als Kontrast zur Welt von Sleepy Hollow.

Mit der Titelmusik geben Elfman und Burton schon vor dem Einsetzen der Handlung eine unheimliche Grundstimmung für den Film vor. Zudem ist die Melodie ein musikalisches Leitmotiv (underscoring), welches sich in verschiedenen Szenen in Variationen wiedererkennen lässt.

Während Wachs auf einen Brief tropft, das der Betrachter fälschlicherweise als Blut wahrnimmt, führen Celli das musikalische Thema fort. Die tiefen Streicher erzeugen eine Spannung und lassen den Zuschauer ebenso im Unklaren, wie Burtons Bilder. Dabei übertont der Sound vom Tropfen des Wachses aus dem On die Musik und wirkt als Generalisierung[9], also als Überbetonung, um den visuellen Ekel und Schrecken durch das akustische I-Tüpfelchen zu steigern.

Das düstere Thema vollzieht sich, während ein Vertrag unterzeichnet wird, nur mit dem Zusatz, dass sich mit der Zeit immer mehr Orchesterinstrumente anschließen. Dass Elfman die Zuschauer auf einen Höhepunkt hinführen will, ist eindeutig. Es scheint nun durch die breite Dissonanz fast so, als würden die Instrumente gegeneinander spielen. Das Crescendo erreicht am Szenenende seinen Höhepunkt und endet mit einem Paukenschlag, der parallel zum Schnitt die nächste Szene einleitet.

[...]


[1] http://www.dieterwunderlich.de/Burton_sleepy_hollow.htm, 27.08.2013, 13:36 Uhr

[2] http://www.dradio.de/dlf/sendungen/freistil/204507, 29.08.2013, 15:25 Uhr

[3] http://www.dradio.de/dlf/sendungen/freistil/204507, 29.08.2013, 15:30 Uhr

[4] http://derwahnsinnhateinennamen.twoday.net/stories/4691607/, 29.08.2013, 15:47 Uhr

[5] On und Off (Vgl.): Epping-Jäger, Cornelia; Linz, Erika: “Medien/Stimmen”. DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln 2003. S. 126

[6] Frank Hentschel; „Töne der Angst. Musik im Horrorfilm“. Bertz+Fischer-Verlag, Berlin 2011. S. 30, 31

[7] Frank Hentschel; „Töne der Angst. Musik im Horrorfilm“. Bertz+Fischer-Verlag, Berlin 2011. S. 34

[8] Frank Hentschel; „Töne der Angst. Musik im Horrorfilm“. Bertz+Fischer-Verlag, Berlin 2011. S. 35

[9] Generalisierung (Vgl.): Segeberg, Harro; Schätzlein Frank: „Sound. Zur Technologie und Ästhetik des Akustischen in den Medien“. Schüren Verlag, Marburg 2005. S. 155

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Unheimliche Medien im Film. Erzeugung einer unheimlichen Stimmung durch Ton und Musik in Burtons "Sleepy Hollow" (USA 1999)
Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar  (Fakultät Medien)
Veranstaltung
Unheimliche Medien im Film
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
15
Katalognummer
V334324
ISBN (eBook)
9783668239944
ISBN (Buch)
9783668239951
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Unheimlich, Medien, unheimliche Medien, Film, Sleepy Hollow, Tim Burton, Musik im Film, Musik, Geräusche, Disharmonie, Klänge, Horrorfilm, Gruselfilm
Arbeit zitieren
Simon Dietze (Autor), 2013, Unheimliche Medien im Film. Erzeugung einer unheimlichen Stimmung durch Ton und Musik in Burtons "Sleepy Hollow" (USA 1999), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334324

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