Etablierung eines regionalen Kompetenzzentrums zur Sicherstellung der medizinische Versorgung von Flüchtlingen im Kreis Lippe


Projektarbeit, 2016

36 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Bisherige Herausforderungen in der medizinischen Versorgung
1.2 Aktuelles Versorgungskonzept des Kreises Lippe
1.3 Zukünftige Herausforderungen in der medizinischen Versorgung
1.4 Gliederung der Projektarbeit

2 Thema und Zielsetzung

3 Gesundheitspolitische Relevanz
3.1 Aktuelle Gesundheitslage der Flüchtlinge
3.2 Organisation der Gesundheitsversorgung für Asylbewerber
3.3 Zugangsbarrieren und medizinische Fehlversorgung
3.4 Auswirkungen auf die Notfallversorgung
3.5 Aspekte des Bevölkerungsschutzes

4 Stand der Forschung und Entwicklung in der Praxis
4.1 Gesundheitsberichterstattung
4.2 Versorgungsforschung
4.3 Sentinel Surveillance
4.4 Organisation der flächendeckenden medizinischen Versorgung

5 Durchführung
5.1 Der „PDCA“-Zyklus
5.1.1 Plan
5.1.2 Do
5.1.3 Check
5.1.4 Act
5.2 Projektakteure
5.2.1 Auftraggeber
5.2.2 Projektleitung
5.2.3 Projektgruppe
5.2.4 Steuerungsgruppe
5.3 Projektbetrieb
5.3.1 Betriebszeiten
5.3.2 Personelle Besetzung
5.3.3 Dienstleistungen

6 Finanz- und Zeitplanung
6.1 Zeitplanung
6.1.1 Analyse und Bedarfserhebung
6.1.2 Interventionsplanung
6.1.3 Projektdurchführung
6.2 Finanzplanung
6.2.1 Personalkosten
6.2.2 Räumlichkeiten/Ausstattung
6.2.3 Sachmittel- und Betriebskosten
6.2.4 Erlöse aus Gesundheitsuntersuchungen nach §62 AsylVfG
6.2.5 Vergütung für Leistungen nach §4 AsylbLG
6.2.6 Zusammenfassung der Erlöse-Kosten-Rechnung

7 Evaluation und zu erwartende Ergebnisse
7.1 Meilensteine
7.1.1 Ende der Analyse- und Bedarfserhebungsphase
7.1.2 Ende der Interventionsplanungsphase
7.1.3 Feedback nach 6 Monaten Durchführung
7.1.4 Abschlussevaluation
7.2 Erwartete Ergebnisse
7.2.1 Medizinische Grundversorgung
7.2.2 Entlastung der Notfallbereiche
7.2.3 Kooperation mit psycho-traumatologischen Versorgungsstrukturen
7.2.4 Flüchlingsmedizinische Versorgungsforschung

8 Literaturverzeichnis
8.1 Aufsätze und Bücher
8.2 Internetquellen

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Medizinisches Versorgungskonzept für Flüchtlinge im Kreis Lippe

Abbildung 2: Gesundheitsuntersuchungen am Klinikum Lippe Detmold

Abbildung 3: Umstrukturierungsstufen der Flüchtlingsambulanz der KLG

Abbildung 4: Flüchtlings- und Asylbewerber-Notfallvorstellungen für das 1. Quartal 2016

Abbildung 5: Behandlungsdringlichkeiten der Flüchtlinge und Asylbewerber

Abbildung 6: „PDCA“-Zyklus nach Deming (1982)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Personalberechnung für die Flüchtlingssprechstunde

Tabelle 2: Auflistung der Sachmittel- und Betriebskosten

Tabelle 3: Leitungsvergütung nach dem „GUGV-Asyl KV/Land“-Vertrag

Tabelle 4: Leistungsvergütung nach EBM 2016

Tabelle 5: Projekt-Kosten-Erlös-Rechnung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

„Es geht um Völkerwanderung, machen wir uns nichts vor. Wenn wir jedenfalls nicht bald reagieren, wird es uns am Ende allen auf die Füße fallen - egal welches Parteibuch wir haben.“ (Bodo Ramelow, Ministerpräsident des Landes Thüringen, 23.08.2015)

„Es gibt ein helles Deutschland, das sich hier darstellt gegenüber dem Dunkeldeutschland, das wir empfinden, wenn wir von (...) fremdenfeindlichen Aktionen gegenüber Menschen hören.“ (Joachim Gauck, Präsident der Bundesrepublik Deutschland, 27.08.2015)

