Mehrsprachigkeit und Sprachpolitik in Namibia. Zu den sprachlichen Merkmalen des „Südwesterdeutschen“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
20 Seiten, Note: 3,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichte der Sprachenpolitik in Namibia
2.1 Germanisierung (1884 – 1915)
2.2 Afrikanisierung (1915 – 1974)
2.3 Anglisierung (1975 – 1998)

3. Aktuelle Sprach- und Bildungspolitik
3.1 Sprachgebrauch in der Öffentlichkeit und im Alltag
3.2 Realitäten im Schulsystem

4. Phänomene des Sprachkontakts: „Südwesterdeutsch“
4.1 Morphologie
4.2 Syntax
4.3 Wortschatz

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Abbildungsverzeichnis

8. Anhang

1 Einleitung

Bei der Betrachtung des Films „2x Kamerun und zurück“, bei dem sichtbar wird, welchen Wandel die afrikanische Kultur und Sprache vollzogen hat, um zu solch einer gemischten Gesellschaft wie heute zu werden, würde man sich als Sprachwissenschaftler die Frage stellen: „Welchen Einfluss hat die deutsche Sprache auf Afrika, von der Kolonialzeit bis heute?“. Dabei wird trotz der massiven, historischen Veränderungen deutlich, dass die deutsche Sprache bis in die Neuzeit eine zentrale Rolle spielt. Beeindruckend dabei ist, dass Teile des Volkes noch nach Jahrzehnten der deutschen Kolonialherrschaft Deutsch spricht. Diese Tendenz betrifft auch viele andere europäische Sprachen besonders Englisch, was auch in dem Film deutlich wird. Anschaulich wird das vor allem anhand von Namibia, dem ehemaligen Südwestafrika. Dort sind die Einflüsse von den Deutschen, Buren und Engländern auf die afrikanische Kultur und Sprache noch am deutlichsten spür- und nachweisbar aufgrund von Medien, Schulen, Orts- und Straßennamen.

Daraus ergibt sich jedoch die Problematik der Bewältigung dieser sprachlichen Vielfalt in Namibia, denn neben europäischen Sprachen existieren auch beispielsweise afrikanische Sprachen, wie Nama und Herero, die als Muttersprachen in einigen Gebieten erlernt werden.

Das Ziel dieser Arbeit ist es, den aktuellen Sprachenstand in Namibia darzustellen. Dabei werden einzelne Bereiche analysiert und auf eine mögliche „Lösung“ der Problematik untersucht. Zunächst skizziert die Arbeit die historische Entwicklung der Sprachenpolitik Namibias für ein besseres Verständnis der heutigen Veränderungen. Anschließend wird die derzeitige sprachenpolitische Lage in Namibia erläutert und analysiert. Abschließend wird ein in Namibia entstandener Dialekt, das sogenannte „Südwesterdeutsch“, als Beispiel für den Einfluss der deutschen Sprache angeführt.

2 Geschichte der Sprachenpolitik in Namibia

Die Sprachenpolitik in Namibia zeichnet sich durch eine besondere geschichtliche Entwicklung aus, da sie unterschiedliche Phasen von Spracheroberungen durchläuft. Um die Auswirkungen und Verhältnisse dieser verschiedenen Sprachen auf das gegenwärtige Namibia zu verdeutlichen, bedarf es einer Vorstellung des Landes in seinem gesamthistorischen Kontext. Die folgende Gliederung orientiert sich dabei an der Phaseneinteilung der Sprachenpolitik Südafrikas von Nkonko M. Kamwangamalu:

[…] the Dutchification applied by the Dutch officials of the “Dutch East India Company” who settled in South Africa from 1652; the Anglicization applied by the British when they colonized South Africa first from 1795 and then from 1806–1948; the Afrikanerization of South African society (1948–1994), marked by the coming into power of the Afrikaners and the subsequent extensive promotion of the Afrikaans language and Afrikaans-English bilingualism; and finally language democratization from 1994 marked by a shift from Afrikaans-English bilingualism to pluralism.[1]

Die Namen der Phasen der Namibischen Sprachenpolitik wurden dementsprechend angepasst.

