Die Hausarbeit behandelt die juristische und tatsächliche Situation von Schwulen und Lesben in der DDR sowie ihre Selbstorganisation unter dem Dach der Kirche bzw. als "weltliche" Gruppen.
„Der Sozialismus braucht jeden. Er hat Platz und Perspektive für alle.“ Für alle! Das klingt gut! In der DDR gab es also keinerlei Randgruppen, keine Benachteiligten. Dass da jemand am Rande steht, gar von ˈVater Staatˈ vergessen wird, das wiederspräche ja der grundlegenden These der Parteifunktionäre, dass alle ˈGenossenˈ gleichberechtigt und gestaltend am Aufbau der sozialistischen Gemeinschaft mitwirken können.
Was den Umgang mit Sexualität betraf, war die DDR tatsächlich toleranter und liberaler als die frühere Bundesrepublik – zumindest auf dem Papier. Mit der Gründung der DDR wurde die verschärfte Nazi-Fassung des Paragraphen 175 außer Kraft gesetzt. Man kehrte zur etwas milderen Weimarer Version zurück. Lesbische Handlungen wurden gar nicht geahndet – es sei denn, es waren Jugendliche involviert.
Die Jugend wollte der Arbeiter- und Bauernstaat besonders vor Homosexualität schützen, so dass das sogenannte Schutzalter für gleichgeschlechtlichen Sex weiterhin höher als für gegengeschlechtlichen angesetzt wurde. Nach 1957 wurden homosexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Männern im Osten kaum noch bestraft und 1968 strich man den Paragraphen 175 ganz aus dem Strafrecht – im Gegensatz zur Bundesrepublik, wo die Fassung aus dem Dritten Reich bis 1969 gültig blieb. 1988 schaffte die letzte unfrei gewählte Volkskammer dann auch den Paragraphen 151 betreffend des höheren Schutzalters ab.
Inhaltsverzeichnis
1. Isolation und Unsichtbarkeit
2. Impulse von außen
3. Die 80er Jahre
4. Außerhalb der Kirche
5. Lesben, Schwule und die Kirche
6. Lesbische Frauen in der DDR
7. Die Wende
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Entwicklung und die strukturellen Rahmenbedingungen der Homosexuellenbewegung in der DDR. Dabei wird insbesondere analysiert, wie sich trotz staatlicher Repression und gesellschaftlicher Tabuisierung erste Formen der Selbstorganisation innerhalb und außerhalb kirchlicher Strukturen formierten.
- Die ambivalenten staatlichen Rahmenbedingungen und der Umgang mit Homosexualität in der DDR.
- Die Rolle der Evangelischen Kirche als Schutzraum für oppositionelle und emanzipatorische Gruppen.
- Die Herausforderungen und die spezifische Situation lesbischer Frauen im Vergleich zu schwulen Männern.
- Der Einfluss internationaler Bewegungen und westlicher Impulse auf die Selbstorganisationsprozesse im Osten.
- Die Transformation der Bewegung während der Wendezeit und der Aufbau erster überregionaler Strukturen.
Auszug aus dem Buch
Die 80er Jahre: „Es ging wesentlich darum, sich ein Selbstverständnis zu erarbeiten, ein Selbstbewusstsein als Lesbe oder als Schwuler.“
Wesentliche Veränderungen der gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen in den 70er und 80er Jahren sowie die Beharrlichkeit und der Mut der homosexuellen Männer und Frauen, die trotz der Zerschlagung der HIP weiterhin für die Sichtbarwerdung ihrer Anliegen kämpften, führten zu weiteren Anläufen der Selbstorganisation, die sich rascher und nachhaltiger ausbreiten sollte.
Von Bedeutung für die weiteren Initiativen kann das deutlich anwachsende Engagement der evangelischen Kirche der DDR in der zweiten Hälfte der 70er Jahre gelten, die – unter dem Eindruck der staatlichen Repressionen gegenüber Andersdenkenden sowie vor dem Hintergrund der internationalen Homosexuellendiskussion innerhalb der Kirchen – in noch stärkerem Maße als bisher all jenen Raum und Schutz bot, die sich kritisch mit der Wirklichkeit auseinandersetzte und sich mit Themen wie Ökologie, Frieden und Menschenrechte beschäftigten. Auch wurde die Kirche Ende der 70er Jahre zunehmend unabhängiger vom Staat – finanziell und auch organisatorisch.