„Wir müssen leider davon ausgehen, dass das Flüchtlingsthema für Jahrzehnte ein Problem sein wird.“ (Barrack Obama, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, 11.09.2015)

„Es macht den Eindruck, als sei Europa etwas, wo man mitmacht, wenn es Geld gibt. Und wo man sich in die Büsche schlägt, wenn man Verantwortung übernehmen muss.“ (Sigmar Gabriel, Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland, 17.09.2015)

1.1 Bisherige Herausforderungen in der medizinischen Versorgung

Die o.g. Zitate entstammen der Zeit kurz nach der Entscheidung der Bundeskanzlerin, Angela Merkel, in einer humanitären Großaktion tausende in Ungarn gestrandete Flüchtlinge über die sog. Balkanroute nach Deutschland zu holen. Diese Entscheidung war von enormer Tragweite, wie sich später herausstellen sollte. Sie führte dazu, dass allein im Jahr 2015 laut „EASY“-Zahlen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF)knapp1.1Millionen Flüchtlinge Schutz und Unterkunft in der BRD suchten (Münchener Merkur 2016) und mehr als 475.000 Asylanträge gestellt wurden (BAMF, 2016, S.4).

Gemäß Artikel 16a Absatz 1 GG genießen politisch Verfolgte in der BRD Asylrecht. Die Zuständigkeit für die Durchführung von Asylverfahren liegt beim BAMF. Der ausländerrechtliche Vollzug der Gesetze obliegt den Innenministerien der einzelnen Länder. Die Aufnahme, landesweite Verteilung, Unterbringung und soziale Versorgung der Asylsuchenden obliegt in den meisten Bundesländern dem jeweils zuständigen Ministerium für Arbeit und Soziales. Die regionale Verteilung der Flüchtlinge erfolgt im „EASY“-Verfahren nach dem sog. Königssteiner Schlüssel.

Die Aufnahme und der Aufenthalt asylsuchender Flüchtlinge haben ihre rechtliche Grundlage u. a. im Asylverfahrensgesetz (AsylVfG). Dort heißt es im § 62 „Gesundheitsuntersuchung“, dass Ausländer, die in einer Aufnahmeeinrichtung oder Gemeinschaftsunterkunft zu wohnen haben, verpflichtet sind, eine ärztliche Untersuchung auf übertragbare Krankheiten einschließlich einer Röntgenaufnahme der Atmungsorgane zu dulden. Weiterhin wird festgelegt, dass die oberste Landesgesundheitsbehörde sowohl den Umfang der Untersuchung als auch den Arzt, der die Untersuchung durchführt, bestimmt. Die Abwicklung dieser Gesundheitsreihenuntersuchungen stellte bis dato die größte Herausforderung an die medizinischen Institutionen dar. Hinzu kamen die Organisation der hausärztlichen Interims-Versorgungen in den Landesunterkünften sowie die Durchführung eines koordinierten Impfangebotes gemäß den Empfehlungen der ständigen Impfkommission (STIKO) des Robert-Koch-Institutes (RKI 2015, S.1).

1.2 Aktuelles Versorgungskonzept des Kreises Lippe

Die o.g. Zitate spiegeln jedoch auch die Haltung wieder, welche seither im Kreis Lippe und den lippischen Gesundheitsinstitutionen gegenüber der medizinischen Versorgung von Flüchtlingen eingenommen und bis heute beibehalten wurde (LZ 19.10.2014). So begann manunter der Führung des Landrates bereits im Herbst 2014 damit, ein nachhaltiges und regionales Konzept unter enger Vernetzung der beteiligten Institutionen zu entwickeln. Dieses beinhaltet im Wesentlichen 4 Säulen (Abbildung 1) und gliedert sich in eine:

- hausärztliche Versorgung und Gesundheitsvorsorge
- präklinische und klinische Notfallversorgung
- stationäre Versorgung
- psycho-traumatologische Versorgung.

Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang auch die im Oktober 2014 eingerichtete Flüchtlingsambulanz der Klinikum Lippe GmbH (KLG) (Rethmeier-Hanke/Schlepper 2016), welche im Rahmen der Gesundheitsvorsorge und des angewandten Bevölkerungsschutzes die Gesundheitsuntersuchungen im Rahmen des §62 AsylVfG koordiniert und bis dato knapp 9.000 Flüchtlinge aus mehreren Unterbringungseinrichtungen in Ostwestfalen-Lippe (OWL) untersucht hat (Die Welt 04.01.2016) (Abbildung 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Medizinisches Versorgungskonzept für Flüchtlinge im Kreis Lippe.