2.1 Germanisierung (1884 – 1915)

Mit der Kolonialisierung zu Beginn des 19. Jahrhunderts, begann auch das wachsende Interesse der Missionsgesellschaften an Afrika. Die primäre Aufgabe dieser Missionare war, die Heiden zu bekehren und ihnen die Bibel zugänglich zu machen. Im Jahr 1842 war die Rheinische Mission in Südwestafrika (heute Namibia) tätig. Sie schufen die erste Grundlage zur Erschließung des Landes. Rund 40 Jahre später erfolgte die Abgabe von Landgut an deutsche Missionare, woraufhin dort die „Lüderitzbucht“ gegründet wurde. Im Jahr 1892 begannen deutsche Auswanderer die Gegend zu besiedeln und gleichzeitig die Schwarzen in Reservate, sogenannte „Homelands“, zu verdrängen. Dies führte zu Einbrüchen in der afrikanischen Gesellschaft, denn: „Die veränderten Lebensumstände führten dazu, daß[sic] immer mehr Schwarze in den Dienst der Weißen treten mußten[sic], um überhaupt überleben zu können.“[2]

Angesichts der bereits stark vorhandenen Afrikaans Elemente, die zur Hauptsprache im Alltag tendierten, betrieb die deutsche Verwaltung eine Angleichungspolitik:

Nach und nach entstanden in den größeren Orten Regierungsschulen, und gebietsweise wurde die Schulpflicht eingeführt. Die Verwaltung arbeitete von Anfang an daraufhin, daß[sic] die Buren ihre Kinder auf diese Schulen schickten, in denen Deutsch die einzige zugelassene Unterrichtssprache war.[3]

Die Folge war, dass die deutsche Sprache zur offiziellen Amtssprache wurde. Die Regierungsschulen waren jedoch um ein Entgegenkommen bemüht und räumten den Buren stellenweise Holländisch als Unterrichtsfach ein. Auch außerhalb des Schulsystems erwies sich die deutsche Verwaltung als kooperativ, denn Briefe an die Behörden wurden beispielsweise in der jeweiligen Sprache des Verfassers beantwortet oder amtliche Bekanntmachungen wurden auch auf Holländisch veröffentlicht.

In dieser Phase gab es noch keine großen Bemühungen, die indigene Bevölkerung durch Bildung in die Siedlungskolonie mit einzubinden.

2.2 Afrikanisierung (1915 – 1974)

Die Herrschaft des Deutschen fand mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs am 06. August 1914 ein Ende. Im Februar 1915 besetzte der südafrikanische Premierminister, General Louis Botha, Deutsch-Südwestafrika. Unter seiner Regierung wurden die deutschen Kolonien zum Mandatsgebiet des Völkerbundes erklärt. Das Prinzip der Reservate für Afrikaner (Apartheidpolitik) wurde von der südafrikanischen Union weiter ausgebaut: „Bis 1993 entstanden in Südwestafrika 17 Reservate, die von den Schwarzen nur verlassen werden durften, wenn sie anderswo eine geregelte Arbeit nachweisen konnten“.[4] Auch die Deutschen wurden in Mandatsgebiete aufgeteilt ausgehend von ihren Siedlungsgebieten.

Des Weiteren bedeutete die Mandatsbestimmung die Ausdehnung der südafrikanischen Amtssprachenregelung auf Südwestafrika und somit wurden Englisch und Niederländisch zur Amtssprache. In der deutschen Bevölkerung existierte jedoch weiterhin der Wunsch nach der Erhebung des Deutschen zur anteiligen Amtssprache. Das Problem der deutschen Bevölkerung führte zum Londoner Abkommen am 23.10.1923 zwischen Premierminister Smuts und der Reichsregierung. Dabei wurde unter Ziffer Zwei festgelegt, dass gegen den Gebrauch des Deutschen kein Einspruch erhoben wird, bei Möglichkeit deutsche Briefe an Behörden derselben Sprache beantwortet werden und Bekanntmachungen bei Gelegenheit übersetzt und veröffentlicht werden.[5] Zusätzlich wurde 1925 neben Holländisch und Englisch, das Afrikaans zur dritten Amtssprache, da diese auch als Holländisch zu verstehen war.

