Das Recht des Einzelnen, seine autonomen Entscheidungen unabhängig von späteren Krankheits- oder Bewusstseinszuständen durchzusetzen oder durchsetzen zu lassen, ist nach Jahrzehnte lang währender Diskussion endlich formaljuristisch gestärkt worden, doch werden mit dieser Stärkung der Rechte des Verfügenden auch Probleme aufgeworfen.
So ist vielleicht die „frühere“ – die verfügende – Person in der „späteren“, krankheitsbedingt zu Willensbekundungen unfähigen Person, nicht wiederzuerkennen. Nicht selten lassen individuelle Entwicklung und Umfeld des Verfügenden auch daran zweifeln, ob die frühere Bekundung des Willens in dieser Form eine autonome Willensentscheidung darstellte.
Diskussionswürdig ist, in wie weit es im Alltag faktische Reichweitenbeschränkungen des vorab erklärten Willens gibt und ob das Patientenrechtegesetz in seiner aktuellen Formulierung dem Patienten zum Vorteil gereicht. Diese Fragen sollen in der vorliegenden Arbeit diskutiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung und Problemstellung
2 Hauptteil
2.1 Zur geschichtliche Entwicklung der Patientenverfügung als schriftliche Form des vorab erklärten Willens
2.2 Aktuelle gesetzliche Grundlagen und gesetzliche Reichweite der Patientenverfügung
2.3 Anforderung an eine Patientenverfügung
2.4 Autonomie
2.5 Faktische Reichweitenbegrenzung der Patientenverfügung im Alltag
2.5.1 Überwiegend ärztlich begründete Konflikte und Begrenzungen
2.5.2 Überwiegend durch Patienten begründete Konflikte und Begrenzungen
2.5.3 Überwiegend durch Angehörige begründete Konflikte und Begrenzungen
2.5.4 Begrenzungen bei Demenz(entwicklung)
2.5.5 Patientenverfügung bei Notfällen
2.6 Patientenverfügung und Organspendeerklärung
3 Zusammenfassung und Diskussion
4 Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die tatsächliche Reichweite und Anwendbarkeit von Patientenverfügungen im klinischen Alltag. Dabei wird kritisch beleuchtet, ob der vom Gesetzgeber als verbindlich definierte Patientenwille in der Praxis tatsächlich immer umgesetzt werden kann oder ob faktische Hürden und Interpretationsspielräume die Selbstbestimmung am Lebensende einschränken.
- Historische Entwicklung der Patientenverfügung in Deutschland
- Gesetzlicher Rahmen und Verbindlichkeit der Patientenautonomie
- Konfliktfelder bei der Umsetzung in ärztlichen und pflegerischen Alltagssituationen
- Herausforderungen bei Notfällen und Patienten mit Demenz
- Die Rolle der Organspendeerklärung im Kontext der Patientenverfügung
- Forderungen zur Verbesserung der Versorgungsqualität durch Beratung
Auszug aus dem Buch
2.5 Faktische Reichweitenbegrenzung der Patientenverfügung im Alltag
Der aktuell nicht einwilligungsfähige Patienten behandelnde Arzt muß bewerten, ob das in der Patientenverfügung beschriebene Krankheitsbild mit der jetzt vielleicht nur vorläufig diagnostizierten und mit unsicherer Prognose behafteten Erkrankung ausreichend übereinstimmen.