Quelle: Eigene Darstellung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Gesundheitsuntersuchungen am Klinikum Lippe Detmold.

Quelle: Eigene Darstellung.

1.3 Zukünftige Herausforderungen in der medizinischen Versorgung

Seit der Schließung der sog. Balkanroute Anfang 2016 haben die Flüchtlingsströme in die BRD und insbesondere nach Nordrhein-Westfalen (NRW) und OWL dramatisch abgenommen. Viele der geschaffenen Gesundheitsuntersuchungs-Kapazitäten werden aktuell nicht genutzt, obwohl über die vergangenen Monate ein Reichtum an Erfahrungen - sowohl soziologisch-interkulturell als auch medizinisch - aufgebaut wurde. Doch nun kommt die Zeit der Zuweisungen aus den Unterbringungseinrichtungen des Landes NRW in die einzelnen Gemeinden des Kreis Lippe und es ergeben sich auf nunmehr kommunaler Ebene neue Herausforderungen an die Sicherstellung der medizinische Grundversorgung und Gesundheitsvorsorge für die zahlreichen Asylbewerber. Hier könnte die in Fragen der Organisation der medizinischen Versorgung gewonnene Expertise der Flüchtlingsambulanz im Sinne eines regionalen Kompetenzzentrums konstruktiv genutzt werden.

1.4 Gliederung der Projektarbeit

Im folgenden Kapitel wird daher die Thematik der Organisation und Durchführung der Gesundheitsversorgung durch ein regionales Kompetenzzentrum für Flüchtlingsmedizin genauer beleuchtet. Das dritte Kapitel der vorliegenden Projektarbeit wird die gesundheitspolitische Relevanz einer gut organisierten medizinischen Versorgung von Flüchtlingen für die BRD erarbeiten. Das vierte Kapitel wird auf den bis dato limitierten Stand der Forschung und die bisherige Entwicklung medizinischer Versorgungsprojekte bzw. der Flüchtlingsmedizin in Lippe eingehen. Ausgehend von diesen wird im fünften Kapitel ein Überblick über die geplante Durchführung des in dieser Arbeit vorgestellten Projektes gegeben. Es werden insbesondere Einblicke in die hierfür Notwendige Vernetzung der beteiligten Institutionen und Versorgungssektoren gegeben. Das sechste Kapitel beschäftigt sich mit der notwendigen Finanz- und Zeitplanung. Im siebten Kapitel werden die zu erwartenden (positiven) Effekte der Einrichtung eines regionalen Kompetenzzentrums vorgestellt. Zusätzlich erfolgt hier die Auseinandersetzung mit geeigneten Methoden und Kennzahlen zur Evaluation des Projekterfolges bzw. zur Bestimmung eines Zielerreichungsgrades.

2 Thema und Zielsetzung

Die vorliegende Projektarbeit beschäftigt sich mit der Einrichtung eines regionalen Kompetenzzentrums mit regelmäßigen Sprechstunden zur Sicherstellung der Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen im Kreis Lippe. Ziel hierbei ist es, die bereits im Oktober 2014 etablierte Flüchtlingsambulanz der KLG so umzustrukturieren, dass in einem ersten Schritt über die regelmäßige Durchführung von Gesundheitsuntersuchungen nach §62 AsylVfG hinaus zukünftig auch Impfangebote ausgesprochen und durch- bzw. weitergeführt werden. Zusätzlich sollen die Zentralen Notaufnahmen (ZNA) der KLG durch eine Kanalisierung der aktuell ad hoc stattfindenden Leistungserbringungen im Rahmen des §4 des Asylbewerberleistungsgesetzes (AsylbLG) auf mehrmals wöchentlich eingerichtete Sprechstunden entlastet werden, um mehr Valenzen für die Notfallversorgung der lippischen Bevölkerung zu schaffen. Ein solches Vorgehen wirdauch die Haus- und Facharztpraxen in Lippe nennenswert entlasten sowie darüber hinaus durch die vorhandene interkulturelle Kompetenzund die bereits etablierte Infrastruktur die flüchtlingsmedizinische Versorgung deutlich verbessern. In einem dritten Schritt soll durch die Kooperation des Kompetenzzentrums mit dem Gemeindepsychiatrischen Zentrum (GPZ) in Detmold ein wesentlicher Beitrag zur frühen Erkennung und somit zeitnahen Intervention psycho-traumatologischer Erkrankungen geleistet werden. In einem vierten Schritt ist geplant, durch die Kooperation mit einer wissenschaftlichen Einrichtung, z.B. der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld, optimale Bedingungen für die zukünftige Versorgungsforschung und Gesundheitsberichterstattung (GBE)zu schaffen (Abbildung 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Umstrukturierungsstufen der Flüchtlingsambulanz der KLG

Quelle: Eigene Darstellung.

