Das Goldene Zeitalter. Novalis utopische Weltvorstellung im Atlantis-Märchen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

19 Seiten, Note: 2,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Romanfragment: Heinrich von Ofterdingen

2 Merkmale des Kunstmärchens im Atlantis-Märchen
2.1 Mehrsträngige Handlung
2.2 Triaden-Muster
2.3 Psychologisierte Charaktere

3 Die Bedeutung von Poesie und Liebe im Atlantis-Märchen

4 Novalis Idee einer Utopie: Das Goldene Zeitalter
4.1 Exkurs: Novalis Märchen
4.2 Die Rolle der Atlantis-Mythologie

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

„Nach innen geht der geheimnisvolle Weg“ sagte Novalis einmal über seine Werke und übernimmt dieses Motto in seinen Romanfragmenten „Die Lehrlinge zu Sais“ und „Heinrich von Ofterdingen“. Hierbei stellt er die Tiefen des Selbst dar und macht die Selbsterfüllung, die Sehnsucht nach Harmonie und Liebe, sowie die Verbundenheit zu einem zeitlosen Stoff, der bis heute diskutiert wird. Gedanklich ist Novalis seiner Zeit weit voraus, er gründet seine Theorien auf neueste naturwissenschaftliche Erkenntnisse und baut Teile aus der Chemie, Mathematik und Physik in seine Überlegungen ein.

Die Poesie heilt alle Wunden. Dies ist eine Idee die sich durch viele Werke zieht. Manche Leser glauben, dass es sich hierbei um „süffige“ Schwärmerei und eingängige Gefühle handelt, doch vor allem der Roman „Heinrich von Ofterdingen“ stellt eine große und thematisch tiefliegende Herausforderung dar.

Ziel dieser Arbeit ist es, Novalis einzigartigen Stil der Reflexion und dessen Struktur anhand des Atlantis-Märchens aufzuzeigen und einen Zugang zu seinen Intentionen und den philosophischen Strömungen der Entstehungszeit seines Werkes zu schaffen. Des Weiteren sollen die Gemeinsamkeiten zwischen den einzelnen Werken heraus gestellt werden.

Die Arbeit skizziert zunächst den Roman „Heinrich von Ofterdingen“ und stellt dessen Entstehungsgeschichte dar, damit der Zusammenhang zwischen diesem und dem Atlantis-Märchen deutlich wird. Anschließend werden drei signifikante Merkmale eines Kunstmärchens anhand des Atlantis-Märchens herausgestellt und mit Interpretationspunkten versehen. Abschließend wird auf Novalis Utopie des Goldenen Zeitalters und auf die strategische Verwendung von Mythologien eingegangen, und als Parallele zwischen mehreren Märchen eruiert.

1 Romanfragment: Heinrich von Ofterdingen

Der Roman „Heinrich von Ofterdingen“ gehört durch seine Philosophie, Sprachtheorie und Ästhetisierungen zu den wichtigsten Werken der deutschen Romantik. Novalis Universalpoesie, die Idee einer poetisierten Welt, wird dargestellt durch eine besondere Art der reflektiven Struktur, in der sich Teile des Bildungsromans, symbolische Traumdarstellungen und Märchen wiederspiegeln und ein komplexes Beziehungsgefüge von Mythologie, Natur und Historie erkennen lassen.

Der Blick auf die Entstehungsgeschichte dieses - auf zwei Teile angelegten Romans - um die Gestalt eines historisch nicht belegten Minnesängers, zeigt in vielfältiger Weise den beabsichtigten Kontrast, beziehungsweise Gegenentwurf zu Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“. Auf der einen Seite schätze Novalis die Formvollendung des Wilhelm Meisters sehr, jedoch kritisierte er auf der anderen Seite dessen bürgerliche und häusliche Geschichte. Mit der „Apotheose der Poesie“ konzipierte Novalis eine Transformation der Alltäglichkeit ins Märchenhafte, während Goethe das Poetische im Alltäglichen darlegte. Des Weiteren dehnte Novalis nicht nur die in Wilhelm Meisters vorhandene Individualpoesie zu seiner eigenen Universalpoesie auf thematischer Ebene aus, sondern war auch an einer Erweiterung der Erzähltechnik in Hinblick auf den „romantischen Roman“ interessiert.