Zusammenfassung der Kapitel
Isolation und Unsichtbarkeit: Dieses Kapitel beschreibt das gesellschaftliche Tabu und die rechtliche Situation von Homosexuellen in der DDR, die trotz faktischer Straffreiheit von Isolation und sozialer Diskriminierung geprägt war.
Impulse von außen: Hier wird erläutert, wie internationale Ereignisse wie die Stonewall-Unruhen und westliche Medienberichte, insbesondere Filme, den Anstoß für erste Selbstorganisationsbemühungen im Osten gaben.
Die 80er Jahre: Dieses Kapitel behandelt die verstärkte Vernetzung und die Rolle der Kirche als notwendiger Nischenraum für die kritische Auseinandersetzung mit Homosexualität.
Außerhalb der Kirche: Hier steht die Gründung weltlicher Gruppen wie des Sonntags-Clubs im Fokus, die trotz staatlicher Schikanen und Überwachung durch die Stasi existierten.
Lesben, Schwule und die Kirche: Dieses Kapitel analysiert die zwiespältige Allianz zwischen homosexuellen Aktivisten und der evangelischen Kirche als „Heimstatt der widerständigen Gruppen“.
Lesbische Frauen in der DDR: Diese Sektion beleuchtet die spezifische, oft untergeordnete Lage lesbischer Frauen, die sich zunehmend von männlich dominierten Gruppen lösten, um eigene feministische Ansätze zu verfolgen.
Die Wende: Das Kapitel schließt mit der Aufbruchsstimmung zur Zeit der Wiedervereinigung und der Gründung offizieller Verbände wie dem Schwulenverband in Deutschland.
Schlüsselwörter
DDR, Homosexuellenbewegung, Selbstorganisation, Evangelische Kirche, Sonntags-Club, Stasi, Emanzipation, Repression, Sexualpolitik, lesbische Frauen, Schwulenbewegung, RosaLinde, gesellschaftlicher Diskurs, Identitätsfindung, Wendezeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entstehung und Entwicklung der homosexuellen Emanzipationsbewegung in der DDR von den 1950er bis zu den 1990er Jahren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentral sind der Umgang des sozialistischen Staates mit Homosexualität, die Rolle kirchlicher Schutzräume, die staatliche Überwachung und die spezifischen Herausforderungen der Selbstorganisation im Osten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die mühsame und von Repressionen begleitete Arbeit der Aktivisten aufzuzeigen, die maßgeblich dazu beitrugen, dass Homosexualität in der DDR überhaupt öffentlich thematisiert werden konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine historische Bestandsaufnahme durch Auswertung von Fachliteratur, Interviews mit Zeitzeugen und Analysen der kirchlichen sowie staatlichen Strukturen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert chronologisch die verschiedenen Phasen der Organisation, von frühen Einzelkämpfern über die kirchlich angebundenen Arbeitskreise bis hin zu weltlichen Gruppen wie dem Sonntags-Club.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie DDR, Homosexuellenbewegung, Selbstorganisation, Stasi-Überwachung, Kirche und Emanzipation charakterisiert.
Warum suchten ausgerechnet Homosexuelle Schutz bei der Kirche?
Da Vereine außerhalb staatlicher Strukturen in der DDR kaum genehmigt wurden, bot die Kirche als einzige institutionell unabhängige Organisation notwendige Räumlichkeiten und Schutz für kritischen Diskurs.
Welche Rolle spielte die Stasi bei der Unterdrückung der Gruppen?
Die Stasi stufte homosexuelle Zusammenschlüsse als „feindlich-oppositionell“ ein, überwachte sie, setzte Inoffizielle Mitarbeiter ein und versuchte, die Gruppen durch Verhöre und Verleumdungen zu zersetzen.
Wie unterschied sich die Situation lesbischer Frauen von der schwuler Männer?
Lesbische Frauen waren oft in von Männern dominierten Gruppen kaum repräsentiert und sahen sich zudem mit einem starren staatlichen Frauenbild konfrontiert, was sie dazu brachte, eigene feministische Strukturen aufzubauen.
- Citation du texte
- Anne-Sophie Schmidt (Auteur), 2015, Die Homosexuellenbewegung in der DDR, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334416