3 Gesundheitspolitische Relevanz

3.1 Aktuelle Gesundheitslage der Flüchtlinge

Laut BAMF sind alleine 2015 ca. 1.1 Millionen Flüchtlinge nach Deutschland gekommen (Münchener Merkur 04.01.2016). Diese haben zumeist strapaziöse Fluchtumstände hinter sich. Chronische Erkrankungen, wie Diabetes mellitus, Herz-/Kreislauferkrankungen, Nierenerkrankungen wurden teilweise über längere Zeit nicht medikamentös behandelt. Zusätzlich wurden durch Misshandlungen im Herkunftsland und unzureichende hygienische Verhältnisse bei längerfristiger Internierung in Flüchtlingslagern außerhalb der Europäischen Union (EU)Verletzungen und übertragbare Erkrankungen erworben, welche nun weiterhin behandlungsbedürftig sind.Gemäß Angaben der Bezirksregierung Arnsberg, befinden sich derzeit ca. 4.500 kommunal zugewiesene Asylbewerber im Kreis Lippe.

3.2 Organisation der Gesundheitsversorgung für Asylbewerber

Die medizinische Grundversorgung gemäß §4 AsylbLG obliegt derzeit nach Auskunft der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Westfalen-Lippe den niedergelassenen Vertragsärzten. Asylsuchende und Geflüchtete habeninnerhalb der ersten 15 Monate ihres Aufenthaltes keinen Zugang zur gesetzlichen Krankenversicherung. Sie sind auf Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG) angewiesen. Dieses ermöglicht allerdings neben Vorsorgeuntersuchungen u. Schutzimpfungen nur die Behandlung akuter Erkrankungen und Schmerzzustände im Sinne einer Notversorgung.

Das entscheidende Problem im Hinblick auf den Leistungsumfang besteht jedoch darin, dass die gemäß AsylbLG geltende strikte Unterscheidung zwischen akuten und chronischen Behandlungsanlässen die medizinische Versorgungsrealität nicht abbildet und eben dadurch eine qualitativ angemessene und zugleich kostengünstige ärztliche Betreuung dieser Population verhindert.

Eine wissenschaftliche Studie von Bozorgmehr und Razum für die Jahre 1994 bis 2013 zeigt, dass der volle Zugang zur medizinischen Versorgung am Ende sogar kostengünstiger wäre: Die jährlichen Pro-Kopf-Ausgaben für die medizinische Versorgung von Asylsuchenden mit nur eingeschränktem Zugang zur medizinischen Versorgung waren im Untersuchungszeitraum um jährlich ca. 40 Prozent bzw. 376 Euro pro Jahr höher als bei denen, die bereits vollen Zugang hatten (Bozorgmehr & Razum 2015).

Zur medizinischen Grundversorgung zählen allerdings nicht nur die Sicherstellung einer hausärztlichen Versorgung sondern auch die Bereitstellung von ausreichenden Ressourcen zur Impfung gemäß den Empfehlungen der STIKO(RKI 2015, S.1).Zusätzlich sollte bei jedem Flüchtling ein Screening auf das Vorliegen von Risikofaktoren für eine post-traumatische Belastungsstörung (PTBS) erfolgt, um ggf. frühzeitig intervenieren zu können. So geht die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) davon aus, dass mindestens die Hälfte aller Flüchtlinge psychisch krank sind (BPtK 2015).