Der Roman „Heinrich von Ofterdingen“ dient der Darstellung einer Idee der Unendlichkeit. Die im Hochmittelalter angesiedelte Handlung stellt nicht nur den Prozess der Reifung Heinrichs zum Dichter dar, sondern benutzt diese Epoche gezielt als Übergang zum Goldenen Zeitalter:

Vor diesem Hintergrund erscheint das Mittelalter bei Novalis nicht als goldenes Zeitalter, wohl aber als Zeit […] des Umbruchs, des möglichen Übergangs in eine bessere Welt und in diesem Sinne als moralische Zeit.[1]

Inhaltlich besteht der Roman aus zwei Teilen. Der erste Teil, genannt „Die Erwartung“, beginnt mit dem Traum über die berühmte blaue Blume, in deren Kelch Heinrich ein weibliches Gesicht entdeckt. In Begleitung von Kaufleuten wird er in die Welt der Märchen und Erzählungen eingeführt. Auf seiner Reise begegnet Heinrich einem Bergmann, der ihn in die fabelhafte Urzeit, dem Erdinneren der Natur, führt. Später erlangt er Wissen über die Kunst der Geschichtsschreibung von einem Einsiedler. Dieser erste Teil endet in Augsburg, wo Heinrich auf den Dichter Klingsohr trifft, in dessen Tochter Mathilde er sich verliebt und dessen Bild ihm im Kelch der blauen Blume erschien. Klingsohr erzählt ihm dann das Märchen von Eros und Fabel, die das erstarrte Reich Arcturs befreien und dessen Tochter Freya zur Machtergreifung verhelfen wollen. Schon im ersten Teil wird deutlich, wie sich Heinrich durch seine verschiedenen Begegnungen Wissen aneignet, welches ihn später zum Dichter reifen lässt.

Der zweite Teil, genannt „Die Erfüllung“, liegt nur in Bruchstücken vor und beginnt mit einem Prolog über Astralis, einem Wesen das aus der ersten Umarmung zwischen Heinrich und Mathilde entstand. Dort wird das Eintreffen des Goldenen Zeitalters deutlich.

Die im gesamten Roman existenten Spiegelungen korrespondieren mit der frühromantischen Theorie einer sich selbst reflektiven und potenzierenden Darstellungsform. Dies wird besonders durch das von den Kaufleuten erzählte Atlantis-Märchen deutlich, welches im Folgenden genauer erläuter wird.

2 Merkmale des Kunstmärchens im Atlantis-Märchen

Das Kunstmärchen unterscheidet sich vom klassischen Volksmärchen nicht nur durch den eindeutig zuzuordnenden Verfasser, sondern auch durch ihre stark abweichende Erzählstruktur und Motivik. Anstelle des typischen Gut-und-Böse-Muster des Volksmärchens existieren beim Kunstmärchen mehrdimensionale Handlungen und realistisch gezeichnete Märchenfiguren. Dabei wird der Handlungsverlauf angetrieben durch einen inneren Konflikt des Helden, welcher sich aus der Diskrepanz zwischen Alltagswelt und Sehnsucht ergibt. Im Rahmen dieser Arbeit stellt sich die Frage wodurch sich das Atlantis-Märchen als ein Kunstmärchen auszeichnet.

In dieser Atlantis-Saga von Novalis lebt ein König, dessen Tochter ihm das Heiligste auf Erden ist. Er will für sie einen angemessenen Gatten und Thronfolger suchen, schafft es jedoch wegen seiner überzogenen Erhabenheit nicht. Eines Tages spaziert die Tochter durch den Wald und trifft auf einen Jüngling, der nicht weiß, wen er vor sich hat. Er führt sie in die Welt der Naturwissenschaften ein und im Gegenzug bringt sie ihm Gesang und Musik bei. Sie verlieben sich ineinander und verschwinden für ein Jahr, welches den König in tiefe Trauer stürzen lässt. Nach diesem Jahr kehrt die Prinzessin samt Kind und dem Jüngling zurück. Dieser wird durch das Vortragen eines Gedichtes herzlich vom König in die Familie aufgenommen und ein neues Zeitalter beginnt.

