Maoismus und Sowjetkommunismus in der westdeutschen Linken

Unterschiede zwischen "wissenschaftlichem Kommunismus" und Maoismus in Ideologie und Praxis


Hausarbeit, 2015
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Systemunterschiede zwischen Maoismus und Sowjet-Kommunismus

2. Die Sicht westdeutscher Maoisten auf die Systemunterschiede
2.1. Kritik am "wissenschaftlichen Kommunismus"
2.2. Sicht auf den Maoismus

3. Sicht der Maoismuskritiker auf die Systemunterschiede
3.1. Kritik am Maoismus
3.2. Sicht auf den Sowjet-Kommunismus

Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

Der Kommunismus während des Kalten Krieges war vielfältiger als man denkt, er existierte im 20. Jahrhundert in vielen verschiedenen Varianten. Die beiden größten Leitideologien waren jedoch der "wissenschaftliche Kommunismus" der UdSSR und die Große Lehre Maotse-tungs1 in China. Diese rangen um den Führungsanspruch der kommunistischen Lehre – so auch in Westdeutschland. In den 1970er Jahren entbrannte unter den westdeutschen Linken eine regelrechte Flut an Diskussionen darüber, welche Ideologie nun den "echten" Marxismus-Leninismus repräsentiert – was im Großen auf der Weltbühne geschah, lief auch im Kleinen in der BRD ab. Aber handelt es sich hier wirklich um den gleichen Konflikt? Zunächst scheint es überraschend, dass es auch in Westdeutschland eine nennenswerte kommunistische Szene gab und tatsächlich beschränkte sich diese auch auf einen relativ kleinen Personenkreis2.

Wohl aus diesem Grund fanden zwar die westdeutschen K-Gruppen, jedoch nicht ihre Diskussionen über den Maoismus und den Sowjet-Kommunismus den Weg in die Forschung. Den ersten ernsthaften Versuch, die Ereignisse um die K-Gruppen in den 1970er Jahren zu untersuchen machte ein ehemaliges Mitglied des KBW3, Gerd Koenen in seinem Buch "Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution, 1967-1977"4. Die damit begonnene Entwicklung fand ihren bisherigen Höhepunkt in den Aufsätzen Laura K. Diehls5 zur Konjunktur der Mao-Images, Felix Wemheuers6 zur Rolle Maos in den deutschen KGruppen sowie dem Interview von Gerd Koenen7 durch Laura K. Diehl. Gemeinsames Ziel dieser in einem Sammelband zusammengefassten Werke ist, die genaue Rolle Maos in der westdeutschen Linken der 1970er Jahre zu beleuchten. Leider wird jedoch in dem Band nur auf die Rolle Maos in den maoistischen K-Gruppen eingegangen, nicht aber auf die konkrete Rezeption der Unterschiede zwischen Sowjet-Kommunismus und Maoismus in Ideologie und Praxis unter allen westdeutschen Linken.

Genau an dieser Stelle setzt diese Arbeit an. Nachdem erst einmal die wichtigsten Unterschiede zwischen "wissenschaftlichem Kommunismus" und Maoismus aus neutraler Sicht – der des westdeutschen Politologen und Marxismusforschers Wolfgang Leonhard8 – geklärt sind, soll ein Blick auf die Natur des spezifisch westdeutschen Dialogs zwischen Sowjet-Kommunisten und Maoisten geworfen werden. Dabei sollen die Fragen geklärt werden, warum und wie weit sich die K-Gruppen vom Modell der Sowjet-Union entfernten und ob sie sich wirklich dem Maoismus oder eher einem erdachten Idealkommunismus annäherten, der dann in Mao-Bilder und -Zitate hineinprojiziert wurde. Danach soll, angesichts der Kritik der westdeutschen Orthodoxen am Maoismus, beleuchtet werden, ob sich diese Fragen auch die westdeutschen Orthodoxen stellten, und wenn ja, wie sie die Frage nach der Originalität des westdeutschen Maoismus beantworteten. Dies lässt sich in einer Doppelfrage zusammenfassen: Was machten die K-Gruppen aus dem Maoismus und wie wurde dies von den westdeutschen Orthodoxen verstanden?