Eine drastische Veränderung innerhalb der Sprachenpolitik folgte mit der deutschen Niederlage im Zweiten Weltkrieg. Deutsche Briefe an die Behörden wurden nicht mehr auf Deutsch beantwortet – wie anfänglich versprochen – sondern auf Afrikaans oder Englisch. Wegen der zunehmenden Proteste seitens der deutschen Bevölkerung beschloss die Nationale Partei am 04.09.1957 eine Grundsatzerklärung. Der deutschsprachige Teil der Bevölkerung stellte eine Minderheit dar und aufgrund dessen sollte die deutsche Sprache nicht zur Amtssprache erhoben werden, jedoch stehe ihr eine besondere Stellung in Südwestafrika zu: „Soweit wie möglich sollten der deutschen Sprachgemeinschaft sprachrechtliche ‚Vergünstigungen‘ eingeräumt werden“.[6]

In den 1950er Jahren zeichnete sich das verstärkte Aufkommen des Afrikaans in Südwestafrika ab. Da es wenige englische Muttersprachler gab, wurde das Afrikaanse zur alltäglichen Gebrauchssprache der Behörden. Bis zu den 1970er gab es keine Sprachpolitischen Veränderungen mehr. Erst die Turnhallenkonferenz 1975 brachte einen Wechsel der Sprachverhältnisse und wurde maßgebend für die heutige Sprachsituation in Namibia, denn diese führte die Übergangszeit zur Unabhängigkeit ein.

2.3 Anglisierung (1975 – 1998)

Im Jahr 1984, als Namibia noch unter der Verwaltung Südafrikas stand, wurden die Sprachen Deutsch, Englisch und Afrikaans zu Amtssprachen erhoben. Diese signifikante Entwicklung hatte jedoch nur acht Jahre bestand. Anfang der 1990er begann die Unabhängigkeit Namibias und Englisch wurde zur einzigen Amtssprache erklärt, was bis heute noch Gültigkeit hat. Doch der koloniale und postkoloniale Einfluss des Deutschen ist noch heute bemerkbar, wie im nächsten Kapitel erläutert wird.

3 Aktuelle Sprach- und Bildungspolitik

Die Kolonialherrschaft der Deutschen in Afrika hat in den betroffenen Ländern ihre Spuren hinterlassen. Obwohl die Kolonialzeit des Deutschen Reiches im heutigen Namibia aus historischer Sicht nur kurze Zeit angedauert hat, haben die Deutschen nicht nur die Geschichte, sondern auch die betroffenen Völker in diesem Land sehr beeinflusst.[7] Eckert führt dabei hinzu:

Leicht sichtbare Spuren deutscher Herrschaft finden sich in Namibia heute nicht allein, wie in den anderen deutschen Afrikakolonien, in Form von Bauwerken und Resten deutscher Infrastruktur, sondern in Existenz von Namibia-Deutschen[8].

Als offizielle Amtssprache gilt heute das Englische. Damit ist in Namibia der einmalige Fall eingetreten, dass sich ein neuer Staat für eine Sprache entscheidet, die weder die der ehemaligen Kolonialmacht, noch die einer einheimischen Volksgruppe ist. Zu den Nationalsprachen zählt: Deutsch, Afrikaans, Oshivambo, Kwanyama, Ndonga, Rukwangali, Herero, Lozi und Khoekhoegawob. Allerdings sieht die Verfassung vor, dass in bestimmten Gebieten Gesetzestexte, Verwaltungsentscheidungen und gerichtliche Urteile auch in einer der anderen Nationalsprachen veröffentlicht werden, sofern jene Sprachen dort von einem beachtlichen Anteil der Bevölkerung gesprochen wird. Daher wird es für das Deutsche umso schwieriger als ein beachtlicher Anteil in Namibia erhalten zu bleiben. Daraus ergibt sich ein „mehrsprachiger Staat mit individueller Mehrsprachigkeit“. Diese Form von Mehrsprachigkeit ist eine von insgesamt drei Formen und bedeutet, dass sich die Sprachen nicht territorial verteilen, sondern je nach Kommunikationssituation eingesetzt werden.[9]