Eine typische Konfliktsituation für das Behandlungsteam mag folgendes Szenario darstellen: Der Patient hat schriftlich verfügt: „Ich will nicht an ein Dialysegerät angeschlossen werden“. Prähospital ist ein Kreislaufstillstand durch Kammerflimmern bei akutem Myokardinfarkt vorangegangen; der Patient wurde vom Notarzt erfolgreich reanimiert, das verschlossene Koronargefäß in der Klinik erfolgreich interventionell behandelt; klinisch kann eine zumindest geringe hypoxische Hirnschädigung bei einer anzunehmenden Latenzzeit von 12 bis 15 Minuten bis zum Reanimationsbeginn noch nicht ausgeschlossen werden, der Patient muß noch maschinell beatmet werden, ist noch nicht vollständig kreislaufstabil (d.h. katecholaminpflichtig); die prähospital und anfangs noch intrahospital anhaltende Schocksituation hat zusammen mit der im Rahmen der Koronarintervention notwendigen Kontrastmittelbelastung die schon erheblich vorgeschädigten Nieren in den Zustand des Versagens geführt; indiziert ist in dieser Situation der zumindest vorübergehende maschinelle Nierenersatz.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung und Problemstellung: Einführung in die Thematik der Patientenautonomie am Lebensende und Formulierung der zentralen Forschungsfragen zur Verbindlichkeit von Patientenverfügungen.
2 Hauptteil: Analyse der historischen Entwicklung, gesetzlichen Grundlagen, sowie der praktischen Konfliktbereiche und Herausforderungen bei der Umsetzung von Patientenverfügungen im klinischen Alltag.
3 Zusammenfassung und Diskussion: Synthese der Ergebnisse mit einer kritischen Bewertung der aktuellen Situation und Empfehlungen zur Verbesserung der Versorgungsqualität durch verpflichtende Beratung.
4 Literatur: Auflistung der verwendeten Quellen und weiterführenden medizinethischen sowie juristischen Fachpublikationen.
Schlüsselwörter
Patientenverfügung, Patientenautonomie, Lebensende, Behandlungsverbot, Patientenrechtegesetz, klinischer Alltag, Einwilligungsfähigkeit, Therapiebegrenzung, Advance Care Planning, Notfallmedizin, Organspende, ärztliches Ethos, Patientenwille, Demenz, Vorsorgevollmacht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit der vorab erklärte Patientenwille in der klinischen Realität tatsächlich durchgesetzt werden kann und welche Faktoren die Umsetzung erschweren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind der gesetzliche Rahmen des Patientenverfügungsgesetzes, die Rolle von Ärzten und Angehörigen in Konfliktsituationen sowie die Problematik der Interpretation von Verfügungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu klären, ob die 2009 formal gestärkte Patientenautonomie in der Praxis voll greift oder ob faktische Reichweitenbegrenzungen eine konsequente Umsetzung verhindern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine medizinethische und juristische Auseinandersetzung mit der Thematik, die auf einer Literaturanalyse und der Reflexion klinischer Erfahrungen basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historische Entwicklung, die gesetzliche Lage sowie spezifische Konfliktfelder wie Notfallmedizin, Demenz, Angehörigenentscheidungen und die Schnittmenge zur Organspende.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Patientenverfügung, Patientenautonomie, Therapiebegrenzung, Einwilligungsfähigkeit und medizinethische Problemlösung am Lebensende.
Welche Rolle spielt die medizinische Ausbildung bei der Umsetzung von Patientenverfügungen?
Die Arbeit betont, dass Wissensmangel bei Ärzten zu Unsicherheiten und Fehlentscheidungen führen kann, weshalb eine verpflichtende Aus- und Weiterbildung dringend empfohlen wird.
Warum wird die Rolle der Angehörigen kritisch betrachtet?
Angehörige können in Entscheidungssituationen emotional überfordert sein oder eigene Interessen verfolgen, was die objektive Ermittlung des mutmaßlichen Patientenwillens behindern kann.
Welche Empfehlungen gibt der Autor für die Zukunft?
Der Autor fordert eine verpflichtende Beratung bei der Erstellung von Verfügungen, eine jährliche Bestätigung durch den Patienten und eine verbesserte Ausbildung aller Beteiligten.
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- Dr. Detlev Jäger (Author), 2014, Autonomie am Lebensende. Die Reichweite und Anwendbarkeit des vorab erklärten Willens, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334575