Sami Ben Gharbia und das erste tunesische E-Book. Grenzen und Räume auf der Ebene der Vita, des Mediums und des Textes


Hausarbeit, 2014

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Hinführung

2. Biographie Sami Ben Gharbia

3. Das digitale Medium E-Book

4. Grenzen und Räume als literarische Bedeutungskategorie
4.1 Grenzüberschreitungs- und Raumtheorie nach Juri Lotman
4.2 Bedeutung der einrahmenden paratextuellen Verse
4.3 Selbstbestimmte Lebensführung gegen Identitätszwänge im tunesischen Raum
4.4 Überwältigung von kulturellen und emotionalen Hindernissen

5. Der Text zwischen Autobiographie und Autofiktion – Versuch einer Gattungszuordnung

6. Schlussbetrachtung

7. Bibliographie
7.1 Literatur
7.2 Internetquellen
7.3 Weblogs

1. Hinführung

In der Auseinandersetzung mit den Medien der heutigen Zeit ist das Verständnis für den Kommunikationscharakter der einzelnen Medien und für die damit verbundenen Möglichkeiten von großer Wichtigkeit. Später als bei anderen Medien erfasst die Digitalisierung auch das Buch.

Im Bewusstsein, dass der kreative Umgang mit Worten eine Methode ist, sich der Realität zu stellen, hat der tunesische Autor Sami Ben Gharbia das Internet für sich entdeckt. Durch das Bloggen und das Schreiben des ersten tunesischen E-Books mit autobiografischem, mitunter sogar universellem Charakter, verfolgt er das Ziel auf den diktatorischen, streng kontrollierenden Totalitarismus, unter dem damaligen Staatspräsidenten Zine al-Abidine Ben Ali (1987-2011), aufmerksam zu machen und dessen Missbilligung entgegen zu wirken.[1]

In einer Welt, in der Globalisierung als Heilsversprechen in aller Munde ist, mag es verwundern, dass Grenzziehungen, wie beispielsweise in Tunesien, Hochkonjunktur haben. Mit Hilfe der interdisziplinären Kulturwissenschaften lässt sich beobachten, dass die Grenze nicht nur eine konturlose Metapher ist, sondern durchaus eine Kategorie darstellt, mit der sich literarische Texte deuten und verstehen lassen. Durch das Überschreiten der Grenze unkonventioneller Praktiken, fordert Sami Ben Gharbia seine Rezipienten dazu auf, rigide Denkmuster über Bord zu werfen und sich einer kritischen Betrachtungsweise der kulturellen Konventionen zu öffnen.

Vor diesem Hintergrund soll in dieser Arbeit zunächst Sami Ben Gharbias Vita im Hinblick auf seine subversiven Aktivitäten vorgestellt werden. Daraufhin soll das übergreifende Medium des E-Books thematisiert werden. Anschließend wird die Gestaltung, mit dem Fokus auf Rahmungen und Grenzgängen, auf Grundlage einzelner Textstellen der ersten drei Kapitel des tunesischen E-Books Borj Erroumi XL-Voyage dans un monde hostile vertiefend analysiert. Nachdem die Grenzüberschreitung auf der thematisch innertextlichen Ebene betrachtet wurde, soll abschließend das Verhältnis vom Autor zu seinem Text bearbeitet werden, wobei die Frage nach der Gattungszuordnung und gleichzeitig nach der autofiktionalen Darstellung aufkommt.

Anzumerken ist, dass diese Arbeit auf einem Erstversuch basiert. Da keinerlei Sekundärliteratur zu Sami Ben Gharbia und seinem Werk vorliegt, wurden für die Interpretationen ausgewählte Theorien von Jurij Lotmann, Gerard Genette oder Philippe Lejeunes herangezogen.

2. Biographie Sami Ben Gharbia

Sami Ben Gharbia ist ein tunesischer Blogger, der 1967 in Bizerte, Tunesien, geboren wurde. 1998 ist er aus seinem Heimatland geflohen und hat die letzten 13 Jahre als politischer Flüchtling im niederländischen Exil gelebt. Die Angst vor der Bedrohung durch das Fremde und das Bedürfnis nach Sicherheit sollten die Grenzen aufrechterhalten. Doch als Freiheitskämpfer bricht Sami Ben Gharbia genau diese: „I am fascinated by the use of new information technologies for advocacy and fighting censorship and oppression. That’s why I’m blogging. That’s why I’m here.“[2]

Obwohl im totalitären Staat unter Ben Ali Morddrohungen, Verhaftungen und Folter von Journalisten und Oppositionellen gängige Praxis sind, wiedersetzt er sich dieser Gefahr und begann das Internet für Aktivismus im Jahr 2002 über ,TUNeZINE.com‘ zu nutzen. Seitdem arbeitete er mit anderen tunesischen Aktivisten an zahlreichen Meinungsfreiheitskampagnen auf der ganzen Welt.[3]

