Das Vampirmotiv in Théophile Gautiers „Die liebende Tote“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

40 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Das Motiv der liebenden Toten bei Gautier
1.1 Clarimonde und Romuald: Versuch einer Charakterisierung
1.2 Clarimonde als Vampirin
2. Vergleich Clarimondes mit anderen Vampirgestalten
2.1 Clarimonde und die Empuse
2.2 Clarimonde und „Die Braut von Korinth“
2.3 Clarimonde und Janthe
2.4 Clarimonde und Aurelie

III. Zusammenfassung und Ausblick

I.Einleitung

Der Vampir in weiblicher Gestalt ist ein altes Motiv, das nicht erst in Gautiers Erzählung auftritt, sondern bereits seit der Spätantike in Gestalt des weiblichen Wiedergängers einen besonderen Reiz auf die Phantasie der Schriftsteller ausübt. Doch auch die Tatsachenberichte in den Vampirismustraktaten des 18. Jahrhunderts von ehemals mageren und unansehnlichen Frauen, die nach dem Tode als vermeintliche Vampire eine üppigere Figur und einen rosigeren Teint bekommen[1], regten die Phantasie der Schriftsteller an. Das Motiv der erotisch wirkenden Toten hat somit eine lange Tradition. Gautiers Erzählung aus dem Jahre 1836 nimmt sich dieses Themas in komplexer Form an. Die schöne Kurtisane Clarimonde bringt den jungen Novizen und angehenden Priester Romuald, der sich in sie verliebt, in eine existenzielle Notlage, als sie vom Tode aufersteht, um gemeinsam mit dem Geliebten ein Leben in weltlichem Reichtum und Lust zu führen. In Clarimonde spiegeln sich, wie gezeigt werden wird, zahlreiche literarische Vorbilder.

Die spätantiken Geschichten „Die Braut von Amphipolis“ von Phlegon von Tralleis und „Die Empuse“ von Philostratos können als frühe Zeugnisse für das Motiv der untoten, geisterhaft-erotischen Frau herangezogen werden, wie wir sie in späteren fiktiven Gestalten wie Goethes Braut von Korinth, E.T.A. Hoffmanns Aurelie oder eben Gautiers Clarimonde wiederentdecken können. Nicht immer ist in diesen Frauengestalten ein blutsaugender Vampir nach heutigem Verständnis zu erkennen, doch die Parallelen zwischen ihnen können eindeutig nachgewiesen werden. Interessant ist jedoch nicht nur, wie sich das Motiv des weiblichen Wiedergängers im Laufe der Jahrhunderte tradiert hat, sondern auch, welche Entwicklung, welche Umgestaltungen es dabei erfahren hat.

Im Folgenden soll nun untersucht werden, wie Clarimonde als liebende Tote konstruiert wurde, welche symbolische Bedeutung ihr beigemessen werden kann, inwieweit diese Figur Clarimonde der Tradition des weiblichen Vampirs entspricht und in welchen Punkten eine Weiterentwicklung oder Umgestaltung des Vampirmotivs in ihr zu erkennen ist.

Dabei soll den Fragen nachgegangen werden, wie Gautiers Protagonisten Clarimonde und Romuald, aber auch die dritte Hauptperson, Abbé Serapion, beschrieben und charakterisiert werden, welche Art von Vampir Clarimonde darstellt und welche Rolle Romuald und Serapion dabei spielen. Zuletzt soll anhand intertextueller Beobachtungen untersucht werden, welche Parallelen und Unterschiede zwischen Clarimonde und einigen ihrer literarischen Vorbildern festzustellen sind.

II. Hauptteil

1. Das Motiv der liebenden Toten bei Gautier

Clarimonde, der weibliche Vampir Gautiers, stellt sich bei näherer Betrachtung als ausgesprochen komplexe und vielschichtige Figur dar, die nicht ohne weiteres mit den üblichen Klischees des Vampirmotivs, wie wir sie in der späteren Vampirliteratur finden können, zu vereinbaren ist. Symbolhaft und innovativ erscheint sie als wahrhaft liebende Frau, die zwischen ihrer Liebe und der Befriedigung des Triebes, der sie bestimmt, zerrissen ist.

Um eine Charakterisierung des hier dargestellten Vampirmotivs zu versuchen, reicht es jedoch nicht, Clarimonde als den Vampir und damit die vermeintliche Täterin, zu beleuchten. Auch und vor allem das Opfer, Romuald, und seine Rolle in der Beziehung zu Clarimonde, müssen betrachtet werden, um die Frage nach der Artung des hier vorliegenden Vampirmotivs zu beantworten.