1. Systemunterschiede zwischen Maoismus und Sowjet-Kommunismus

Wolfgang Leonhard sieht die Ursprünge des wissenschaftlichen Kommunismus in der Entstalinisierung. Nach dem Tode Stalins sei die sowjetische Politik vor allem davon beherrscht gewesen, einerseits von "überlebten Herrschaftsformen und Methoden"9 abzugehen, andererseits jedoch die Kontrolle über die Veränderungen zu behalten. Stalin wurde, von Chruschtschow gar nicht erst erwähnt, auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956, den Leonhard als offiziellen Beginn der Entstalinisierung sieht, von anderen Funktionären wegen seines autoritären Herrschaftsstils (als Personenkult bezeichnet), der Allmacht der Geheimpolizei, seiner provozierenden Außenpolitik, "Geschichtsgeschreibsel"10 beziehungsweise verfälschung und nicht zuletzt wegen der Doktrin der Unvermeidbarkeit des Krieges stark attackiert11. Auf diese scharfe Kritik folgte die häufig mit Chruschtschow assoziierte Koexistenzdoktrin12, die von der Konzeption der unterschiedlichen Wege zum Sozialismus in verschiedenen Ländern begleitet wurde. Der Höhepunkt der Entstalinisierung war Nikita Chruschtschows "Geheimreferat"13. Die Punkte Koexistenzdoktrin und unterschiedliche Wege zum Sozialismus erlebten allerdings noch in den 1950ern erhebliche Dämpfer – von oben. Liberalisierungs- und Verselbstständigungstendenzen in Osteuropa drohten den gewünschten Rahmen der Entstalinisierung zu sprengen14. Die Stalinkritik wurde erheblich eingeschränkt. Jedoch gelang es Chruschtschow 1957 seine politischen Gegner aus der Sowjetführung zu verdrängen, nachdem die "'monolithische Geschlossenheit' der kommunistischen Weltbewegung"15 betont wurde und er sich bei einem Empfang der chinesischen Botschaft in Moskau sogar positiv über Stalin äußerte. Dies ermöglichte den weiteren Ausbau der Koexistenzdoktrin, wenn auch diesmal vorsichtiger und unter Festigung der Kontrolle über andere sozialistische Staaten, wie Leonhard darlegt:

Der Kurs 'auf einen isolierten vom sozialistischen Weltsystem losgelösten Aufbau des Sozialismus' sei 'theoretisch unhaltbar', 'wirtschaftlich schädlich' und schließlich 'politisch gefährlich', da er angeblich 'die bürgerlich-nationalistischen Tendenzen nährt und in letzter Instanz zum Verlust der sozialistischen Errungenschaften führen kann'16

Die hier begonnene Linie der sich abschwächenden Entstalinisierung einerseits und der wirtschaftlichen Kooperation mit den USA andererseits verstärkte sich, als Chruschtschows Beliebtheit mit den ersten wirtschaftlichen und außenpolitischen Rückschlägen, wie der Kubakrise, abnahm. So zieht Wolfgang Leonhard das Urteil, dass die Restalinisierung nach Chruschtschows Sturz 1964 in der zweiten Proklamation des "wissenschaftlichen Kommunismus" von 1967 gesiegt habe17: Jegliche Kritik an Stalin sei ausgemerzt worden, die Entstalinisierungsdoktrinen der Chruschtschow-Ära seien entweder abgeschafft oder minimiert worden. Dies sei Ausdruck des Reformunwillens und des Fokus auf Macht- und Autoritätserhalt. Die "ideologischen Zukunftsvorstellungen über die baldige Erreichung des kommunistischen Endziels [...]"18 wären verschwunden – hierin sieht Leonhard ein Zeichen dafür, dass die jetzige Regierung (1970) nicht glaube, dieses Ziel noch erreichen zu können. In dieser Entwicklung, die in der Außenpolitik durch die Breschnew-Doktrin19 komplettiert wurde, sahen die Einen einen neuen, angepassten Kommunismus, die Anderen das Scheitern der russischen Revolution. Was war so anders an China?