2.1 Mehrsträngige Handlung

Der Blick auf die Handlung im Atlantis-Märchen zeigt, dass es sich hierbei um zwei miteinander verwobene Handlungsstränge handelt. Der erste Strang befasst sich mit den Geschehnissen um den König, vor allem in der Abwesenheit der Tochter. Der zweite Strang zeigt die Ereignisse im Wald, die Wissensaneignung und Annäherung der beiden Protagonisten. Die Prinzessin ist dabei die einzige Figur, die sich zwischen den beiden Strängen hin und her bewegen kann, bis diese schließlich miteinander verwoben werden. Anhand dieser mehrsträngigen Handlung, ein Indiz für Kunstmärchen, kristallisiert sich ein komplexes Weltbild heraus, das dem Muster des Kunstmärchens folgt:

Die Weltordnung, die das Formschema des Märchens bestimmt, hat mithin einen doppelten Aspekt. Es geht gleichermaßen, um Ordnung als Verfassung und als wirkenden Prozess. Einerseits ums statische Ordnungsprinzip der Harmonie, das die Welt des Märchens auszeichnet. Andererseits um den dynamischen Akt des Ordnens, durch den in jedem Märchen diese Ordnung erst zum Vorschein kommt.[2]

2.2 Triaden-Muster

Im Atlantis-Märchen treffen zwei verschiedene, jedoch perfekte Welten aufeinander, die der Held (Jüngling oder auch Prinzessin) zu vereinen versucht. Das Ziel dabei ist, diese Welten in Einklang und dadurch eine höhere Ordnung zum Vorschein zu bringen. Nur durch zweierlei Brüche kann dieser Prozess des Ordnens erfolgen. Zum einen muss die Prinzessin ihre Ordnung verlassen, um der neuen Platz zu schaffen:

Eines Tages hatte die Prinzessin, deren Lustgärten an den Wald stießen, der das Landgut des Alten in einem kleinen Tal verbarg, sich allein zu Pferde in den Wald begeben, um desto ungestörter ihren Phantasien nachhängen und einige schöne Gesänge sich wiederholen zu können. Die Frische des hohen Waldes lockte sie endlich an das Landgut, wo der Alte mit seinem Sohn lebte.[3]

Sie verlässt ihren Umkreis, um sich „auszuleben“ mit der Folge einer Neuentdeckung ihrer selbst und der Welt hinter ihrer Welt, welches typisch für Märchen ist:

Um Außergewöhnliches zu erleben, muß[!] sich der Held von zu Hause entfernen. Er muß[!] den eingefahrenen Kreislauf des tagtäglichen Lebens- und Arbeitsrhythmus verlassen.[4]

Der zweite Bruch zur Herstellung von Ordnung erfolgt mit der Aufnahme des Jünglings in die Königsfamilie. Die Gesellschaftsnormen werden durchbrochen, indem ein nicht Adeliger durch überzeugende, dichterische Persönlichkeit zum Prinzen wird.

[...]


[1] Uerlings, Herbert: Novalis. S.191.

[2] Klotz, Volker: Das europäische Kunstmärchen. Fünfundzwanzig Kapitel seiner Geschichte von der Renaissance bis zur Moderne. S.11.

[3] Deutsche Kunstmärchen von Wieland bis Hofmannsthal. Hrsg. von Ewers, Hans-Heino: S.175.

[4] Klotz, Volker: Das europäische Kunstmärchen. Fünfundzwanzig Kapitel seiner Geschichte von der Renaissance bis zur Moderne. S.10.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Goldene Zeitalter. Novalis utopische Weltvorstellung im Atlantis-Märchen
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Komparatistik)
Note
2,3
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V334596
ISBN (eBook)
9783668240742
ISBN (Buch)
9783668240759
Dateigröße
563 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Roman, Analyse, Kunstmärchen, Triaden-Muster, Novalis, Atlantis, Märchen, Utopie, Goldenes Zeitalter, Romantik, Poesie, Heinrich von Ofterdingen, Fragment
Arbeit zitieren
Anonym, 2013, Das Goldene Zeitalter. Novalis utopische Weltvorstellung im Atlantis-Märchen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334596

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