In einer Lebensbeichte berichtet der Geistliche Romuald einem jungen Bruder von seiner plötzlichen und unwirklich erscheinenden Liebe zu Clarimonde, der er im Augenblick seiner Priesterweihe begegnet. Neben diesen beiden Hauptfiguren, den Liebenden, tritt als Dritter Abbé Serapion auf, der nicht nur die Rolle des alten, weisen Lehrers und Führers, sondern auch die Rolle des Exorzisten spielt, der Rat weiß, um den vermeintlich bösen Geist auszutreiben. Zwischen diesen drei Protagonisten bestehen Beziehungen, die näher beleuchtet werden müssen, um zu ergründen, wie das Vampirmotiv in Gautiers Erzählung gestaltet ist.

Die erste und wichtigste Frage, die beantwortet werden muss, wenn man herausfinden will, wie Clarimonde dargestellt wird, ist sicherlich die nach der Beschreibung, die der Erzähler, Romuald selbst, über sie abgibt. Welche Schlüsse kann man aus ihr ziehen?

Die zweite, sich daran anschließende, Frage lautet, welche Rolle Romuald in der Beziehung zu Clarimonde spielt. Wer ist hier Täter, wer Opfer?

Drittens muss geklärt werden, welche Rolle Serapion in dieser Beziehung spielt.

Nach der Klärung dieser Fragen haben wir erste Anhaltspunkte, um Clarimonde, die Vampirin, zu charakterisieren, und damit eine Grundlage, um zu betrachten, inwieweit Gautier der bisher in vorangegangenen Werken der Vampirismusliteratur tradierten Motivik folgt und in welchen Punkten hier Abweichungen festzustellen sind.

1.1 Clarimonde und Romuald: Versuch einer Charakterisierung

Da wir Clarimondes Beschreibung aus dem Munde Romualds im Rahmen einer Art Lebensbeichte erhalten, sie somit rein subjektiv und im Wissen um die späteren Geschehnisse erfolgt, ist es nicht möglich, eine Charakterisierung der beiden Protagnonisten getrennt voneinander vorzunehmen. Vielmehr wird es unumgänglich sein, die Beschreibung Clarimondes aus Romualds Mund im Lichte seiner Selbsteinschätzung sowie des Verlaufs der Geschehnisse zu beleuchten.

Romuald berichtet im Alter von 66 Jahren einem jüngeren Bruder von seiner Liebe zu Clarimonde, die er als Novize und junger Pfarrer im Alter von 24 Jahren empfand.

Er begegnet Clarimonde zum ersten Mal im Augenblick seiner Priesterweihe, die er anfangs als das Ziel seines bisherigen jungen Lebens bezeichnet. Denn sein Leben, so Romuald, sei „bis zum vierundzwanzigsten Lebensjahr nichts anderes, als ein langes Noviziat“[2] gewesen. Vielmehr noch macht er im Folgenden deutlich, was für ein unschuldiges, rein geistliches Leben er führte, bis er endlich die Nachricht erhielt, ins Priesteramt berufen worden zu sein:

„Nichts Schöneres gab es für mich in der Welt, als Priester zu sein. Eine Königskrone oder den Dichterlorbeer hätte ich ohne Besinnen verschmäht, mein Ehrgeiz kannte nur das eine Ziel.(...) Wohl hatte ich eine unbestimmte Ahnung, dass es etwas gab, was man Frau nennt, aber ich erlaubte meinen Gedanken nicht, dabei zu verweilen: ich war vollkommen unschuldig. Meine alte Mutter sah ich nur zweimal im Jahr. Sie war die einzige Bindung zwischen dem Draußen und mir. Es gab für mich nichts, von dem ich mich mit Bedauern losreißen musste, ohne Zögern näherte ich mich dem unwiderruflichen Gelübde. Ich war erfüllt von Freude und Ungeduld, und nie hat ein Bräutigam die Stunden bis zur Hochzeit mit solchem Fieber gezählt.“[3]

All sein Begehren, das hier nahezu erotische Züge anzunehmen scheint, hat sich also bisher rein auf das geistliche Leben und auf die Priesterweihe beschränkt, da er keinerlei Bindung an das weltliche Leben hat.