Im chinesischen Kommunismus spiegelten sich, so Leonhard, die Besonderheiten Chinas wider, nämlich die Feudalität der Gesellschaft, die Rückständigkeit der Ökonomie sowie die sinozentrische Freiheitsbewegung20. Auch A. James Gregor und Maria H. Chang betonen in ihrem Aufsatz "Maoism and Marxism in Comparative Perspective"21, Mao habe den Marxismus an chinesische Verhältnisse angepasst. Sie führen dies nicht nur auf die Erfordernisse einer Revolution in einer Gesellschaft (fast) ohne Arbeiter zurück, sondern auch auf indigene, nicht-marxistische Einflüsse22. Vor allem die klassische romantische und traditionelle chinesische Literatur wie Li Ta-chao sollen Mao schon früh beeinflusst haben:

That the Marxism of Karl Marx and Friedrich Engels has suffered some considerable 'creative development' at the hands of the late Mao Tse-tung seems evident. That the process began early in the formative years of Mao's intellectual development seems equally evident.23

Auf dieser Grundlage entwickelte sich, unter Maos Führung, eine Ideologie, die sich selbst, wie Leonhard heraushebt, als "Höhepunkt des Marxismus-Leninismus der gegenwärtigen Epoche"24 sieht und globale Allgemeingültigkeit beansprucht:

All dies ist nicht nur auf China oder die Entwicklungsländer beschränkt, sondern gilt, nach offizieller Pekinger Erklärung, für die ganze Welt. 'Unser Land ist zum Stützpunkt und unsere Partei zum Bannerträger der Weltrevolution geworden. Die Ideen Mao Tse-tungs sind das Fanal der Weltrevolution'25 Wo schon Mitte der 1930er Jahre, aus Furcht vor einer "Europäisierung"26 Chinas, eine skeptische Grundhaltung gegenüber der UdSSR existierte, wurde diese in der Zeit der Entstalinisierung und besonders nach Chruschtschows Sturz zu einer regelrechten Ablehnung des russischen Sozialismus. Die Abneigung neuer russischer Prinzipien wie der Koexistenzdoktrin führte bis hin zur Verschmähung Chruschtschows als Pseudokommunist27. Die UdSSR wurde als ideologischer Feind betrachtet, der eine "kapitalistische Restauration"28 durchlebt habe. Daraus folgte, neben der Ablehnung der Koexistenzdoktrin, das Festhalten an der Theorie der Unvermeidbarkeit der Kriege und das Verharmlosen der Folgen eines Atomkrieges, gleichzeitig aber auch die "Auffassung des Maoismus [...] die kommunistische Partei jedes Landes [muss] unabhängig und selbstständig sein [...]"29 – ein starker Gegensatz zur Breschnew-Doktrin. In der Folge distanzierte sich die KPCh vom wissenschaftlichen Kommunismus und die Volksrepublik von der Sowjetunion.

[...]


1 Diese wurde von ihren Kritikern und Gegnern – und in dieser Arbeit vereinfachend – auch Maoismus genannt.

2 Felix Wemheuer spricht in diesem Zusammenhang von ca. 100 000 - 150 000 Mitglieder sogenannter KGruppen. Diese Vereinigungen, deren Name meist mit einem "K" begann, so etwa KPD, KBW, KPD(ML), etc. waren maoistischer Überzeugung. Siehe Wemheuer, Felix, Die vielen Gesichter des Maoismus und die neue Linke nach 1968, in: Gehrig, Sebastian/ Mittler, Barbara/ Wemheuer, Felix [Hgg.], Kulturrevolution als Vorbild? Maoismen im deutschsprachigen Raum, Frankfurt (Main) 2008, S. 10.