Im Jahr 2003 veröffentlicht Sami Ben Gharbia das erste tunesische E-Book Borj Erroumi XL – Voyage dans un monde hostile. Es handelt sich um einen Reisebericht, wie aus dem Untertitel Voyage dans un monde hostile zu vernehmen ist. Hierbei geht es um drei junge Tunesier, die im Jahr 1988 aufgrund von Zusammenstößen mit der tunesischen Regierung, welche ihre aktiven Tätigkeiten zur Demokratisierung des gesellschaftlichen Lebens und ihre Reisen missbilligen, fliehen. Die drei Flüchtlinge leben fortwährend mit der Angst in das angsteinflößende Gefängnis in Bizerte inhaftiert zu werden, das Borj Erroumi. Die immense Angst wird durch das im Titel auftauchende „XL“ betont. Sie nehmen dennoch die gefährliche Grenzüberschreitung Richtung Libyen, Nigeria, Tschad, Arabien, Syrien, Iran und schließlich in die Niederlande auf sich, um ins Exil zu gelangen.[4]

Veröffentlicht wurde das E-Book auf seinem persönlichen Blog ,Fikra‘ (فكرة, dt. ‚Idee‘), welcher seit 2003 in Tunesien zensiert wurde. Zudem war er Mitbegründer der unabhängigen tunesischen Plattform ,navaat‘, in der sich ein Kollektiv von Bloggern über Politik und Gesellschaft austauscht.[5] Im Jahr 2005 betrieben Ben Gharbia und andere Aktivisten die ,Yezzi fock Ben Ali‘ (Enough is enough, Ben Ali) Kampagne im Internet und in der Gesellschaft. Mittlerweile ist Sami Ben Gharbia PR-Referent bei Global Voices.[6]

Er widersetzt sich dem Regime nicht nur aufgrund seiner persönlichen Missbilligung, sondern er sieht seinen Job viel mehr als Verantwortung und verfolgt das Ziel, die Aufmerksamkeit der eingeschränkten tunesischen Meinungsfreiheit im Internet und auf politischer Ebene durch subversive Strategien weltweit zu lenken; also den Umsturz der bestehenden Ordnung zu erzielen.[7]

So sei anzunehmen, dass Sami Ben Gharbia zwei Rollen einnimmt, in dem er nicht nur Subjekt als Autor, sondern auch Objekt als Beobachteter ist. In Bezug auf das Verhältnis zwischen Sami Ben Gharbia und seinen Lesern bietet ihm dies eine größere Interaktionsfreiheit, da zu vermuten ist, dass ihm seine Rezipienten so vielmehr zuhören, als dass sie bloß seine Werke lesen.

3. Das digitale Medium E-Book

Das freie Handeln als Autor ist zunächst eingeschränkt. Da sich Sami Ben Gharbia gegen den Staat äußert, wird ihm die Genehmigung zur Veröffentlichung eines Buches verwehrt. Der Artikel 13 des „Code de la Presse“ besagt: Zur Veröffentlichung eines Schriftstückes muss eine Genehmigung eingeholt werden. In den meisten Fällen wird diese nicht erteilt, da jene Autoren, die den Vorstellungen des Landes nicht entsprechen, als politische Widersacher bezeichnet werden, die versuchen das Land zu destabilisieren.[8]

Diese Einschränkung umgeht Sami Ben Gharbia, indem er die Form des E-Books wählt. Da es das erste tunesische E-Book ist, zeigt er mit dem ersten Schritt in einem großen Projekt, Originalität. Das Medium kann zunächst als ein Übergang betrachtet werden, in dem das Medium des herkömmlichen Buches durch etwas Neues, dem E-Book, ersetzt wird und in dem dessen Bedeutung neu verhandelt wird.[9]

Sami Ben Gharbia selbst hat eine Vorliebe für Bücher und unterstützt gerne das Papierhafte: „Acheter un livre se l’approprier, le joindre à sa bibliothèque, l’amener partout avec soi, le lire allongé ou assis sur son fauteuil, tout cela forme certes une habitude confortable.“[10] Ein papierhaftes Buch sind die Menschen allerdings bereits gewohnt. Jene Gewohnheit, durch die der Gebrauch bequem und komfortabel ist, durchbricht Sami Ben Gharbia. Durch das innovative Medium umgeht er die Schranken der Zensur durch Verlage und viel Bürokratie. Es ist zu vermuten, dass ihm ein Gefühl von Freiheit verschafft wird, das Buch vor seiner Publikation, ohne die zahlreichen Bearbeitungsprozesse, online zu stellen.