Der Zustand religiösen Eifers, in dem er sich befindet, als er Clarimonde zum ersten Mal begegnet, wird noch deutlicher, wenn er sagt, er glaubte „ein Engel zu sein“[4], als er sich zur Weihe begibt, und dass er sich nach einer Nacht, die er „in Betrachtung und Gebet zugebracht“ habe, „in einem Zustand, der an Ekstase grenzte“ befunden habe.[5] Wieder wird hier das fast an Besessenheit grenzende und nahezu erotische Element deutlich, mit dem er vom Priesteramt spricht, dass sich dann jedoch, nur wenige Minuten später, gegen die Kirche wenden soll und sich nun der Welt, personifiziert durch Clarimonde, zuwendet. Denn all dieses Pathos, mit dem er von seiner Leidenschaft für das geistliche Leben spricht, hat bis hierhin nur den einen Sinn, nämlich, den Bruder, dem er von seinem Leben berichtet, davon zu überzeugen, dass gerade ihm nicht hätte begegnen dürfen, was ihm dann begegnet ist, und dass ein „unerklärlicher Zauber“ sein Spiel mit ihm getrieben haben muss.[6] Dies wirkt wie ein Versuch, sich von vornherein zu rechtfertigen und gegen mögliche Anschuldigungen, er könnte sich willentlich der Frau hingegeben haben, zu schützen.

Dies sind nun die Voraussetzungen, unter denen Romuald, der leidenschaftliche Priesteranwärter und dem weltlichen Leben vollkommen abgewandte junge Mann, den ersten bewussten Blick auf eine Frau wirft. Dieser Augenblick soll sein ganzes Leben auf den Kopf stellen:

„Der Zufall wollte es, dass ich den Blick, den ich bisher gesenkt hielt, erhob: da sah ich vor mir (...) ein junges Weib von ungewöhnlicher Schönheit, in königliche Pracht gekleidet.“[7]

Bei der Beschreibung Clarimondes, die nun in geradezu orgiastischer Breite folgt, fallen drei Hauptmerkmale auf: erstens ihre absolut keusche Reinheit, zweitens ihre Adeligkeit, drittens ihre Abstammung, die Romuald als übernatürlich empfindet. In dem Moment, in dem er sie erblickt, scheint die Kirche sich zu verdunkeln.

Vor „diesem schattenhaften Hintergrund aber hob sich das reizende Geschöpf wie eine Engelserscheinung ab. Sie schien von eigenem Licht zu glänzen; statt zu empfangen, strahlte sie Helle aus.“[8]

Ohne dass man bisher ihren Namen erfahren hätte, spiegelt sich bereits in dieser Beschreibung die Bedeutung desselben wieder: Clarimonde kann mit „helle“ oder auch „reine Welt“ übersetzt werden. Dieses Attribut der Helligkeit, des Lichts, das sie ausstrahlt, zieht sich durch die gesamte Beschreibung Clarimondes. Sie wird hier nicht als der düstere, dem Nächtlichen zugeordnete Dämon beschrieben, den man erwarten könnte, sondern im Gegenteil, als Engelserscheinung, als Lichtbringerin.

Erst in einem weiteren Abstraktionsschritt könnte man hierin eine Dämonifizierung erkennen: Denn die Beschreibung als Lichtbringerin erinnert zugleich auch an den Morgenstern und Engel Lucifer, auf den auch später noch einzugehen sein wird.

Symbolisch könnte man dieses wichtige Element in der Darstellung Clarimondes, die nicht nur körperlich leuchtend und erleuchtend wirkt, hier als die Beschreibung einer Gestalt der Aufklärung sehen: Sie bringt das Licht wie Prometheus das Feuer, um den Menschen aus der Unwissenheit und Bevormundung zu führen.

Und genau dies geschieht mit Romuald, dem bisher so eifrigen Novizen: Er scheint aus einem tiefen Schlaf zu erwachen und nun zum ersten Mal das Leben selbst und all seine Möglichkeiten, die er zuvor nicht einmal erahnen konnte, in dieser Frau zu erkennen:

„Während ich sie also betrachtete, fühlte ich in meinem Innern Tore aufspringen, die bis dahin verschlossen waren. Verschüttete Wege öffneten sich nach allen Seiten und wiesen in unbekannte Fernen. Das ganze Leben erschien mir unter einem ungeahnten Gesichtspunkt; ich erwachte in diesem Moment zu einer neuen Ordnung der Dinge.“ [9]

Noch deutlicher wird Clarimondes aufklärerisch-erleuchtende Wirkung, wenn Romuald sagt:

„So mag einem Blinden zumute sein, der plötzlich sehend wird!“[10]

Doch obwohl sich in dem Moment, in dem er seinen Blick auf Clarimonde richtet, tiefe Zweifel an seiner Berufung in Romuald regen, lässt er sich zum Priester weihen:

„Und dennoch sagte ich ‚ja’ wo ich ‚nein’ hätte sagen sollen, obgleich mein ganzes Wesen sich auflehnte gegen die Gewalt, die meine eigene Zunge meiner Seele antat. Eine dunkle Macht riss mir gegen meinen Willen die Worte aus der Kehle.“ [11]

Auch hier wird die Parallele zur Aufklärung offenbar: Diese „dunkle Macht“, von der Romuald hier spricht, ist nicht Clarimonde, sondern die Kirche, die Gesellschaft selbst, der die strahlende Schöne gegenüber steht. Und doch, obwohl sie ihm neue Wege erleuchtet, folgt er dem ihm vorbestimmten, aus Angst, die Erwartungen der Gesellschaft zu enttäuschen. Er beugt sich dem äußeren Zwang, obwohl seine Seele nach Freiheit schreit[12].

Es ist mehr als verständlich, dass diese plötzliche Wendung des Schicksals den jungen Mann in einen existenziellen Konflikt stürzt:

„Um eines einzigen Blickes willen, den ich auf eine Frau geworfen hatte; um eines scheinbar so leichten Vergehens willen, sollte ich jahrelang das Opfer einer furchtbaren Gemütserschütterung und mein Leben für alle Zeiten des Friedens verlustig gehen.“ [13]

Der Blick in den Spiegel, der Blick auf die Wahrheit in Gestalt dieser Frau erschüttert Romualds durch den bisher so festen Glauben gesicherte Weltbild und eröffnet neue, ungeahnte Wege.

Clarimonde erscheint nicht als Verführerin, sondern als Erkenntnisbringerin. Doch nach Erlangen dieser Erkenntnis, dass das Leben aus mehr besteht als dem kargen, lustfeindlichen Leben in der Kirche, wie es Romualds Mentor Serapion repräsentiert, kann das geistliche Leben nicht mehr als Nonplusultra angesehen werden. Die bisherige Weltordnung beginnt unaufhaltsam zu bröckeln.

Betrachtet man folgende Passage, so kann man vielleicht sogar noch einen Schritt weiter gehen und Clarimonde nicht nur als Aufklärerin, sondern als solche auch als eine Personifikation des Sündenfalls betrachten, womit wir sie doch wieder auf die Ebene des Christlich-Dämonischen zögen:

Im Augenblick, als ich eben die Schwelle überschreiten wollte, fühlte ich meine Hand auf heftigste von einer andern ergriffen: Es war die Hand einer Frau! Nie zuvor hatte ich eine Frauenhand berührt. Sie fühlte sich so kühl an wie eine Schlangenhaut, und doch brannte mich ihr Druck wie glühendes Eisen. Sie war es. ‚Unseliger, Unseliger, was hast du getan?’ hörte ich die Unbekannte flüstern, dann verschwand sie in der Menge.“[14]

Denn dies ist nicht die einzige Stelle, an der Romuald Clarimonde mit einer Schlange vergleicht:

„Von Zeit zu Zeit bewegte sie das Köpfchen mit einer weich wiegenden Bewegung, gleich einem Schlänglein, oder einem Pfau, der sich in die Brust wirft.“[15]

In Verbindung mit zuvor konstatierter erleuchtender Wirkung Clarimondes drängt sich hier die Parallele zum Sündenfall, oder präziser, zum Erkenntnisgewinn Adams und Evas auf. Die Verführerin Schlange - manche Interpretationen gehen ja bekanntlich davon aus, dass dies Luzifer selbst gewesen sei, womit wir wieder beim Lichtbringer wären - bringt die Menschen dazu, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Sie wird dabei nicht selbst aktiv, sie drängt oder zwingt Eva nicht dazu, sich Gottes Gebot zu widersetzen, sondern sie zeigt den Weg auf, den zu gehen beiden zuvor nicht in den Sinn gekommen war. Die Verantwortung für den Sündenfall liegt beim Menschen selbst. Kaum haben sie vom Baum der Erkenntnis gegessen, verlieren sie ihre Unschuld und erkennen, was ihnen zuvor verborgen war. Ihr bisheriges Weltbild beginnt zu zerfallen.

Ebenso kann man die Situation zwischen Clarimonde und Romuald beurteilen. Der blinde Romuald wird durch die erleuchtende Clarimonde sehend. Er erkennt, dass das Leben als Priester nicht die Erfüllung all seiner Sehnsüchte bringen kann, dass das Leben aus mehr bestehen muss als ewiger Askese und Selbstaufopferung. Romuald wird hier in dieselbe Lage gebracht wie einst Adam und Eva. Clarimonde, auch äußerlich mit einer Schlange verglichen, übernimmt die Rolle der passiven Verführerin, die durch ihre Schönheit und reine Anwesenheit allein die Erkenntnis bringt und damit den jungen Mann in eine unausweichliche Existenzkrise stürzt.