In Afrika werden nicht nur innerhalb der Staatsgrenzen, die meist von den Kolonialmächten gezogen wurden, eine Vielzahl verschiedener Sprachen gesprochen, sondern auch in ein und demselben Territorium spricht ein und derselbe Sprecher mehrere Sprachen.[10]

Dies wird vor allem anhand des Sprachgebrauchs innerhalb der Behörden deutlich, welcher den schriftlichen und mündlichen Sprachverkehr in öffentlichkeitsfernen Bereichen beinhaltet. Vor der Unabhängigkeit unterlag der innerbehördliche Verkehr dem Afrikaans und dem Englisch. Diese sollten „in gleichem Maße, und zwar in monatlichem Wechsel gebraucht werden“[11]. Es gab jedoch mehr Afrikaanssprechendes Personal als Englischsprechendes, wodurch es zu einer Übernahme des Afrikaans kam. Die meisten öffentlichen Amtsreden wurden jedoch in beiden Sprachen gehalten, wie die Sitzung des Landrates am 03.05.1978.

Heute sind alle staatsnahen Zentren der Kommunikation beispielsweise die Behörden oder das Bildungswesen auf Englisch. Außerhalb der staatsnahen Zentren wird deutlich, dass Englisch nicht die Lingua Franca des namibischen Alltags ist.

[...]


[1] Kamwangamalu, Nkonko M.: Language policy and mother-tongue education in South Africa: The case for a merket-oriented approach. S. 120.

[2] Zappen-Thomson, Marianne: Interkulturelles Lernen und Lehren in einer multikulturellen Gesellschaft – Deutsch als Fremdsprache in Namibia. S. 38.

[3] H.H.W.P. Raithel: Der „Schulstreit“ in Südwest 1919-1921. S.62 ff.

[4] Zappen-Thomson, Marianne: Interkulturelles Lernen und Lehren in einer multikulturellen Gesellschaft – Deutsch als Fremdsprache in Namibia. S. 39.

[5] Vgl. Kleinz, Norbert: Deutsche Sprache im Kontakt in Südwestafrika. S.21.

[6] Ebd. S. 25.

[7] Vgl. Büttner, Kurt: Die Anfänge der deutschen Kolonialpolitik in Ostafrika. Eine kritische Untersuchung anhand Unveröffentlichter Quellen. S. 9.

[8] Eckert, Andreas: Namibia – ein deutscher Sonderweg in Afrika? Anmerkungen zur internationalen Diskussion. S. 230.

[9] Vgl. Riehl, Claudia Maria: Sprachkontaktforschung. Eine Einführung. S.62

[10] Ebd. S.62.

[11] Kleinz, Norbert: Deutsche Sprache im Kontakt in Südwestafrika. S. 43.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Mehrsprachigkeit und Sprachpolitik in Namibia. Zu den sprachlichen Merkmalen des „Südwesterdeutschen“
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Deutsch als Fremdsprache)
Veranstaltung
Mehrsprachigkeit vom Mittelalter bis zur Neuzeit
Note
3,0
Jahr
2013
Seiten
20
Katalognummer
V334597
ISBN (eBook)
9783668242920
ISBN (Buch)
9783668242937
Dateigröße
838 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mehrsprachigkeit, Afrika, Namibia, Sprachenpolitik, Südwesterdeutsch, Germanisierung, Afrikanisierung, Anglisierung, Sprachgebrauch, Sprachwandel, Sprachhistorie
Arbeit zitieren
Anonym, 2013, Mehrsprachigkeit und Sprachpolitik in Namibia. Zu den sprachlichen Merkmalen des „Südwesterdeutschen“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334597

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