3.3 Zugangsbarrieren und medizinische Fehlversorgung

Obwohl mittlerweile eine Vielzahl von mehrsprachigen Informationsbroschüren und -wegweisern für Flüchtlinge existieren (z.B. BAMF 2015), sind viele Flüchtlinge und Asylbewerber derzeit mit den Spezifika des deutschen Gesundheitssystems und insbesondere den verschiedenen Zugangswegen zur medizinischen Versorgung überfordert. Zusätzlich erfordert die o.g. medizinische Grundversorgung einen überproportional hohen Ressourceneinsatz – nicht zuletzt wegen sprachlicher Barrieren und aufgrund kulturell bedingter besonderer Bedürfnisse. Auch besteht derzeit keine Möglichkeit zur Vergütung von Dolmetschern zu medizinischen Zwecken durch die gesetzlichen Krankenkassen. In den meisten Vertragsarztpraxen stehen jedoch keine „Flüchtlingssprachen“-kundigen Mitarbeiter zur Verfügung – zumindest nicht in ausreichender Anzahl.So ist es durchaus vorstellbar, dass aufgrund einer unzureichenden Anamneseerhebung ein Gesundheitsleiden nicht richtig erkannt oder zumindest falsch eingeschätzt wird, und es zu einer Fehlversorgung kommt. Ebenso denkbar wäre, dass sich viele Vertragsärzte nicht immer abschätzen können ob, eine angedachte medizinische Leistung noch unter den §4 AsylbLG fällt. Konsekutiv könnte dies zu einer Über- bzw. Unterversorgung führen. So konstatiert die Expertenkommission der Robert-Bosch-Stiftung (RBS) nicht zu Unrecht, dass es im Bereich der Gesundheitsversorgung für Flüchtlinge und Asylbewerber Reformbedarf gibt (RBS 2016, S.15).

3.4 Auswirkungen auf die Notfallversorgung

Häufig übersteigen diese speziellen Anforderungen die Möglichkeiten der einzelnen Vertragsarztpraxen. Flüchtlinge können nicht oder nur bedingt adäquat anamnestiziert, diagnostiziert und behandelt werden, und es kommt zur „notfallmäßigen“ Vorstellung im Krankenhaus. So wurden durch die Zentralen Notaufnahmen der KLG für 2015 knapp 1930 Notfallvorstellungen und im 1. Quartal 2016 bereits mehr als 660 Flüchtlingskontakte für verschiedene Fachrichtungen verzeichnet (Abbildung 4). Doch auch hier kommt es aufgrund sprachlicher Barrieren zu einer suboptimalen medizinischen Versorgung mit höherer Wahrscheinlichkeit einer ungeplanten Wiedervorstellung im Verlauf (Ngai 2016).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Flüchtlings- und Asylbewerber-Notfallvorstellungen für das 1. Quartal 2016.

Quelle: Eigene Darstellung.

Zudem ergab die Auswertung der Notfallvorstellungsstatistik für das 1. Quartal 2016, dass 65% der behandelten Flüchtlinge und Asylbewerber auch von einem niedergelassenen Vertragsarzt oder im Rahmen des kassenärztlichen Notdienstes behandelt werden können (Abbildung 5).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Behandlungsdringlichkeiten der Flüchtlinge und Asylbewerber.

Quelle: Eigene Darstellung.

3.5 Aspekte des Bevölkerungsschutzes

Letztlich sei auch der Schutz der bundesdeutschen Bevölkerung vor durch Flüchtlinge mitgebrachte Seuchenerkrankungen (Stuttgarter Zeitung 23.06.2016) und vor seltenen – in der BRD längst ausgerotteten - Infektionskrankheiten genannt (Ärzte Zeitung 23.09.2015). Dieser Thematik wurde im September 2015 vom RKI ein eigenes epidemiologisches Bulletin gewidmet (RKI 2015a, S.413-8). Von Bedeutung erscheint hier auch die Erkenntnis, dass in den Erstaufnahmeeinrichtungen der Länder der Impfstatus der Flüchtlinge nicht durchgehend erhoben wird und dass identifizierte Impflücken nicht generell geschlossen werden (Bozorgmehr et al. 2016, S.548).

[...]

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Etablierung eines regionalen Kompetenzzentrums zur Sicherstellung der medizinische Versorgung von Flüchtlingen im Kreis Lippe
Hochschule
Universität Bielefeld  (Gesundheitswissenschaften)
Veranstaltung
Master of Health Administration - Weiterbildender Studiengang
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
36
Katalognummer
V334574
ISBN (eBook)
9783668269910
ISBN (Buch)
9783668269927
Dateigröße
807 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Flüchtlinge, Medizinische Versorgung, Zugangsbarrieren, Leistungsumfang, Gesundheitssystem, Deutschland, Nordrhein-Westfalen, Asylbewerberleistungsgesetz, Asylverfahrensgesetzt
Arbeit zitieren
Dr. med. M.Sc. Patrick Dißmann (Autor), 2016, Etablierung eines regionalen Kompetenzzentrums zur Sicherstellung der medizinische Versorgung von Flüchtlingen im Kreis Lippe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334574

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