Nur unter diesem Gesichtspunkt ist die radikale Veränderung, die mit Romuald vor sich geht, zu verstehen, egal, ob man in Clarimonde nun die dämonische Schlange oder die erleuchtende Aufklärerin sieht. Doch dazu später mehr.

Diese unerwartete Lichtbringerin, die die Kirche erleuchtet, betrachtet Romuald nun eingehender:

„Durch die geschlossenen Lider hindurch sah ich sie strahlend in allen Farben des Prismas, umgeben von einem Purpurnebel, als blickte ich in die Sonne selbst. Oh, wie war sie schön! Der größte Meister, und mag er sich vom Himmel herab die Madonna selber holen, ahnt nicht einmal diese unbegreifliche Wirklichkeit, und weder die Verse der Poeten noch die Palette des Malers vermöchten auch nur einen Schimmer davon wiederzugeben. Sie war von mittlerer Größe und besaß die Würde einer Göttin. Ihr feines blondes Haar war in der Mitte gescheitelt und rieselte zu beiden Seiten der Schläfen wie eine goldene Quelle nieder.“ [16]

Auch hier wird wieder die Helligkeit, das Licht betont, die Clarimonde ausstrahlt, mit der Sonne selbst, und damit nicht genug, mit einer Madonna, einer Göttin sogar, vergleicht er sie. Ganz besonders ihre Augen strahlen etwas Besonderes aus:

Welche Augen! Ein einziger Blick entschied das Geschick eines Mannes. In ihnen war Leben, Klarheit, Feuer und feuchter Glanz wie in keinem menschlichen Auge. Ich glaubte deutlich wahrzunehmen, dass Strahlen davon ausgingen und in mein Herz drangen.“[17]

[...]


[1] Vgl. den Bericht von der Sezierung der 60-jährigen Miliza, die ihr Leben lang „gantz mager und ausgedörrter ausgesehen“ habe und nun, 90 Tage nach ihrem Tod, alle durch ihre „Fette und vollkommenen Leib“ verwunderte, in: Visum et Repertum : Über die so genannten Vampirs, oder Blut-Aussauger, so zu Medvegia in Servien, an der Türckischen Granitz, den 7. Januarii 1732 geschehen, Nürnberg 1732; in: Von denen Vampiren oder Menschensaugern. Dichtungen und Dokumente, hgg. v. Dieter Sturm und Klaus Völker, S. 595- 601; S. 598.

[2] Gautier, Théophile: Die liebende Tote, in: Von denen Vampiren oder Menschensaugern. Dichtungen und Dokumente, hgg. v. Dieter Sturm und Klaus Völker, München/Wien, 1968 (Lizenzausgabe area-Verlag, Erftstadt 2006), S. 117- 167; S. 118.

[3] ebd. S. 118

[4] ebd. S. 118

[5] ebd. S. 119

[6] Vgl. ebd. , S.118

[7] ebd. S, 119

[8] ebd. S. 120/21

[9] wie in Anm. 2, S. 123

[10] ebd. S. 119

[11] ebd. S. 123

[12] Vgl. auch S. 123-24: „Es ist dies vielleicht dieselbe Macht, die so manches junge Mädchen beherrscht, das mit festem Entschluß zum Altare tritt, dem aufgezwungenen Gatten sich mit lauter, entschiedener Stimme zu verweigern, und aus demselben dunklen Grunde vielleicht nimmt so manche arme Novize den Schleier, den zu zerreißen sie doch so fest entschlossen war. Ihnen allen fehlt der Mut, der Welt ein Schauspiel zu geben; die Erwartungen so vieler Menschen zu täuschen!“

[13] ebd. S 137.

[14] wie in Anm. 2, S. 126

[15] ebd. S. 122

[16] wie in Anm. 2, S. 121

[17] ebd. S. 121.22

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Das Vampirmotiv in Théophile Gautiers „Die liebende Tote“
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Deutsche und Niederländische Sprache und Literatur)
Veranstaltung
HS Vampirismus
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
40
Katalognummer
V334636
ISBN (eBook)
9783668243477
ISBN (Buch)
9783668243484
Dateigröße
804 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vampirmotiv, théophile, gautiers, tote
Arbeit zitieren
Judith Aurer (Autor), 2006, Das Vampirmotiv in Théophile Gautiers „Die liebende Tote“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334636

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