Außerdem garantiert die Freiheit des Internets einen globalen und kostenfreien Zugang für alle Internetnutzer nach der Veröffentlichung der digitalen Publikation des E-Books. Anders als beim herkömmlichen Buch ist dies über Suchmaschinen leicht auffindbar und erreicht schneller eine breite Masse von Rezipienten, welches für seine Intention, auf die Misere in Tunesien aufmerksam zu machen, unterstützend wirkt.

4. Grenzen und Räume als literarische Bedeutungskategorie

4.1 Grenzüberschreitungs- und Raumtheorie nach Juri Lotman

Mit Hilfe der Betrachtung von Übertretung, Überschreitung einer Norm und Verletzung einer Grenze, welches aus Sicht der interdisziplinären Kulturwissenschaft das Phänomen der Transgression umschreibt, wird Kultur in literarischen Texten nicht nur repräsentiert, sondern angezeigt, wie sie sich dort performativ präsentiert.[11] Die Transgression verletzt Grenzen und macht sie damit im selben Moment disponibel. Wiederum ist sie für die Aufrechterhaltung der Norm notwendig, da es nie zu einer totalen Integration von Individuum und Gesellschaft kommen kann.[12]

Ausgehend von Juri Lotmans ,Grenzüberschreitungstheorie', wonach das Sujet eines literarischen Textes durch die Überschreitung einer solchen textuell gesetzten Grenze konstituiert wird, besitzt diese bereits eine kulturtheoretische Dimension. Denn die Beschreibung der dargestellten Welt des Textes als textuelle Organisation von Grenzen liefert bereits ein literarisches Modell von Kultur und kulturellem Prozess.[13]

[...]


[1] cf. Henner Kirchner: „Lokale Zensur und globale Öffentlichkeit. Legitimation im Zeitalter globaler Kommunikation: Das Fallbeispiel Tunesien“, in: Angelika Hartmann (Hrsg.): Geschichte und Erinnerung im Islam, Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 2004, 271.

[2] Sami Ben Gharbia. Zugang zum Volltext: URL: http://kitab.nl/. (Zugriff am 02.08.2014)

[3] Alexander Göbel, ARD-Hörfunkstudio Nordwestafrika: Präsident Ben Ali im Porträt-Der Herrscher von Tunis, 17.01.2011. Zugang zum Volltext: URL: http://www.tagesschau.de/ausland/benali102.html. (Zugriff am 01.08.2014)

[4] cf. Sami Ben Gharbia: Borj Erroumi XL. Zugang zum Volltext: URL: http://ifikra.wordpress.com/borj-erroumi-xl/. (Zugriff am 02.08.2014)

[5] Tlaxcala, internationale Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt sprachliche Vielfalt: Biographie Sami Ben Gharbia, Zugang zum Volltext: URL: http://www.tlaxcala-int.org/biographie.asp?ref_aut=1269&lg_pp=fr. (Zugriff am 02.08.2014)

[6] cf. Lillian Xiao: Tunisia. Zugang zum Volltext: URL:

http://sitemaker.umich.edu/infosurgentstunisia/sami_ben_gharbia. (Zugriff am 28.05.2014)

[7] Ibid.

[8] cf. Jean-François Juillard: „You have no rights here, but welcome to Tunisia!“ Paris 2005. Zugang zum Volltext: URL: http://www.rsf.org/IMG/pdf/rapport_tunisie_EN.pdf. (Zugriff am 01.08.2014)

[9] cf. Sami Ben Gharbia: Borj Erroumi XL – Voyage dans un monde hostile, 2003, Kapitel 15. Zugang zum Volltext: URL: http://ifikra.wordpress.com/borj-erroumi-xl/borj_erroumi1/. (Zugriff am 29.07.2014)

[10] Ibid.

[11] cf. Kathrin Audehm/Hans Rudolf Velten: Transgression – Hybridisierung – Differenzierung. Zur Performativität von Grenzen in Sprache, Kultur und Gesellschaft, Freiburg, Rombach Verlag KG 2007, 25.

[12] Ibid.

[13] cf. Oliver Jahraus: Was heißt es, Literatur als Ethnographie zu lesen, 01.10.2003. Zugang zum Volltext: URL: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=6396. (Zugriff am 04.08.2014)

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Sami Ben Gharbia und das erste tunesische E-Book. Grenzen und Räume auf der Ebene der Vita, des Mediums und des Textes
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V334545
ISBN (eBook)
9783668240247
ISBN (Buch)
9783668240254
Dateigröße
781 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sami, gharbia, e-book, grenzen, räume, ebene, vita, mediums, textes
Arbeit zitieren
Carolina Baumann (Autor), 2014, Sami Ben Gharbia und das erste tunesische E-Book. Grenzen und Räume auf der Ebene der Vita, des Mediums und des Textes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334545

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