3 Kommunistischer Bund Westdeutschlands.

4 Koenen, Gerd, Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution, 1967-1977, Köln 2001.

5 Diehl, Laura K., Die Konjunktur der Mao-Images in der bundesdeutschen "68er" Bewegung, in: Gehrig, Sebastian/ Mittler, Barbara/ Wemheuer, Felix [Hgg.], Kulturrevolution als Vorbild? Maoismen im deutschsprachigen Raum, Frankfurt (Main) 2008, S. 179-203.

6 Wemheuer, Felix, Die vielen Gesichter des Maoismus und die neue Linke nach 1968, in: Gehrig, Sebastian/ Mittler, Barbara/ Wemheuer, Felix [Hgg.], Kulturrevolution als Vorbild? Maoismen im deutschsprachigen Raum, Frankfurt (Main) 2008, S. 9-27.

7 Koenen, Gerd/ Diehl, Laura K., "Mao als Mona-Lisa der Weltrevolution". Erinnerungen an den westdeutschen Maoismus, in: Gehrig, Sebastian/ Mittler, Barbara/ Wemheuer, Felix [Hgg.], Kulturrevolution als Vorbild? Maoismen im deutschsprachigen Raum, Frankfurt (Main) 2008, S. 27-39.

8 Leonhard, Wolfgang, Die Dreispaltung des Marxismus. Ursprung und Entwicklung des Sowjetmarxismus, Maoismus und Reformkommunismus, Düsseldorf und Wien 1970.

9 Ebd., S. 186.

10 Ebd., S. 195.

11 Ebd., S. 193-197.

12 Diese Doktrin bildet das Gegenstück zu Lenins und Stalins Doktrin der Unvermeidbarkeit des Krieges mit dem Kapitalismus und geht davon aus, dass auch eine Koexistenz mit dem Kapitalismus möglich sei.

13 Offiziell betitelt als "Der Personenkult und seine Folgen" übte das Geheimreferat Chruschtschows, das in Auszügen auch niedrigeren Parteikadern vorgelegt wurde, scharfe Kritik an Stalin und seinen Herrschaftsmethoden. Siehe Leonhard, Die Dreispaltung des Marxismus, S. 199-206.

14 Ebd., S. 210f.

15 Ebd., S. 212.

16 Ebd., S. 228.

17 Ebd., S. 260f.

18 Ebd., S. 261.

19 Die Breschnew-Doktrin der "begrenzten Souveränität" (21. August 1968) sozialistischer Staaten gegenüber der kommunistischen Welt wurde nach dem Einmarsch in der Tschechoslowakei aufgestellt und zur Rechtfertigung sowjetischer Interventionen zum Schutz des Sozialismus herangezogen. Siehe Leonhard, Die Dreispaltung des Marxismus, S. 261.

20 Ebd., S. 276f.

21 Gregor, A. James/ Chang, Maria H., Maoism and Marxism in Comparative Perspective, in: The Review of Politics 40 (1978), S. 307-327.

22 Gregor/ Chang, Maoism and Marxism, S. 326.

23 Ebd., S. 327.

24 Leonhard, Die Dreispaltung des Marxismus, S. 279.

25 Ebd.

26 Ebd., S. 295.

27 Ebd., S. 302f.

28 Ebd., S. 303.

29 Ebd., S. 310f.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Maoismus und Sowjetkommunismus in der westdeutschen Linken
Untertitel
Unterschiede zwischen "wissenschaftlichem Kommunismus" und Maoismus in Ideologie und Praxis
Hochschule
Universität Mannheim  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Proseminar: Deutschland und China zwischen 1949 und 1989
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V334512
ISBN (eBook)
9783668241008
ISBN (Buch)
9783668241015
Dateigröße
780 KB
Sprache
Deutsch
Reihe
Aus der Reihe: e-fellows.net stipendiaten-wissen
Schlagworte
Mao-tse-tung, UdSSR, Kommunismus, Marxismus, Maoismus, kommunistischen Lehre
Arbeit zitieren
Ulrich Roschitsch (Autor), 2015, Maoismus und Sowjetkommunismus in der westdeutschen Linken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334512

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